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NEWSFLASH: Chinas Wachstum sinkt weiter

15.07.2013, 04:36 Uhr  ·  Die zweitgrößte Volkswirtschaft verliert immer mehr an Schwung, die Abschwächung wurde aber erwartet. Daher atmen die Märkte auf: Es hätte schließlich noch schlimmer kommen können.

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Aufatmen in China und in der Welt. Das Wachstum der zweitgrößten Volkswirtschaft auf dem Planeten verliert zwar weiter an Schwung, die Abschwächung verläuft aber im Rahmen der Erwartungen. Im zweiten Halbjahr war die gesamtwirtschaftliche Leistung, das Bruttoinlandsprodukt, real betrachtet um 7,5 Prozent größer als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Das hat das Nationale Statistikbüro soeben in Peking mitgeteilt (http://www.stats.gov.cn/english/pressrelease/t20130715_402910992.htm ).

Das Wachstumstempo hat sich zuletzt immer mehr abgeschwächt, von plus 7,9 Prozent im letzten Quartal 2012 auf 7,7 Prozent im ersten Quartal dieses Jahres und eben jetzt auf 7,5 Prozent. Im ersten Halbjahr zusammengerechnet betrug der Anstieg 7,6 Prozent. Schwächer war die Rate zuletzt im Krisenjahr 2009.

Verunsicherung über die Wachstumsziele der Regierung

Eigentlich hatten Analysten und Anleger eine Drosselung in diesem Rahmen erwartet. Zuletzt waren aber auch Stimmen laut geworden, die vor einem stärkeren Rückgang gewarnt hatten. Aufgescheucht hatte sie ein Kommentar des chinesischen Wirtschaftsministers Lou Jiwei. Er hatte vergangene Woche ein Wachstum von 7 Prozent für das Gesamtjahr 2013 in Aussicht gestellt. Damit wich er von der Regierungslinie ab, mindestens 7,5 Prozent anzustreben. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua stellte am Wochenende aber klar, es bleibe bei dem ursprünglich ausgegebenen Ziel.

Taktisch war das Hin-und-Her nicht unklug. Einerseits hat Lou die Märkte und die Welt auf eine schwächere Expansion der Riesenwirtschaft vorbereitet; er sprach sogar von 6,5 Prozent, die kein Beinbruch seien. Andererseits signalisiert Xinhua, dass es doch nicht so knüppeldick kommen wird, jedenfalls nicht so bald.

Die Zahlen von heute morgen bestätigen immerhin das, und deshalb zeigen sich die Aktienmärkte beruhigt und durchaus zufrieden. Weil es ja – wie von Lou ins Spiel gebracht –  noch schlimmer hätte kommen können, feiern die Anleger allen Ernstes die schwache Entwicklung im zweiten Quartal als Erfolg: Die Kurse in China und im Rest des Asien-Pazifik-Raums steigen an diesem Montag.

© Bank of America / Merrill LynchDie frischen Daten, aufbereitet von der Bank of America (BofAML) in Hongkong. Die erste Spalte zeigt die aktuellen Werte, gefolgt von der BofAML-Vorhersage und der von Bloomberg. Ganz hinten steht der Vergleichswert. GDP=BIP, FAI=Anlageninvestitionen, CPI=Verbraucherpreisentwicklung, PPI=Herstellerpreisentwicklung. Die M-Werte beziehen sich auf verschiedene Geldmengen, M2 ist die wichtigste. PMI=Einkaufsmanagerindex. 

Dennoch: Immer mehr Banken und Einrichtungen wie die Weltbank und der Weltwährungsfonds IWF haben ihre Prognosen für das Gesamtjahr verringert. Teilweise erwarten sie weniger als 7,5 Prozent, schwächer war die Expansion zuletzt vor 23 Jahren – ein Jahr nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens. Im Durchschnitt der vergangenen 30 Jahre hat China 10 Prozent im Jahr erreicht, 2011 waren es noch 9,3 Prozent gewesen, 2012 dann nur noch 7,8 Prozent.

Auf die Frage, ob 7 Prozent denn nun das minimal Hinnehmbaren für ein Land wie China seien, sagte der Sprecher des Statistikamts am Montag, es gebe keine feste Grenze. Auch das deutet darauf hin, dass sich die Führung von der Wachstumsorientierung früherer Zeiten verabschiedet.

