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In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

E-Bikes und Autos statt Fahrräder in China. Vom Sterben einer Spezies

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Niemand weiß, wie viele Fahrräder es in Peking gibt. Die Sängerin Katie Melua behauptet, es seien 9 Millionen, es könnten aber auch doppelt so viele sein. Klar ist, dass sie als Verkehrsmittel immer unbedeutender werden. Nicht nur die Autos machen ihnen zu schaffen, sondern auch ihre Schwestergefährte, die Elektroräder. Wer, wie ich, als Radler unterwegs ist, lebt gefährlich - und wird in der Stadt bestenfalls drittklassig behandelt.

Von CHRISTIAN GEINITZ

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„There are 9 million bicycles in Beijing“, singt eine der schönsten Stimmen in einem der schönsten englischen Liebeslieder. Diese Zahl hatte eine Reiseführerin der Sängerin Katie Melua bei einem Besuch in China genannt. Später gab es Zweifel an den Angaben in dem Lied. Die bezogen sich allerdings auf eine andere Textzeile: Das Ende des „wahrnehmbaren Universums“ sei nicht 12 Milliarden Lichtjahre entfernt, wie Melua singe, sondern 13,7 Milliarden. Die Aussagen zum Fahrradbestand gingen indes weitgehend unbeanstandet durch. Wohl weil es einfacher ist, die Ausdehnung des Weltraums zu messen, als in Peking Fahrräder zu zählen.

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Tatsächlich gebe es keine offiziellen Daten zur Menge der Räder in der chinesischen Hauptstadt, sagt Ma Zhongchao, Präsident des Zweiradverbands CBA. Im ganzen Land seien 1,34 Milliarden Chinesen mit 470 Millionen Rädern unterwegs, für Peking aber seien die Schätzungen ungenau. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua zählte 2010 in der Metropole rund 1,3 Millionen Räder, im Internet kursieren hingegen Daten von 10 bis fast 20 Millionen – bei etwa 19 Millionen Einwohnern. Eines aber sei klar, sagt Ma, „die Bedeutung des Fahrrads als Verkehrsmittel nimmt immer mehr ab“.

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Dazu hat er sogar Statistiken parat, wobei nicht ganz klar ist, wie man diese erheben kann, ohne die Anzahl der Räder zu kennen. Jedenfalls sei 1986 das Fahrrad noch das mit Abstand wichtigste Gefährt gewesen. 63 Prozent der Pekinger hätten es regelmäßig genutzt, nur 5 Prozent seien Auto gefahren. Selbst im Jahr 2000 war das Rad mit 40 Prozent noch immer fast doppelt so wichtig wie das Auto. Dann aber fiel es rasant zurück. 2010 ritten nur noch 17,9 Prozent ihre Drahtesel, 30,2 Prozent stiegen in Personenwagen.

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Wer in Peking mit dem Rad unterwegs ist, spürt diesen Bedeutungsverlust am eigenen Leib. Zwar gibt es noch immer wundervoll breite Fahrradstraßen, die, oft abgetrennt, neben den Boulevards verlaufen. Hier ist zu Stoßzeiten einiges los, es drängelt, klingelt, schiebt, flucht, schwitzt und stöhnt um uns herum. Doch die Zeiten sind längst vorbei, wo die Fahrräder die Stadt dominierten und ihre bloße Masse den formal stärkeren, aber  zahlenmäßig unterlegenen Kraftfahrzeugen wortwörtlich zeigten, wo es langging.

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Einkäufer, Kunden, Besucher, die zu Geschäften, Terminen, Restaurants pedalieren, gelten als minderwertig und werden auch so behandelt. Während Autos überall vorfahren dürfen, verscheuchen Portiers und Sicherheitskräfte die Radfahrer oder weisen ihnen weit abgelegen Stellplätze zu. Vor unserem Sportclub im schmucken Marriott-Hotel gibt es eine einzige ungeteerte Schmuddelecke. Dort parken die Hotelangestellten und Wanderarbeiter ihre Fahrräder – und die etwas peinlichen Gäste wie wir.

