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Akte Asien

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In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

Jetzt kopieren die Chinesen sogar unsere Quadriga! Empörung beim Joggen durch Peking

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Schlechte Luft hin oder her: Das Joggen in Peking ist gesund. Es hilft dabei, Fettpölsterchen und Vorurteile gleichermaßen abzubauen. Etwa als wir neulich an einer exakten Kopie der Berliner Quadriga vorbeitrabten. Da haben die Chinesen, die Weltmeister der Produktpiraterie, doch tatsächlich unser preußisches Wahrzeichen abgekupfert! Dachten wir zumindest. In Wirklichkeit liegt das Copyright für das Monument ganz woanders...

Beim Joggen ist Peking gar nicht so viel anders als Berlin. Hier wie dort finde ich gute Ausreden, es nicht zu tun. In Berlin ist das Wetter zu schlecht, es gibt zu viele Hunde (und deren Hinterlassenschaften). In Peking halten mich die miese Luft und der mörderische Verkehr vom Freiluftsport ab – behaupte ich zumindest. Jetzt fand sich beim Laufen eine neue Gemeinsamkeit zwischen den beiden Hauptstädten: die Quadriga.

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Anders als die Version auf dem Brandenburger Tor steht das Pekinger Monument ebenerdig. Es schmückt einen Springbrunnen auf einer Ausfallstraße im Nordosten der 19-Millionen-Metropole zwischen dem dritten und dem vierten Stadtring. Dort also, wo sich das Joggen besonders empfiehlt.

Die Ähnlichkeit zum deutschen Viergespann ist frappierend. Etwa beim zweirädrigen Streitwagen oder der geflügelten Figur der Viktoria. Aha! durchfährt es mich. Da konnten es die Chinesen wieder einmal nicht lassen, bei uns abzukupfern, richtiger: abzubronzen. Das ist allemal ein Grund, genauer hinzusehen und das Laufen zu unterbrechen.

Die Chinesen, das wissen wir längst, sind Weltmeister im Kopieren (übertroffen höchstens von den so genannten Xerox-Studenten in deutschen Universitätsbibliotheken). Beim Joggen kommt man an Ständen vorbei, die die neuesten Hollywood-Filme auf DVD anbieten. Das Stück zu 10 Yuan oder 1,20 Euro. Eine andere Laufstrecke, die mir zu lang ist, führt am größten Adidas-Store der Welt vorbei. Direkt daneben liegt der Yaxiu-Markt, ein mehrstöckiges Kaufhaus, in dem es ebenfalls alles von Adidas gibt, nur viel billiger und als Raubkopie.

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Die chinesischen Kopisten verdienen prächtig und zwar im In- und Ausland. Die Zöllner der EU haben im vergangenen Jahr 103 Millionen gefälschte Produkte in 80.000 Sendungen aufgebracht, fast doppelt so viel wie 2009. Den Wert der Güter beziffern sie auf eine Milliarden Euro. 85 Prozent der illegalen Importe stammten aus der Volksrepublik. In Deutschland hat die Markenpiraterie nach Angaben des DIHT 70.000 Arbeitsplätze vernichtet. Die OECD schätzt das Volumen aller weltweit verfügbaren illegalen Kopien auf 180 Milliarden Dollar im Jahr.

Dabei bleibt es nicht bei Rolex-Uhren oder Prada-Täschchen. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass die amerikanischen Flugzeugbauer Boeing, L-3 Communications und Raytheon gefälschte Elektronikbauteile aus China in mindestens sieben ihrer Militärmaschinen verbaut haben. Das spricht für die Güte der Fälschungen, aber auch gegen die Qualitätssicherung der Hersteller.

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Dass die Chinesen auch Standbilder nachmachen, war mir bis heute allerdings neu. Beim Betrachten der Quadriga normalisiert sich der vom Rennen und der Empörung hochgetriebene Puls langsam wieder. Beruhigend wirkt, dass immer mehr Unterschiede zum Original auffallen. In Berlin hält die Viktoria die Zügel in der Hand. Ihre Pekinger Schwester hingegen steuert nicht selbst – wie alle Chinesen, die es zu etwas gebracht haben. Vor ihr in dem Karren sitzt ein kleiner Wagenlenker. In modernen Kutschen gilt dasselbe. Luxusautohersteller wie Audi, Mercedes oder BMW verkaufen in Fernost besonders viele Langversionen, weil die Kunden sich chauffieren lassen.

Es gibt weitere Abweichungen. Von einer chinesischen Siegesgöttin kann man nicht erwarten, dass sie ein Eisernes Kreuz in der Rechten hält. Hier ist es ein Ehrenkranz. Dieser lässt eine andere Erinnerung aus alten Jogging-Zeiten aufkommen, genauso wie die ausgebreiteten Schwingen. Nach einigem Grübeln fällt es mir wieder ein: Natürlich, auf dem Wagen steht die Gold-Else von der Berliner Siegessäule! Da haben die Spitzbuben doch tatsächlich gleich zwei unserer preußischen Wahrzeichen imitiert und sie dann auch noch zusammengewürfelt! Der Puls steigt wieder.

