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Wo Deutschland noch viel stärker ist als China

19.06.2013, 06:23 Uhr  ·  Deutschland ist das führende Messeland in der Welt, die größte Gesellschaft mit eigenem Gelände kommt aus Frankfurt. Sie ist ein echter Exportschlager und zeigt sogar den Chinesen, wo es langgeht: Mittlerweile stammen 17 Prozent des Konzernumsatzes der Messe Frankfurt von hier.

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© itz. 

Sogar im Urlaub strömen die Massen auf das Messegelände im südchinesischen Kanton. Tausende Fachbesucher drängeln sich durch die Eingänge, bewehrt mit Taschen, Kameras, Informationsmaterial, tragbaren Computern. Eigentlich arbeiten die Chinesen an den Feiertagen rund um das Drachenbootfest nicht. In den Ferien Geschäftspartner zusammenzutrommeln, ist deshalb äußerst schwierig. Aber das Zeitfenster ist das einzige, in dem das riesige Areal noch frei war für die Ausländer, die hier gerade ihre Leistungsschau veranstalten: die Messe Frankfurt.

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„Früher war das Timing vielleicht ein Nachteil“, sagt Projektleiterin Lucia Wong, die für die Aktivitäten der Frankfurter in Kanton (Guangzhou) mitverantwortlich ist. „Aber mittlerweile ist unsere Messe so bedeutsam, dass alle dabei sein wollen.“ Seit 2005 veranstalten die Deutschen hier gemeinsam mit einem chinesischen Partner die doppelte Lichtmesse Guangzhou International Lighting Exhibition sowie Guangzhou Electrical Building Technology.

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Das Duo ist inzwischen nicht nur die wichtigste Leistungsschau in Guangzhou nach der legendären Kanton-Messe, Asiens führender Exportpräsentation. Sie ist nicht nur der wichtigste Auftritt eines ausländischen Veranstalters in China, sondern sie hat auch die Mutterschau im Mutterhaus hinter sich gelassen. Von der Zahl der Aussteller her ist die Light and Building, die Weltleitmesse in Frankfurt, inzwischen kleiner als das Pendant in Südchina. Auf der diesjährigen Messe in Guangzhou haben fast 2900 Aussteller auf 215.000 Bruttoquadratmetern rund 117.000 Besucher angezogen; das ist ein Rekord.

Der passt ins Bild, denn die hessische Gruppe wickelt einen immer größeren Teil ihrer Geschäfte im Ausland ab, vor allem in China. Die Frankfurter bezeichnen sich als führende Messegesellschaft der Welt mit eigenem Gelände. Der Gesamtumsatz betrug 2012 rund 537 Millionen Euro, fast ein Drittel davon stammte aus dem Ausland. Im Jahr zuvor waren es 28 Prozent, 2010 rund 25 Prozent gewesen. Seit Jahren wachsen die Erlöse in der Fremde stärker als zuhause, wobei Asien den Löwenanteil beisteuert, vor allem China mit Hongkong und Taiwan: 2012 waren es Schätzungen zufolge mehr als 90 Millionen Euro, sage und schreibe 17 Prozent des Konzernumsatzes. Für mehr als 21.000 Aussteller organisieren die Deutschen in „Greater China“ jedes Jahr 29 Messen und Konferenzen, allein 13 in Schanghai. 2012 kamen rund 720.000 Besucher.

© itz.Konzernchef Wolfgang Marzin in Kanton. Im Hintergrund das Logo der Messe Frankfurt.

„China ist für uns unverzichtbar“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung, Wolfgang Marzin, in Kanton. Er bezeichnet die Dynamik und das Potential der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt als atemraubend, nicht nur für das produzierende Gewerbe, sondern auch für Dienstleister wie die Messegesellschaften. „Wir müssen da sein, wo die Industrie ihre Geschäfte macht, und das ist eindeutig in China“, findet er. Die asiatischen Geschäfte seien profitabler als die deutschen, verrät Marzin. „Es könnte passieren, dass wir eines Tages im Ausland mehr verdienen als im Inland.“

Auch andere deutsche Veranstalter setzen auf das Ausland, wenngleich nicht annähernd so stark wie Frankfurt. Nach Angaben des Messeverbands AUMA in Berlin erzielen die Gesellschaften rund 10 Prozent ihres Gesamtgeschäfts außerhalb der Heimat, 300 bis 350 Millionen Euro im Jahr. Der Anteil der Frankfurter ist dreimal so hoch, auf sie entfallen ein Drittel bis zur Hälfte der Auslandserlöse aller deutschen Messeveranstalter. Allein der China-Umsatz der Hessen ist fast so groß wie der gesamte Konzernerlös der Messe Hamburg. Die rangiert in Deutschland immerhin auf Platz neun der Branche.

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Selbst das China-Geschäft der Messen Hannover, Düsseldorf und München sei weniger bedeutend, sagt Stephan Buurma, der von Hongkong aus die Asienaktivitäten der Frankfurter leitet. Und das, obgleich die drei Gesellschaften direkt am Messegelände Sniec in Schanghai beteiligt seien; eine Investition „in Beton“, die Buurma ablehnt: „Das zahlt sich nicht aus, wir machen mehr Veranstaltungsumsatz in Schanghai als diese Mitbewerber.“ Buurma lobt die eigene Flexibilität. So könne man in Zukunft mit der Autoteilemesse Automechanika vom alten in ein neues Gelände umziehen, das in Schanghai gerade ohne deutsche Kapitalbeteiligung gebaut wird. Die Anlage soll 2015 in Betrieb gehen und die größte der Welt werden (Kräftemessen der Messen: China plant die größte Messe der Welt ; http://www.faz.net/-gqi-y4fu).

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So sehr es sich seiner Stellung rühmt, so sehr ist das Frankfurter Unternehmen doch eher zufällig und widerwillig nach Fernost gekommen. 1987 zog die Textilmesse Interstoff von Frankfurt nach Hongkong um, weil die Branche – und damit auch die Leistungsschau – in Europa in die Krise geraten waren. Die Musik spielte plötzlich in Asien, ganz ähnlich wie sich heute der deutsche Auto- oder Maschinenbau auf Fernost verlässt. „Es hat sich als Glücksfall herausgestellt, rechtzeitig hier gewesen zu sein“, sagt Messechef Marzin. Andererseits müsse man vermeiden, von China abhängig zu werden. Deshalb baue die Messe ihre Aktivitäten in Indien systematisch aus. Das scheint dringend nötig, denn sie erreichen kaum 4 Prozent des Chinageschäfts.

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.