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Deutsche Autobauer setzen zu sehr auf China

17.04.2013, 09:27 Uhr  ·  Noch brummt das Geschäft der deutschen Autobauer in China, ihrem wichtigsten Markt. Aber wie lange noch? Gegen VW, Audi, BMW und Mercedes läuft eine zweifelhafte Verbraucherschutzkampagne. Wie gefährlich das werden kann, zeigen die Boykottaufrufe gegen die Japaner. Deren Markt in China ist zeitweilig zusammengebrochen.

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Oberflächlich betrachtet geht es der deutschen Kfz-Industrie in China blendend. Das zeigen die neuen Zahlen des Automobilverbands VDA vom Mittwoch. VW, BMW und Co. profitieren davon, dass der Markt jetzt wieder der größte der Welt ist, dass er so schnell wächst wie kein anderer und dass die Deutschen dort bei Pkw und Premiumfahrzeugen Marktführer sind (http://www.faz.net/-gqi-78giy).

Der kleiner Wermutstropfen kommt denn auch nicht vom deutschen Autoverband, sondern von seinem chinesischen Pendant, dem CAAM: Ihm zufolge sind außer den Marken VW und Porsche die deutschen Hersteller im ersten Quartal weniger stark gewachsen als der Gesamtmarkt. Das hat es lange nicht gegeben!

Die Entwicklung muss man in einen größeren Zusammenhang einbetten. Derzeit gibt es eine Welle negativer Kampagnen gegen ausländische Produkte in China, und diese führt internationalen Konzernen recht ungeschminkt ihre Abhängigkeit von dem fernöstlichen Markt vor Augen.

Wie schnell das schiefgehen kann, zeigt die Lage der japanischen Konkurrenz in China. Seit ein Territorialkonflikts mit Japan hochgekocht ist, drückt ein Boykottaufruf in China den dortigen Absatz von Autokonzernen wie Toyota um bis zu 40 Prozent. Auch in den neuen Absatzzahlen zum ersten Quartal prangt bei den OEMs aus dem Nachbarland ein fettes Minus.

Jetzt stehen in der Volksrepublik der amerikanische Elektronikriese Apple und die deutsche Fahrzeugindustrie im Kreuzfeuer. Für sie ist der Absatz im bevölkerungsreichsten Land der Welt überlebenswichtig.

Die deutschen Autobauer wehren sich deshalb gegen zweifelhafte Verbraucherschutzkampagnen in China, ihrem mit Abstand wichtigsten Markt. Nach Berichten chinesischer Staatsmedien über gesundheitsschädliche Dämpfe in Fahrzeugen von BMW, Mercedes und Audi fordert der VDA die Offenlegung des Datenmaterials. „Es sollte zu den anerkannten Spielregeln auf allen Märken in der Welt gehören, dass eine Kritik an Produkten und Qualität auf validen Tests und Untersuchungen beruht“, kritisierte VDA-Präsident Matthias Wissmann gegenüber der F.A.Z.

„Uns sind keine belastbaren Hinweise bekannt, dass die strengen und international gültigen Produktionsstandards nicht eingehalten worden wären“, sagte Wissmann. Er reagierte damit auf einen Bericht des Fernsehsenders CCTV, wonach die Dämmstoffe in sechs Modellen aus deutscher Fertigung gefährliche Dünste absonderten. Die Konzerne versichern zwar, die Vorwürfe seien ungerechtfertigt. Aber sie versprechen zugleich, mit den Behörden zusammenzuarbeiten und alle potentiellen Gefahrenquellen auszuräumen.

Ähnlich servil reagierte kürzlich der Apple-Vorstandsvorsitzende Tim Cook in der vergangenen Woche. Nach tagelanger Kritik durch Parteimedien entschuldigte sich Cook und versprach für die Zukunft bessere Garantieleistungen. Die Welle der Empörung gegen Apple hatte eine jährliche CCTV-Sendung zum Tag des Verbraucherschutzes am 15. März ausgelöst. Darin war dem Hersteller vorgeworfen worden, seine Kunden in China schlechter zu stellen als anderswo. Dieselbe Sendung prangerte VW für fehlerhafte Getriebe an. Daraufhin sah sich der Konzern gezwungen, mehr als 380.000 Fahrzeuge zurückzurufen, so viele wie nie zuvor in China.

Apples Auftreten in China und die Güte der VW-Bauteile sind seit langem Gegenstand von Diskussionen. Der Angriff auf Audi, BMW und Mercedes kam indes völlig überraschend. Warum das Thema jetzt ausgeweitet und so sehr aufgeheizt wird, dass die Unternehmen zu Kotaus gezwungen werden, gibt zu Spekulationen Anlass. Es heißt, darin zeige sich der nationalistische Zug der neuen Führung unter Partei- und Staatschef Xi Jinping: Die staatliche Autoindustrie wolle die Fremde in die Schranken weisen. Die Attacke auf Apple sei Vergeltung für Marktbarrieren in Amerika gegen Unternehmen wie Huawei und ZTE.

