Akte Asien

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In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

Chinas Reiche wollen auswandern. Sie trauen ihrem Land viel weniger als der Westen

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Der Westen erwartet von China, abermals die Weltwirtschaft zu retten. Die Chinesen ihrerseits zweifeln an der eigenen Stärke: Panisch verkaufen Millionen Kleinanleger ihre Aktien, unter den Reichen geben 60 Prozent an, auswandern zu wollen. Sie lassen sich auch von IWF-Chefin Lagarde nicht beruhigen, die am Mittwoch in Peking eintraf. Dort fühlt sie sich „angefüllt mit Hoffnung und Zuversicht über die Zukunft". Doch die könnte düster aussehen, wenn der Westen China mit in den Strudel reißt.

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Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht Europa oder die Vereinigten Staaten hoffnungsvoll nach Fernost blicken und von China die Rettung aus der Schulden- und Konjunkturmisere erwarten. Die Chinesen zweifeln allerdings an der eigenen Stärke und stimmen mit den Füßen ab: Verunsichert verkaufen Millionen Kleinanleger ihre Aktien und sorgen seit Monaten für stark fallende Kurse. Selbst die Elite hat das Vertrauen verloren. In einer Umfrage der Bank of China und des Hurun-Instituts in Schanghai gaben 46 Prozent der Begüterten an, sie wollten auswandern.

Weitere 14 Prozent haben das schon getan oder konkrete Vorbereitungen dazu getroffen. Als Gründe nannten die Befragten, die jeder ein Vermögen von mehr als 10 Millionen Yuan (1,1 Millionen Euro) besitzen, den besseren Eigentumsschutz und die bessere Ausbildung der Kinder im Ausland. Die Inflation in China sei zu hoch, auch machten es die Kapitalkontrollen schwierig, außerhalb des Landes zu investieren.

Annähernd ein Drittel der fast 1000 Befragten hat es trotzdem geschafft, Geld aus China abzuziehen – nicht zuletzt als Grundlage für das geplante Wirtschaftsexil. Die Angaben passen zu Meldungen, wonach sogar Chinas Parteiführung Zweifel an der Güte des Systems hegt, jedenfalls am Bildungswesen. Jeder Kader, der es sich leisten könne, schicke seine Kinder auf Schulen und Universitäten in Amerika oder in der EU, heißt es. Also genau dorthin, wo angeblich alles falsch läuft.

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Trotzdem kennt die Chinaverehrung von Wirtschaft und Politik im Westen keine Grenzen. Getrieben ist sie nicht zuletzt vom „Wishful Thinking“: Die Nachfrage aus dem großen Land, das noch immer stärker wächst als jede andere große Volkswirtschaft, soll den Westen vor der Rezession retten. Mit dem Geld des reichen Staates, der auf dem größten Devisenschatz der Welt sitzt, will die EU ihre Schuldenländer rauspauken.

Chinas Staatspräsident Hu Jintao wird wie ein Weltenretter hofiert, zuletzt auf dem G20-Gipfel in Cannes, während sich in Peking die internationalen Geldsammler die Klinke in die Hand geben. Nach Klaus Regling, dem Geschäftsführer des Euro-Stabilisierungsfonds EFSF, ist an diesem Mittwoch die Chefin des Weltwährungsfonds IWF, Christine Lagarde,  zu einer Goodwill-Tour in der Volksrepublik eingetroffen. In China, so sagte sie gleich nach ihrer Ankunft, „fühle ich mich angefüllt mit Hoffnung und Zuversicht über die Zukunft“.

Schon auf der Station zuvor, in Moskau, hat sie allerdings auch das neue Selbstbewusstsein der großen Schwellenländer gespürt. Russland ist bereit, sich an der Eurorettung über den IWF zu beteiligen, verlangt dafür aber ein größeres Mitspracherecht. Auch China dürfte wirtschaftliche und politische Gegenleistungen erwarten – wenn es überhaupt seine Schatullen öffnet. Noch hat es sich weit weniger engagiert als zum Beispiel Japan im EFSF. Auch die publikumswirksamen und im Westen gefeierten Andeutungen, griechische, spanische, portugiesische oder italienische Staatsanleihen zu kaufen, haben sich letztlich als heiße Luft entpuppt.

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Die Zurückhaltung hat viele Gründe. Zwar würde nichts die exportabhängige chinesische Wirtschaft mehr treffen als der Zusammenbruch der EU, ihres wichtigsten Handelspartners und Technologielieferanten. Aber als umsichtige Kaufleute wollen die Chinesen dem schlechten Geld der faulen Wackelländer nicht ihr gutes, sauerverdientes hinterherwerfen.

