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Chinesische Medizin. Ein krankes System rappelt sich auf

30.05.2012, 10:30 Uhr  ·  Es ist eine Herkulesaufgabe, 1,34 Milliarden Menschen medizinisch zu versorgen. Theoretisch haben die meisten von ihnen eine Krankenversicherung. Doch die deckt nur einen Teil der Kosten, die Wartezeiten sind lang, viele Ärzte betrügen. Jetzt hoffen die Patienten auf eine milliardenschwere Reform.

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Von CHRISTIAN GEINITZ

Bild zu: Chinesische Medizin. Ein krankes System rappelt sich auf

Wie testen Chinesen eigentlich ihre Sehschärfe? Beim Augenarzt in westlichen Ländern liest der Patient Buchstaben von einer beleuchteten Tafel vor. Wenn er Glück hat, kann er auf die Entfernung C und O unterscheiden und braucht keine Brille. Aber in einem Land mit Schriftzeichen?

Wer eine chinesische Führerscheinprüfung hinter sich gebracht hat, weiß, wie das geht. Die von oben nach unten kleiner werdenden Symbole sehen aus wie große „E’s”, nur dass alle vier Striche gleich lang sind. Man könnte das Zeichen auch als Dreizack ohne Stiel bezeichnen oder als Kamm mit drei Zinken. Jedenfalls ist es mal nach links, mal nach rechts gedreht, mal nach oben, mal nach unten. Der Arzt weist mit einem Zeigestock auf die unterschiedlichen Positionen, und der Patient sagt – bestenfalls korrekt -, in welche Richtung die Öffnung zeigt.

Das ist ja leicht, denke ich, denn die Tafel steht nur zwei Schritt entfernt. Doch dann dreht mich der Mann im Kittel mit dem Rücken zu ihr vor einen Spiegel. Jetzt sind die Zeichen doppelt so weit weg, und ich muss die Augen ganz schön zusammenkneifen, um etwas zu erkennen. Die Platzersparnis hat einen einfachen Grund: Die Untersuchung findet auf dem Flur in einem öffentlichen Pekinger Krankenhaus statt, das aus allen Nähten platzt. Hunderte Kranke und Angehörige drängeln sich in den Gängen. Die meisten warten, warten, warten.

Wir kommen etwas fixer voran als die anderen, vielleicht wegen des Ausländer-Bonus. Bei der nächsten Station geht es darum, die generelle Fitness und die motorischen Fähigkeiten zu testen. „Bitte heben Sie den rechten Arm”, sagt die Ärztin freundlich. Als das klappt, nickt sie zufrieden und unterschreibt meine medizinische Eignung, in China ein Kraftfahrzeug zu führen. Der Check-up ist vorüber, der Patient darf gehen und ist froh, dass er so rundum gesund ist!

Es wäre ungerecht, von diesem Erlebnis auf die Qualität des Gesundheitswesens in China zu schließen. Es gibt hervorragende, gut organisierte Krankenhäuser, deren Kompetenz jener in den Industrieländern in nichts nachsteht. Auch das belegt die eigene Erfahrung. Als sich unser Töchterchen bei einem Sturz zwei obere Milchzähne in den Kiefer gerammt hatte, konsultierten wir die „Abteilung für Implantate am Institut für Stomatologie des Universitätsklinikums Peking”. Das Haus war mindestens so eindrucksvoll wie der Name. Schnelle Aufnahme, kaum Wartezeit, englischsprachige Ärzte, fachkundige Behandlung und moderne Geräte (soweit wir das beurteilen können).

Und die Behandlungshonorare? Lächerlich niedrig. Die Röntgenaufnahme des Kiefers kostete 30 Yuan , nach heutigem Kurs 3,80 Euro. Schon die Taxifahrt in die Klinik war teurer, ebenso das Porto, um die Quittung zur Erstattung an die deutsche Krankenkasse zu schicken. Welch ein wohltuender Preisunterschied zu den internationalen Expat-Krankenhäusern! So verlangt das private SOS-Krankenhaus, an dem ausländische Ärzte Dienst tun, für eine Standardkonsultation rund 1200.- Yuan oder 160 Euro. Dieses Grundhonorar fällt unabhängig von der Leistung an, sogar für einen Schnupfen.

Das günstige Universitätskrankenhaus mit der Zahnklinik zählt zu den besten des Landes, die Chinesen nennen diese Riege „San Jia”. Leider ist die zuvorkommende, schnelle und kundige Behandlung nicht die Regel, in den Großstädten nicht und erst recht nicht auf dem Lande. Die Chinesen können ein Lied davon singen, es gibt kaum jemanden, der nicht auf das Gesundheitswesen schimpft. Sie mokieren sich über die langen Wartezeiten, die schlechte Behandlung, die Bestechung – und darüber, dass sie trotz der Versicherung große Teile der Kosten selbst tragen müssen. Private niedergelassene Ärzte gibt es fast nicht, nur Krankenhäuser oder Polikliniken. Für planbare Arztbesuche kann man Termine buchen, nicht selten mit einem Monat Vorlauf. Trotz der Reservierung kann es dann aber immer noch einen halben Tag dauern, bis ein Arzt frei ist.