Was immer die Gründe seien, es falle auf, dass sich die Medien und die zuständigen Ämter auf ausländische Konzerne konzentrierten, obgleich deren Qualität eigentlich als besonders verlässlich gelte, sagt Fu Weigang, Vizepräsident des Schanghaier Instituts für Finanzen und Recht. „Andere Anbieter, deren Konsumgüter viel schlechter sind, werden nicht so vorgeführt.“ Fu weist darauf hin, dass China für internationale Konzerne eine entscheidende Bedeutung erlangt habe, als Produktionsbasis wie auch als Markt.

Die gegenwärtigen Kampagnen könnten den Investoren deshalb erheblich zusetzen, zugleich  schadeten sie dem Standort. „Unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Berichte über Apple oder VW entsteht der Eindruck, die Bedingungen in China hätten sich verschlechtert.“ Tatsächlich hängen Apple und die Autobauer immer mehr von China ab. Für die Amerikaner ist das Land der zweitwichtigste Markt, für die Deutschen  der wichtigste: 2012 verkauften sie hier 2,84 Millionen Fahrzeuge, 29 Prozent mehr als in der Heimat

Fachleute sehen in der echten oder geschürten Verbraucherunzufriedenheit eine neue, sich über das Internet rasend schnell verbreitende Gefahr, die vielen Investoren noch nicht bewusst sei. Vor allem vor dem Konsumententag am 15. März jeden Jahres müssten sie sich gegen mögliche Angriffe wappnen – ob gerechtfertigt oder nicht, rät Sabine Stricker-Kellerer, China-Anwältin  der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer.

Das habe auch etwas mit den schwachen Institutionen zu tun: Die Gesetze für Produkthaftung und Verbraucherschutz seien solide. Aber oft würden sie nicht eingefordert oder durchgesetzt.  „Deswegen gehen viele Verbraucher ihren eigenen unorthodoxen Weg.“  Anstatt sich an die Händler oder im Notfall an die Gerichte zu wenden, stachelten unzufriedene Kunden im Internet gegen die Hersteller auf oder zögen sogar direkt vor die Zentralen.

 

Weiterlesen zu China:

Chinas Kampf gegen’s Prassen drückt das Wachstum http://blogs.faz.net/asien/2013/04/15/chinas-kampf-gegens-prassen-druckt-das-wachstum-371/

 

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (6)
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9 otto kaldrack 17.04.2013, 16:40 Uhr

Autos in China

Zu glauben, daß man auf Dauer das Geschäft mit Autos und anderen
wichtigen Gerätschaften in China machen kann, ist schon sehr blauäugig.
die Chinesen werden, wenn sie das know how vollständig beherrschen,
die Kapitalisten mit ihren subtilen Methoden aus dem Markt drängen, und
aus dem Land scheuchen. Sie sind clever und geschäftstüchtig, wie man
überall in der Welt sehen kann. Und wenn man sie läßt, wie jetzt im Kern-
land, sehen sie nicht ein, daß andere Geschäfte machen, die man selbst
auch machen kann. Also mit bisherigen oder weiteren Zuwächsen dort zu
rechnen, wohl eher nicht.

14 Michael Wagner 17.04.2013, 14:35 Uhr

Sich dermaßen auf China zu verlassen,

wir zu einem tiefen Fall führen. Man kann sich nur über die Kurzsichtigkeit der Autobauer wundern. Immer mehr, immer größer, immer aufwendiger ect., so kann es nicht weitergehen. Früher musste man für einen Benz mitunter Jahre warten, heute stehen sie zu Tausenden bei den Händlern herum und werden wie Sauerbier angeboten.

Antworten (1) auf diese Lesermeinung

20 lothar kempf 17.04.2013, 14:24 Uhr

Die guten alten Zeiten sind vorbei

Auf was sollen sie denn sonst setzen? Gäbe es keinen rückläufigen Markt Europa, dafür einen boomenden Markt Indien, einen größeren Markt Südamerika und einen erholten Markt USA könnten die Autobauer etwaige Wechselwirkungen in China einigermaßen verschmerzen. Allerdings haben sie zwischenzeitlich derart große Kapazitäten aufgebaut und Abhängigkeiten in China geschaffen, dass es ohne China auch in D nicht funktionieren wird. Fazit: sie müssen gegen die chinesische Konkurrenz bestehen und Bedürfnisse der anspruchsvollen chinesischen Kunden
befriedigen.

30 Mark Möschl 17.04.2013, 13:53 Uhr

es sollte ?

„Es sollte zu den anerkannten Spielregeln auf allen Märken in der Welt gehören, dass eine Kritik an Produkten und Qualität auf validen Tests und Untersuchungen beruht“

Es sollte zu den anerkannten Spielregeln auf allen Märkten dieser Welt gehören, daß man mit menschenverachtenden diktatorischen Regimes welche keinerlei Rechtssicherheit gewähren auch keinerlei Geschäfte macht, ganz egal wie gross der Gewinn lockt !!! Punkt !

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.