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Auf die Frage, warum ich das gute Stück nicht an einem Mast in der Nähe des Eingangs anschließen dürfe, sagte ein Wächter: „Das stört den schönen Anblick. Ein Rad, und dann auch noch mit Kindersitz…“ Klar, glänzend-schwarze Audi A8 mit kahlgeschorenen untersetzen Fahrern in dunklen Blousons geben da ein viel besseres Bild ab. Beim Einkaufen ist schon mehrfach ein Uniformierter hinter mir hergestürmt, damit mein Rad den glitzernden Konsumtempeln nicht zu nahe kommt. Einer hatte schon fast den Gepäckträger gepackt, aber ein kräftiger Tritt in die Pedale ließ ihn brüllend und gestikulierend zurück.

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Das Fahrrad ist in der modernen chinesischen Gesellschaft allenfalls drittklassig. Neben dem Auto ist ihm eine Konkurrenz erwachsen, die ebenfalls auf zwei Rädern unterwegs ist, ein Schwestergefährt gewissermaßen: das E-Bike. Sicher kennen Sie dessen Siegeszug aus Deutschland. Dort soll der Verkauf der Elektroräder 2011 um 50 Prozent auf 300.000 gestiegen sein. Diese Zahl ist nichts gegen China! Ma schätzt den Verkauf dort im vergangenen Jahr auf 27 bis 29 Millionen Einheiten, bei vielleicht 55 Millionen Verkäufen in der ganzen Welt.

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Kein anderes Verkehrsmittel, nicht einmal das Auto im größten und am schnellsten wachsenden Kraftfahrzeugmarkt der Welt, weist größere Steigerungsraten auf als das „Diandong Zixingche“, das Stromrad. Einen Boom erlebte die Branche 2003. Wegen der Atemwegs-Epidemie Sars fürchteten sich die Menschen vor Bussen und U-Bahnen. Innerhalb eines Jahres stieg der Absatz von E-Rädern von 1,5 auf 4 Millionen.

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Heute sind auf Chinas Straßen schon 130 Millionen davon unterwegs, im Vergleich zu 100 Millionen Autos. Noch existieren dreieinhalb Mal so viele herkömmliche Räder, aber der Abstand wird immer kleiner. „China entwickelt sich vom Land der Fahrräder zum Land der E-Bikes“, sagt Ma. „Auch international sind wir die Nummer eins, bei der Nutzung, bei der Produktion, beim Export.“

E-Bikes kosten ein Mehrfaches normaler Räder, sind aber in Anschaffung und Unterhalt noch immer viel günstiger als Autos. Für die meisten müssen zwischen 2000 und 3000 Yuan (240 bis 360 Euro) bezahlt werden. Der subventionierte Strompreis macht es möglich, dass man für 0,5 Yuan (6 Eurocent) 100 Kilometer weit kommt. Ausgestattet mit einer Ladefläche oder einer Kabine, transportieren die Vehikel auch Waren und Passagiere; selbst in vielen Rikschas surrt ein Elektromotor. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass E-Bikes in dem immer schleppender werdenden Verkehr vergleichsweise gut vorankommen. Motorräder, Mopeds oder Mofa sind übrigens keine Alternative: Die Neuzulassung von Zweirädern mit Verbrennungsmotoren ist in Peking seit Jahren verboten.

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Es gibt allerdings auch Gegenwind gegen die neue Technik. Weil die Räder so flink und zugleich leise sind und sowohl über Radwege wie Straßen schnurren, gelten sie als besonders gefährlich. Vor zehn Jahren gab es in China bei Unfällen mit E-Bikes 34 Todesopfer, 2009 waren es mehr als 3600. Mancher nennt die Geschosse deshalb „stumme Killer“. Verteidiger wenden ein, dass es damals erst 50.000 Räder gegeben habe, gegenüber den 130 Millionen von heute. Dennoch handeln die Behörden. In einigen Städten haben sie die Kontrollen verschärft, anderswo wurden die Räder ganz verboten, zuletzt in Shenzhen.

