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Akte Asien

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In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

Chinas schönstes Dorf, um einen Sack Reis umfallen zu sehen

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Wenn in China ein Sack Reis umfällt, interessiert das heute viel mehr Leute als früher. Jede Bewegung in der Wirtschaft wird im Ausland registriert - gerade in der Krise, in der sich die Volksrepublik als sicherer Hafen erweist. Wo aber kommt Chinas sprichwörtlicher Reis eigentlich her? Unter anderem aus Ping An, dem vielleicht malerischsten Bergdorf des Landes.

Wenn in China ein Sack Reis umfällt, interessiert das heute viel mehr Leute als früher. Jede Bewegung in der Wirtschaft des Landes, und scheine sie noch so unbedeutend, wird im Ausland registriert. Schließlich hat sich die Volksrepublik nicht nur zur wichtigsten Exportnation der Welt und zum größten Devisenbesitzer aufgeschwungen, sondern auch zu einem lebensrettenden Markt für viele westliche Hersteller. Ohne Chinas kaufkräftige Mittelschicht, die jährlich um 30 Millionen Konsumenten zunimmt – das ist mehr als die Einwohnerzahl Taiwans -, wäre die Krise für die westlichen Hersteller viel schlimmer ausgefallen als ohnehin schon.

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Wo aber kommt Chinas sprichwörtlicher Reis eigentlich her? In der Südprovinz Guangxi, die an Vietnam grenzt, liegen zwar nicht die größten Anbaugebiete des Landes, sicher aber die malerischsten. In den Höhenzügen nördlich von Guilin stoßen wir auf ein Gebiet mit dem schönen Namen Longji Titian, was soviel bedeutet wie die Reisterrassen am Rückgrat des Drachen. Dort schrauben sich die feuchten Felder bis hinauf in luftige Höhen, so sanft geschwungen, so grün, so satt, so anmutig, dass man vermuten könnte, die Reisgötter nutzten sie als ihre Himmelsstufen.

Die Region hat sich zu einem kleinen Zentrum des großen chinesischen Fremdenverkehrs entwickelt, es aber auf überraschende Weise geschafft, sich ihren ländlichen Charme zu bewahren. Schon im südöstlich gelegenen Yangshuo trüben lärmende chinesische Touristengruppen die Schönheit der bewaldeten Karstberge und der idyllischen Flusslandschaft. In Longji ist der Ansturm bisher milde geblieben, sicher auch, weil der Aufstieg hierher nicht ganz leicht fällt. Wer den atemraubenden Blick aus Dörfern wie Dazai oder Ping’an genießen will, muss sich zunächst den Atem rauben lassen und steile Treppen und Fußwege hinaufkraxeln. Autos kommen hier nicht weiter, nur Maultiere und Sänftenträger, die für ihren mühsamen halbstündigen Schleppdienst zu zweit nicht einmal 10 Euro verlangen.

Für das Gepäck bieten sich Träger an, weibliche zumeist, die in ihren geflochtenen Rückenkörben selbst die schwersten Koffer und Reisetaschen leichtfüßig den Berg hinaufbugsieren. Fast alle Menschen hier gehören der Minderheit der Zhuang an. Viele Frauen tragen selbst bei der Arbeit in den Reisterrassen noch immer ihre traditionelle Kleidung, bunte Kopftücher, bestickte helle Blusen schwarze Hosen mit verspielten Bordüren. Unter den Verkäuferinnen am Wegesrand, die Nippes, Tischdecken, Silberarmreifen anbieten, finden sich auch Angehörige der Volksgruppe der Yao in ihrer schwarz-roten Rocktracht. Die Frauen lassen sich das Haar knielang wachsen und tragen es kunstvoll zusammengerollt wie einen pechschwarzen Turban. Eines der Werbebilder für Longji zeigt ein gutes Dutzend junger Yao-Mädchen, die sich in einem Bergbach die seidige Pracht waschen.

In Ping’an gibt es einige Hotels, sogar eine Jugendherberge. Charmant sind vor allem die familiengeführten Pensionen, etwa das „Longji One“. Das Haus mit neun Fremdenzimmern wird von einer Zhuang-Familie geführt, die in vier Generationen anzutreffen ist: vom anderthalbjährigen Mädchen bis zur fünfundsiebzigjährigen Urgroßmutter, die, wie viele im Dorf, unter einem fast rechtwinklig gekrümmten Rücken leidet. Vermutlich liegt das am Schultern der schweren Lasten, ohne die es nichts im Dorf gäbe außer dem, was Boden und Flüsse im Gebirge bereitstellen. Ihre Tochter, also die Großmutter, schleppt noch immer das Gepäck der Gäste den Hang hinauf.

Die Tochter des Hauses, die ein verständliches Englisch spricht, ist die Chefin, ihr Mann arbeitet in der Nachbarprovinz Kanton als Fotograf. Vor drei Jahren, berichtet die junge Frau, machten sie ihren Traum wahr und eröffneten ein eigenes Hotel direkt am Hang. Der Blick auf die Reisterrassen ist spektakulär, der Zimmerpreis mit kaum 30 Euro je Nacht moderat. Das Grundstück (richtiger: das Nutzungsrecht am Staatseigentum) gehörte der Familie schon lange, war aber unbebaut. Wie fast alle Gebäude in dem verwinkelten Weiler ist die gemütliche Herberge ganz aus Holz gezimmert. Der Bambus, der hier ebenso gut gedeiht wie der Reis, ist gleichermaßen Material für den Bau wie für Tragestangen, Geflechte aller Art, sogar für Kochgefäße: In unterarmlangen hohlen Stangen werden Reis, Gemüse und Hühnerfleisch im offenen Feuer gegart.

Das Gebiet von Longji atmet eine Beschaulichkeit, die selten geworden ist im modernen China. Denn 30 Jahre Öffnungspolitik haben der Volksrepublik zwar Wohlstand und Sicherheit für breite Bevölkerungsschichten eingetragen, aber kaum einen Stein auf dem anderen gelassen. Da sind schon Dörfer ohne Autos eine Erholung, noch dazu, wenn sie so pittoresk eingebettet sind. Das bedeutet nicht, dass die Entwicklung an den Bergen vorbeigegangen wäre. Der Landstrich ist gut erschlossen, die Wasser- und Elektrizitätsversorgung sind stabil. Es gibt Internetanschlüsse, der Mobilfunkempfang läuft sogar über UMTS.

Für die Bewohner von Ping’an dürfte etwas anderes mindestens ebenso wichtig sein: In jeder Häuserzeile findet sich ein moderner, gut zugänglicher Hydrant. Feuerwehrschläuche liegen bereit, zusammengerollt wie die Schlangen in den Käfigen einer der urigen Garküchen. Es wäre ein Fiasko für das reizende Holzdorf, wenn hier ein Brand ausbräche und nicht bekämpft werden könnte. Chinas dynamische Entwicklung, seine große Konzentration auf die Infrastruktur, verhindern das.

In entlegenen Bergdörfern wie diesen zeigt sich der wirkliche Fortschritt im Reich der Mitte manchmal eindrucksvoller als in seinen zwiespältigen Glitzermetropolen.

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1 Lesermeinung

  1. Das ist wirklich ein kleines...
    Das ist wirklich ein kleines Paradies dort oben in den Bergen, und chinesische Gastfreundschaft von ihrer schönsten Seite. Daß Frauen Männern das Gepäck tragen, ist gewöhnungsbedürftig, abe gut, andere Länder, andere Sitten.

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