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Akte Asien

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In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

Reisetipp zu Ostern: Künstlicher Strand und kopierte Picassos in der am schnellsten wachsenden Stadt der Welt

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Willkommen in Shenzhen, Chinas ältester Sonderwirtschaftszone! Hier geht fast alles. Das örtliche „Intercontinental" hat in einer Nachbildung von Kolumbus' „Santa Maria" eine deutsche Brauerei installiert. Im Hotelgarten grast der Osborne-Stier neben einem künstlichen Strand am Pool. Die Stadt ist hoch kreativ, liebt aber auch das Abkupfern. Zum Beispiel in der Künstlerkolonie Dafen, wo angeblich die Hälfte aller weltweiten Kopien von Ölgemälden entstehen.

Von CHRISTIAN GEINITZ

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Haben Sie zu Ostern noch nichts vor? Dann verbringen Sie doch einen Kurzurlaub in Chinas Süden. Nein, nein, nicht in Hongkong oder auf der Tropeninsel Hainan, das ist abgelutscht. Wer etwas auf sich hält, der reist nach Shenzhen unmittelbar nördlich von Hongkong. Dort empfehlen wir Ihnen das Hotel Intercontinental, wo wir kürzlich die Markeneinführung des neuen Elektroautos „Denza“ von Daimler und BYD miterlebt haben. Das Haus im Bezirk Nanshan ist nicht irgendeines der Kette, sondern sein vielleicht irrwitzigstes.

Das Hotel hat sich ganz Europa verschrieben und das in einem in Fernost durchaus üblichen Synkretismus. In der Lobby steht ein knallrotes Klavier, der Ferrari-Flügel des Designers Luigi Colani, der selbst schon eine interessante Mischung ist: sein Vater war Schweizer kurdischer Herkunft, seine Mutter Polin. Er selbst, der eigentlich Lutz heißt, wuchs in Berlin auf. Ansonsten dominiert in dem Hotel das Ferienland Spanien. Das Symbol der Anlage ist die breite Silhouette eines andalusischen Stieres. Sie ist eine exakte Kopie des bekannten Werbeträgers des spanischen Brandybrenners Osborne.

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Das mächtige Tier steht auch im üppig begrünten Innenhof des 2006 neu eröffneten Komplexes. Hier wurde am Schwimmbecken ein künstlicher Strand aufgeschüttet, es gibt ein Inselchen, Bars, Liegestühle, Sonnenschirme, vor allem aber ein beeindruckendes Piratenschiff mit Rutsche für Kinder. Etwas abseits davon betrachten Standbilder von Don Quijote und Sancho Panza die Szene.

Noch größer und eindrucksvoller ist jene spanische Karavelle, die dem Interconti praktisch aus dem Dach wächst. Sie sei die Nachbildung der Santa Maria, jenes Flaggschiffes, mit dem Kolumbus Amerika entdeckte, verrät der Manager der zugehörigen Hotelbar. „Unsere Version ist aber doppelt so groß.“ Die wuchtige Holzkonstruktion liegt in einem Wasserbecken vor Anker, um das herum Tische und Rattansessel gruppiert sind. Ober- und Unterdecks lassen sich für Partys mieten,  im Bauch des Dreimasters ist eine Disco untergekommen. Vor allem aber wird hier, zwischen den Klängen der Liveband, deutsches Bier gebraut.

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So witzig also kann Shenzhen sein! Wir kannten die Stadt bisher nur als Moloch und als jenen gruseligen Ort, wo sich einige Mitarbeiter des Elektronikfertigers Foxconn von den Dächern der Werkshallen in den Tod stürzten – angeblich wegen der schlechten Arbeitsbedingungen. Der Apple-Zulieferer unterhält eine eigene Stadt in der Stadt, die iPod-City rund um seine Fertigung. Dort arbeiten und leben 300.000 Beschäftigte.

Shenzhen galt lange als die am schnellsten wachsende Agglomeration der Welt. Warum? Weil die chinesische Politik der wirtschaftlichen Öffnung hier ihren Anfang nahm. 1979 wurde die Stadt neu geplant und vergrößert und 1980 zu Chinas erster Sonderwirtschaftszone erklärt. Der damalige Führer Deng Xiaoping machte sich persönlich für den Erfolg stark. Mit Verweis auf das neue, freiere Wirtschaften in Shenzhen äußerte er den unerhörten Satz, dass man sich für den „Westwind“ öffnen müsse und dass Reichtum „ruhmvoll“ sein könne.

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Damals zählte das Nest 30.000 Einwohner, heute sind es mindestens 12 Millionen. Das Wachstum wurde begünstigt von der Nähe zum reichen, aber teuren Hongkong, für das Shenzhen und seine Provinz Guangdong (Kanton) bald zum wichtigsten Investitions- und Produktionsstandort wurden. Bei der Expansion spielten auch der Fleiß der Kantonesen und ihre traditionelle Weltoffenheit eine große Rolle.

Shenzhen gilt heute als Chinas jüngste Großstadt, was sich vor allem auf das Durchschnittsalter bezieht. Das hat mit dem Zuzug junger Wanderarbeiter zu tun, aber auch damit, dass sich die Region zum Zentrum der chinesischen Computer- und IT-Industrie entwickelt hat. Die Telekommunikationsausrüster Huawei und ZTE sitzen hier, die längst in der Weltliga spielen, sowie der Daimler-Partner BYD, der sich als Vorreiter für moderne Akkumulatoren und Elektrofahrzeuge versteht. Außerdem sind viele nur in China berühmte Unternehmen hier ansässig, etwa der Download-Beschleuniger Xunlei, an dem Google beteiligt ist.

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Touristisch, das gebe ich gern zu, hat Shenzhen wenig zu bieten. Wenn man von unserer  Oase im Interconti absieht und von der so genannten Künstlerkolonie Dafen. Der Begriff ist etwas irreführend, denn mit Worpswede hat der Ort nichts zu tun, eher mit der sonst in Shenzhen üblichen Fließbandarbeit. Denn in Dafen werden massenweise Gemälde hergestellt, angeblich die Hälfte aller kopierten Ölbilder der Welt. Wikipedia hat hier 12.000 Maler in 300 Ateliers gezählt, die jedes Jahr Werke für 30 Millionen Euro nachpinselten. Besonders beliebt sollen die Vorlagen von Cézanne, Chagall, Dalí, van Gogh, Klimt und Picasso sein.

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Nach Shenzhen zu reisen wäre also ein Klasse-Osterurlaub, oder etwa nicht? Am Strand liegen mitten in einer der größten Städte der Welt, dann abends Party mit deutschem Bier auf einem Schiff, das Geschichte schrieb. Und die Weihnachtseinkäufe könnten Sie auch gleich erledigen: Besonders beliebt sind in Dafen Porträts der Mona Lisa, in die man die eigenen Gesichter einmalen lässt. Oder die der Schwiegermutter, des Chefs oder wem auch immer Sie eine Freude machen müssen.

Copyright-Bedenken hat in Shenzhen übrigens niemand. Als ich am Hotelempfang fragte, ob Osborne der Verwendung seines Stiers zugestimmt habe, schüttelte der Mitarbeiter verständnislos den Kopf. „Aber Sie sind hier doch in China, mein Herr!“

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Fotos: itz.

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1 Lesermeinung

  1. Eine schöne Reiseführung,...
    Eine schöne Reiseführung, eine neue Entdeckung. Wunderbar. Werde diesen Reisetipp nie annehmen, aber interessant zu lesen

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