Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (3)
 

Causa Wen: Haben wir in China aufs falsche Pferd gesetzt?

28.10.2012, 13:43 Uhr  ·  Über die vermeintliche Bereicherung Wen Jiabaos zeigen sich die Industrieländer viel entsetzter als seine Landsleute. Im Westen haben viele Politiker und Wirtschaftsvertreter die Kleptokratie in China bisher nicht sehen wollen und tun deshalb jetzt überrascht. Gerade Wen galt als Saubermann - weil man in seiner Amtszeit so schöne Geschäfte machen konnte. Doch Vorsicht: Die Vorwürfe gegen ihn sind nicht bewiesen, wir müssen aufpassen, nicht seinen Gegnern auf den Leim zu gehen.

Von

Von CHRISTIAN GEINITZ

Über die vermeintliche Bereicherung der Familie des chinesischen Regierungschefs zeigen sich die Industrieländer viel entsetzter als die Asiaten selbst. Wen Jiabaos Landsleute sind mit Korruption und Machtmissbrauch großgeworden. Demgegenüber haben im Westen viele Politiker, Wirtschaftsvertreter und Teile der Öffentlichkeit die Kleptokratie in Peking bisher nicht sehen wollen und tun deshalb jetzt überrascht. Gerade Wen galt vielen als Saubermann – weil man in seiner Amtszeit so schöne Geschäfte machen konnte.

Bild zu: Causa Wen: Haben wir in China aufs falsche Pferd gesetzt?

Besonders stark hat davon Deutschland profitiert. In den zehn Jahren, die Wen an der Macht war, hat sich die deutsche Ausfuhr nach China verfünffacht und der Import vervierfacht. Die Werte beeindrucken selbst im Vergleich mit den anderen BRIC-Ländern. Innerhalb der EU ist die Bundesrepublik heute für fast ein Drittel des Handelsvolumens mit China verantwortlich, sogar zusammengenommen bringen Frankreich, Großbritannien und Italien weniger auf die Waage.

Unter Wens Ägide ist China zum wichtigsten außereuropäischen Handelspartner der Deutschen neben Amerika geworden. Alle zweieinhalb Tage wickeln der Exportweltmeister und sein Vize untereinander ein Handelsvolumen von einer Milliarde Euro ab. Für die deutsche Automobilindustrie oder den Maschinenbau ist das asiatische Land inzwischen der größte Markt. Siemens beschäftigt hier 43.000 Mitarbeiter, Volkswagen 48.000. Fast jedes dritte Fahrzeug des Autokonzerns wird in China verkauft, in den Ausbau seines Geschäfts hier investieren er und seine Partner 14 Milliarden Euro. Auch für Mercedes, BMW und Porsche wird das Land in absehbarer Zeit zum Hauptmarkt heranreifen.

Angesichts dieser Abhängigkeit lassen Wirtschaft und Politik fünfe gerade sein in China, einem Land, in dem nicht nur die Korruption Urstände feiert, sondern auch eklatante Menschenrechtsverletzungen. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist heute China gegenüber fast so handzahm wie ihr Vorgänger Gerhard Schröder. Der mochte bekanntlich nicht nur Wen, sondern auch andere lupenreine Demokraten wie den russischen „Präsidenten-Premier” Wladimir Putin.

Doch auch autoritäre Führer haben das Recht auf die Unschuldsvermutung, jedenfalls nach unseren westlichen Maßstäben. Deshalb sollte man eines an dieser Stelle klipp und klar sagen: Viele Dinge in der Causa Wen sind noch völlig ungeklärt, nicht nur Details, sondern auch Elementares. Ob etwa Wen sich selbst bereichert hat, oder ob der Vermögenszuwachs seines Clas überhaupt illegal ist. Die Informationen der „New York Times”, wonach die Familie 2,7 Milliarden Dollar angehäuft hat, sind bemerkenswert und haben sicher Geschmäckle. Doch erstens wissen wir nicht, ob diese Zahlen stimmen. Zweitens würde die Familie damit nur auf Position 16 in der Hurun-Liste der reichsten Chinesen rangieren. Und drittens können auch die amerikanischen Rechercheure bisher nichts Justiziables daran finden.