Globale Bedeutung: China ist der Hauptwachstumstreiber der Welt

Die Entwicklung hat globale Bedeutung, denn China leistet mit 1,2 Prozentpunkten den größten Beitrag zum Wachstum der Weltwirtschaft von 3 bis 3,2 Prozent. Der Nächstplazierte, die Vereinigten Staaten, steuern nur 0,3 bis 0,4 Punkte bei. Nach Zahlen des IWF hat China kaufkraftbereinigt einen Anteil von 14,9 Prozent an der Weltwirtschaftsleistung. Als Einzelstaat ist nur Amerika mit 18,9 Prozent größer. Die EU bringt es auf 19,4 Prozent, darunter Deutschland auf 3,8 Prozent. Vor Deutschland die drittgrößte Einzelwirtschaft ist Japan mit einem Anteil von  5,6 Prozent am Welt-BIP.

Es gibt mehrere Gründe für die Abkühlung in China. Der Außenhandel als einer der Hauptwirtschaftstreiber wächst wegen der Krise im Westen geringer als erwartet. Ähnliches gilt für die Investitionen und den Bau, dessen spekulative Auswüchse die Regierung bekämpft. Auch hat sich das Wachstum in der Neukreditvergabe abgekühlt. Die Drosselung deutet auf eine langsamer zunehmende Investitionsneigung der Unternehmen hin. Das schmälert die BIP-Entwicklung.

Analysten wie Yao Wei von der Bank Société Générale in Hongkong erklären die Abschwächung mit den zurückliegenden Turbulenzen auf den Geldmärkten. Dort war zwischenzeitlich die Liquidität knapp geworden. Die Zentralbank wollte damit die Finanzinstitute zwingen, ihre Risikovorsorge zu verbessern und Ausleihungen aus dem grauen Kapitalmarkt zurückzuholen. Das scheint aufzugehen, denn die regulären Kredite haben sich im Juni besser entwickelt als jene außerhalb der Bilanzen.

Fachleute urteilten, es sei richtig, dass die Regierung in Peking dem Umbau der Wirtschaft Vorrang vor starkem Wachstum gebe. Deshalb werde sie trotz der gemischte Daten die Geldpolitik nicht lockern. Die Führung könnte aber durchaus ein kleines Konjunkturpaket schnüren, um ihr 7,5-Prozent-Ziel im Gesamtjahr zu erreichen, erwartet Zhi Xiaojia von der Bank of America / Merrill Lynch in Hongkong. Denn sonst könnte das Wachstum im zweiten Halbjahr auf 7 bis 7,1 Prozent absacken und die Rate für das Gesamtjahr auf bis zu 7,2 Prozent in den Keller schicken.

Kleines Konjunkturpaket zur Gesichtswahrung

Das wäre ein ziemlicher Gesichtsverlust für Li Keqiang, denn noch nie hat Chinas Führung ihr Wachstumsziel verfehlt. Zhi Xiaojia erwartet allerdings, dass dann für 2014 die Vorgabe auf 7 Prozent verringert wird. Das wäre durchaus im Einklang mit dem aktuellen Fünfjahresplan, der bis 2015 ein Durchschnittswachstum von 7 Prozent erlaubt.

Woran genau die Abschwächung im zweiten Quartal lag, kann man aus den Junizahlen ablesen, die ebenfalls gerade veröffentlich worden sind. Die Industrieproduktion weitete sich im vergangenen Monat im Vorjahresvergleich um 8,9 Prozent aus, im Mai waren es noch 9,2 Prozent gewesen. Der Rückgang im Juni war der dritte hintereinander und lag oberhalb der Erwartungen. Auch das Wachstum der Anlageninvestitionen ging zurück, von 19,9 Prozent im Mai auf jetzt 19,3 Prozent. Das war die schwächste Steigerung seit zehn Monaten. Hingegen legte der Einzelhandelsumsatz im Juni zu, jedenfalls nominal betrachtet, von 12,9 auf 13,3 Prozent. Hier hatten die Banken einen geringeren Anstieg vorausgesagt.

Nimmt man die letzten Daten zusammen, ergibt sich also, dass Export, Kreditausweitung und Investitionen schwächer wachsen als früher und auch als erwartet, der Einzelhandel aber stärker. Das liegt, grob vereinfacht, genau auf der Linie der Reformanstrengungen, für die sich Li Keqiangs Regierung, aber auch die meisten Ökonomen – etwa in der Weltbank oder im IWF – ausgesprochen haben: den Binnenkonsum zu stärken, hingegen aber die Abhängigkeiten vom Außenhandel und von den Investitionen zurückzufahren.

