Akte Asien

Akte Asien

In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

Geborgen bei der Mama-san – oder: Was treibt Japans ältere Angestellte abends in kleine, abgelegene Kneipen?

Japans Männer haben es schwer. Am Arbeitsplatz ist der Druck groß. Aufmüpfigkeit wird nicht gerne gesehen, Ärger fressen die Angestellten in sich hinein....

Japans Männer haben es schwer. Am Arbeitsplatz ist der Druck groß. Aufmüpfigkeit wird nicht gerne gesehen, Ärger fressen die Angestellten in sich hinein. Und zuhause? Da finden viele auch nicht die Geborgenheit, die sie sich nach einem harten Tag wünschen. Die suchen vor allem ältere Angestellte bei den Mama-san. Das sind alleinstehende, ältere Frauen, die gemütliche kleine Kneipen betreiben. Hausmannskost und Sake, dazu ein offenes Ort der Mama-san – so klingt der Tag gut aus.

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Tadayashi Hayashi ist einer dieser Angestellten, die es nach der Arbeit immer wieder zur Mama-san zieht. Mit einem Seufzer lässt er sich an diesem Abend in den Stuhl am Tresen des „Komachi“ in Sendai plumpsen. Die anderen sechs Plätze an der Theke in der kleinen Kneipe von Keiko Sasaki sind bereits besetzt. Geschäftsmänner wie Hayasaki sitzen da. Sie haben ihre dunklen Anzugjacken lässig über die Lehnen gehängt. Sie essen sie Hausmannskost und trinken Sake. Keiko Sasaki, die im leichten dunkelblauen Kimono alleine hinter dem Tresen steht, wird von ihren Gästen liebevoll Mama-san genannt. Für jeden hat die Wirtin ein offenes Ohr. Unaufgefordert stellte sie vor Hayasaki eine Schale mit Sake ab und schenkt ihm mit einem Lächeln ein. Er nimmt die Hornbrille ab und begrüßt die Mama-san. „Ich komme jede Woche nach der Arbeit“, sagt der Architekt. Er sitzt mindestens zwei Mal die Woche am Tresen im „Komachi“. An den anderen Abenden besucht er andere Mama-san. „Hier, nur hier kann ich richtig entspannen“, meint er. Die Nachbarn, die gerade ihren zweiten Sake bestellt haben, lockern ihre Krawatten und lauschen, was Hayashi erzählt. Zustimmendes Nicken ist ihre Antwort.

Mama-san sind ein Phänomen im sozialen Leben Japans, das so wohl in keinem anderen Land gibt. Kleine Kneipen, betrieben von den Mama-sans, die meist nur wenige Plätze an einem Tresen haben, gibt es viele in den japanischen Städten. Doch sie sind schwer zu finden, Fremde verlieren sich nur selten hierher. Wer Kunde bei einer Mama-san werden will, der wird zumeist von einem Stammkunden eingeführt. Auch der Weg zum „Komachi“, inmitten des Vergnügungsviertels von Sendai gelegen, ist nicht leicht zu finden. Er führt durch kleine, abgelegene Gassen. Von draußen ist die Kneipe kaum zu erkennen. Die grelle Leuchtreklame, mit der normale Izakaya, japanische Kneipen, ihre Gäste anziehen, finden Besucher sich in diesen Gassen nicht.

„Eine Mama-san kennt ihre Gäste gut und hat immer ein offenes Ohr für sie“, sagt die deutsche Japanologin Helga Sentivany. „Kurz, die Gäste können sich auf eine physische und psychische Rundumversorgung durch ihre Mama-san verlassen.“ Sentivany war so fasziniert von der Rolle der Mama-san, das sie ihr eine eigene Studie gewidmet hat, „Mama-san. Das Ende eines Gewerbes?“ Die Kunden sind zumeist ältere verheiratete Männer. Auch die Gäste von Keiko Sasaki haben ihren 50. Geburtstag zumeist schon hinter sich gebracht. Im Berufsleben haben diese Männer fast alle Positionen inne, in denen sie Frauen herumkommandieren. Doch bei ihrer Mama-san gebärden sie sich wie kleine Jungen, schimpfen, klagen, weinen bisweilen sogar. „Auf jeden Fall tun sie alles, um sich die Zuwendung und das Wohlwollen der Mama-san zu erhalten“, berichtet Sentivany in ihrer Untersuchung.

