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Akte Asien

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In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

Wie wir noch mehr Chinesen nach Deutschland locken

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„Deutschland kann vom Reiseweltmeister China enorm profitieren“, sagt der Tourismusforscher Wolfgang Georg Arlt. In einem typisch deutschen Biergarten mitten in Peking redet er über ungesundes Schweigen beim Essen, die Attraktion Karl Marx und Labskaus aus Bremen.

Professor Wolfgang Georg Arlt gilt in Deutschland als einer der besten Kenner des chinesischen Fremdenverkehrs. Er lehrt Tourismus-Management an der Fachhochschule Westküste in Heide (Holstein). Außerdem leitet er das von ihm gegründete Institut COTRI, welches das Auslandsreiseverhalten der Chinesen untersucht. Arlt studierte Sinologie und Politik an der FU seiner Heimatstadt Berlin, in Taiwan und Hongkong, war Reiseleiter und Reiseveranstalter in China. Seit seinem ersten Besuch 1978 ist er rund 130mal in die Volksrepublik gereist.

© itz. 

FRAGE: Herr Professor Arlt, wir sitzen in einem deutschen Biergarten mitten in Peking. Es ist gerappelt voll. Was treibt die vielen Chinesen zu Bier und Leberkäse?

ARLT: Das ist für viele eine kleine Deutschlandreise, etwas Exotisches. Schauen Sie, der Herr am Nebentisch isst grade eine Schweinshaxe. Das ist wie eine Mutprobe, mit der er zeigt, wie international er ist. Als würden wir Schlange bestellen.

Eine ziemlich teure Mutprobe, ein halber Liter Bier kostet umgerechnet 8,20 Euro.

ARLT: Geld spielt keine Rolle, wie so oft bei der Oberschicht. Freizeitparks sind hier auch irre teuer. Ein chinesisches Sprichwort sagt, wer auf Reisen ist, darf nicht knickerig sein. Chinesen geben im Urlaub viel mehr Geld als andere aus, weil sie zeigen wollen, dass sie sich das leisten können.

Gilt das auch für das Ausland?

ARLT: Da erst recht. Die Chinesen haben 2012 erstmals die Deutschen als Reiseweltmeister abgelöst und mehr als 100 Milliarden Dollar im Ausland gelassen.

Die meisten Reisen führen aber nach Hongkong und Macao, zum Einkaufen und fürs Glücksspiel.

ARLT: Stimmt, aber auch anderswo werden die Chinesen immer wichtiger. Für viele südostasiatische Länder sind sie schon der wichtigste Quellmarkt, wie wir das nennen, neuerdings auch für Australien.

Warum reisen Chinesen so gern?

ARLT: Fernreisen sind ein Statussymbol. Wer ein schönes Haus, ein dickes Auto und den Sohn auf einer ausländischen Universität hat, der investiert als nächstes in weite Reisen. Unsere Umfragen zeigen, dass viele das eigentlich gar nicht mögen. Sie hassen das lange Fliegen, das Wetter dort oder das Essen. Aber so wie man gern seine Gucci-Tasche oder seinen Audi präsentiert, will man anderen auch Fotos aus Sydney zeigen können. Das hat auch geschäftliche Vorteile. Wer sich New York leisten kann, gilt als kreditwürdig.

Der Mischkonzern Wanda will in London das erste chinesische Luxushotel bauen. Gibt es da nicht schon genügend?

ARLT: Schon, aber kaum eines ist auf Chinesen eingestellt. Wanda will im Ausland Hotels von Chinesen für Chinesen bauen, das ist clever. Übrigens sind chinesische Investoren in Europa längst aktiv. Die Hainan-Airlines-Gruppe HNA ist dort an mindestens 50 Hotels beteiligt.

Taugen normale Hotels denn nichts?

ARLT: Die machen vieles falsch, und deshalb sind die meisten Chinesen mit dem Service in Europa unzufrieden. Das beginnt schon damit, dass sie an der Rezeption falsch angesprochen werden, weil im Chinesischen der Familienname vorn steht. Oder sie werden für Japaner gehalten, das geht gar nicht!

Sind die kulturellen Unterschiede so groß?

ARLT: Immens! Im Westen bekommt an der Rezeption immer erst die Dame den Schlüssel, in Japan der Herr. In China aber ist der Chef als erster dran, egal, ob er männlich oder weiblich ist.

Kann man nicht darüber hinwegsehen?

ARLT: Nicht wenn man so empfindlich ist wie viele Chinesen. Sie fühlen sich schnell herabgesetzt, obwohl das niemand will. Außerdem: Wer in Paris 600 Euro für eine Suite bezahlt, kann erwarten, dass die anderen sich anpassen, nicht er selbst.