Die Bankexpertin Yao Wei sagt deshalb, dass “der Umfang der Abkühlung für die neue Führung wahrscheinlich akzeptabel ist”. Schwache Daten wie die jetzt veröffentlichten würden die Regierung nicht von ihrem Kurs abbringen. Deshalb erwartet Yao eine weitere Abschwächung im zweiten Halbjahr, ohne dass die Verantwortlichen mit einer Lockerung der Geldpolitik gegenhielten.

Mehr Geld für Umwelt, Gesundheit und Bildung

Was die geplante milde Konjunkturankurbelung angeht, so glaubt Zhi Xiaojia von der Bank of America nicht, dass die Stimulierung in denselben Feldern erfolgen wird wie früher, sondern dass sie den angestrebten Strukturwandel im Auge behält. So sollen nicht länger die Kommunen das Geld aufbringen – sie hatten sich beim letzten Mal über Gebühr verschuldet -, sondern die reiche Zentralregierung.

Statt wie früher in Staatsbetriebe mit riesigen Überkapazitäten und statt in unnötige Prestigeprojekte wie Fußballstadien oder unausgelastete Flughäfen dürften die Mittel diesmal in folgende Felder fließen: subventionierten Wohnraum, um den Preisauftrieb am Immobilienmarkt zu mildern und um den Mittelstandstraum vom eigenen Heim erschwinglich zu halten; Eisenbahnen und öffentlicher Transport, um Straßen und Umwelt zu entlasten. Hinzu könnten treten: die Umwelt- und Informationstechnik – vor allem Breitband und UMTS der vierten Generation – sowie Dienstleistungen, einschließlich des Gesundheits- und Bildungswesens. Auch Steuersenkungen zur Ermunterung des privaten Verbrauchs sind denkbar.

Pessimisten warnen vor einem Absturz

Natürlich gibt es in dieser angespannten Situation, in der sich China vom liebgewonnenen zweistelligen Wachstum verabschiedet, auch Schwarzseher. Einer von ihnen ist Ren Xianfang, China-Ökonom des Finanzinformationsdienstleisters IHS in Peking. “Die BIP-Daten legen nahe, dass China Gefahr läuft, bis zur Mindestauftriebsgeschwindigkeit abzubremsen”, warnt er. Mit diesem Ausdruck – auf Englisch “stalling speed”, unter Fliegern auch “Abrissgeschwindigkeit” genannt – ist das Tempo gemeint, das ein Flugzeug braucht, um nicht abzustürzen.

Schon seit fünf Quartalen liege das Wachstum unter der früher als Mindestmaß angesehenen Rate von 8 Prozent, argumentiert Ren. “Das ist ein klares Zeichen von Not.” Am schlimmsten sehe die Lage bei den Investitionen aus, vor allem in der Immobilienwirtschaft, die maßgeblich zum BIP beiträgt. Hinzu träten die schlechtesten Außenhandelszahlen seit der Weltfinanzkrise, die Liquiditätsklemme am Interbankenmarkt sowie die Verzögerung der Bekanntgabe bestimmter Branchendaten – die vermutlich arg angeschlagen seien.

“Die recht scharfe Wachstumsverlangsamung und der zurückliegende Tumult an den Finanzmärkten zeigen, wie sehr sich die Risiken sowohl im Finanzwesn als auch in der Realwirtschaft häufen”, mahnt Ren. Er spricht sogar von einer “Zeitbombe an den Finanzmärkten”. Der Fachmann setzt aber zugleich darauf, dass Zentralbank und Regierung sie rechtzeitig entschärfen können. Hoffen wir’s.

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
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0 Andreas Herder 21.07.2013, 17:58 Uhr

Klar,

7% bedeutet Verdopplung in 10 Jahren. Wie oft kann sich etwas verdoppeln und womit ?
Die Welt ist nicht groß genug um die Wirtschaft von 1,5 Mrd. Leute mehrfach zu verdoppeln.
In 20 Jahren hat China vielleicht noch 3% Wachstum aber in absoluten Zahlen doch weit mehr als heute. Die absoluten Zahlen zählen, nicht irgendwelche Prozente. Man sollte auch diese veröffentlichen.

0 Helmut Hoff 15.07.2013, 13:06 Uhr

Wer die angebenden Daten durchrechnet,

Wird feststellen, dass ein großer Teil der Abschwächung auf statistische Basiseffekte zurück zu führen ist. Das bedeutet, dass die prozentuale Abschwächung normal und "gesund" ist.

Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.