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Trainer an die Macht

05.03.2012, 10:48 Uhr

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Eltern haben die Macht über ihre Kinder, dachten wir früher. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, wenn die ersten fiesen Justin Bieber-Verschnitte zu Hause auftauchen und unsere Töchter entführen, gilt dort unser Wort. So glaubten wir. Wie naiv das war!

Schon bei Erstklässlern erledigt sich nichts ohne Erpressung oder sanfte Morddrohungen, weder Hausaufgaben, Schuhputz noch Klavierübungen. Auch die pädagogischen Konzepte in Kindergarten und Grundschule fruchten nur mäßig. Die Macht über unsere Kinder haben andere. Sie heißen Tom und Paul, Birgit und Selina. Sie sind 60 oder auch 16 Jahre alt, trainieren Fußball oder Handball. Sie haben von Pädagogik keinen Plan, sprechen Deutsch, Italienisch oder Türkisch. Und sie sind Helden.

Was Trainer Tom sagt, zählt. Immer, uneingeschränkt. Wenn der 16jährige Schüler meint, die Kondition der D-Jugend lasse “echt übelst” zu wünschen übrig, dann joggen die Kinder durch Schnee und Regen, nichts und niemand kann sie abhalten. Und wenn wir anmerken, das wäre ungesund und töricht, ernten wir nur Kopfschütteln. “Wir müssen. Hat Tom gesagt.” Und wenn er sagt, sie sollen zwei Stunden vor Anpfiff frühstücken, “und zwar vernünftig”, dann klingelt im Kinderzimmer sonntags um sieben der Wecker, die Schnarchnasen hüpfen aus den Betten, wie wir es sonst nie erleben, und schnipseln sich sogar eigenständig einen Obstsalat.

Für Tom und Birgit, Paul und Selina würden sie Vokabeln pauken, Wäsche bügeln, ja, sogar Tischmanieren üben, Kohlrabi essen, aufs Fernsehen verzichten und den ipod verbrennen. Trainer an die Macht!

 

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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0 atemhaus 05.03.2012, 14:17 Uhr

Ganz so gross ist auch die...

Ganz so gross ist auch die Autorität von Tom und Birgit, Paul und Selina nicht immer. Aber es ist was dran. Seien wir ehrlich - finden nicht auch wir Erwachsenen manche unserer Hobbies faszinierender als unsere beruflichen Aufgaben oder unsere Familienpflichten?
Was Trainer Tom sagt, hat deshalb so viel Gewicht, weil die Kinder beim Fussball (oder was auch immer) ein Ziel haben, für das sie sich begeistern können, weil sie es letztlich aus eigenem Antrieb tun. Es ist aber relativ viel verlangt, wenn wir erwarten würden, dass unsere Kinder sich dafür begeistern, den schulischen Unterricht zu besuchen und ihre Schulnoten zu verbessern oder daheim im Haushalt zu helfen und Mama oder Papa damit eine Freude zu machen.
Wenn's gut läuft und wir den Kids ernsthaft zuhören, gelingt es aber vielleicht, mit ihnen gemeinsam herauszufinden, was sie wirklich wollen und wofür sie sich engagieren möchten. Ich finde es eigentlich noch ein schönes Bild, meine Kinder zu coachen - ohne zu erwarten, dass sie für mich schwärmen wie für Tom&Co. Nur manchmal vielleicht, ganz heimlich, ein wenig ...

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Jahrgang 1970, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.