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Wenn China jetzt schwächelt, geht es auch Deutschland an den Kragen

11.05.2012, 14:00 Uhr  ·  Es sah so aus, als ob China abermals die Weltwirtschaft retten könnte. Jetzt das: Export und Import entwickeln sich viel mieser als erwartet, desgleichen die Industrieproduktion, die Investitionen, der Einzelhandel. Besonders bitter ist das für Deutschland, das immer enger mit China verwoben ist.

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Von CHRISTIAN GEINITZ

China soll es richten, aber kann es das? Wenn, wie derzeit, die wirtschaftliche Lage in den Industrieländern immer schwieriger wird, dann hoffen alle auf die neue Großmacht in Asien. Schließlich hat sie in der Finanz- und Wirtschaftskrise nach 2008 das Schlimmste schon einmal verhindert: weil ihre Banken in dem abgeschotteten Finanzmarkt nicht infiziert waren und weil Regierung und Zentralbank so viel Geld lockermachten wie nie zuvor, um die Binnenwirtschaft zu befeuern. Während die USA, Europa und Japan in die Rezession schlitterten, wuchs China weiter mit fast 10 Prozent im Jahr.

Das half nicht nur den chinesischen Unternehmen übern Berg, sondern der halben Welt: Seitdem ist China die zweitgrößte Volkswirtschaft, der größte Exporteur, der wichtigste Auto-, Maschinen-, Chemiemarkt. China hat, um es salopp zu sagen, den westlichen Herstellern, allen voran den Deutschen, den Hintern gerettet. Die Zeiten waren schlimm, aber ohne China wäre sie noch viel schlimmer gewesen.

Da die Volksrepublik zudem zu Amerikas größtem Gläubiger wurde und die höchsten Devisenreserven seit Menschengedenken aufhäufte, besteht neben der wirtschaftlichen auch eine finanzielle Abhängigkeit des Westens vom Fernen Osten. Nichts wünscht Europa mehr, als dass China (endlich) seine pralle Schatztruhe öffnet, um die Schuldenkrise zu entspannen.

Wie gut aber steht China wirklich da? Kann es die Welt abermals retten, indem es in dem riesigen Land mit seinen theoretisch 1,3 Milliarden Konsumenten wieder einmal den Nachfragemotor anwirft? Das ist sehr schwer zu sagen, denn  nirgendwo ist Papier so geduldig wie in dem Land, das es erfunden hat. Deshalb sprechen die Berichte und Zahlen immer nur die halbe Wahrheit – und sie sind recht widersprüchlich. Während der überraschend gute Einkaufsmanagerindex vor kurzem eine Erholung in Aussicht stellte, gibt es jetzt immer mehr mulmige Nachrichten.

So mehren sich nach den schwachen Konjunkturdaten vom Freitag die Zweifel, ob sich das Land wie vor drei, vier Jahren der Abkühlung in den Industrieländern abermals entziehen kann. Nach Regierungsangaben wuchs die Industrieproduktion im April im Vorjahresvergleich nur noch um 9,3 Prozent, so schwach wie seit drei Jahren nicht. Der Einzelhandelsumsatz stieg um 14,1 Prozent, den niedrigsten Wert seit 14 Monaten. Die Anlageninvestitionen, die fast zwei Drittel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmachen, legten in den ersten vier Monaten um 20,2 Prozent zu. Geringer waren sie zuletzt im Dezember 2002 gewachsen. Und vor allem: Alle Werte waren verhaltener als erhofft.

Analysten verwiesen darauf, dass nicht nur der Export leide – vor allem in die Hauptmärkte EU und Amerika -, sondern dass auch die Binnennachfrage abkühle. Als erste Bank revidierte die UBS deshalb am Freitag ihre Prognose. Das BIP werde 2012 nicht um 8,5 Prozent wachsen, sondern nur um 8,2 Prozent, sagte China-Volkswirtin Wang Tao. Das wäre die schwächste Zunahme seit zehn Jahren; in den vergangenen 30 Jahren hatte der Wert im Durchschnitt fast 10 Prozent jährlich erreicht.

„Die Anstrengungen der Regierung im sozialen Wohnungsbau und in der Infrastruktur reichen bisher nicht aus, um die wirtschaftliche Verlangsamung aufzuhalten”, sagte Wang. Die Führung werde deshalb jetzt versuchen, das Wachstum geld- und fiskalpolitisch anzuregen. Als gute Nachricht gilt, dass der Verbraucherpreisanstieg im April von 3,6 auf 3,4 Prozent zurückgegangen ist. Das gebe der Zentralbank Spielraum, mehr Liquidität zur Verfügung zu stellen, heißt es.

Die Verlangsamung des Binnenwachstums ist deshalb von Bedeutung, weil sie darauf hindeutet, dass sich – anders als früher – die Abschwächung im Außenhandel im Innern nicht kompensieren lässt.

Um Ein- und Ausfuhr ist es alles andere als gut bestellt. Nach Angaben der Zollverwaltung ist der Export im April nur um 4,9 Prozent höher gewesen als ein Jahr zuvor, der Import stagnierte bei 0,3 Prozent. Der Anstieg war viel geringer als im März und er fiel auch weit schwächer aus als erwartet. Volkswirte hatten für die Ausfuhr 8,5 Prozent und für die Einfuhr sogar 11 Prozent vorhergesagt.

