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Nehmt China in die EU auf!

19.09.2011, 06:22 Uhr  ·  Anders als die Euro-Länder würde China die Maastricht-Kriterien zu Schuldenstand und Neuverschuldung spielend erfüllen. Führte das Land den Euro ein, wäre beiden Seiten gedient: China hat Geld und Wachstum, will raus aus dem Dollar, handelt mit keiner anderen Gegend so viel wie mit der EU.

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Erinnert sich irgendjemand noch an die Maastricht-Kriterien für die Einführung des Euro? Dort wo die Gemeinschaftswährung gilt, hält sich kaum eine Regierung an die Auflagen – was zum guten Teil das Schuldenfiasko erklärt. Auch sonst gibt es in der Welt wenige Länder, die die Bedingungen erfüllen würden, jedenfalls was die Verschuldungsgrenze von maximal 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) angeht.

Die bedeutendsten Volkswirtschaften scheitern alle an dieser Hürde, egal ob die Vereinigten Staaten, Japan oder Deutschland. China hingegen, die zweitgrößte Wirtschaftsmacht auf dem Planeten, überspringt sie mit Leichtigkeit. Nach offiziellen Angaben summieren sich die staatlichen Verbindlichkeiten auf nicht einmal 18 Prozent, die Neuverschuldung bleibt ebenfalls mühelos unterhalb der Maastricht-Grenze von 3 Prozent.

Da mag man, jedenfalls als Gedankenspiel, fragen, weshalb China nicht die Aufnahme in den Kreis der Euro-Länder beantragt? Das hätte für beide Seiten viele Vorteile.

China hat Geld. Die Volksrepublik hortet im größten Devisenschatz aller Zeiten mehr als 3200 Milliarden Dollar. Für die Transfer- und Haftungsgemeinschaft, auf die der Euroraum zusteuert, wäre das ein willkommenes Finanzpolster. Europas maroder Infrastruktur könnte sich der Staatsfonds CIC annehmen, der mehr als 400 Milliarden Dollar schwer ist. Chinas Staatsunternehmen haben eine mindestens ebenso prall gefüllte Kriegskasse. Schon jetzt greifen sie nach Verkehrseinrichtungen, ihnen gehört zum Beispiel ein Teil der griechischen Häfen.

China hat Wachstum. Während Europa fürchtet, in die Rezession zu rutschen, schwächt sich der Boom in Fernost allenfalls ab. Seit drei Jahrzehnten beträgt die BIP-Zunahme im Durchschnitt mehr als 10 Prozent im Jahr, für 2011 und 2012 werden immer noch mehr als 8 Prozent erwartet. Das Potential erscheint unerschöpflich: Bis 2025 braucht das Land 28.000 Kilometer U-Bahnlinien und 50.000 Wolkenkratzer, das entspricht dem Bestand von zehn New York Cities.

Für China ist Europa der wichtigste Markt, für die EU rangiert die Volksrepublik auf Platz zwei. Die Partner treiben so viel Handel miteinander wie keine anderen Regionen in der Welt, das Volumen beträgt mehr als eine Milliarde Euro am Tag. Für immer mehr europäische Branchen ist das Reich der Mitte inzwischen wichtiger als die Heimat, etwa für den Auto- oder Maschinenbau. Führte China den Euro ein, entfiele das lästige Währungsrisiko, die Transaktionskosten nähmen deutlich ab. Auch die Investitionen würden erleichtert sowie die Repatriierung von Gewinnen.

China will raus aus dem Dollar. Das Land ist bisher von der amerikanischen Währung abhängig. Fast drei Viertel seiner Devisenrücklagen lauten auf Dollar, der Renminbi (Yuan) ist weitgehend daran gekoppelt. Die Zentralbank weiß, was es heißt, in der Geldpolitik nicht frei zu sein, die Abtretung von Souveränitätsrechten an die EZB fiele ihr also leicht. Seit langem will sie die Anlagen vom Dollar in andere Valuta wie den Euro diversifizieren, wieso also nicht gleich richtig?

China verfolgt eine klare Richtung. Europa hält seine selbstgesteckten Ziele zumeist nicht ein, weder in Stabilitäts- noch in Zukunftsfragen. Man erinnere sich, dass die EU gemäß der Lissabon-Strategie bis 2010 eigentlich zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt werden wollte. In Wirklichkeit trifft das auf wen zu? Richtig, auf China! In alter Kommunistenmanier legt das Land mittel- und langfristige Pläne fest und sorgt dafür, dass sie eingehalten werden. Gezänke wie derzeit in der EU über den richtigen Weg aus der Krise wird es mit China, wo seit mehr als 60 Jahren dieselbe Partei regiert, nicht geben.