In China unterliegen der Amtsträger und seine engste Familie strengen Offenlegungsvorschriften, nicht aber die weitere Verwandtschaft, um die es im vorliegenden Falle geht. Hinzu kommt, dass das chinesische Wertpapierhandelsgesetz nicht halb so rigoros formuliert ist, geschweige denn ähnlich streng angewandt wird wie das der Ersten Welt. Etwa beim Verdacht auf Insidergeschäfte, die Wens Clan reich gemacht haben sollen.

Besonders wichtig ist zudem, dass das Ausland aufpassen muss, in dieser Angelegenheit nicht in einen innerchinesischen Machtkampf hineingezogen zu werden. Wen und sein Lager der vorsichtigen Reformer haben viele Feinde, vor allem, seit sie den Hoffnungsträger der linken Populisten und Retro-Maoisten gestürzt haben, den ehemaligen Parteichef der Stadtprovinz Chongqing, Bo Xilai. Dessen Anhänger, vielleicht aber auch andere Kräfte – etwa die Nationalisten – könnten versuchen, Wen auf den letzten Metern zu Fall zu bringen. Etwa durch gezielte Indiskretionen zu seinem Geschäftsgebaren.

Wir sollten nicht vergessen, dass in Kürze, am 8. November, der Parteitag der regierenden Kommunisten beginnt. Hier wird der wichtigste Führungswechsel seit zehn Jahren beschlossen und darüber befunden, ob und wie es mit den Reformen im bevölkerungsreichsten Staat der Welt weitergehen soll. Auch Wen muss sein Amt abgeben, er will den Staffelstab zur moderaten Öffnung des Landes aber weiterreichen. Nichts wäre ihm hinderlicher dabei, als wenn er zuvor bei seinen Genossen sowie in der nationalen und internationalen Öffentlichkeit an Vertrauen einbüßte.

Es ist also sehr schwer zu sagen, ob der Westen mit Wen aufs falsche Pferd gesetzt hat. Es könnte durchaus sein, dass sein Rennstall trotz aller Fragwürdigkeiten noch vergleichsweise sauber war. Aber wie schnell die neuen Rosse rennen – und vor allem in welche Richtung -, das werden wir erst nach dem Machtwechsel sehen.

Weiterlesen zu China:

Ein Jahr Akte Asien: Bunga Bunga zum Jubiläum – und die schönste Frau der Welt

Chinaböller von Adidas. Mit diesem Ball werden wir Europameister!

Live von der Demo in Peking!

Lösung für Griechenland: Rubbeln wie in China

Avatar in China. Im Land der Wawayu, das Hollywood inspirierte

Chinesische Medizin. Ein krankes System rappelt sich auf

Merkel und die Langen Kerls. China will die EU nun doch retten

Weihnachten in China: Getrübte Feierlaune trotz schicker Schlitten

Nehmt China in die EU auf!

Viel Kuhgeläut um nichts: China spielt Davos – in einer Stadt, die so groß ist wie die Schweiz

Mondfest im Hochsteuerland China

 

Foto: dapd

 
 

Richtlinien für Lesermeinungen

Die FAZ.NET-Redaktion bietet allen registrierten und eingeloggten Nutzern die Möglichkeit, sich mit den aktuellen Beiträgen auf FAZ.NET konstruktiv und kritisch auseinanderzusetzen und eigene Lesermeinungen zu veröffentlichen. Für jede Meinungsäußerung stehen 6000 Zeichen zur Verfügung. Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist, dass die Verfasser und Verfasserinnen ihren wirklichen Namen nennen, d.h. in ihrer FAZ.NET-Registrierung den korrekten Vor- und Nachnamen eingetragen haben. Im Falle der Veröffentlichung der Lesermeinung weisen wir am Beitrag den Klarnamen des Lesers aus. Unter Pseudonym oder anonym verfasste Texte können nicht berücksichtigt werden.

Veröffentlicht werden nur Beiträge, die auf den jeweiligen Artikel und sein Thema seriös und sachbezogen eingehen. Links- und rechtsradikale, pornographische, rassistische, beleidigende, verleumderische sowie ruf- und geschäftsschädigende Inhalte können nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig sachlich falsche oder in angemessener Zeit nicht nachprüfbare Behauptungen. Links sind in den Lesermeinungen von FAZ.NET nicht gestattet. Die Redaktion behält sich vor Lesermeinungen zu kürzen oder zu modifizieren. Jeder verfasste Beitrag wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, sofern er diesen Richtlinien für Lesermeinungen nicht zuwiderläuft. Nutzern, die wiederholt versuchen, den Richtlinien nicht entsprechende Beiträge zu veröffentlichen, kann die Registrierung entzogen werden.

