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Menschenversuche in der Diktatur

09.07.2013, 17:55 Uhr  ·  Die Willkür des Maoismus entpuppt sich als Glücksfall für die Wissenschaft. Weil das Regime auf der einen Seite eines Flusses Kohleöfen zuließ und auf der anderen nicht, kann man heute die gesundheitlichen Folgen der Luftverschmutzung studieren. Grotesk, aber mordsinteressant.

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© Wiki CommonsWas nicht heißt, dass nicht auch der Süden verpestet ist: Smog in Xinhui, Kanton. 

Wer früher stirbt, ist länger tot – und lebt vermutlich in China. Dort sorgt derzeit eine Studie für Furore, die erstmals die langfristigen Gesundheitsschäden der Luftverschmutzung auf eine wissenschaftliche Grundlage stellt. Das Ergebnis: In Nordchina, wo mehr Kohle verbrannt wird, leben die Menschen im Schnitt 5 Jahre kürzer als im Süden.

Eine wirkliche Kausalität zwischen hoher Feinstaubbelastung und hoher Mortalität kann zwar auch diese Untersuchung nicht belegen. Aber die Korrelationen sind so frappierend, dass wohl etwas dran sein wird an dem schon lange vermuteten Zusammenhang (http://www.faz.net/-gqg-7b4ge).

Mindestens ebenso interessant wie das Resultat ist sein Zustandekommen. Die Wissenschaftler haben zwei repräsentative Gruppen miteinander vergleichen können, wie es sonst nur in gruseligen Menschenversuchen möglich gewesen wäre: die eine wurde jahrzehntelang dem Dreck ausgesetzt, die andere nicht. In der ersten Gruppe treten deshalb die tödlichen Herz- und Atemwegserkrankungen in allen Altersgruppen signifikant häufiger auf.

Möglich wurde die Gegenüberstellung durch willkürliche Bestimmungen aus der Mao-Zeit, die zum Teil bis heute fortwirken. Damals wurde festgesetzt, dass oberhalb des Huai-Flusses im Winter geheizt werden durfte, unterhalb hingegen nicht. Den Familien im Norden stellte die Regierung dafür unentgeltlich Kohle zur Verfügung. Bis heute gibt es im Süden, wo es tendenziell wärmer ist, kaum Kohle- oder Gasheizungen.

Die Forscher nun untersuchten die Gebiete unmittelbar dies- und jenseits der künstlich gezogenen Wetter- und Subventionsscheide. Eigentlich unterscheiden sich die Gegenden in nichts voneinander: Klima, Vegetation, Wirtschaft, Verwaltung, Bevölkerung, soziale Schichtung, Einkommen, Ernährung, Grundwasser – so gut wie alles ist identisch. Auch die gasförmigen Luftbelastungen, etwa durch Schwefeldioxyd und Stickstoffoxyd, treten gleich häufig auf, weil sie hin- und hergeblasen werden. Das gilt aber nicht für die schwerer beweglichen Feinstäube aus der Kohleverbrennung. Deshalb müssen wohl sie den Ausschlag geben über die Krankheitshäufigkeit.

Noch eine weitere Besonderheit aus der Mao-Epoche half den Wissenschaftlern enorm. Damals wurde das Hukou-System eingeführt, eine Zwangsregistrierung der Haushalte, die bis heute gilt. Sie legt fest, dass ein Wechsel des Wohnorts – der meist auch Geburtsort ist – nur sehr schwer möglich ist. Damit wollte der Staat die Landflucht aufhalten, die Bauern an ihre Schollen binden und der Slumbildung in den Städten vorbeugen. Für die Studie bedeutete das, dass die Mobilität der Untersuchten recht gering war: Wer nördlich des Huai lebte, blieb dort auch, atmete die schlechte Luft ein – und erkrankte eben.

So makaber es klingt: Für die Forschung erwiesen sich diese bis in die Gegenwart andauernden Auswüchse von Autoritarismus und Willkür als Glücksfall. Die Autoren nennen die Gegebenheiten „einen ansprechenden quasi-experimentellen Ansatz“. Natürlich habe die Regierung die Menschen nicht bewusst den Schadstoffen aussetzen wollen, sagt Studienleiter Michael Greenstone vom federführenden Massachusetts Institute of Technology (MIT). „Das war die unbeabsichtigte Folge einer Politik, die (damals) recht vernünftig ausgesehen haben muss.“

Unter anderen Umständen aber, das gibt Greenstone zu, wäre man nie an derlei aussagekräftige Daten gekommen. „Wir werden, Gott sein Dank, niemals eine randomisierte kontrollierte Untersuchung haben, wo wir einige Leute über ihr ganzes Leben hinweg einer größeren  Umweltverschmutzung aussetzen und andere einer geringeren.“

Aber genau das ist bis 1980 und vermutlich auch darüber hinaus an beiden Ufern des Huai-Flusses passiert. Wenn Wissenschaft und Politik aus den so gewonnenen Ergebnissen jetzt die richtigen Lehren ziehen und die unerträgliche Luftbelastung in China verringern helfen – dann war der vorzeitige Tod vieler tausend Menschen immerhin nicht ganz vergeblich.