Auch beim Essen?

Natürlich! Man sollte zum Beispiel akzeptieren, dass Chinesen in Restaurants sehr laut sind. Das ist nicht ungehobelt, sondern dient der Gesundheit. Sie sagen: Wer beim Essen schweigt, bekommt Verstopfung.

Und was ist mit chinesischen Speisen?

ARLT: In westlichen Hotelketten gibt es zum Frühstück längst Sushi-Büffets für Japaner, aber keinen Reisbrei, keine Sojamilch oder salziges Gemüse für Chinesen. Das sollte man anbieten, obgleich die Chinesen dann vielleicht doch Cornflakes essen. Es geht darum, den Reisenden gegenüber Respekt zu zeigen und ihre Gleichwertigkeit zu unterstreichen. Dazu sollten auch Hinweisschilder und Speisekarten auf Chinesisch gehören oder hier und dort ein asiatisches Kunstwerk.

Wenn wir in Venedig das Schild sehen „Wir sprechen Deutsch“, gehen wir doch eher nicht in solch ein Restaurant…

ARLT: Chinesen wissen so etwas aber sehr zu schätzen, und darauf sollten sich die Gastronomie und Hotellerie einstellen. Ich war gerade in Berlin in einem Hotel mit 150 Fernsehkanälen, aus Peru, aus Brasilien und sonstwo. Es gab nur einen Sender aus China, und der war auf Englisch.

Wie kann man Chinesen noch gewinnen?

ARLT: Mit viel Personal. Chinesen warten nicht gern und wollen umsorgt werden. Ich schätze, dass Wanda in London fünfmal so viele Leute einstellt wie andere. Das rechnet sich, wenn die Auslastung stimmt und man ganze Urlaubspakete anbietet. Wanda ist ja auch Reiseveranstalter.

Und außerhalb der Hotels?

ARLT: Wenn ein Reiseführer in Aachen sagen kann: „Karl der Große lebte zur Zeit Ihrer Tang-Dynastie“, dann hat er schon gewonnen. Dann werden er, seine Organisation und die Stadt weiterempfohlen. Es zahlt sich wirklich aus, Chinesen mit Achtung zu begegnen.

Wie wichtig sind Chinesen für Deutschland?

ARLT: Noch hält sich ihre Menge in Grenzen. 2012 haben wir rund eine Million Besucher gezählt, das ist weniger als aus Holland oder der Schweiz. Die Zahl der Übernachtungen betrug 1,5 Millionen, die Chinesen bleiben also nur kurz bei uns. Meist ist Deutschland Teil einer Europareise, da ist an jeder Station wenig Zeit. Selbst ins Karl-Marx-Haus in Trier geht nur ein Zehntel der Chinesen wirklich hinein, der Rest lässt sich allenfalls davor fotografieren. Wenn Karl Marx nicht zieht, wer dann? (lacht)

Die Bedeutung chinesischer Urlauber wird also überschätzt?

ARLT: Keinesfalls, denn wir befinden uns erst am Anfang. Die Zahl der Deutschlandreisen wächst rasant um rund 20 Prozent im Jahr. Das schafft kein anderes Herkunftsland.

Wie kann man davon profitieren?

ARLT: Jede Region in Deutschland hat etwas zu bieten, sie sollte es aber besser auf Chinesen zuschneiden. Woher kommen Sie zum Beispiel?

Aus Bremen.

ARLT: Warum bietet Bremen nicht einen Kurs zum Labskauskochen auf Chinesisch an, am besten im historischen Rathaus? Mit Video zum Mitnehmen, Urkunde und dem einen oder anderen VIP, der vorbeikommt und Ni hao sagt. Wer sich zum Fotografieren auf den Stuhl des Bürgermeisters setzt, zahlt 150 Euro extra. Wir mögen das albern finden, aber Chinesen lieben so etwas. Sie sind Deutschland sehr zugetan, kommen gern und kaufen viel ein. Nicht nur Kuckucksuhren, sondern auch Töpfe, Werkzeuge oder Boss-Anzüge. Wenn es Deutschland klug anstellt, kann es von den neuen Reiseweltmeistern enorm profitieren.

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1 Lesermeinung

  1. Arlt hat recht!
    Ich wohne in Trier und jeden Tag laufen zahlreiche Chinesen durch den Hauptmarkt zum Karl-Max-Haus, aber viele wissen nicht, wo kann man was kaufen, auch wenn sie furchtbar gerne nach Heimat etwas mitbringen. Die Stadt hat zwar auch versucht, sich daran anzupassen, aber bis jetzt nicht wirklich gelungen, weil sie zu wenig über das Reiseverhalten der Chinesen wissen.

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