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Faxen dicke in Indien

23.05.2012, 09:54 Uhr  ·  Unternehmenslenker sind normalerweise zurückhaltend, wenn sie öffentlich Standorte beurteilen. Nun aber platzt der Wirtschaftselite der Kragen: den Stillstand in Indien will sie nicht länger hinnehmen.

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Unternehmenslenker sind normalerweise zurückhaltend, wenn sie öffentlich Standorte beurteilen. Nun aber platzt der Wirtschaftselite der Kragen: den Stillstand in Indien will sie nicht länger hinnehmen.

Von Christoph Hein

„Wir sind uns des Frustes und des Ärgers, die angesichts des Themas Korruption in der Öffentlichkeit herrschen, bewusst”, sagte Indiens Ministerpräsident Manmohan Singh bei der Vorlage des Regierungsberichtes. Der Satz sollte die Öffentlichkeit besänftigen. Neues aber kündigte der einst angesehene Reformer nicht an. Auch sein Finanzminister Pranab Mukherjee versuchte sich im Mut-Machen: „Wir reagieren auf die Lage, aber ich drücke nicht den Panikknopf”, sagte er mit Blick auf die Auswirkungen der Asienkrise.

Solche Töne aus der Führungsetage der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens werden nicht helfen, die Gemüter zu beruhigen. „Ganz grundsätzlich fehlt der Regierung die Wirbelsäule, Reformen durchzusetzen, die allen helfen würden”, kritisiert Eswar Prasad, Professor der Cornell University. Er fasst zusammen, was inzwischen bis tief in die Wirtschaftselite für Kopfschütteln sorgt.

So klang es wie ein Akt der Verzweiflung, als die Regierung das geplante Gesetz zur Kapitalertragsteuer um ein Jahr verschob. Geplant war, auch ausländische Investoren rückwirkend auf bis zu 20 Jahre etwa bei Übernahmen in Indien zu besteuern. Allein dem britischen Telefonkonzern Vodafone drohen damit 3,75 Milliarden Dollar Steuernachzahlung und Strafe. Die von Indien so dringend benötigten Investoren trauen der Politik schon lange nicht mehr. Ob der Aufschub des Steuergesetzes aber reicht, sie zurückzulocken, darf bezweifelt werden. Denn letztlich gab ukherjee an, die Regierung brauche mehr Zeit, das Gesetz zu durchdenken – was nicht nach entschiedenem Handeln klingt.

„Die indische Regierung hat viele, viele große politische Fehler gemacht”, bringt Mark Mobius, der Chef der Templeton Emerging Markets Group, das Urteil der Wirtschaft auf den Punkt. Mehr und mehr ausländische Wirtschaftsführer trauen sich inzwischen, Indiens Probleme beim Namen zu nennen. Für Indien ist das riskant: Denn je offener die Debatte über die geplatzten Versprechungen der drittgrößten Wirtschaftsnation Asiens wird, um so mehr leidet deren Image. „Ausländische Unternehmen beginnen sich hier zu fürchten. Sie beginnen zu fragen: Was mache ich eigentlich hier?”, umschreibt David Cote die Stimmung unter seinen Kollegen. Er ist der Vorsitzende des Verwaltungsrates von Honeywell International. Der indisch-britische Milliardär Lashmi N. Mittal, der gerade eine Raffinerie für 4 Milliarden Dollar in seiner Heimat eröffnete, warnte seine Aktionäre mit Blick auf geplante Stahlwerke dort: „Wir haben weiterhin Schwierigkeiten in Indien. Ich fürchte, dass unsere indischen Projekte für fünf oder zehn Jahre nicht das Licht der Welt erblicken werden.” Ein großer deutscher Maschinenbauer berichtet, er habe über Jahre eine Produktionshalle nicht bauen können, weil er sich weigerte, dem Bauleiter die geforderten paar hundert Euro Bestechungsgeld zu geben. Die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau muss zusehen, wie ein von ihr finanziertes und als größtes Solarkraftwerk für Indien angekündigtes Milliardenprojekt Monat um Monat verschoben wurde – wegen Landstreitigkeiten. „Sie kennen doch Indien”, sagt einer der Banker frustriert dazu. Selbst Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer platzte bei seiner jüngsten Indien-Visite der Kragen: Er kritisierte gegenüber der F.A.Z. „große bürokratische Verkrustung: Es ist sehr zäh hier, zäher als in China.” Auch die Ökonomen lesen Indien die Leviten. „Indien steht an der Wegscheide. Die Verschlechterung der Fundamentaldaten deutet darauf hin, dass sich die Volkswirtschaft in die falsche Richtung bewegt”, beschreibt Sonal Varma, Indien-Analyst der Bank Nomura, die Lage. Er fordert zehn umfassende Strukturreformen, von einer Deregulierung des Arbeitsmarktes bis zu einer Landreform. Man muss kein Indien-Kenner sein, um zu wissen, dass dies Illusionen bleiben werden.

