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Berlin ABC

Berlin ABC

Wir fahren durch die Hauptstadt

31. Jan. 2016
von Holger Klein
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Endstation

Ein Jahr lang sind wir durch die Hauptstadt gefahren und haben aufgeschrieben, was es rund um die U- und S-Bahnhöfe Berlins zu sehen gibt. Wir haben noch lange nicht alles gesehen, wahrscheinlich nichtmal viel, und hätten noch viel mehr zu erzählen – aber nicht mehr an dieser Stelle, denn dieses Blog wird eingestellt.

Es hat uns sehr viel Spaß gemacht, für Sie durch Berlin zu fahren. Bleiben Sie uns gewogen. Vielleicht sehen oder hören wir uns ja an anderer Stelle in diesem Internet wieder. Wir würden uns freuen.

Adieu
Katrin Rönicke
Holger Klein

31. Jan. 2016
von Holger Klein
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12. Feb. 2016
von Katrin Rönicke
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Der Berlin ABC Soundtrack

Ich weiß: Eigentlich ist das Blog hier tot. ABER: Ich habe bereits vor über einem Jahr angefangen, an einem Berlin ABC-Soundtrack zu arbeiten, also an den Liedern, die mich durch die Stadt begleiten. Es ist entsprechend ein sehr, sehr persönlicher Soundtrack. Er setzt sich rein aus Musik zusammen, die auf meinem Smartphone ist und die ich Random durchgespielt habe und immer, wenn es mir besonders zu meiner Stadt zu passen schien, habe ich das Lied zur Liste hinzugefügt. Hier also meine Berlin ABC-Songs, so weit ich sie im Internet finden konnte. Es enthält einen bunten Mix – das ist eben diese Stadt. Bevor ich nach Berlin kam konnte ich zum Beispiel mit Techno rein gar nichts anfangen und erst die Stadt, ihre Clubs und spontanen Open Airs haben in mir eine tiefe Liebe für diese Musik entfacht. Aber wie heißt es so schön: Make new friends, but keep the old. The new are silver, the old are gold.
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Kopfhörer aufgesetzt – es geht los!

Summer Place (Intro)
Pomplamoose


Ein Lied, das sagt: Kommen Sie mit auf eine kleine Reise.
Pomplamoose sind gute Begleiter durch Berlin an sonnigen Tagen am Wasser.

Passenger
Lisa Hannigan


Lisa Hannigan ist eigentlich die Stimme, die man auf einer Reise durch Irland hören möchte. Aber im Bereich grüner Berliner Orte, wie etwa dem Tiergarten oder während einer S-Bahn-Fahrt raus aus dem Ring ist sie eine genauso gute Begleiterin.

Heiterkeit
Peter Licht

Heiterkeit von PeterLicht auf tape.tv.
Warum? – Weil so viel Berlin in diesem Lied steckt. Hasstiraden von Schustern, beleidigende Pizzabäcker, singende Beamte – und der lakonisch-berlinerische Umgang damit.

Gefällt mir
Acid Pauli


Genug Easy Listening! Machen wir uns auf – steigen wir in die Stadtbahn-Linie und fahren wir durch Friedrichshain und Mitte, vorbei an den ganzen Strandbars, am Kater Holzig, und an dem Ufer, wo früher einmal die Bar 25 war.

Hydrolic Dog
Amê


Immer noch diese Stadtbahn, die Sonne scheint, der Fernsehturm und der schöne Bahnhof des Hackeschen Marktes ziehen am Fenster vorbei. Die Friedrichstraße kann mit dem beeindruckenden Grimm-Zentrum aufwarten, aber man weiß es nur zu schätzen, wenn man einmal im überwältigenden Lesesaal saß. Der Hauptbahnhof stört gar nicht, wenn man diese Klänge auf den Ohren hat.