Das wünschen sich auch manche Pekinger Radfahrer, die noch mit Muskelkraft vorankommen. Denn die übermotorisierten Konkurrenten tauchen lautlos und wie aus dem Nichts auf, hupen böse, überholen links und rechts, biegen abrupt ab – und telefonieren zumeist auch noch dabei. Entspannt, überlegen, fast ein bisschen verächtlich gegenüber denen, die mit eigener Kraft unterwegs sind.

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Darüber hilft nur die Genugtuung hinweg, wenn einem der Flitzer mal der Saft ausgeht. Ein schweres chinesisches Elektrorad zu schieben oder mit Notpedalen voranzutreiben, ist viel anstrengender, als in einem normalen Sattel zu sitzen. „Geschieht dir recht!“ durchfährt es mich gemein, als ich stocksteif an dem Liegengebliebenen vorbeiradele. Auf dem iPod stelle ich mein Triumphlied ein, die Hymne aller entrechteten Radfahrer in Peking. Sie hat wirklich eine entzückende Stimme diese Katie Melua.

Fotos: itz. (von oben Nr. 1,2,11), J.G. Flickr, Wikimedia (3), Stougard, Wikimedia (4,5,6,7), Brian Kelly, Wikimedia (8), Chenying Photo, Wikimedia (9), Australian Cowboy, Wikimedia (10)

Zu Bild Nr. 11: Auch VW drängt auf den chinesischen E-Bike-Markt, hier ein Bild dieses Scooters auf der Automesse in Guangzhou.

Weiterlesen zu China:

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4 Lesermeinungen

  1. bin gespant was die deutschen...
    bin gespant was die deutschen über uns redet

  2. die ebikes werden sich durch...
    die ebikes werden sich durch setzen natürlich unter neuen Sicherheitsbestimmungen gerade das diese absolut lautlos sind wie auch im Artikel beschrieben wird einiges umdenken fordern und auch neue Lärm Vorschriften mit sich bringen nur ebend diesmal in die andere Richtung ;)

  3. @fbossel
    Sie haben recht, die...

    @fbossel
    Sie haben recht, die weißen Absperrungen sind gemein. Andererseits bin ich auch Autofahrer. Wenn ich mir überlege, dass – ohne die Zäune – plötzlich Fußgänger über die Straße huschten – wie üblich, ohne nach rechts und links zu schauen – dann wird mir ganz mulmig bei dem Gedanken. Über das Autofahrerdasein müsste man auch mal einen Blogeintrag schreiben. Schon meine Führerscheinprüfung war urkomisch. Wir hatte dazu seinerzeit einen Quiz gebastelt. Vielleicht interssiert das:
    Kurioses Zulassungsverfahren. Chinas Lottofee verhilft zum Autokennzeichen
    (http://www.faz.net/-gqg-xrin)
    Gruß aus Peking, itz.

  4. Netter Artikel, aber eines der...
    Netter Artikel, aber eines der größten Ärgernisse, das wohl auch zum Verschwinden des Fahrrads führt, wird leider nicht erwähnt: die elenden Zäune auf allen etwas breiteren Straßen. Man muß teilweise kilometerweite Umwege in Kauf nehmen, um auf die linke Seite zu kommen (wenn man nicht über die Fußgängerbrücken klettern will; an manchen Stellen, z.B. G6, auch dann).
    Wenn man sich auskennt, fährt man natürlich von vorneherein auf der Gegenseite, was aber der Geschwindigkeit abträglich ist.
    & auch die breitesten Radwege nützen nichts, wenn sie zugeparkt sind, was leider auch zunehmend passiert.
    Da ich nicht in Schicki-Micki-Tempeln einkaufe, habe ich das Problem mit abgelegenen Stellplätzen glücklicherweise nicht.

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