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In die Bibliothek: Plutarchs Moralia in alt-neuer Gestalt

10.11.2012, 00:34 Uhr

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Nach zuletzt viel Politik hier wieder eher Schöngeistiges. Der in Wiesbaden ansässige marixverlag hat sich vor einiger Zeit darangemacht, ältere Übersetzungen umfangreicher antiker Werke zu fairen Preisen neu herauszubringen; er steht damit in der Nachfolge nicht mehr existierender Häuser wie Phaidon, Fourier oder Magnus. Erschienen sind zuletzt Gesamtausgaben, die aktuell entweder gar nicht oder nur (in anderer, neuerer Gestalt) wesentlich teurer zu haben sind, zuvörderst Livius, die Geographika Strabons und die Enzyklopädie des Älteren Plinius sowie Cassius Dios Römische Geschichte.

Aktuell erschienen sind zwei Bände mit Plutarchs Moralia, einer Sammlung sehr verschiedener Schriften zur Moralphilosophie, Lebensführung, Religion, Geschichte und vielen anderen Gegenständen. Da gibt es Tischreden, ein Gespräch über die Liebe, einen Traktat über das Fleischessen, eine lokalpatriotische Polemik des aus Boiotien stammenden Autors gegen Herodot („Pindar, Epaminondas und Plutarch, drei Männer, die der Kartoffeln-Luft von Böotien, in der sie geboren waren, Ehre machen”, so Lichtenberg). Oder die Abhandlung, „ob ein Greis noch Staatsgeschäfte treiben soll”.

„Verschieden wie die Form”, so bilanziert Rudolf Hirzel in seinem vor genau einhundert Jahren erschienen, immer noch sehr lesenswerten Plutarch-Buch, „ist der Inhalt der Schriften, ja er ist der denkbar mannigfaltigste. Er (…) übertrifft durch diese Buntheit weit die Schriften von Plutarchs älterem Zeitgenossen Seneca. Überall wird den Problemen nachgespürt, die sich in Wissenschaft und Leben darbieten, nicht bloß alten Problemen, sondern auch neuen, die der Augenblick, auch wohl nur der gesellige Scherz erfindet. In alle Winkel der Theorie und der Praxis wird hineingeleuchtet und trotzdem keine systematische Vollständigkeit bezweckt, vielmehr ist der Inhalt so, wie er den mannigfachen persönlichen Beziehungen Plutarchs entspricht und wie ihn die größte der Musen, die Gelegenheit, denen gewährt, die ihren Wink verstehen. Allerlei Anlässe, oft nur einzelne Vorfälle des Lebens, ergreift Plutarch, um als Berater und Lehrer seiner Familie und seiner Freunde sich hören zu lassen, sei es in eigner Person oder durch den Mund anderer, ermahnend oder erzählend, bisweilen, doch viel seltener, und – so scheint es – in einem gewissen Jugendübermut, auch nur um seinen Witz – wie er so ergötzlich sich bekundet im philosophierenden Schwein, das den klugen Odysseus belehrt – oder seine rhetorische Schulung in der Durchführung mehr oder minder paradoxer Behauptungen zu zeigen.”

Nun wäre es viel zu aufwendig und langwierig, den gesamten Textbestand der Moralia neu übersetzen zu lassen, und neuere vorliegende Übertragungen bieten immer nur einige Schriften. Der Verlag ist daher pragmatisch verfahren: Neu gedruckt wurde die zwischen 1828 und 1861 in 26 Lieferungen als Teil der von Osiander und Schwab veranstalteten Reihe Griechische und römsiche Dichter und Prosaiker in neuen Uebersetzungen vorgelegte Version der Moralischen Werke aus der Feder von vier Gelehrten. Durch die Bemühungen der Herausgeber, v.a. von Christian Weise, ist ein etwas zwitterhaftes Wesen entstanden, wurden doch die erklärenden Fußnoten des Originals um zahlreiche neue Anmerkungen und Literaturhinweise ergänzt, so daß „die Beigaben an den Stand der modernen Plutarch-Philologie heranreichen, der Text dagegen unverändert eine Übersetzung des vorletzten Jahrhunderts wiedergibt” (S. 9). Geboten wird also ein „Lesetext”, der es erlaubt, die Fülle und den Reiz dieser Schriften wiederzuentdecken. „Wer darüber hinaus eine wissenschaftlich zitierfähige Übersetzung benötigt, wird die einschlägigen kritischen Ausgaben konsultieren.” Nun sind eine Übersetzung und eine kritische Ausgabe zwei sehr verschiedene Paar Schuhe, und man kann sich fragen, an wen sich die Mühen, den Anmerkungsapparat mit zahlreichen Verweisen auf andere Quellen und Anspielungen Plutarchs zu vervollständigen und zu aktualisieren, eigentlich richten, wenn der fachlich orientierte Leser auf andere Ausgaben verwiesen wird und der interessierte Laie hier nur einen Lesetext finden soll. Vielleicht wäre es besser gewesen, keine Ergänzungen vorzunehmen, sondern den Zeitaufwand in eine behutsame Modernisierung der Übersetzung – und sei es nur in der Orthographie – zu investieren.