Gegen den Beitritt Chinas zur Eurozone mag eingewendet werden, dass das Land geographisch und auch sonst nicht zum westlichen Kulturkreis gehöre. Doch das störte bei der Aufnahme der Türkei in die Nato oder bei den Überlegungen zu deren EU-Zugang auch nicht sehr. Länder wie Ägypten, Jordanien, Tunesien, Algerien oder Libanon sind Mitglieder der Europäischen Rundfunkunion. Israel und Marokko nehmen am Eurovision Song Contest teil.

Und die große Entfernung? Frankreichs Überseedepartements Guayana oder La Reunion, wo der Euro gilt, liegen auch nicht viel näher an Europa als China.

Der Volksrepublik ist zudem zuzutrauen, dass sie ganz schnell an Europa heranrücken kann, wenn man sie lässt. Im eigenen Land hat sie bereits mehr als 8000 Kilometer Schienen für Hochgeschwindigkeitszüge verlegt. Die gleiche Menge sollte reichen, um Europa anzuschließen. An den Fortschritt, den es so dringend braucht.

 

Weiterlesen zu China:

Viel Kuhgeläut um nichts: China spielt Davos

http://faz-community.faz.net/asien/2011/09/16/viel-kuhgelaeut-um-nichts-china-spielt-davos-in-einer-stadt-die-so-gross-ist-wie-die-schweiz.aspx

 

Mondfest im Hochsteuerland

http://faz-community.faz.net/asien/2011/09/11/mondfest-im-hochsteuerland-china.aspx

 

Chinas schönstes Dorf, um einen Sack Reis umfallen zu sehen

http://faz-community.faz.net/asien/2011/09/06/chinas-schoenstes-dorf-um-einen-sack-reis-umfallen-zu-sehen.aspx

 

China hat gegen die Krise noch Pfeile im Köcher

http://faz-community.faz.net/asien/2011/09/02/china-hat-gegen-die-krise-noch-pfeile-im-koecher.aspx

 

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (3)
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0 JohannesDerErste 26.09.2011, 13:20 Uhr

Wenn China so ein...

Wenn China so ein imposantes Wirtschaftswachstum aufzuweisen hat, bleibt dann wohl nur noch die Frage wann sie normal heiraten können ohne in die Armutsfalle zu tappen: www.kreditheini.at/.../der-chinesische-mann-und-seine-probleme

0 hummelw 19.09.2011, 20:04 Uhr

Das Szenario, so fernliegend...

Das Szenario, so fernliegend es zunächst erscheint läßt sich für die Gegenwart zu der Frage zuspitzen: Wie wettbewerbsfähig sind die zwei Systeme und wie sieht in Zukunft deren Form der Kooperation aus. Auf der einen Seite steht mit China ein Wirtschaftssystem, das trotz starker Kontrolle einer Partei, dem kapitalistischen Wettbewerb viele, dem Individium aber wenig Spielräume zugesteht. Auf der anderen Seite stehen westliche Wohlfahrtsstaaten, die im Parteienwettbewerb um Wählergunst, über Jahrzehnte soziale Leistungen unter Inkaufnahme von Staatsverschuldung ausdehnten und durch die wachsenden Soziallasten die Unternehmen im Wettbewerb immer stärker behindern. Für die absehbare Zeit muß die Durchsetzung des Freihandels das Ziel der EU beim Umgang mit China sein. Vom Handel ohne Hindernisse und Markteintrittsbarrieren ist China trotz 10 Jahren WTO-Mitgliedschaft noch immer weit entfernt. Das Ziel heißt daher nicht Aufnahme in eine "EU", sondern Einbindung in ein der NAFTA ähnliches Freihandelsmodell mit der EU. Das würde, und damit schließt sich der Kreis, auch wohlfahrtstaatlicheVerkrustungen der EU aufbrechen.

0 pardel 19.09.2011, 13:20 Uhr

Wenn es stimmt, dass China...

Wenn es stimmt, dass China seit drei Jahrzehnten ein Durchschnittswachstum von über 10% hat, dann hat sich Chinas BIP nach jeweils sieben Jahren verdoppelt. Nach 14 Jahren vervierfacht, insgesamt müsste sich China seit dreissig Jahren verachtfacht haben. Weiter so? Nach einem Jahrhundert mit zweistelligen Wachstumsraten wäre die Wirtschaft der VR China um weit mehr das 500-fache gewachsen. Halten Sie dieses Modell für erstrebenswert, geschweige denn nachhaltig? Soll das als Beispiel für die alte, reiche (Erb-)Tante EU herhalten? Ich meine, der gesunde Menschenverstand und die wirtschaftliche Logik sprechen dagegen.
Aber als Polemik ganz putzig, keine Frage. Und da Politiker nicht rechnen können, hören Sie Ihnen vielleicht zu. Das dürfte lustig werden.

Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.