Sasaki-san, im leichten blauen Kimono, widmet sich jedem ihrer Gäste mit derselben Aufmerksamkeit. „Sie ist immer freundlich und verständnisvoll“, berichtet Hayasaki. „Sie sagt aber auch ihre Meinung.“ Er trinkt einen Schluck von seinem Sake, beobachtet die Wirtin, die sich gerade angeregt mit den beiden Männern am Ende des Tresens unterhält. „Mama-san wissen unwahrscheinlich viel“, sagt er. Hier können die Männer nicht nur über ihre Vorgesetzten schimpfen, unsinnige Projekte ihrer Unternehmen beklagen oder einfach nur um Rat bitten. Überall sonst würden sie in Japan damit ein Tabu verletzten, nicht bei der fürsorglichen Mama-san. Für erfolgreiche Männer wie Hayasaki ist Mama-sans Kneipe der rechte Ort, sich nach dem Stress bei der Arbeit zu entspannen, bevor es nach einem guten Essen und ein paar Glas Bier oder Sake zurück nach Hause geht. Bis auf Sonntag hat Sasaki-san, die 64 Jahre alt ist, jeden Abend geöffnet. Sie liebe ihre Gäste, sagt sie. Sie höre ihnen gerne zu. „Irgendwie sind wir alle so etwas wie eine Familie.“ Die Gäste brauchen sie, aber sie braucht auch ihre Gäste. Die meisten Mama-san sind alleinstehend, verwitwet, geschieden oder nie verheiratet gewesen. Ihre Arbeit ist ihr Leben.

Was ist in den japanischen Familien los, dass so viele erfolgreiche Angestellte abends erst durch dunkle Gassen zur Mama-san eilen, bevor sie zurück nach Hause gehen? Nicht nur böse Zungen behaupten, dass japanische Männer ewig Muttersöhne blieben und niemals erwachsen werden. Zuhause haben diese Männer nicht viel zu sagen. „Hier führt die Frau das Kommando, verwaltet das Haushaltsgeld und erzieht die Kinder. Der Mann hat im Haushalt keine Rechte, aber auch keine Pflichten“, erklärt Sentivany. Bei der Mama-san finde der japanische Mann dann das, was er bei seiner Frau vermissen würde, nämlich vorbehaltlose mütterliche Akzeptanz. Satoko Sukawa, deren Kneipe „Sato“ auch im Vergnügungsviertel von Sendai ist, bestätigt das. Am Arbeitsplatz müssten diese Männer funktionieren, sagt die Mama-san über ihre Gäste. Der soziale Gruppendruck ist in Japan unvergleichbar größer als in Europa oder Amerika. Kritik, abweichende Meinung, gar abweichendes Verhalten sind nicht geduldet und werden hart sanktioniert. Und zuhause geht es genauso weiter. „Ich bin für die Männer wie eine Mutter“, sagt Sukawa, „und ich bin die einzige, die denen auch mal die Meinung sagt.“

Das „Sato“ ist abgelegen im zweiten Stock eines alten Hauses. Von außen wirkt der Ort nicht gerade einladend. Doch drinnen ist es gemütlich. Es gibt einen Tresen für sieben Personen wie bei ihrer Kollegin Sasaki, dazu ein kleiner Tisch. Auch hier sitzen an diesem Abend die handverlesenen Stammkunden. „Ich bin drei, vier Mal die Woche hier“, erzählt einer und grinst. So einfach diese Ort sind, so sehr bemühen sich viele Mama-san, ihren Kunden Qualität zu bieten. Das Essen ist einfach, aber gut. Sukawa serviert Sashimi, rohen Fisch, wie man ihn kaum in einem der Edelrestaurants Sendais findet. Der Sake, den sie ausschenkt, ist nicht der Billig-Reiswein, der in den Supermarktregalen steht. Präzise Abrechnungen, Kassenbons gar, gibt es bei einer Mama-san nicht. Oft hat sie selbst keinen Überblick mehr, wer hier was verzehrt hat. Es geht eben zu wie in einer Familie, man vertraut sich gegenseitig. Die Mama-san schreibt einfach einen Betrag, 6000 Yen (57,50 Euro) an diesem Abend, auf einen Zettel. Die Kunden zahlen klaglos, Vertrauen gegen Vertrauen.