Hinzu kommen Zweifel an der Aufrichtigkeit und Transparenz der Rettungsbemühungen sowie interne politische Bedenken. 2012 treten die wichtigsten kommunistischen Führer ab, darunter Hu Jintao und Regierungschef Wen Jiabao. Sie wollen und dürfen ihren Nachfolgern keine unkalkulierbaren Risiken hinterlassen. Auch die Öffentlichkeit ist skeptisch. Das autoritäre Regime fühlt sich ihr gegenüber zwar nicht rechenschaftspflichtig, hört aber genau auf die Unmutskundgebungen im Internet und anderswo.

Es ist ebenso bemerkenswert wie erklärlich, dass viele Chinesen das Bild der unerschütterlichen wirtschaftlichen Stärke, das ihre Nation im Ausland genießt, nicht mehr teilen. Im Gegenteil, in China herrscht derzeit viel Unsicherheit, nicht nur bei den Reichen und Aktionären. Nachdem das Land die Finanz- und Wirtschaftskrise mithilfe des größten Konjunktur- und Kreditprogramms der Geschichte in einen Erfolg ummünzen konnte, erkennen immer mehr Menschen die Schattenseiten des künstlich aufgeblähten Wachstums.

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Zwar schwächt sich der durch die expansive Geldpolitik ausgelöste Preisauftrieb ab, wie die Oktoberzahlen vom Mittwoch zeigen. Die Inflation ist aber, gerade bei den Nahrungsmitteln, noch immer besorgniserregend hoch. Das lastet auf den ärmeren Schichten und auf der Landbevölkerung. Sorgen bereitet auch die – ebenfalls abgemilderte – Blase in der Immobilienwirtschaft. Die unerschwinglichen Preise treffen die jungen urbanen Mittelschichten und damit einen der Hauptträger des Aufschwungs und der Modernisierung im neuen China.

Eine weitere Zeitbombe tickt in den Gemeinden. Für die staatlichen Konjunkturprojekte haben sie sich hoffnungslos überschuldet. Damit könnten sie den Banken, die vom Staat schon einmal gerettet werden mussten, eine neue Welle uneinbringlicher Kredite bescheren. Bezieht man alle außerbilanziellen Schulden mit ein, steht China nicht viel besser da als der Durchschnitt der EU-Länder.

Geldentwertung, Immobilienblase, Überschuldung, Bankrisiken – die Chinesen sehen viel klarer als der Westen, dass ihr Land angesichts dieser Gefahren nicht noch einmal den Konjunkturmotor anwerfen und damit die Weltwirtschaft retten kann. Die Abkühlung der globalen Konjunktur und die straffere Geldpolitik – die nötig ist, um schlimmere Entgleisungen zu verhindern – haben das Wachstum bereits spürbar gebremst.

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Noch hat niemand in China eine Antwort darauf gefunden, was passiert, wenn in einer neuerlichen, von der EU und Amerika ausgelösten Exportkrise abermals Tausende Fabriken schließen und Millionen Wanderarbeiter entlassen werden müssen. Oder wenn das Wachstum unter jenen Mindestwert fällt, der nötig ist, um den Landflüchtigen einerseits und den gut qualifizierten Hochschulabgängern andererseits ein Auskommen zu garantieren.

Nicht zu unrecht dringt Chinas Führung bei jeder Gelegenheit darauf, dass Amerika und Europa ihre Häuser selbst in Ordnung bringen müssten, um eine internationale Krise zu verhindern. Man glaubt es kaum: Selbst der Riese China ist zu klein und zu schwach, um die versinkenden Länder über Wasser zu halten.

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Der Westen muss dafür sorgen, dass er China nicht mit in den Strudel reißt. Denn falls das geschieht, gehen in der Welt wirklich die Lichter aus.

 

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4 Lesermeinungen

  1. Wie beschäftigen uns seit...
    Wie beschäftigen uns seit mehreren Jahren mit dem Thema Auswandern und dabei auch mit den verschiedenen Altersgruppen, für die eine Auswanderung in Frage kommt. Interessant ist dabei nicht nur die Frage des Geldes – wer viel Geld hat setzt sich auf eine sonnige Insel ab und geniesst die Steuerfreiheiten und das Leben – sondern der generelle Trend seinen Altersruhesitz nicht im Altersheim oder an seiner Geburtsstätte zu verbringen. Im Gegenteil die letzten Tage zu genießen.
    Beispiele dafür sind in etwa die Projekte „SUN City“ in den USA. Eine Siedlung voller Rentner – Junge Menschen dürfen nur kurze Zeit auf Besuch kommen.
    In Deutschland wieder gefragt das Haus oder Wohnung in Mallorca.
    Als Junger Mensch kann man dazu nur sagen, schön dass ältere Menschen ihren Ruhestand genießen möchten, für die eigene Rente sollte man bereits selber vorsorgen, denn das System wird irgendwann mal nicht mehr funktionieren…

