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Jule schämt sich

25.04.2012, 09:06 Uhr

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Damals, als die ersten 68er-Pädagogen an die Schulen drängten, haben sie sich vor der Klasse aufgebaut und die Kinder angeraunzt: „Wehe, wenn Ihr weiterhin auf Eure blöden Eltern hört, Ihr armen Würstchen!” Die haben das dann brühwarm zu Hause erzählt, worauf die entrüsteten Eltern zum Direktor gerannt sind, um den Rauswurf des Lehrers zu verlangen. Der wäre dem Wunsch liebend gerne nachgekommen, aber so einfach ging das nicht. Die Welt war trotzdem bald wieder in Ordnung.

Heute dürfen Lehrer Schüler nicht mehr provozieren. Im Grunde dürfen sie gar nichts: Die Kinder nicht knuffen, nicht kneifen, nicht böse angucken, geschweige denn gegen die Eltern aufwiegeln. Sie tun es trotzdem. Die Unterhöhlung der Autorität geht weiter, nur viel perfider – unter der Flagge der guten Sache. Welt retten, Umwelt und so.

Jule, unsere Siebtklässlerin, hatte diese Woche ihren ökologischen Fußabdruck zu ermitteln. Penibel hat sie uns mit ihrem pädagogisch-wertvollen Fragebogen abgeprüft, wie ernst wir es zu Hause mit der Nachhaltigkeit nehmen: Öko-Energie? Keine Ahnung, ein Irrsinn diese Subventionen. Meterdicke Dämmung der Wände? Vielleicht, irgendwann. Fleisch? Sehr gerne. Kiwis aus Neuseeland? Lecker. Eigene Kompostierung? Pfui Teufel. Täglich duschen? Unbedingt. Mülltrennung in sieben Tonnen? Von wegen. Flugreisen? Ja, sofern es das Konto zulässt.

Das Resultat, Sie ahnen es, war verheerend: Jule lebt in einem Haushalt von Ökoterroristen. „Ihr versaut meine Ökobilanz”, zürnte sie. „Die Umwelt ist euch egal, alles ist euch egal, ich auch.” Wobei wir noch Glück hatten: In anderen Familien schritt der Nachwuchs zur Tat: Flachbildschirme wurden eingetreten (Energiefresser!), die Stromleitung gekappt (Atom!), Steaks vergiftet (zur Abschreckung!) In unserem Fall genügte es, Besserung zu geloben: Die nächste Flasche Wein ist bio!

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
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0 tricky1 26.04.2012, 08:11 Uhr

Jule sei Dank dass wir nun...

Jule sei Dank dass wir nun endlich wissen welche Zustände bei Weigunys zuhause herrschen. Hoffentlich schmeckt der Biowein grässlich damit sie aktive Reue zeigen.

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0 perfekt57 25.04.2012, 15:24 Uhr

recht hat sie, genau so ist...

recht hat sie, genau so ist es. und danke fürs teilen! man würde sich ja kaum trauen,öffentlich zu sagen, was man sich mit der ehefrau ingeheim schon so über (dumme) lehrer und deren macken, "zeitgeistpsychosen" usw. früher unterhalten hat. aber wer mit dem strom schwimmen will oder muss, muss halt haltlos sein: wenn sich der zeigeist ändert, ändert sich die lehrerschaft halt mit. es geht nicht anders. wichtig aber zu wissen: die herkunftsfamilie setzt sich durch am ende. zeitgeistgefasel und manipulatives verhalten werden alsbald als das erkannt, was sie sind: und die achtung vor den konsequenten eigenen eltern steigt. zumal wenn man die eigenen erwägungen altersgerecht aber ehrlich kommuniziert. und spätestens mit 16, 18, wenn sie selbst anfangen, erwachsen zu werden, der lehrer aber immer noch sozialkonstant ist, sich in den zurückliegenden 6, 8 jahren anscheinend kaum entwickelt hat, dann werden sie mit solchen gnadenlos zynisch. u.a. weil auf der bab auch mal selbst vollgas gefahren zu sein auf einmal auch freude gemacht hat. und selber reisen können besser ist, als arm zu hause kompensatorische sprüche zu klopfen. die werden dann nämlich klar entlarvt. häufig schon mit 14. und die meisten jungen, gesunden kinder wollen (genau daher!) ein eigenes leben. eher nicht "aus sicherheitsgründen und klug-einsichtsvoll in die eigene beschränktheit ein fremdbestimmtes dienstplanleben führen". "so wie eigentlich fast alle anderen". man darf auch chefarzt werden mit eigner praxis. oder schauspieler. oder exportleiter. oder funkgeräteentwickler. oder jurist oder unternehmensberater, wie bekannt. für manche kinder und viele schulen gilt aber auch: nur das elternhaus kann in ganzheitlichkeit richtig führen und erziehen. viele lehrer samt schulen scheinen relativ zu beschränkt: eben "nur" lehrer. also weiter mut: es wird und kann nicht schief gehen! unbedingt man selbst sein und bleiben, gemeinsam mit dem partner, zahlt sich immer aus.)

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Jahrgang 1970, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.