Akte Asien

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In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

Entwicklungsland? Chinas Reiche gieren nach dem Super-Porsche – für 1,6 Millionen Euro

In China ist der neue Super-Porsche 918 Spyder doppelt so teuer wie in Deutschland. Trotzdem gibt es hier schon mehr Vorbestellungen als aus jeder anderen Region. Sieht so ein Entwicklungsland aus, als das sich China nach wie vor verkauft?

Von CHRISTIAN GEINITZ

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Das Auto ist eines der teuersten aller Zeiten, es ist noch nicht einmal auf dem Markt – und trotzdem kaufen es die Chinesen schon in Scharen. Für seinen neuen Supersportwagen 918 Spyder, der erst in zwei Jahren herauskommt, verzeichnet der schwäbische Sportwagenhersteller Porsche aus der Volksrepublik und Hongkong so viele Bestellungen wie aus keinem anderen Land.

Wenn man das erfährt, glaubt man immer weniger, dass China, wie die Regierung in Peking nicht müde wird zu versichern, noch ein Entwicklungsland ist. Sicherlich ist das Pro-Kopf-Einkommen weiterhin gering, und es gibt manchen recht armen Landstrich. Andererseits zeigen der private Wohlstand der Superreichen und die prallen öffentlichen Kassen, dass das Geld durchaus vorhanden ist – es wird nur falsch verteilt. Entwicklungshilfe jedenfalls, so viel ist klar, hat ein Land kaum verdient, das auf dem größten Devisenschatz der Welt von 3200 Milliarden Dollar sitzt und seinerseits zu den wichtigsten (Aus)Gebern in der Dritte Welt zählt – von Afrika bis Lateinamerika.

Doch zurück zum Erfolg des Spyder in China: „Wir haben schon mehr verkauft als ursprünglich erwartet“, verriet mir Porsche-Landeschef Helmut Broeker kürzlich in Schanghai. „Obwohl das Fahrzeug in China im Vergleich zu Europa extrem teuer ist.“ In Deutschland soll der Roadster 768.000 Euro kosten, in China wegen der hohen Einfuhrzölle und Luxussteuern rund 13,5 Millionen Yuan, umgerechnet 1,6 Millionen Euro.

Porsche liegen für das neue Modell auch Bestellungen aus anderen Ländern vor, doch führt China die Liste offenbar an. Zahlen wollte Broeker nicht nennen. In der ganzen Welt werden überhaupt nur 918 Einheiten des 918er verkauft (siehe „1000 Euro je PS“, http://www.faz.net/-gy9-6yjr1). Die Markteinführung in China ist für Anfang 2014 geplant, einige Monate nach dem Verkaufsstart in Europa.

Bis dahin soll Porsches neue Motorsportstrecke in Schanghai fertig sein. Man werde den Spyder-Käufern in diesem „Driving Experience Center“ (PDEC) ein Training anbieten, um sie mit den Fahreigenschaften des 918 vertraut zu machen, kündigte Broeker an. Schließlich ist es gar nicht so einfach, mehr als 700 PS zu bändigen… Das Center wird Ende 2013 eröffnet, der erste Spatenstich erfolgt am 1. November des laufenden Jahres. Dann finden in Schanghai die Saisonfinale des Porsche Carrera Cups Asia und des Audi-A8-Cups statt. Dazu wird der gesamte Vorstand erwartet. Das Bauland für den Parcours habe man günstig pachten können, erläuterte Broeker. Die Kosten für den Bau des Gebäudes und der Strecke bezifferte er auf 15 bis 20 Millionen Euro.

Kürzlich unterzeichnete Porsche mit dem Betreiber der bestehenden Formel-1-Strecke in Schanghai, dem Shanghai International Circuit (SIC), eine Vereinbarung zum Bau des PDEC. Damit bestätigten die Partner einen Bericht der F.A.Z. (China: Porsche plant Formel-1-Strecke in Schanghai  ). Die neue Strecke mit den Funktionsgebäuden entsteht unmittelbar neben der bestehenden Bahn auf dem Gelände des SIC. Sie ist das dritte PEDC nach Leipzig und Silverstone. In Los Angeles und Atlanta plant Porsche zwei weitere.