Flashing
Mauro Picotto


Weil es auch gerne mal die etwas härtere Gangart sein darf, wenn es düsterer oder dunkel ist. Für mich zumindest. Passt aber eher zur U- als zur S-Bahn. Gutes Mittel um abzuschalten, wenn überall zu viele Menschen, Gerüche und Geräusche sind. Das gilt auch für…

Endless
Marek Hemman


Ich werde nicht dafür bezahlt, wenn ich sage: KAUFEN SIE DAS GANZE ALBUM! UND DAS ALTE GLEICH MIT! Hemmann ist für mich ein so wichtiger Wegbegleiter im Alltag, in der S-Bahn, der Tram, in der U-Bahn und im Bus (und beim Putzen).

Phase
Olli Schulz


Der Abend bei Olli im Admiralspalast Ende letzten Jahres war einer der schönsten Abende des ganzen Jahres. Hier das Porträt einer typischen Berliner Persönlichkeit, wenn man so will… Wie viele solcher Phasen ich schon gesehen habe 🙂

Berlin
Christiane Rösinger


Ich spare mir Erklärungen und Worte. Das Lied steht für sich selbst.

Bitch Bad
Angel Haze


Kreuzberg! U1 fahren, Kotti, Görli, Schlesisches Tor und zurück. Ich habe lange gebraucht, um Angel Haze lieben zu lernen, denn man muss ihr genau zuhören. Und dann … BÄM

This Is Me
Angel Haze


<3
 

Hand In My Pocket
Alanis Morissette


… the old are gold.

Dies war nun wirklich die letzte Zugabe. Machen Sie’s gut!

12. Feb. 2016
von Katrin Rönicke
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30. Jan. 2016
von Katrin Rönicke
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Pogida (Potsdam Hauptbahnhof)

Potsdam Hauptbahnhof, SüdausgangPotsdam Hauptbahnhof, Südausgang

Auch in Potsdam ist ein Grüppchen von der Angst beseelt, das Abendland werde islamisiert, es nennt sich entsprechend „Pogida“ und es machte am vergangenen Mittwoch zum dritten Mal mobil für einen „Stadtspaziergang“ als Zeichen seines Protests gegen „die da Oben“ und die bösen Muslime. Die ersten beiden Male war das Grüppchen daran gescheitert, dass ganz Potsdam auf den Beinen war und ihnen den Weg versperrte, die Gegendemo schaffte es in die bundesweiten Medien. Aber dieses Mal, so der Initiator Christian Müller, würden sie sich nicht abbringen lassen. Dieses Mal würden sie laufen, oder es würde kommende Woche einfach jeden Abend den Versuch geben – Zermürbungstaktik vermutlich. Christian Müller ist der freundliche Mann hier:

Liebe Freund*innen von POGIDAWatch, hier ein weiteres Video von C.Müller in der er die nächste Veranstaltung ankündigt. Weil uns öfter Nachrichten erreichen: NEIN! Es handelt sich nicht um eine Kunstfigur oder eine schlaue PR Aktion eines findigen Satirikers…https://www.facebook.com/events/1045716072157644/

Posted by POGIDAWatch on Montag, 25. Januar 2016

(Man beachte die Schlange!)

Da ich einige Menschen persönlich kenne, die an der Organisation der Gegendemos beteiligt sind und da ich am Mittwoch ohnehin schon in Griebnitzsee war, entschloss ich mich spontan, bei Pogida einmal vorbeizuschauen und mir diese Vögel aus der Nähe zu begucken. Sie liefen am Hauptbahnhof los und genau dort kam ich zur genau richtigen Zeit an. Sie standen am Nordausgang und waren fein säuberlich von der Polizei beschützt, die keinen durchließen, der links oder sonstwie verdächtig aussah – man wollte Krawalle und Gewalt vermeiden und auch Pogida – oder wie ein gewitzter Mensch auf twitter meinte: „Pöbel ohne Gehirn irrt durchs Abendland“ – wird in diesem Staat beschützt, wenn sie ihr Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit wahrnehmen wollen. Vor mir allerdings nicht, zu Recht, denn ich bin harmlos und gewaltfrei und sehe aus, als wolle ich nur nach Hause, also ließ man mich durch, obwohl ich leider keinen Presseausweis habe. „Wo wollen Sie denn hin? Wollen Sie zur Demonstration?“ – „Welche Demonstration? Wie komme ich denn da durch?“ – „Ach Sie wollen bestimmt nur nach Hause? Da gehen Sie am bestens links lang“ – meine Freundin K. sagt ja immer: Ein Mal dumm gestellt reicht für den ganzen Tag! Und so fand ich mich wieder, auf der anderen Seite der Polizeiabsperrung, Pogida zum Anfassen nah.