Für veröffentlichte Meinungsbeiträge gewähren Sie uns das unentgeltliche, zeitlich und örtlich unbegrenzte und nicht ausschließliche Recht, diese Aussagen ganz oder teilweise zu nutzen, zu vervielfältigen, zu modifizieren, anzupassen, zu veröffentlichen, zu übersetzen, zu bearbeiten, zu verbreiten, aufzuführen und darzustellen, Dritten einfache Nutzungsrechte an diesen Aussagen einzuräumen sowie die Aussagen in andere Werke und/oder Medien zu übernehmen.

Weitere Artikel

Datenschutzerklärung

Allgemeine Nutzungsbedingungen von FAZ.NET und seinen Teilbereichen

Wir möchten Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass der gesamte Auftritt von FAZ.NET von verschiedenen Suchmaschinen intensiv ausgewertet wird und die Inhalte dort auch gelistet werden. Das schließt die Lesermeinungen automatisch ein, so dass diese auch über FAZ.NET hinaus im Internet jederzeit recherchierbar sind.

Schließen

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden
Lesermeinungen zu diesem Artikel (3)
Sortieren nach
0 bhiemer 29.10.2012, 07:10 Uhr

Hm, es scheint hier ja viele...

Hm, es scheint hier ja viele Korruptions-Apologeten zu geben. Und mit welchen Begründungen! An der Sache an sich besteht übrigens kein Zweifel - Wen hat diese inhaltlich bestätigt, allerdings dazu gesagt, er könne nichts für das Einkommen seiner Familienangehörigen. Nein, manche Dinge fallen einfach vom Himmel.

0 notti 28.10.2012, 20:53 Uhr

Die USA haben, natuerlich zum...

Die USA haben, natuerlich zum richtigen Zeitpunkt, mal wieder Unruhe beim Hauptkonkurrenten gestreut, der gerade vor wichtigen Entscheidungen steht...wie im Lehrbuch fuer psychologische Kriegfuehrung eben. Dabei koennen sie sich immer der weiteren, unverifizierten Verbreitung, u.a. in deutschen Medien verlassen.... Da wird dann ein solcher Kommentar mit der unvermeidlichen Moralinsaeure deutscher Presse versetzt und ueber Korruption, Menschenrechte und die armen Menschen lamentiert.... Dabei waere es an der Zeit die Korruption deutscher Politiker anzugehen, die es tunlichst vermeiden, Anti-Korr.-Gesetze zu verabschieden. Die EU gibt gerade ein zynisches Beispiel, wie ein krimineller ex Staatsfuehrer, ein ganzes Land vorfuehrt und ein anderes Land der Staatskorruption und Abzockmentalitaet verfallen ist, aber grosszuegig von der EU alimeniert wird.... Wer im Glashaus sitzt.....na ja. Die Deutschen, deren ausgestreckter Mahn-Zeigefinger allmaehlich Kraempfe haben muss, moechten am liebten nur noch Geschaefte mit dem Vatikan machen....halt aber auch hier gibt es keine Persilscheine mehr, auch dort knistert's im Gebaelk... Nichts ist bewiesen bezueglich China's Wen, aber der Zwist und die Unruhe sind gelegt und das westliche Imperium reibt sich die Finger.... Da lassen sich die amerikanischen Praesidentschaftskandidaten von Firmen ihren Wahlkrampf mit Milliarden sponsern (die machen das aus rein philantropischen Anwandlungen) und keiner kommentiert das...das sind ja auch die Guten. Solange deutsche Medien vorgekauten Mist au einschlaegigen Presseagenturen uebernehmen und nicht mehr selbst recherchieren, solange liegt de deutsche Presse im Argen.

0 Pequod 28.10.2012, 15:46 Uhr

Wie wurde doch in einer...

Wie wurde doch in einer kürzlichen Leserzuschrift ausgeführt, daß man bevor man andere Häuser beurteilt, erst dreimal sein eige- nes Haus kritisch betrachten sollte, was die ''EU'' betreffend, schon seit einiger Zeit, einem Messie-Standard entspricht und diese mit dem Eurosystem nicht mehr finanzierbar ist! Es könnte sein, daß die Familie Wen, wenn es ganz schlimm kom- men sollte, was nicht in allzu weiter Zukunft liegt, als Retter ange- rufen wird!

Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.