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In der größten Baggerfabrik der Welt

05.07.2012, 10:40 Uhr  ·  Krise? Nicht in China. Trotz des Abschwungs am Bau strotzt der private Baumaschinenhersteller Sany vor Kraft. In Deutschland hat er den Weltmarktführer für Betonpumpen Putzmeister geschluckt. Zur selben Zeit steckte er noch mehr Geld in ein anderes Megavorhaben: In Rekordzeit ist nahe Schanghai das größte und modernste Werk für Aushubmaschinen entstanden. Jetzt kommen die ersten deutschen Fachleute, um hier die Zukunft kennenzulernen.

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Von CHRISTIAN GEINITZ

Bild zu: In der größten Baggerfabrik der Welt

Am Eingang steht ein Transformer, so hoch wie die Werkshalle. Die Arme des Maschinenmenschen bestehen aus Raupenketten, die Händen aus einer Dampframme und einer Baggerschaufel. Die Farben des eindrucksvollen Modells sind orange und schwarz wie die des Unternehmens, für das er wirbt. „Das ist ein Geschenk der örtlichen Verwaltung”, sagt der zuständige Manager des Baumaschinenherstellers Sany, Yuan Yue, „weil wir der größte Steuerzahler sind”.

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Erst im Februar hat Sany die Produktion in Lingang bei Schanghai eröffnet, nach nur einjähriger Bauzeit. In der Nähe gibt es noch weitere Standorte, aber keiner präsentiert sich so eindrucksvoll wie dieser: Das Werk in Lingang ist angeblich die größte und modernste Baggerfabrik der Welt. Am Tag stellen hier 2000 Mitarbeiter mehr als 50 Bagger fertig, jede Viertelstunde einen. Die Werkhallen sind blitzsauber und hoch automatisiert, an vielen Stationen arbeiten nur zwei Beschäftigte. Im vergangenen Jahr habe Sany rund 20.600 solcher Geräte verkauft und sei damit Marktführer in China gewesen, erläutert Yuan Yue. Im Endausbau soll die Kapazität in Lingang doppelt so hoch sein. China, so sagt er noch beiläufig, stelle fast ein Drittel des Weltmarkts.

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In die riesige Anlage hat Sany Heavy Machinery 4 Milliarden Yuan (507 Millionen Euro) investiert. Und das parallel zu einem weiteren Vorhaben, das zwar viel kleiner, aber bekannter ist: Im Januar kauften die Chinesen für 324 Millionen Euro 90 Prozent des deutschen Betonpumpenherstellers Putzmeister. Der Aufschrei in Deutschland war groß, denn  das war die bisher umfangreichste chinesische Übernahme im Land, und dann galt sie auch noch einem Mittelständler, einem Schwaben und Weltmarktführer!

Wie flüssig und ambitioniert Sany ist, hatte es schon vorher gezeigt. In Bedburg bei Köln haben die Asiaten eine eigene Fertigung aufgezogen. 600 Personen wollten sie hier einstellen und 100 Millionen Euro investieren. Schon das waren Rekorde für ein chinesisches Engagement in Deutschland. Diese Pläne müssen allerdings wohl geändert werden, denn in dem Werk in Bedburg wollte Sany eigentlich Betonpumpen herstellen. Jetzt, nachdem man sich den Konkurrenten Putzmeister einverleibt hat, will man die Fertigung an dessen Stammsitz in Aichtal konzentrieren.

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In Nordrhein-Westfalen hat das zu einiger Besorgnis geführt. Dort fürchtet man, dass Sany sein Interesse nur noch auf Putzmeister richtet und den Kölner Raum vernachlässigt. Angeblich wurden in Bedburg bereits Stellen abgebaut und das angekündigte Arbeitsplatz- und Investitionsziel aufgegeben. Tatsächlich sagt He Dongdong, Vizepräsident von Sany Heavy Industry und zuletzt zuständig für Bedburg, bei dem Werksbesuch in Lingang: „Es wird sicher Änderungen an dem Plan geben. Wenn man aber unser Gesamtengagement in Deutschland im Auge behält, sind die Anstrengungen viel größer als geplant.”

Noch beschwichtigender hört sich Hes Chef an. Weder am Standort Bedburg noch in Aichtal bei Stuttgart seien Entlassungen geplant, sagt der Präsident und Direktor der Sany-Gruppe, Tang Xiuguo, der ebenfalls angereist ist, um das neue Baggerwerk zu präsentieren. Zwar könne es sein, dass es Personalverlagerungen zwischen den Standorten gebe, dass man auf Leiharbeitskräfte verzichte oder dass Mitarbeiter von sich aus kündigten. „Aber wir stehen zu unseren Versprechen: Es wird keinen Personalabbau geben.” Als Beleg verweist er auf das Heimatland China, wo der Konzern trotz der Finanzkrise keine Arbeitsplätze gestrichen habe.