Was für ein klägliches, ärmliches Häufchen! Da ich die ersten 200 Meter oder so direkt neben ihnen her lief, konnte ich ein wenig überschlagen, wie viele es eigentlich waren: Einmal zehn gezählt und geschätzt, wie oft die zehn in den Haufen passt. So kam ich auf etwa 120 Personen, die hier mit Deutschlandflagge und Musik loszogen und ja: Heute liefen sie wirklich. Das Polizeiaufgebot betrug wohl 1.000 Mann. Man hatte die komplette Lange Brücke gesperrt, sie verbindet den nördlichen Teil mit dem südlichen Teil der Stadt. Man hat für Pogida also wirklich die komplette Innenstadt lahmgelegt, was einige Anwohner_innen mehr als irritierte. Und das in diesem Lügenstaat – Allerhand!

Was ist Pogida?

Nehmen wir einmal die „Inhalte“:

„Weg mit dem Lügenpack aus dem Bundestag“. Was Pogida – und das ist ja für ganz Pegida zutreffend – im Vordergrund steht, ist die Thematisierung der angeblichen Lügen durch Politik und Medien. Auch in den Reden wird das immer wieder thematisiert. Vor sich her tragen die Leute ein Plakat, auf dem steht:

"Stoppt die Islamisierung Europas!"„Stoppt die Islamisierung Europas!“

Und darunter die URL der Seite PI News. PI News und Facebook, das geben viele der Bewegung an, sind für sie zu den einzig glaubwürdigen Informationsportalen geworden. Hier, so die einhellige Meinung, werde man eben nicht belogen. Auf der Seite PI News schreibt man sich genau dies auf die Fahne:

“ Es scheint uns wichtiger als je zuvor, Tabuthemen aufzugreifen und Informationen zu vermitteln, die dem subtilen Diktat der politischen Korrektheit widersprechen.“

Indem man sich darauf verlegt, nicht gegen Ausländer oder Moslems, sondern für die Wahrheit, die Meinungsfreiheit und wirkliche Informationen zu sein, ermöglicht man eine sehr breite Anschlussfähigkeit. Das hat die neue Rechte der alten voraus: Sie mobilisiert durch ein viel umfassenderes Feindbild, durch eine Ideologie, die sich so geschickt aufstellt, dass man sie nur schwer wiederlegen kann. Das erklärt, warum sich ihr junge und anscheinend idealistische Menschen genauso anschließen können, wie jene, die sich Buchenwald zurückwünschen, um dort die Flüchtlinge unterzubringen (wie ich bereits vor einem Jahr zeigte, indem ich die Facebook-Profile der Anhänger_innen der Bewegung Pegida stichprobenartig unter die Lupe nahm). Auf den Demos selbst wird selten drastisch rechts geschossen, also gegen Fremde, Ausländer und „Asylanten“ – es geht gegen die „Lügenpresse“, die man dann auch gerne angreift und die beschimpft wird. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner und dem kann sich dann auch Tante Trude anschließen, die bereitwillig das große schwere Transpi trägt. Sie alle fühlen sich belogen und betrogen. Sie alle sind aufgewacht und wir? Wir sind Schafe.

Wannen

Pogida, Pegida, AfD und andere, die sich derzeit in einem großen Aufwind wähnen und die sich gegenseitig darin bestärken, dass jetzt endlich mal schonungslos die Wahrheit gesagt werden müsse, finden in Deutschland einen großen Resonanzboden. Das bisschen Rechtssein fühlt sich momentan so richtig an, wie selten zuvor, denn mit dem großen Flüchtlingsstrom kam große Verunsicherung in dieses Land, das es all die Jahrzehnte gewohnt war, seine Ruhe vor der Welt zu haben und das es ebenso gewohnt war, dass eine CDU-geführte Regierung im Zweifel den Riegel vor die Ströme schob und repressive Asylpolitik betrieb, wenn es hart auf hart kam. Wir erinnern uns an die 90er Jahre.