Billig ist es nicht bei der Mama-san. Aber die leibliche Versorgung ist an diesen Orten auch eher die Zugabe zur seelischen Versorgung. Für die Japanologin Sentivany sind die Mama-san ein kleiner Kosmos, ein Abbild der traditionellen japanischen Gesellschaft, die trotz aller äußerer Modernisierung überlebt haben. Japan ist in nur einem Jahrhundert von einem abgeschotteten Feudalstaat zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt aufgestiegen. „Was hat sich im sozialen Leben wirklich verändert?“, fragt Sentivany. Dass Japaner sich viel stärker an der Gruppe orientieren, deren hierarchische Gliederung bis heute feudalistische Züge hat, darüber berichten Ausländer, die in japanischen Unternehmen arbeiten, immer wieder. Doch es gibt in Japan auch eine besondere Ausprägung der zwischenmenschlichen Beziehungen. „Amae“ ist der Begriff im Japanischen dafür, Freiheit in Geborgenheit. „Amae“ bedeute Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, im selbstverständlichen Vertrauen auf das uneingeschränkt duldsame, nachsichtige Wohlwollen der Bezugsperson, mit der man sich als Einheit erlebe, sagt die Japanologin im feinsten Wissenschaftsdeutsch.

Die von Mama-san betriebenen Kneipen finden sich oft in den Vergnügungsvierteln oder in der Nähe der Bahnhöfe. Sie gehören zum „mizu shoobai“, dem sogenannten Wassergewerbe. Darunter fassen Japaner alles, was mit dem Unterhaltungsgewerbe zu tun hat, bis hin zur Prostitution. Manche Mama-san hat ihre ersten Erfahrungen mit Männern auch in der Rotlichtszene gesammelt. Sukawa und Sasaki gehören nicht dazu. Sukawa ist eine der wenigen Mama-san, die sich eine junge Angestellte leistet. Eri Akasaka ist 21 Jahre alt, stammt aus der nahen Nordprovinz Aomori und ist froh, in Sendai nach der Schule diesen Job gefunden zu haben. Junge Menschen kämen nur selten in die Kneipe, berichtet sie. Die ziehen es vor, mit Freunden in eine Izakaya zu gehen. Wer mit Freunden loszieht, der braucht keine Mama-san, die einem zuhört und mit einem spricht. Zudem sind die Kneipen preiswerter. Wo die Mama-san 6000 Yen verlangt, da kommt der Gast in einer Izakaya mit 4000 Yen davon – hat aber auch keine persönliche Zuwendung. Sukawa ist jetzt bald ein Vierteljahrhundert im Geschäft, und sie ist sich sicher, dass die Mama-san überleben werden. Eine gute Mama-san hat ihre Kneipe fast jeden Abend voll. Sobald die heute jungen Männer die Mitte 40 überschritten und ein bisschen Karriere gemacht haben, suchten sie doch wieder eine Mama-san zum Anlehnen, meint Sukawa. Und Nachwuchs gibt es ja auch. „Ich gewöhne mich daran, mit den Männern zu sprechen“, sagt Eri. „Das Erdbeben ist in Sendai immer noch das dominierende Thema“, berichtet sie. Sie sei für die älteren Männer so etwas wie eine Tochter. Der schütte man bisweilen auch sein Herz aus. „Und manchmal genießen sie es auch einfach nur, dass sie mir erklären können, wie die Welt funktioniert“, sagt sie lachend.

Es ist kurz nach halb elf. Im „Komachi“ ziehen sich die Männer die Anzugjacken an und machen sich auf den Heimweg. „Bis morgen im Büro“, rufen sich einige zum Abschied zu. Nur Hayashi bestellt noch einen Sake bei der Mama-san. Jetzt hat er sie endlich alleine für sich. Schließlich gibt es nach dem anstrengenden Tag noch so viel zu erzählen. Erwartungsvoll setzt er seine dunkle Hornbrille wieder auf, während Sasaki ihm einschenkt.

Foto: privat

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