Machen wir die Probe. Die erste Schrift nach dem Editorischen Vorwort handelt von der Kindererziehung. Weil davon hier schon zweimal die Rede war: Von der Prügelstrafe hält auch der kultivierte Plutarch nichts; die Kinder sollten „stets durch Ermahnungen und Vorstellungen, keineswegs aber durch Schläge und Mißhandelungen” zu rühmlichen Bestrebungen angehalten werden; rüde Erziehungsmethoden seien allenfalls für Sklaven angemessen; generell machen solche Mittel „stumpf und schrecken von jeder Anstrengung ab” (8f). Das hohe Lied auf Bildung als einzig beständiges Gut in allen Wechselfällen des Lebens liest sich hier so (5c-d):

„Ich betone), daß tüchtige Erziehung und ein ordnungsgemäßiger Unterricht hier die Hauptsache, Anfang, Mitte und Ende ist; daß Dieß besonders förderlich und wirksam zur Tugend wie zur Glückseligkeit ist. Die übrigen Güter sind irdisch und gering, sie können nicht ein würdiger Gegenstand unserer Bestrebungen werden. Edle Geburt ist allerdings etwas Auszeichnendes; aber es ist ein Gut der Vorfahren. Reichthum ist schätzenswerth; aber er ist eine Gabe des Glücks, das ihn bekanntlich oft Denen entzieht, die ihn besitzen und Andern wider Erwarten zuführt; auch ist großer Reichthum das Ziel Aller, die auf Beutelschneiderei ausgehen, aller boshaften Sclaven und Verläumder, überdem, was das Aergste, es besitzen ihn auch die Verworfensten. Ruhm ist fürwahr etwas Hohes, aber er ist unsicher; Schönheit ist ein theures Gut, aber sie währt nur kurze Zeit. Gesundheit ist etwas Köstliches; aber sie ist leicht veränderlich. Stärke ist wohl etwas Wünschenswerthes, aber sie kann durch Krankheit und Alter leicht entrissen werden; wie denn überhaupt Derjenige, der auf seine Körperstärke sich viel einbildet, überzeugt seyn darf, daß er gewaltig irrt. Denn was ist des Menschen Kraft im Vergleich mit der Kraft anderer Geschöpfe, z. B. eines Elephanten, eines Stiers oder eines Löwen. Unter Allem, was wir besitzen, ist Geistesbildung allein ein unsterbliches, göttliches Gut.”

Auf Dauer ist das etwas anstrengend. Aber man kann die Lektüre ja kürzer oder ausgedehnter halten. Und unter viel Skurrilem leuchten die zeitlosen Sätze umso heller. Oder mit Goethe:         „Hab immer den Plutarch gelesen. / »Was hast du denn dabei gelernt?« / Sind eben alles Menschen gewesen.”

 

Plutarch, Moralia. Herausgegeben von Christian Weise und Manuel Vogel.2 Bde., ca. 1920 S., geb., € 39,95

 

Veröffentlicht unter: Übersetzungen, Plutarch, Moralia, marixverlag

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
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0 thorwald_franke 10.11.2012, 17:23 Uhr

Wobei Goethe vermutlich auch...

Wobei Goethe vermutlich auch an die Biographiensammlung von Plutarch gedacht hat sowie an dessen bekannte Vergleichungen des Lebens berühmter Menschen. Unter diesen Biographien sind zahlreiche Personen der Antike beschrieben, von denen wir sehr viel weniger wüssten, wenn wir Plutarchs Werk nicht hätten (wobei Plutarch natürlich eine teils etwas späte Quelle ist). Darunter z.B. auch Solon oder Platons Freund Dion, der Platon nach Syrakus holte, und später Dionysius II. aus Syrakus vertreiben sollte. Zu Platon in Syrakus gibt es übrigens eine Neuerscheinung: "Atlantis and Syracuse", von Gunnar Rudberg. Plutarch, Biographien: http://classics.mit.edu/Browse/browse-Plutarch.html Plutarch, Moralia (etwa die Hälfte): http://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts/Plutarch/home.html Rudberg: Atlantis and Syracuse Did Plato's experiences on Sicily inspire the legend? http://www.atlantis-scout.de/atlantis_syracuse.htm

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0 hhrr 11.11.2012, 13:18 Uhr

Behutsame Modernisierung der...

Behutsame Modernisierung der Übersetzung - und sei es nur in der Orthographie? Davor kann ich nur warnen. Dann lieber gleich eine Neuübersetzung. Im übrigen werde ich nicht der einzige sein, für den die Lektüre älterer deutscher Texte nicht etwa anstrengend, sondern im Gegenteil Labsal und Erholung bedeuten.

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FAZ Redaktion