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Stadt der 1000 Sonnen. Zwei Drittel unserer Silvesterkracher kommen aus Liuyang in Südchina

30.12.2011, 09:01 Uhr  ·  In Liuyang wird es nie dunkel. Jede Nacht probieren die Feuerwerksunternehmen der Stadt ihre neuen Waren aus, auf einem Truppenübungsplatz für Pyromanen. Zwei Drittel der Weltproduktion kommen von hier. Warum? Weil der Weise Li Tian die Knallerei hier erfunden hat - vor 1400 Jahren.

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In Liuyang wird es nie dunkel. Jede Nacht erstrahlen über der Stadt künstliche Sonnen, zerplatzen Tausende Sterne, fällt bunter Leuchtregen, ziehen funkelnde Schweife über das Firmament. Dazu donnert, knallt und zischt es mit ohrenbetäubendem Lärm. Jede Nacht. Seit Jahrzehnten, einige sagen seit Jahrhunderten. Liuyang, eine chinesische Kleinstadt mit der Einwohnerzahl Münchens im Nordosten der chinesischen Provinz Hunan, ist die Welthauptstadt des Feuerwerks.

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Nach Angaben der Stadtverwaltung stammen 67 Prozent der Weltproduktion von hier, also zwei von drei Raketen, Böllern, Knallfröschen oder Wunderkerzen, die in der ganzen Welt abgebrannt werden. Zu Silvester verscheuchen auch die Deutschen ihre bösen Geister am liebsten mit Zündwerk aus Liuyang.

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Dort ist zwar nicht jede Nacht Party, aber die Feuerwerksunternehmen testen allabendliche ihre Chargen und Neuerfindungen direkt in der Stadt. Um die Produktqualität sicherzustellen und neue Kreationen auszuprobieren, schießen sie Hunderte von Test-Raketen, Vulkanen, Feuerwerksbatterien oder Kugelbomben in den Himmel über Liuyang. Dazu dient ihnen ein riesiger Festplatz am Fluss, auf dem alle zwei Jahre ein internationales Feuerwerksfestival stattfindet. Ansonsten steht er leer – ein Truppenübungsplatz für Pyromanen.

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Natürlich ist da, wo die Raketen und Kracher entstehen, offenes Feuer streng verboten. Etwa in der Feuerwerksmanufaktur Xiang Feng etwas außerhalb der Stadt. Nein, Angst habe er nicht bei der Arbeit, sagt der hochgewachsene Mann und füllt mit einem Sieb Schwarzpulver in die Knallkörper. „Wir wissen, was wir tun, und halten uns an die Auflagen.” Der wichtigste Schutz ist der Steilhang. Jeder der mehr als einhundert Arbeitsplätze ist in den lehmigen Hügel eingegraben, nur nach oben und nach vorn stehen die engen Nischen offen. „Wenn wirklich etwas passiert, trifft es nicht gleich alle”, sagt der Arbeiter, „aber es passiert schon nichts.”

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Das zerklüftete Gebirge rund um Liuyang sei einer der Gründe, warum sich die Pyrotechnik in der Region angesiedelt habe, erläutert Wang Dong, der das Feuerwerksbüro der Stadtverwaltung leitet. „Mindestens ebenso wichtig aber ist die Tradition seit Li Tian.” Der weise Mann soll hier im 7. Jahrhundert mit dem – ebenfalls in China erfundenen – Schießpulver experimentiert und dabei die ersten Knallkörper zur Vertreibung von Dämonen entwickelt haben.

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Bis heute verehrt die Branche den Langbärtigen in Prozessionen, in Feiern und mit viel Räucherwerk. Im Feuerwerksmuseum in der Landgemeinde Dayao überragt seine haushohe Statue einen Schrein, wie man ihn aus buddhistischen Klöstern kennt. Auf dem Gelände können treue Anhänger sogar an Li Tians Grab knien.

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„Wir haben 1400 Jahre Erfahrung”, sagt Wang, „nirgendwo wird mehr und besseres Feuerwerk hergestellt als hier.” Damit das so bleibt, gibt es an der Technischen Hochschule der Provinzhauptstadt Changsha sogar einen eigenen Studiengang für Feuerwerkstechnik, angeblich den einzigen der Welt.

