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Weihnachten in China: Getrübte Feierlaune trotz schicker Schlitten

21.12.2011, 07:45 Uhr  ·  China feiert sein Jahresendfest einen Monat nach uns. Doch schon zu Weihnachten lässt sich gut Geld verdienen. Allerdings weniger als sonst, denn die Nachfrage aus dem Westen nimmt ab. In Fernost gilt am Ende dieses schwierigen Jahres das, was auf der ganzen Welt gilt: Leise kriselt's im Schnee.

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Ein elektrischer Schneemann  lässt Hullahoop-Reifen um  seine üppigen Hüften kreisen, ein Nikolaus schlägt Purzelbäume an einem Fallschirm, ein Rentier singt „Jingle Bells”. Die Weihnachtsstimmung hat auch China erreicht. Sie zeigt sich hier in einer ganz eigenen Variante (man sagt gern „mit chinesischer Charakteristik”), die letztlich aber doch eine amerikanische ist, nur noch schriller und weiter entrückt vom eigentlichen Anlass.

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Die Kaufhäuser und Einkaufszentren sind geschmückt mit riesigen Christbäumen, Blinklichtern und Santa-Claus-Figuren, die Wände hochklettern oder „Hohoho” brummeln. „White Christmas” knödelt aus den Lautsprechern, Stände verkaufen rote Pudelmützen und Haarreifen mit Geweihen. In Peking gibt es sogar Weihnachtsmärkte. Der schönste ist – natürlich! – jener in der Deutschen Botschaft, der leider nur einen Tag lang dauert, dann aber den besten Glühwein (von Siemens) feilbietet, die besten Bratwürste (von Volkswagen) und die prunkvollsten Adventskränze (von den Expat-Ehefrauen).

In der Tianze Lu im Nordosten Pekings versuchen sich die Einheimischen an ähnlichem Budenzauber. Hier gibt es zwar nichts zu essen – was völlig untypisch ist für China -, dafür aber noch mehr Kitsch als auf den Westmärkten: Kugeln in allen Glitzerfarben, „Stockings” für den Kamin in allen Größen, Weihnachtsbäume in allen Grüntönen und Preisen. Alles ist aus Kunststoff, auch die Bäume. Man bekommt sie ab 35 Yuan (4 Euro), wer echte will, muss im Blumenmarkt gegenüber das Zehnfachen zahlen.

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Zwischen den Hütten flanieren einige Ausländer, die, wie wir, die Festtage in der Fremde begehen, die meisten Kunden aber sind Asiaten. Eine chinesische Dame mit Sonnenbrille und Pelz, die „eigentlich immer in unserem Haus in Miami” Heiligabend feiert, interessiert sich für Goldgirlanden und schneebedeckte Modellhäuser, die von innen leuchten. Chinesisch-Neujahr, das wichtigste Familien- und Geschenkefest, liege diesmal schon Ende Januar und damit nahe an Weihnachten, sagt die Pelzdame. „Wenn wir die westlichen Feiertage mitnehmen, können wir zwei Monate lang Spaß haben!” Sie lässt sich die Tüten zum Auto tragen, einem Porsche Cayenne. Daneben parkt ein Maserati, weiter vorn steht ein weißer Ferrari. China, der am schnellsten wachsende Markt für teure Autos, ist voller schicker Schlitten, nicht nur zur Weihnachtszeit.

In Fernost wird das Christfest als Grund zum Shoppen und Feiern immer beliebter, ähnlich wie der Valentinstag oder Halloween. Noch aber sind die Umsätze gering, verglichen jedenfalls mit dem Absatz zu Chinesisch-Neujahr und mit den Weihnachtserlösen der Chinesen im Ausland. Denn natürlich ist die Werkbank der Welt nicht nur ganz allgemein der größte Exporteur, sondern auch ganz speziell der wichtigste Produzent von Fest- und Geschenkartikeln. Allerdings ist dieser Branche derzeit gar nicht zum Feiern zumute.