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (7)
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7 Timo Jakel 10.07.2013, 01:37 Uhr

Kaum zu glauben

Wie verhaftet der Autor im Kalter-Kriegs-Denken ist, erstaunlich dass es sowas heute noch gibt. Wann kam bei uns das Umweltbewusstsein, wurden die Filter Pflicht? War es in den späten 80ern? Zu Maos Zeiten wurde jedenfalls auch hier noch eifrig in die Luft gepustet und in die Flüsse gekippt. "Willkürliche" Flächennutzungspläne, oder einfach nur die Lage von Industriebetrieben (In Do-Hörde, Ha-Vorhalle etc. direkt im Zentrum von städtischen Siedlungen) haben sicher auch bei uns lokal für niedrigere Lebenserwartung gesorgt.
Kopfschüttel über diesen unreflektierten Artikel.

6 Frank Wunderlich-Pfeiffer 09.07.2013, 22:17 Uhr

Die Kohle wurde nicht grundlos verteilt

Die Kohle wurde verteilt, weil es im Winter sehr kalt wird. Sie bewahrte die Menschen eines bitterarmen Landes davor zu erfrieren.

In Anbetracht der Tatsache, dass die Lebenserwartung in China kontinuierlich gestiegen ist und erst seit sehr kurzer Zeit überhaupt ein bescheidener Wohlstand existiert der Alternativen zur Kohle überhaupt denkbar macht, sollte man doch mehr als einmal überlegen, ob man sich derart hochmütig wie in diesem Artikel über diese chinesische Politik äußert.

Das ändert natürlich nichts daran, dass diese Alternativen jetzt auch eingesetzt werden müssen - und das ist es war die Chinesen tun. Und sie tun es, weil es jetzt KÖNNEN. Und sie haben es früher nicht getan, weil sie es NOCH NICHT konnten.

7 Henriette Kaschulke 09.07.2013, 21:55 Uhr

Dieselabgase

Im Land des TDI und andere Dieselmotoren leben die Leute weniger lange als im Land des Hybridantriebs. In Tokio ist die Luft sauberer als in Stuttgart. Betreiben Wissmann&Co auch in Kooperation mit Japan Menschenversuche in der BRD?

8 Dirk Lehmann 09.07.2013, 21:21 Uhr

"Menschenversuche in der Diktatur" ist ein völlig irreführender Titel

.. und marktschreierisch dazu.

Ich zweifele die Qualität der Studie massiv an, denn wenn im Norden Öfen NÖTIG sind und im Süden "Wegen tendenziell wärmeren Temperaturen" NICHT , sind allein bereits diese wichtigen Lebensbedingungen VERSCHIEDEN . Feinstäube sind auch alles andere als lokal begrenzt:
So liegt bisweilen in Köln feinster, roter Staub wie Blütenstaub auf den Autos: Es handelt sich um feinstäube, die auf Sandstürme in Nordafrika zurückzuführen sind und über die hohen Luftschichten bisweilen bis ins Rheinland gelangen.
Zudem gibt es - wie das Beispiel der Sandstürme zeigt - viele Arten von Feinstäuben, nicht nur Kohlestäube.

ECHTE Menschenversuche gab es aber wirklich in Diktaturen, wie wir leider nur zu gut wissen.
Allerdings auch in den "freien" USA, in vielen Studien in welchen die Opfer nicht über die Studie oder zumindest in keinster Weise über die potentiiellen Risiken informiert waren:
Tuskegee-Syphilis-Studie in den USA , zusätzlich 1300 Guatemalteker in Guatemala medizinisch zwangsinfiziert.
Tausende von Menschen wurden unwissentlich mit Kampfstoffen, zehntausende mit Radioaktiver Strahlung in Kontakt gebracht. IN Utah und Alabama wurde sogar einer ganzen Kleinstadt BEWUSST geheim langfristig das Trinkwasser radioaktiv kontaminiert, um mehr über die langfristigen Folgen zu erfahren. Obwohl man ja dafür ja bereits auf zwei gigantische Menschenversuche in Japan zurückgreifen hätte können: Nagasaki und Hiroshima.

Auch Frankreich hat bei den Atomtests in Algerien BEWUSST Wehrpflichtige massiv radioaktiver Strahlung ausgesetzt.

Die Menschenversuche in Osteuropa haben nach dem Fall des eisernen Vorhangs nicht abgenommen: heute sind es eben die westlichen Pharmakonzerne, die dort an "Freiwilligen" Tests durchführen, deren "Überwachung" und "Kontrolle" unseren Standards Hohn sprechen.

Man muss also nicht in das zweifellos menschenverachtende China, die Mißstände liegen bei uns vor der Tür. NUR: HIER redet keiner über UNSERE Missetaten - wir sind ja alle ethisch sooo überlegen, nicht wahr?

Antworten (1) auf diese Lesermeinung

8 Lydia Ishikawa 09.07.2013, 20:58 Uhr

nicht nur in China

Passiert nicht das Gleiche in Rhein-Main. Hier werden seit Oktober 2012 300.000 Menschen durch die Nordwestbahn des Frankfurter Flughafens nachweislich gesundheitlich geschädigt, Kinder werden in ihrer normalen Entwicklung gehemmt. Man will aber noch mindestens 2 Jahre weiter forschen. China-Deutschland, ich sehe keinen Unterschied.

1 Dirk Lehmann 09.07.2013, 20:46 Uhr

"Menschenversuche in der Diktatur" ist ein völlig irreführender Titel

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.