Die Analysten von Standard & Poor’s drohen mit einer Herabstufung des Landes – die seine Kredite verteuerte und seinen Ruf langfristig beschädigte. S&P schätzt das Risiko einer Herabstufung auf Ramschniveau („non-investment-grade”) auf „mindestens eins zu drei” ein. Rajat M. Nag, der Geschäftsführer der zur Neutralität verpflichteten Asiatischen Entwicklungsbank (ADB), bezeichnete die Drohung als „Warnung zum richtigen Zeitpunkt”. Er fügte an: „Indien braucht schnell mehr Auslandsinvestoren. Dafür müssen die Reformen an Tempo gewinnen.”

Die Investoren aber werden vom Versagen der Politiker abgeschreckt. Der größte Börsengang in diesem Jahr von Automobilzulieferer Amvardhana Motherson Finance platzte zu Monatsbeginn. „Make or brake”, sehr frei übersetzt mit „Packt es endlich an, oder es wird nichts mehr”, kommentiert Varma die Lage. „Der zyklischen Erholung wird ohne strukturelle Reformen die Luft ausgehen”, fürchtet er. „Die ökonomischen Fundamentaldaten haben sich in den vergangenen vier Jahren verschlechtert und führen im Land zu einer Verlangsamung der Wachstumsraten, hartnäckiger Inflation und hohen Defiziten. Die Regierung und die Defizite der Führung sind der Hauptgrund.” Sein Kollege Robert Prior-Wandesforde, Asien-Chefvolkswirt der Credit Suisse, stimmt in den Chor mit ein: „Es ist traurig, war aber zu erwarten, dass keine Vorschläge für an die Wurzel gehende Wirtschaftsreformen auszumachen sind”, sagte er über den Haushaltsentwurf der Regierung.

Seit mehr als einem Jahr verfängt sie sich in den Tiefen der Grabenkämpfe innerhalb der eigenen Koalition, verschiebt Monat um Monat Entscheidungen, auf die nicht nur Auslandsinvestoren sehnlichst warten. Lauter werden die Gerüchte, bald würden auch noch riesige Korruptionsfälle im Verteidigungssektor auf den Tisch kommen. Unterdessen wächst die Macht der Landeschefs, die ihre eigene Politik verfolgen. Die Opposition aber, die die Macht 2014 übernehmen könnte, bietet personell kaum eine Alternative. Cotes Konsequenz ist klar: Er vergebe Aufträge nach Indien. „Aber ich bin sehr zurückhaltend damit, in Indien zu investieren.” Das sieht auch Kenneth Curtis so, der frühere Geschäftsführer von Goldman Sachs in Asien: „Indien steht vor gigantischen wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen, einschließlich eines riesigen Leistungsbilanzdefizits, das zunehmend durch heißes Geld finanziert wird, einem genauso erschreckenden Haushaltsdefizit, weiterhin hoher Preise, einer schwindenden Wettbewerbsposition und einem riesigen Nachholbedarf bei der Infrastruktur.”

Curtis geht es so wie allen, die eigentlich nichts anderes wollen, als ein erfolgreiches Indien zu sehen, das seine enormen Chancen zu heben weiß: Er stellt sich vor, was für eine mächtiger Motor dieses Land wäre, wenn es seine Hausaufgaben machte. Aber: „Wir werden wohl weiterhin ein Indien sehen, das sein Potential nicht hebt.” Cote ist da als Manager noch direkter: „Ich bin frustriert davon, dass Indiens Wirtschaftsleistung um 7 Prozent wächst, obwohl es 11 oder 12 Prozent sein könnten.” Tatsächlich wuchs Indien im letzten Quartal nur noch um 6,1 Prozent.

Christoph Hein

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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0 blume01 26.05.2012, 08:20 Uhr

Gelungener Beitrag, der...

Gelungener Beitrag, der Indiens Probleme gut beleuchtet - allerdings mit einem kleinen Übersetzungsfehler im Zitat im 2. Absatz. Im Deutschen sagt man nicht "der Regierung fehlt die Wirbelsäule", sondern "fehlt das Rückgrat".

Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.