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Das zeigt sich zum Beispiel in Shenzhen nördlich von Hongkong, Chinas ältester und erfolgreichster Sonderwirtschaftszone. Mit dem Aufstieg zur Industrie- und Exporthochburg seit 1980 ist die Einwohnerzahl von 30.000 auf 12 Millionen in die Höhe geschossen. Was viele nicht wissen: Shenzhen ist nicht nur der wichtigste Montagestandort der Welt für Elektronikprodukte wie iPhones oder iPads, sondern auch das Zentrum für Weihnachtsfirlefanz. In der Region sitzen allein 200 Hersteller von künstlichen Tannenbäumen, die 90 Prozent der Weltproduktion liefern. „Wir spüren die Auswirkungen der Wirtschaftskrise bereits”, zitiert die Zeitung „China Daily” den Geschäftsführer von King Tree Handicrafts, Peng Hua,

Mit rund 400 Mitarbeitern und 20 Millionen Dollar Umsatz im Jahr ist Pengs Unternehmen einer der wichtigsten Hersteller der Plastikkoniferen. Fast alle Produkte gehen ins Ausland, etwa 70 Prozent nach Amerika, fast 30 Prozent nach Europa. Im Inland beträgt der Absatz kaum 5 Prozent, weshalb sich, im Gegensatz zu anderen Branchen, ein Rückgang im Export kaum ausgleichen lässt. Zuletzt traf den Betrieb die Finanzkrise von 2008 hart, als die Bestellungen um 30 Prozent fielen. Soweit sei es noch nicht, sagt Peng, aber das Wachstum habe sich abgeschwächt, weil die Käufer im Westen zu sparen begönnen.

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Noch deutlicher zeigt sich die Zurückhaltung bei Weihnachtsdekorationen und Kunstgewerbe. „In unserem Geschäft gibt es ganz klar eine neue Krise”, sagt Liu Li vom Massenhersteller Gaodeng, die wir in Shenzhen treffen. „Wegen der Flaute im Westen ist unser Umsatz um 30 Prozent gefallen.” Gaodeng exportiert fast alle Waren nach Europa und Amerika, vor allem Fotorahmen und Wanduhren. „Das lohnt sich nicht mehr, wir satteln um.” Künftig will man Elektronikbauteile für chinesische Computerhersteller zusammensetzen (http://www.faz.net/-gqi-6vcb0).

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In Shantou, das wie Shenzhen in der Südküstenprovinz Guangdong (Kanton) liegt, ist vor allem das Weihnachtsgeschäft der Spielzeughersteller von der Flaute betroffen. „Die ganze Industrie hat einen Geschäftsrückgang um 30 Prozent erfahren”, sagt Lin Wei, der Chef von Big Tree Toys, gegenüber „China Daily”. „Die Krise in Europa und die müde Konjunktur in den Vereinigten Staaten haben ganz klar einen Effekt.”

Big Tree Toys erwirtschaftet etwa 200 Millionen Yuan Umsatz im Jahr (24 Millionen Euro), 90 Prozent davon stammen von der Ausfuhr. „Die Weihnachtsbestellungen machen traditionell 60 bis 70 Prozent unseres Geschäfts aus”, rechnet Lin. „Die aus den großen Märkten wie Amerika und Europa sind bedeutend gefallen.” Wegen der Verwerfungen in den Industrieländern will Lin jetzt neue Märkte erschließen. In Brasilien, Mexiko, Argentinien und Kuba sei man jetzt schon erfolgreich. „Fast alle Spielwaren dort kommen von uns.”