Besonders schwach entwickelte sich der Handel mit der Europäischen Union, Chinas wichtigstem Markt vor Amerika. Wegen der Schuldenkrise und der erlahmten Konjunktur in Europa sank der Export dorthin um 2,4 Prozent, der Import fiel um 11,1 Prozent. Der Handel mit Deutschland, der größten Volkswirtschaft in der EU, ging besonders drastisch zurück: der Export fiel um 8 Prozent, der Import um 14,8 Prozent.

Alle Werte sind noch schwächer als im März, was auf eine Verschärfung der Lage hindeutet. Die in der vergangenen Woche geschlossenen Exportaufträge auf der Messe Kanton, der größten Handelsmesse der Welt, sind um 2,2 Prozent gesunken – zum ersten Mal seit Beginn der Finanzkrise.

Die Verlangsamung trifft offenbar auch die Führung unvorbereitet. Erst kürzlich hatten Regierungschef Wen Jiabao und Handelsminister Chen Deming deutlich bessere Handelszahlen in Aussicht gestellt. Nachdem der Einkaufsmanagerindex, wie gesagt, überraschend positiv ausgefallen war, wurde angenommen, China habe das Schlimmste hinter sich. Jetzt äußerten sich Analysten skeptischer. Vor allem der stagnierende Import sei beunruhigend, sagte Alistair Thornton, Volkswirt für China bei IHS Global Insight in Peking. „Das deutet auf eine echte Schwäche in der Binnennachfrage hin und zeigt, dass wir die Kurve zu einer andauernden Erholung noch nicht genommen haben.” Auch die Aktienmärkte reagierten negativ auf die enttäuschenden Handelszahlen aus China.

Der kraftlose Import hat den Außenhandelsüberschuss im April auf 18,4 Milliarden Dollar getrieben. Das war mehr als das Dreifache des Wertes im März und fast das Doppelte der Vorhersage von Chen in der vergangenen Woche. Damit wollte der Minister amerikanischen Vorwürfen entgegentreten, die Landeswährung Renminbi (Yuan) sei nach wie vor unterbewertet. Die neuen Zahlen dürften den Druck auf die Zentralbank erhöhen, eine weitere Aufwertung zuzulassen.

Allerdings gehen die Meinungen darüber, wie robust China wirklich dasteht, auseinander. Das Gleiche gilt für die Frage, ob zur Konjunkturbelebung die Geldpolitik gelockert werden sollte. Im ersten Quartal war das BIP, das Chinas gesamte Wirtschaftsleistung abbildet, im Jahresvergleich um real 8,1 Prozent gestiegen. Für das Gesamtjahr werden im Durchschnitt der Analystenstimmen 8,4 Prozent erwartet. Gemessen an anderen Ländern, ist das viel, doch wäre das der schwächste Wert seit zehn Jahren. Es wird gesagt, dass China zwischen 6 und 8 Prozent Wachstum braucht, um ausreichend neue Beschäftigung zu schaffen. Der Export trägt mehr als ein Viertel zum BIP bei.

Muss die Deutschen das bekümmern? Ja, denn China ist in der Krise zu unserem wichtigsten Handelspartner außerhalb der EU aufgestiegen. Der genannte Rückgang der deutschen Exporte und Importe in die Volksrepublik ist deutlich höher als der (an sich schon drastische) Einbruch für die gesamte EU. Das heißt, dass Deutschland unter einer Abkühlung in China, wenn sie sich denn verschärft, besonders zu leiden hätte. Dabei geht es nicht nur um den Handel. Die deutsche Automobilindustrie stellt die meisten Autos, die sie in China verkauft, im Land selbst her. Dafür investiert sie Milliarden, allein VW gibt mit seinen chinesischen Partnern derzeit 14 Milliarden Euro aus, so viel wie nie ein Autobauer zuvor – nirgendwo auf der Welt. Jeder dritte VW wird schon im Reich der Mitte verkauft.

Noch geht es den deutschen Kraftfahrzeugbauern gut. Doch der Gesamtmarkt, der jahrelang zweistellig gewachsen ist, schrumpft neuerdings, so dass früher oder später auch die ausländischen Unternehmen werden kürzertreten müssen. Nicht nur die chinesische Regierung warnt daher vor Überkapazitäten, sondern auch unabhängige Fachleute, etwa die von KPMG.

Es wäre falsch, einen Abgesang auf das chinesische Wirtschaftswunder anzustimmen. Aber die Jubelhymnen klingen nicht mehr ganz so laut und harmonisch wie früher. Wenn jetzt China gegenüber etwas mehr Realismus einzöge, dann hätte die gegenwärtige Wachstumspause wenigstens ein bisschen etwas zum Guten bewegt.

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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0 symPARAbol 12.05.2012, 08:13 Uhr

Zwei Punkte: China steht,...

Zwei Punkte: China steht, durch die staatlichen Dollaraufkäufe in großem Stil, mit am ursächlichen Anfang der Krise, die es jetzt "richten soll". Und: Nicht ohne Grund spricht man in Resteuropa von Deutschland als dem "China Europas". Volkswagen ist da eine gute Metapher für die Parallele: Dort war schließlich die Keimzelle der Umtriebe des Peter Hartz zur Abschaffung der freien Gewerkschaften, nach chinesischem Vorbild, inklusive der Teilnahmebeschränkung weiter Kreise auf die "eiserne Reisschüssel" ("Hartz IV"). Dass nebenbei Europa als wirtschaftskultureller und politischer Konkurrent ausgeschaltet wird, kommt weltweit vielen gerade recht.

Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.