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Den Zuschlag für den Bau hat das deutsche Unternehmen Obermeyer Engineering and Consulting erhalten. Den benachbarten Shanghai Circuit hatte der deutsche Rennfahrer und Bauingenieur Hermann Tilke entworfen, auf dessen Pläne auch das PDEC am Porsche-Werk in Leipzig zurückgeht. Der Rundkurs in Schanghai wird mit 1,6 bis 1,9 Kilometern kürzer und schmaler als das Vorbild in Sachsen. Anders als dieses soll er auch nicht, wie ursprünglich gedacht, vom Rennsportverband FIA als Formel-1-Piste zertifiziert werden. Man wolle dem deutlich größeren SIC, dem einzigen Formel-1-Parcours in China, keine Konkurrenz machen, versicherte Broeker. Vielmehr werde man dessen Anlage mitbenutzen. Schon jetzt fänden dort Trainingsfahrten statt.

Auf dem neuen Areal wird es, wie in Leipzig, auch einen Abschnitt für Geländefahrten geben, um die Offroad-Qualitäten des Cayenne zu demonstrieren, des Sport Utility Vehicle (SUV) von Porsche. Dessen Kletterfreude ist tatsächlich beachtlich, wie ich auf der sächsischen Strecke selbst einmal ausprobieren durfte, allerdings benutzt kaum jemand in Deutschland oder in China das edle Stück wirklich in unwegsamem Terrain. Anstatt ein Geländewagen zu sein, ist der Cayenne doch wohl eher ein Geblendewagen. Jedenfalls in China, seinem wichtigsten Markt.

Apropos Teststrecke in Leipzig: Damals durfte ich dort im Carrera GT (mit)fahren, dem Vorgängermodell des Spyder als überirdischer Straßenrennwagen. Mein Fahrlehrer von einst, ein gelernter Renn-Pilot, unterrichtet heute am PDEC in Schanghai!

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Insgesamt sollen dort bis zu 80 Kunden am Tag die deutschen Autos kennenlernen. Es wird Fahr- und Sicherheitstrainings geben, interne Porsche-Schulungen und Fremdveranstaltungen. Broeker erinnerte daran, dass es angesichts des dichten Verkehrs und der Geschwindigkeitsbeschränkungen in China schwierig sei, Sport- und Geländewagen voll einzusetzen. Nur Porsche biete in China Trainings bis hin zur Rennlizenz an.

Interessant ist auch, dass Porsche seine Händler und Mitarbeiter nach Schanghai einladen will. Denn obgleich sie jeden Tag mit den Fahrzeugen zu tun haben und sie potentiellen Kunden anpreisen müssen, sind die wenigsten Beschäftigten die Autos je selbst gefahren. Anders als in Deutschland können sie sich die teuren Karossen nicht leisten, vielen fehlt zudem die Fahrpraxis.

Der chinesische Partner SIC gehört übrigens zur Jiushi-Gruppe. Diese unterhält oder plant auf dem Gelände neben der Autostrecke auch eine Pferderennbahn, einen Golfplatz sowie riesige Wohn- und Bürokomplexe. Die Anlage liegt im Bezirk Jiading in Nordwest-Schanghai. Man habe mit Porsche seit November 2010 über das Engagement verhandelt, sagte Jiushi-Präsident Zhang Huimin bei der Vertragsunterzeichnung. Er sei stolz, dass die Stuttgarter ihr erstes asiatisches PEDC in Schanghai eröffneten. China mit Hongkong ist Porsches wichtigster Markt nach Amerika und noch vor Deutschland. Nirgendwo wächst der Absatz stärker. 2011 betrug die Zunahme 65 Prozent auf 24.300 Fahrzeuge (siehe: „Der Porsche passend zum Lippenstift“, http://www.faz.net/-gqe-6ycye).

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Fotos: Wikimedia, Flickr (Nr.1), itz. (alle übrigen).

 

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