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Notfalls steht Big Tree Toys auch der heimische Markt offen, um die Rückschläge im Ausland abzufedern.  Man investiere schon entsprechend, verrät Lin. Angesichts der starken Wohlstandszugewinne legt der Binnenabsatz schon jetzt deutlich schneller zu als der Export. Nach Angaben des Verbands für Spielzeug und Jugendprodukte hat sich das Ausfuhrwachstum seit April halbiert, demgegenüber sei der Inlandszuwachs kräftig gestiegen. Zwischen 2010 und 2015 soll sich das Volumen auf gut 9,4 Milliarden Dollar fast verdoppeln und damit fast den Wert der heutigen Auslandslieferungen erreichen (http://www.faz.net/-gqi-6v04i).

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Auf christliche Feiertage wird die Industrie dann immer weniger angewiesen sein. Die wichtigsten Geschenkanlässe in China seien der Kindertag am ersten Juni, das Frühlingsfest mit Chinesisch-Neujahr und die Sommerferien, sagt Lin, „nicht Weihnachten, wie es im Westen gefeiert wird”.

Auch China mag auf schlechtere Zeiten zusteuern. Aber durch die Aktivierung seines gigantischen Binnenmarkts kann es noch viel Potential mobilisieren. In Fernost gilt in den Weihnachtstagen dieses schwierigen Jahres das, was auf der ganzen Welt gilt: Leise kriselt’s im Schnee – aber eben viel leiser als im Westen.

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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0 hummelw 25.12.2011, 17:43 Uhr

Wieder einmal hat es Christian...

Wieder einmal hat es Christian Geinitz verstanden, die wirtschaftliche Stimmung in großartiger Weise einzufangen. Folgende Ergänzungen aus eigenen Beobachtungen seien erlaubt: Als Europäer ist man oft erstaunt, wieviel Unbehagen und Zukunftssorge sich hinter der Fassade der Selbstsicherheit der Chinesen versteckt. Unbestritten deuten viele Indikatoren auf eine Abschwächung des Wirtschaftswachstum im Jahr 2012 von 10% auf möglicherweise 8 % hin. Doch muß dies wirklich Grund für so große Beunruhigung sein? Es bleibt bisher die Stärke der westeuropäischen Unternehmen über die Jahre viele Konjunktureinbrüche durchgestanden und erfolgreich gemeistert zu haben. Dies verschafft Gelassenheit. Erstaunen muß in diesen Tagen in China auch, in welchem Umfang die europäische Schuldenkrise für den Nachfrageausfall als Ursache herangezogen wird. Die geringe Nachfrage nach chinesischen Wechselrichtern hat nichts mit Konjunkturkrise, sondern mit schlechtem Vertriebsnetz und unzureichendem Service zu tun. Der Einbruch der Nachfrage nach chinesischen Solarmodulen hat seine Ursache in Kaufzurückhaltung wegen der politisch geweckten Erwartung weiterer Förderung Erneuerbarer Energien und ist kein Zeichen der Rezession. Zu einfach sind auch die Erklärungsmuster der Chinesen bezogen auf das Weihnachtsgeschäft. So ist die geringe Nachfrage nach Christbaumschmuck ein deutliches Zeichen für die Veränderung im europäischen Konsumentenverhalten. Mit Kaufkraftverlust hat diese nur eingeschränkt zu tun: Wichtiger als der aufwändige Festschmuck sind die Geschenke und dies sind immer mehr teure elektronische Geräte. Gleichzeitig werden deren Nutzer immer jünger. Wer über Weihnachten einen Kurzurlaub verbringt, auch dies ist ganz eindeutig ein Trend, wird wenig Gedanken an das weihnachtliche Schmücken verwenden. Nicht zuletzt gibt die demografische Entwicklung in Westeuropa die Richtung vor: Wo Kinder und Enkel fehlen, wird Nachfrage in andere Richtung gelenkt. Festzustellen bleibt am Ende: Noch nie wurden von jeder Seite so hohe Erwartungen in die jeweils andere Seite gesetzt. Die Chinesen erwarten gerade von den Deutschen die Aufrechterhaltung hoher Importe auch in 2012. Die Europäer erhoffen von chinesischer Seite Hilfe bei der Überwindung der Schuldenkrise. Wolfgang Hummel, Berlin

Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.