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Andererseits: Hatte die Else nicht so einen komischen Helm auf, den die asiatische Dame nicht trägt? Auch das Haar war irgendwie länger und der Lorbeerkranz geschlossen. Hm. Unzufrieden, es nicht besser zu wissen, trabe ich gemächlich wieder los, aber nicht sehr weit. Wird es nicht schon dunkel dahinten, ist es nicht ein bisschen spät für die ganze Strecke? Auf dem Rückweg liegt die Quadriga jetzt links. Von hier aus sieht sie aus wie…, wie…, wie irgendwas, das noch viel länger her ist als Berlin. Schulzeit? England? London!

Der Lauf wird schneller, der Computer ist nicht mehr weit, aber die Strecke zieht sich. Damals war die Kondition besser, damals im Hyde Park… Google gibt mir Recht. Dort steht sie, genau dort: Auf dem Wellington Arch an der Hyde Park Corner. Wikipedia weiß, dass die Londoner Quadriga von 1912 stammt und die größte Bronzestatue Europas ist. Das interessiert mich weniger als ihr Aussehen. Die scheuenden Pferde mit den erhobenen Vorderhufen, die Flügelgöttin mit Zweig und Kranz, sogar der kleine Kutscher ist da. Kein Zweifel, das Gespann an der Xiaoyun Lu ist eine exakte Wiedergabe der britischen Vorlage!

Das besänftigt einigermaßen, denn die Engländer zu betuppen ist ja nicht allzu tragisch. Schon scheint die Nachahmerei der Chinesen weit weniger schlimm als vermutet. Vielleicht sollte ich öfter joggen gehen? Es hilft ganz offenbar, Fettpölsterchen und Vorurteile gleichermaßen abzubauen. Wenn mir dabei wieder einmal etwas Interessantes auffällt, halte ich Sie auf dem Laufenden. Wortwörtlich.

 

Bildquellen

Quadriga Peking: itz.; Quadriga Berlin: HJ Graichen, Wikimedia; Siegessäule Berlin: Thomas Wolf, Wikimedia; Quadriga London: Chris O, Wikimedia

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4 Lesermeinungen

  1. Bei der Quadriga sind die...
    Bei der Quadriga sind die Rosse wenigsten gebändigt. Jetzt hat die chinesische HNA Gruppe – zukünftig möglicher Kooperationspartner von Air Berlin – , die Pferde auch noch freigelassen…
    http://en.hnagroup.com/hnagroupWebUI/company/wfmhnagroup.aspx
    Wolfgang Hummel, Berlin

  2. Eine unterhaltsame Tour...
    Eine unterhaltsame Tour d’Horizon im Triangel der Quadrigen Berlin-Peking-London. Halt uns weiter auf dem Laufenden.

  3. Nachdenklichkeit beim Fahren...
    Nachdenklichkeit beim Fahren durchs Brandenburger Tor
    Berlin ist sicherlich nicht eine der reichsten Städte dieser Welt, aber mit recht darf sie sich zu den wohlhabenden zählen. Dennoch spielen sich jeden Tag unterhalb der Quadriga Szenen ab, die das Verhältnis zwischen dem hochentwickelten Industriestaat Deutschland und dem Schwellenland China auf den Kopf stellen.
    Gut ausgebildete deutsche Studenten, nicht selten ohne Abschluß, dienen sich schamlos chinesischen Touristen an. Ihre Fahrzeuge nennen sie nicht Rischkas sondern Velotaxi. Die offizielle Straßenverkehrszulassung mit roten Rückleuchten weist das Fahrzeug auch eindeutig als deutsches Produkt aus.
    Schwerfällig geht es durch das Tor. Die Demontage durch Napoleon gehört zum Touristenführer-Grundwissen.
    Nicht erwähnt und meist nicht gewußt wird jedoch, dass die von Schadow geschaffene Quadriga, dass heißt die Kopie, da das Original im Krieg zerstört wurde, ihr Vorbild in der Quadriga des Markusdoms in Venedig hat.
    Das Vierergespann auf dem dortigen Dom, ebenfalls eine Kopie, fand seinen Weg über Konstantinopel dorthin.
    Die zweirädrigen Streitwagen gab es nur in Kleinasien. Die ersten künstlerischen Abbildungen stammen aus dem heutigen Irak und das ist schon auf halber Strecke nach China.
    Wolfgang Hummel, Berlin, Soorstraße 17 (ehemaliges Gebiet von Afghanistan, da früher exterritoriales Botschaftsgelände)

  4. Die Amerikaner sind beim...
    Die Amerikaner sind beim Denkmalkopieren ja noch viel schlimmer. Man denke an das Hofbräuhaus in Las Vegas. Viele wissen auch nicht, dass in New York eine exakte, wenn auch marginal größere Kopie der weltberühmten Pariser Freiheitsstatue an der Île aux Cygnes steht. Nicht zu vergessen das Hermann Heights Monument, eine Kopie des Hermannsdenkmals in Detmold. Selbst vor deutschen Ortsnamen wird nicht halt gemacht, auch wenn das Plagiat leicht erkennbar ist. Das HHM steht in New-Ulm.

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