  2. Sehr geehrter Herr Dr....
    Sehr geehrter Herr Dr. Geinitz,
    die Fragestellung würde ich leicht abwandeln: Liegt es nicht im ureigensten Interesse der EU aufgeschobene Aufgaben in Angriff zu nehmen?
    Ist es denn hinnehmbar, dass ein Land wie Griechenland mit der Einwohnerzahl von Baden-Württemberg und nur zwei Dritteln von dessen Wirtschaftsleistung zur Lähmung der EU-Institutionen führt.
    Die Straffung der Entscheidungsstrukturen ist schon lange überfällig. Die Aufgabe müssen jedoch die EU-Staaten lösen. Gleiches gilt für die Effizienzsteigerung der überlasteten Sozialsysteme. Auch Investitionen in vernachlässigte Verkehrs- und Kraftwerksinfrastrukur sind überfällig.
    Indem die EU sich um Verbesserung der eigenen Wettbewerbstärke bemüht, stärkt sie die eigenen Volkswirtschaften und – leistet dabei, in der globalen Welt – gleichzeitig den besten Beitrag zur Stützung des chinesischen Exportmodells.
    Wolfgang Hummel, Berlin

  3. <p>@hummelw</p>
    <p>Gut...

    @hummelw
    Gut argumentiert, sehr geehrter Herr Hummel.
    Natürlich darf man solche Umfragen nicht überbewerten. Zumal die Millionäre in der Mehrheit die Geschäftsaussichten in China durchaus zuversichtlich sehen, nur eben nicht ihre eigenen Zukunft.
    Was halten Sie denn von der These, die man in China hört, dass der Westen diesmal die Verantwortung dafür trägt, dass er Asien nicht mit in den Abgrund reißt? Anstatt fälschlich darauf zu vertrauen, dass der Ferne Osten abermals die Kraft hätte, Europa und Amerika zu retten.
    Gruß aus Peking, itz.

  4. Beruhigen wir uns als...
    Beruhigen wir uns als Europäer nicht allzu gern mit Umfragergebnissen, die uns offensichtlich zeigen, dass die uns wirtschaftlich davoneilenden Chinesen ebenfalls von Selbstzweifeln geplagt sind. Lassen sich mit den Aussagen aus Shanghai nicht gerade eigene Sorgen über die weitere wirtschaftliche Entwicklung, Inflationsängste und die Wut über lähmende politische Entscheidungsprozesse in Deutschland bekämpfen.
    Kommen die Ergebnisse nicht wie gerufen in einer Phase, ob es für viele Deutsche als demütigend empfunden wird, dass das Entwicklungsland von gestern nun um Hilfe für ein überschuldetes Europa gebeten werden muß.
    Wir sind dabei, uns wieder einer Selbsttäuschung hinzugeben.
    Keine Frage gibt es Verunsicherung unter Chinesen, doch es im im Gegensatz zu Deutschland nicht die Unsicherheit, die aus den Zweifel entsteht, ob das politische System angesichts hoher Staatsverschuldung, Kriminalität und wachsender sozialer Probleme noch handlungsfähig ist. In China erwachsen die Zweifel aus der Entwurzelung, aus der Heimatlosigkeit und aus der Unmöglichkeit angesichts des rasenden Wandels den eigenen Standort noch bestimmen zu können.
    Warum sollten diejenigen, die ihren Wohlstand dem chinesischen Wirtschaftswunder verdanken auswandern wollen? Viele Motive für diese Fluchtgedanken mögen sich mischen: Die Angst vor einem Absturz, der Wunsch einer gnadenlosen Konkurrenz zu entkommen und wahrscheinlich auch die Sehnsucht nach einer Welt in der Status nicht immer an erster Stelle steht.
    Alle diese Beweggründe kennen wir auch als Europäer.
    Täuschen wir uns nicht: Wer wohlhabend ist verdankt seinen Reichtum nicht nur der Leistung, sondern auch cleverem Risikomanagement. Die größte Sorge gilt dabei dem drohenden Zugriff des Staates auf das hart erarbeitete Vermögen. Weit vor dem Auswandern kommt die Kontoeröffnung und die Gründung einer Tochtergesellschaft im Ausland.
    Bezogen auf drohende Steuerlasten ergeben sich überraschend ähnliche Verhaltensmuster. Lediglich die Fluchtburgen sind andere. Die Rolle von Zürich, Jersey und den British Virgin Islands spielen für Chinesen die Bankenplätze Hongkong und Singapur.
    Wolfgang Hummel, Berlin

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