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Lienhards Leiden

30.10.2012, 06:33 Uhr  ·  Indien hat die Investoren enttäuscht. Auf der Asien-Pazifik-Konferenz, die am Donnerstag in Delhi beginnt, muss vieles auf den Tisch kommen. Hubert Lienhard, der im Asien-Pazifik-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft für Indien spricht, gibt nun die von heutigen Managern gewohnte Zurückhaltung auf. Er spricht Tacheles, und will so Inder und Investoren aufwecken.

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Indien hat die Investoren enttäuscht. Auf der Asien-Pazifik-Konferenz, die am Donnerstag in Delhi beginnt, muss vieles auf den Tisch kommen. Hubert Lienhard, der im Asien-Pazifik-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft für Indien spricht, gibt nun die von heutigen Managern gewohnte Zurückhaltung auf. Er spricht Tacheles, und will so Inder und Investoren aufwecken.

 Von Christoph Hein

In den vergangenen Wochen hat die indische Regierung so viele Reformen verkündet, wie in ihrer gesamten Amtszeit nicht. Zuletzt baute Ministerpräsident Manmohan Singh sogar noch sein Kabinett großflächig um, so dass dessen Altersschnitt nun auf gut 66 Jahre fiel.

An der Lebenswirklichkeit in Indien ändert all dies bislang wenig. Immer noch ist Südasien das Armenhaus der Welt, immer noch beißen sich Unternehmen wie Enercon, Bayer oder Novartis an Indien die Zähne aus – auch weil sich Recht hier kaufen lässt. Trotz aller Änderungsbemühungen bleiben wichtige Märkte des Landes für Investoren aus dem Ausland verschlossen.

Ob all dies offen auf der Asien-Pazifik-Konferenz der Deutschen Wirtschaft, die am Donnerstag in Delhis Satellitenstadt Gurgaon von Wirtschaftsminister Rösler eröffnet werden wird, auf den Tisch kommt, bleibt abzuwarten. Umso mutiger tritt Hubert Lienhard auf: In einem Interview mit der F.A.Z. nimmt der Vorsitzende der Geschäftsführung des Maschinenbaukonzerns Voith kein Blatt vor den Mund. Damit liefert der langjähriger Indien-Sprecher des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft eine Steilvorlage für die Konferenz: Schluss mit den freundlichen Worten auf dem Podium, ab jetzt sind Offenheit und ein ehrlicher Umgang mit einander gefragt.

Herrn Lienhard, Indien enttäuscht mit nur noch gut 5 Prozent Wachstum, so wenig, wie zuletzt vor zehn Jahren. Warum bleibt es so weit hinter den selbst gesetzten Erwartungen zurück?

Die Inder sagen selber, sie bräuchten 8 Prozent Wachstum, um Schulabgängern Ausbildungs- und Arbeitsplätze anzubieten. So gesehen fehlen derzeit 3 Prozentpunkte. Dafür sehe ich mehrere Gründe: insgesamt investieren westliche Unternehmen derzeit zurückhaltender. Dann ringen die Inder mit

hohen Zinsen und einer geringeren Kaufkraft, weil der Monsun im vergangenen Jahr schwach ausfiel. Vor allem aber leidet das Land unter hausgemachten Problemen. Deshalb redet niemand mehr von zweistelligen Wachstumsraten, wie es vor zwei Jahren noch üblich war.

Die Politik blockiert sich seit Jahren selber.

Woran mangelt es?

In den vergangenen Jahren haben wir den Willen zum Aufbruch und zu Reformen vermisst. Die Bundesregierung in Neu Delhi hat große Entscheidungsbefugnisse an die Länder delegiert, und dort hängt es dann oft. Selbst bei den nun verabschiedeten Reformen, wie der Öffnung des Einzelhandels, werden wieder die Länder das Sagen haben. Die deutsche Wirtschaft mahnt solche Reformschritte seit

Jahren an, nun müssen sie endlich umgesetzt werden.

Wie weit leiden Unternehmen inzwischen unter den Zuständen in Indien?

Unternehmen wie der Windturbinenhersteller Enercon oder der Pharmakonzern Bayer leiden massiv an mangelnder Rechts- und Patentsicherheit. Sie machen bittere Erfahrungen in Indien. Es kann nicht sein, dass die drittgrößte Wirtschaftsnation Asiens sich per Gesetz einfach über internationale Patentstandards hinwegsetzt. Indien muss auch da auf der Höhe der Weltstandards spielen.

Die Firmen leiden ja nicht nur unter mangelnder Rechtssicherheit…

Nein, uns drücken weitere Sorgen. Die Korruption bleibt ein großes Thema, übrigens in ganz Asien. Dass diese Verhaltensmuster in Indien nun ans Tageslicht kommen, ist zunächst mal positiv. Inzwischen kann die Regierung die Forderung ja nicht mehr überhören, dass sie aufräumen muss. Aber sie muss damit auch beginnen.

Was heißt das für Investoren aus dem Westen?

Angesichts der Vielzahl der Skandale liegt es auf der Hand, dass nun manche potenziellen Investoren sagen werden: Lass uns erstmal abwarten. Denn unter solchen Umständen kann niemand von uns agieren. Uns sind die Hände gebunden, wenn Bestechungsgelder gefordert werden. Und damit verlieren wir Geschäftsmöglichkeiten. Wir wollen das gleiche faire Spielfeld, wie es im übrigen ja

auch indischen Investoren in Deutschland eingeräumt wird, selbstverständlich ohne Bestechung.

Die nächsten Wahlen folgen 2014. Hat diese Regierung noch die Kraft, einen Aufschwung zu erzeugen?

Wir haben in Indien ja nicht nur 1,2 Milliarden Menschen, sondern auch eine Mittelklasse, die immer stärker konsumiert. Umsätze und Ergebnisse der Unternehmen, die seit langem vor Ort sind, wachsen ja auch ganz ansehnlich: Voith ist beispielsweise über die letzten zehn Jahre durchschnittlich um fast 15 Prozent pro Jahr gewachsen. Das Land wird kommen, aber die Entwicklung geht nicht schnell genug voran. Indien hat lange geglaubt, es können die industrielle Phase überspringen und direkt eine Dienstleistungsnation werden. Das hat nicht funktioniert. Neben der Industrie und der Infrastruktur muss vor allem die Landwirtschaft gefördert werden, um die Armut zu verringern. Dies alles sind

enorme Aufgaben. Doch muss eine Regierung eines Schwellenlandes sich ihnen stellen und sie abarbeiten.

 

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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0 DerMersch 07.11.2012, 00:37 Uhr

Seltsam, meine indischen...

Seltsam, meine indischen Bankaktien entwickeln sich außerordentlich gut. Woran liegt es?

Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.