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Nach Wangs Zahlen sind in den mehr als 1700 Zündelunternehmen rund 300.000 Arbeiter beschäftigt, die 40 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der Stadt erbrächten. Angeblich steigt der Umsatz jedes Jahr um etwa 10 Prozent, 2010 sollen es 12 Milliarden Yuan (1,5 Milliarden Euro) gewesen sein. Etwa 30 Prozent der Produktion geht ins Ausland, doch die Bedeutung des Exports nimmt ab. Daran sind zum einen schärfere Schutzauflagen schuld. Im Februar 2008 explodierten im kantonesischen Sanshui 20 Lagerhäuser mit Feuerwerkskörpern, die für die Ausfuhr bestimmt waren. Seitdem haben sich die Hafen-, Transport- und Sicherheitskosten erhöht.

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Hinzu kommt, dass in der EU eine neue Richtlinie zur Qualität von Feuerwerkskörpern gilt. Das an strenge Standards gewöhnte Deutschland und seine chinesischen Lieferanten haben damit keine Schwierigkeiten. Die Importeure in Ost- und Südeuropa müssen jetzt aber bessere Waren einkaufen, was viele Billighersteller in Fernost trifft.

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„Unser Export wurde in den letzten Jahren stark gerupft”, klagt Xiao Jiangyi, Direktor der Panda Fireworks Group in Liuyang. „Erst kamen die Explosionen in Sanshui, dann die Krisen in Amerika und Europa.” Panda, das mit einer Geschäftseinheit an der Börse in Schanghai notiert ist, gilt als einer der größten Feuerwerkskonzerne der Welt. Jedes Jahr setzt die Gruppe etwa eine halbe Milliarde Yuan um (60 Millionen Euro), davon bis zur Hälfte im Ausland. In den vergangenen drei Jahren habe der Absatz um 15 bis 20 Prozent abgenommen, sagt Xiao.

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Ein weiterer Grund dafür sei das gestiegene Umweltbewusstsein. „Die Leute klagen über Feinstaub, Lärm und Müll, viele halten Feuerwerke schlichtweg für Verschwendung.” Panda spürt das bei seinen Großaufträgen, etwa auf internationalen Massenveranstaltungen. So steht man mit den Ausrichtern der Olympischen Spiele 2012 in London in Gesprächen, rechnet aber nicht mit dem Zuschlag. „Die wollen grüne Spiele und meinen, dazu passt das Feuerwerk nicht”, weiß Xiao, dessen Unternehmen den Feuerzauber bei der Eröffnungsfeier 2008 in Peking mitgestaltet hat.

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 „Zum Glück zieht der Inlandsmarkt mächtig an”, tröstet sich der Manager. Nach der Kulturrevolution war es in Chinas Großstädten 30 Jahre lang verboten oder nur eingeschränkt möglich, zum Frühlingsfest Feuerwerke abzubrennen. Erst seit 2005 dürfen die Bewohner zum chinesischen Neujahr, das diesmal Ende Januar gefeiert wird, wieder Raketen in die Luft schießen oder Böller knallen lassen – ein ohrenbetäubendes Spektakel, das sich über zwei Wochen hinzieht.

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Panda liefert die Hälfte der Materialien, die in der Hauptstadt Peking gezündet werden: 300.000 Kartons in 300 Containern. Die illegal verkauften Mengen schätzt Xiao auf das Dreifache. In drei bis fünf Jahren will Panda bis zu 20 Großstädte als Kunden gewinnen und dort zwei Millionen Kartons absetzen. „Damit können wir die Rückgänge im Ausland ausgleichen”, hofft Xiao.

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Schwieriger sei es, die Margen zu halten. Wie alle großen Hersteller gibt Panda vor, unter steigenden Kosten zu leiden, die es in dem scharfen Wettbewerb nur unzureichend an die Kunden überwälzen könne. Papier, Schwarzpulver und Chemikalien seien in den vergangenen Jahren um fast 20 Prozent teurer geworden, ähnlich stark hätten die Löhne zugelegt.

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Diese sind allerdings noch immer sehr niedrig. In der Manufaktur Xiang Feng wickelt eine junge Frau überdimensionale Wunderkerzen ein. Für jedes der baguettelangen Stücke erhält sie 0,02 Yuan ausgezahlt. Am Tag schafft sie 2000, kommt also auf 40 Yuan (5 Euro). Auch bei Panda ist das der Durchschnittslohn. In den vollgepackten Geschäften am Feuerwerksplatz in der Stadtmitte kosten die langen Magnesiumlichter etwa 0,40 Yuan je Stück.

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Allzu schlecht scheint es um die Gewinne der Hersteller nicht bestellt zu sein: Pandas börsennotierter Arm fährt etwa 10 Prozent seines Umsatzes als Überschuss ein. Offenbar kann sich die Verehrung des Weisen Li Tian durchaus lohnen.

Fotos itz.

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.