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Die Schlange beißt im Mai

09.02.2013, 01:06 Uhr  ·  Die Astrologen und Geomanter rechnen im Schlangenjahr des chinesischen Mondkalenders mit Katastrophen und Tumulten. Im Frühjahr soll es ganz dicke kommen. Der Börsianerspruch „Sell in May and go away" bekommt eine neue Bedeutung

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Direkt unter den Hochhaustürmen der Banken am südostasiatischen Finanzplatz Singapur windet sich eine riesige, goldgelbe Schlange durch China-Town: Das mehrere hundert Meter lange Reptil aus Papier und Bambus ist Symbol für das neue Jahr des chinesischen Mond-Kalenders – es steht unter dem Sternzeichen der Schlange, die den Drachen ablöst. Der Jahreswechsel von Samstag auf Sonntag ist die Zeit für Familienfeiern, für Feuerwerke und die Stunde der Meister des Feng-shui, der Geomanter, Astrologen und Weissager. Sie werden ernst genommen in ihren Prognosen. So mancher Volkswirt erblasste schon am Ende des Jahres, wenn die Meister des Ungewissen mit ihren Vorhersagen besser lagen.

Für das vergangene Jahr kann man das nicht unbedingt behaupten. Da sagten die Sterndeuter Katastrophen voraus, Sturmfluten und Erdbeben – dabei hat Asien im Rückblick schon viel schlimmere Jahre erlebt. Weil der Drache aber das wichtigste Tierkreiszeichen ist, legten Eltern es darauf an, möglichst in diesem Jahr Kinder zu bekommen. Kein Wunder also, dass schon vor Jahresbeginn die Aktien von Spielzeugherstellern und Windelproduzenten in Asien stiegen. Da die Drachen-Babies im Schlangenjahr weiter wachsen, dürfte die Nachfrage hoch bleiben.

Was aber bringt die „Schwarze Schlange” noch?

Zunächst eine Verwirrung im chinesischen Kalender: Denn dort beginnt der Frühling in diesem Jahr am 4. Februar. Die Schlange aber übernimmt erst am 10. Februar – und deshalb muss das Schlangenjahr ohne Frühjahrsbeginn auskommen, während der Drache gleich zwei unter seinen Fittichen hatte. Kein guter Anfang ist das. Auch deshalb werden sich die Hotels darauf einrichten müssen, wesentlich weniger Hochzeitsfeiern auszurichten – wer ans Heiraten dachte, hat das in der chinesischen Welt im Jahr des Drachen hinter sich gebracht.

Kinder des Schlangenjahres gelten als intelligent, von ihrem Intellekt geleitet und gut organisiert. Die Kehrseite des Tierkreiszeichens ist Egoismus und Gnadenlosigkeit. Die Schlange steht auch für Reichtum. Nicht aber für Ruhe und Ausgeglichenheit – im letzten Schlangenjahr 2001, daran erinnern nun die Weissager, erfolgten die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York. 1989 zerschlugen die Kommunisten die Demokratiebewegung auf dem Tiannamen-Platz, 1941 griffen die Japaner Pearl Harbour an und – spätestens hier beginnt der Börsianer auch im Westen zu zittern – im Oktober 1929 kam es zum Crash an der Wallt Street. Galt der Drache als positives Yang, folgt nun die stärkste zerstörerische Kraft mit dem negativen Yin der Schlange.

Großmeister empfehlen deshalb Ruhe, so wie auch die Schlange sich gleitend fortbewegt und lange auf ihre Chance wartet. Auch an der Börse gelte es abzuwarten, bis eine Kaufgelegenheit komme, heißt es in Asien. Bei Indizes, die um ihre Höchststände pendeln, sicherlich kein dummer Ratschlag. Kein Wunder, dass sich die Großmeister der Kristallkugel-Leser nun rechtzeitig mit schlechten Prognosen absichern: Mak Ling-ling, bekannteste Sterndeuterin Hongkongs, rechnet mit ruhigen Zeiten an der Börse in der ersten Jahreshälfte, einem Einbruch der Kurse in der zweiten Hälfte. „Genau wie die Bewegungen der Schlange. Schnell, aggressiv und scharf – aber zugleich sehr trickreich”, sagt sie. Vor einem „Katastrophenjahr” warnt Singapurs Sternexperte Than Khoon Yong. Für ihn kommt es ganz dicke: „Die Europäischen Union wird zerfallen, der Euro in Probleme kommen.” Than kennt sogar den Zeitpunkt: Ab Mai werde es gefährlich. Denn der Mai ist der Schlangenmonat, so dass sich im Jahr der Schwarzen Wasserschlange gleich zwei Reptilien treffen. Der alte Börsianerspruch „Sell in May und go away” bekommt für die China-Gläubigen also noch einmal mehr Gewicht. Deshalb blickt auch Hongkongs Chow Hon-ming nicht so weit in die Ferne wie sein Kollege Than, fürchtet aber den Mai genauso: Der Konflikt zwischen Japan und China – zwei Schlangen – werde dann zu einem kurzen Krieg führen.

Wer also auf Nummer sicher gehen will, der baut im Frühjahr Aktienpositionen ab. Schwer muss das nicht fallen, haben die Märkte in Asien doch zweistellig zugelegt – von Pakistan (plus 42 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten), über die Philippinen (35), Thailand (34), Japan (26) bis zu Australien (15). Dort, wo die Schlange wohnt, in China, scheint bei einem Plus von 8 Prozent noch Luft nach oben – zumindest bis Mai. Vielleicht kann das ja jemand richten, der ein ganz besonderes Verhältnis zum Reptil hat: Xi Jinping, der neue chinesische Präsident, Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas und Vorsitzender der Zentralen Militärkommission ist im Jahr der Schlange 1953 geboren.

 
 

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.