Noch schlimmer ist es bei akuten Erkrankungen ohne Termin. Dann stehen die Patienten oft schon nachts vor den Krankenhäusern an oder engagieren gegen Geld einen Platzhalter in der Schlange, einen Mietwarter, der hier „Huang Niu” (Gelbes Rind) heißt. Hat man es bis ins Behandlungszimmer geschafft, kann sich die erste Konsultation jeder leisten. In einfachen Häusern kostet sie nicht mehr als 5 Yuan (0,60 Euro). Dergleichen gehört zu den Grundleistungen, für welche die Krankenkassen aufkommen. China ist mit Recht stolz darauf, dass heute mehr als 90 Prozent der Einwohner Anspruch auf solche Leistungen haben, sogar auf dem Lande. Die Prämien betragen dort neuerdings 240 Yuan im Jahr (30 Euro), wovon der Versicherte nur ein Viertel selbst trägt; der Rest kommt vom Staat. Bei Angestellten in der Stadt richten sich die Prämien nach dem Einkommen, hier zahlt der Arbeitgeber den Löwenanteil.

Nach dem ersten, billigen Arztbesuch gehen Behandlung und Medikation dann aber schnell ins Geld und werden nur in Teilen von den Versicherungen zurückerstattet. Je besser und spezialisierter eine Klinik ist, umso höher ist der Eigenanteil der Versicherten. Ein Bauer, der zum Beispiel eine städtische Herzklinik aufsucht, muss einen großen Teil der Kosten selbst tragen – was er zumeist nicht kann. Sind Operationen nötig, erwarten gute Chirurgen außerdem einen „Hong Bao”, einen roten Umschlag mit Geldgeschenk, meist Tausende Yuan.

Die dritte Finanzklippe sind die Arzneien, die der Versicherte oft selbst zu bezahlen hat, bei ausländischen oder ausgefallenen Heilmitteln ohnehin. Chinesische Ärzte verschreiben viele und teure Medikamente, nicht zuletzt, weil einige Mediziner unerlaubte Provisionen von den Pharmakonzernen kassieren. „Yi yao bu fen jia”, sagt dazu der Volksmund, „Arzt und Arznei gehören zur selben Familie”.

Die Qualität der Behandlung und Pharmazeutika steht noch auf einem ganz anderen Blatt. Kürzlich tauchten 77 Millionen vergifteter Tabletten auf, die Krankenhäuser verschrieben hatten. Etwa zeitgleich kam es zu verschiedenen gewalttätigen Übergriffen auf Ärzte von Patienten, die sich schlecht betreut oder betrogen fühlten. Im vergangenen Jahr stach ein Mann mit Rachenkrebs 18 Mal auf seinen Arzt ein, dem er Kunstfehler vorwarf. Er wurde jetzt zu 15 Jahren Haft verurteilt. Die neue Welle der Übergriffe erregte Aufmerksamkeit, weil viele Internetnutzer Verständnis dafür aufbrachten. Schließlich sei das Gesundheitswesen unfähig und durch und durch korrupt, hieß es in den Online-Beiträgen.

Die Lage zu verbessern, schreibt sich die Regierung schon seit langem auf die Fahnen. Im jüngsten Vorstoß von 2009 hat die Führung umgerechnet 100 Milliarden Euro bereitgestellt, um die Versicherungsleistungen, die Abdeckung und die Güte der öffentlichen Krankenversorgung auszuweiten. Dazu gehört auch, die „Kickback-Zahlungen” der Pharmafirmen an die Ärzte und Spitäler zu bekämpfen. Da viele medizinische Einrichtungen aber auf herkömmlichem Wege zu wenig verdienten und von den Provisionen abhängig seien, leide nun die Qualität der Versorgung, mahnen Kritiker. Die Belastung der Patienten nehme eher zu als ab, da sie das Personal jetzt selbst schmieren müssten, um anständig behandelt zu werden.

Man kann der Regierung abnehmen, dass sie den Willen zur Reform hat. Das auch deshalb, weil die unzureichende staatliche Krankenversorgung ein Hauptgrund für die hohe private Sparquote ist. Wer ernsthaft krank wird, muss im Zweifelfall selbst bezahlen (oder bestechen) und legt deshalb Geld zurück. Nun ist es aber das Ziel der Führung, den Binnenkonsum anzukurbeln, um die Wirtschaft weniger abhängig vom Export und von den Investitionen zu machen. Ein intelligenter Weg dazu wäre tatsächlich, funktionierende Sozialversicherungen aufzubauen, um die Haushalte zu entlasten.

Gegenwärtig betragen die Gesundheitsausgaben etwa 5 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt. Von diesen Kosten tragen die verschiedenen staatlichen Stellen und Versicherungen 28 Prozent, 35 Prozent die Patienten; den Rest bringen die Arbeitgeber auf. Der amtierende Gesundheitsminister Chen Zhu will diese Aufteilung bis 2015 so umdrehen, dass die Kranken nur noch 30 Prozent tragen, 33 Prozent hingegen die öffentliche Hand mit ihren Assekuranzen.

Das werde die Versorgung verbessern und zugleich Milliarden für den Konsum freisetzen, so das Kalkül. Doch es ist fraglich, ob die Patienten das zurückgelegte Geld dann wirklich lockermachen und ausgeben. Denn es gibt noch so viele weitere Fälle, für die sie vorsorgen müssen, weil der Staat es nur unzureichend tut: für die Bildung der Kinder etwa oder für die Rente. Die Behandlung des schwindsüchtigen Gesundheitswesens ist sicher richtig und wichtig. Sie wird aber unglaublich schwierig und schmerzhaft werden – und kann leider nur einen Teil des kranken Systems kurieren.

Foto: Asia Society

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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0 hireling 02.06.2012, 05:55 Uhr

"Für planbare Arztbesuche...

"Für planbare Arztbesuche kann man Termine buchen, nicht selten mit einem Monat Vorlauf. Trotz der Reservierung kann es dann aber immer noch einen halben Tag dauern, bis ein Arzt frei ist" Wo ist da der Unterschied zu Sachsen?

Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.