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Allerdings gibt Tang zu, dass Sany „den strategischen Ansatz in Bedburg ändern” müsse. Statt Betonpumpen sollen dort jetzt andere Baumaschinen entstehen, vor allem Aushubmaschinen wie Bagger. Der Standort bleibe aber von großer Bedeutung für die Erschließung neuer Märkte. „Uns geht es darum, Produkte ,Made in Germany’ anzubieten, dafür brauchen wir Bedburg”, sagt Tang.

Den Einstieg bei Putzmeister nennt Tang einen großen Erfolg für beide Seiten. Im vergangenen Monat habe das schwäbische Unternehmen 5 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet, im gesamten Vorjahr seien es nur 6 Millionen gewesen. Auch stelle man immer mehr Personal ein. Sany wünscht sich Tang zufolge ein schnelles Ende der EU-Schuldenkrise, sieht darin aber offenbar auch die Möglichkeit für weitere Fusionen oder Übernahmen. Man lote derzeit „mögliche Kooperationen mit ,Hidden Champions’ in Deutschland aus”, sagt der Sany-Präsident. Noch gebe es keine konkreten Kaufpläne, „aber wenn sich wieder eine Chance wie bei Putzmeister bietet, nutzen wir sie”. Mit „Hidden Champions” sind führende Mittelständler in Nischenmärkten gemeint – genau wie Putzmeister.

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Tang ist einer der Väter der Sany-Gruppe. 1986 gründete der studierte Ingenieur und Metallurge zusammen mit Liang Wengen, dem heutigen starken Mann des Konzerns, und zwei weiteren Partnern eine Fabrik für Schweißmaterial. Daraus entstand 1989 die Sany-Gruppe, die sich heute als sechsgrößter Schwermaschinenhersteller der Welt versteht. Die wichtigste Gesellschaft des Konzerns ist die Sany Heavy Industries, die 2003 an die Börse in Schanghai ging. Sie plant seit längerem eine Notierung auch in Hongkong, doch könnte sich der Schritt wegen des ungünstigen Marktumfelds weiter verzögern, verrät Tang. Zuletzt hatte es geheißen, Sany könne wegen der Marktschwäche nur 2 statt 3,3 Milliarden Dollar einsammeln. Tang sagt jetzt, es gehe weniger um neues Kapital als darum, Zugang zu einer internationalen Handelsplattform zu bekommen. „Geld haben wir genug.”

Allerdings hat sich auch in der Volksrepublik das Wachstum merklich abgekühlt, gerade am Bau. Das bekommt Sany durchaus zu spüren. „Das erste halbe Jahr war viel schlechter als im Jahr zuvor, das zweite Halbjahr wird aber wieder besser”, sagt Gruppenchef Tang. Das ist klagen auf hohem Niveau: 2011 machte die Gruppe, die in 150 Ländern 61.000 Menschen beschäftigt, einen Umsatz von 80,2 Milliarden Yuan. Der Überschuss betrug 10 Milliarden Yuan (1,3 Milliarden Euro).

Von China lernen heißt also siegen lernen. Vor allem in der Krise. Gerade sind in Lingang zwei deutsche Fachleute aus Bedburg angekommen, um hier die Zukunft kennenzulernen.

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Tang Xiuguo und He Dongdong; Fotos itz.

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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0 Carberg 09.07.2012, 14:38 Uhr

Schöne Bilder ! Die...

Schöne Bilder ! Die Rotchinesen lassen sich Riesenobjekte hinsetzen und täuschen Innovation vor. Später scheitern sie an der Qualität, die sie nicht zu halten vermögen und an Neuentwicklungen. Ein Land das vornehmlich kopiert, kommt in der Realität nur schwer voran. Im Hintergrund gieren 1,2 Mrd. Menschen nach sozialem Fortschritt, der doch das Ziel des Wirtschaftswachs- tums sein sollte. Sie sind auf dem Weg zum Reichwerden? Ob sie auch den Preis des Hyperkapitalismus aushalten können, der in krassen Klassenunterschieden besteht? Zudem, die Umweltschäden! Die Wüste nähert sich schon bis auf 100 km von Nordwesten auf Peking. Die haben weit mehr Sorgen als Europäer und Amis je hatten. Die Konflikte werden uns noch erschrecken.

Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.