Die Frage nach der Realpolitik

Nun ist da eine Kanzlerin, von der die einen glauben, dass sie eben doch eine Pfarrerstochter sei, die nicht aus ihrer Haut könne, wenn es um solche fundamentalen Fragen der Ethik und der Menschenrechte geht. Die anderen sehen in ihr eine, die plötzlich über ein palästinensisches Flüchtlingsmädchen, das sie hilflos zu streicheln versuchte, komplett irre geworden sei. Interessante Interpretationen wieder einmal. Für mich ist die Kanzlerin nur das, was sie immer schon war: eine der zwei krassesten Realpolitik-Fetischisten, die ich „kenne“. Der andere ist Professor Herfried Münkler von der Humboldt-Universität zu Berlin, ihn kenne ich wirklich, da ich einmal für ihn gearbeitet habe. Wir haben uns manchmal ein wenig an den Fragen gerieben, an denen sich der Realist mit der Idealistin eben so reibt. Münkler war vor einigen Monaten zu Gast bei „Hart aber Fair“, in einer Sendung, in der sonst eigentlich nur Deppen verschiedener Couleur ihr Maul sehr groß aufrissen, saß er ruhig da und wenn er gefragt wurde, gab er knappe Antworten, die aber auf den Punkt waren. Hier die sieben wichtigsten Aussagen von ihm damals:

  1. Angst tritt auf, wenn man passiv ist und nicht weiß, was man tun soll. Handeln allein kann Ängste lösen.
  2. Die Flüchtlinge kommen nach Deutschland, weil es hier bereits syrische, afghaische usw. Diaspora-Gemeinden gibt und nicht, weil Merkel sie „eingeladen“ hat.
  3. Sie haben die Lager verlassen, weil der IS kam und ihnen vor Augen geführt hat: Zurück könnt ihr nicht. Dadurch ist die Stimmung gekippt, nicht wegen Merkel.
  4. In unserem Grundgesetz steht: Religion ist privat. Die Religion hat bei der Debatte keine Rolle zu spielen, der Islam ist kein Gegenargument gegen die Aufnahme von Flüchtlingen.
  5. Das Kapital kennt keine Grenzen, es darf seit Jahrzehnten frei strömen, Verträge und Abkommen werden geschlossen, damit es noch freier geht. Die Wohlstandsgewinne der EU werden durch das Fehlen von Grenzen auf diesem Sektor eingefahren. Wenn es aber um die Verteilung der Wohlstandsgewinne geht, ziehen wir die Grenzen hoch.
  6. Man muss verhindern, dass die Menschen in den Flüchtlingslagern verwahrlosen. Man muss ihnen Bildung, Arbeit und Ausbildung bieten.
  7. Die Politik muss reagieren: Es braucht genügend Stellen, Schulen, Wohnraum und Perspektiven für alle, damit Flüchtlinge nicht zu starke Konkurrenten für eine bestimmte Bevölkerungsschicht werden und dadurch die Stimmung kippt.

Wenn man sich die Leute bei Pogida anschaut, ist vielleicht der letzte Punkt der wichtigste. Menschen in vielen Gegenden der Republik erzählen sich Geschichten über Flüchtlinge, die es angeblich viel besser haben, als sie selbst. Die ihrer Meinung nach eine Vorzugsbehandlung vom Staat bekommen. Dieses Gefühl ist Gift für die Debatte.
Pozilei

Was die Kanzlerin macht ist weniger moralisch begründet, als vielmehr auf der Basis des Grundgesetzes, der Menschenrechte und der Genfer Flüchtlingskonvention. Wie eine sogenannte „Obergrenze“ rechtlich umzusetzen wäre, was mit dem 200.001. Flüchtling passieren soll – all das sind Fragen, denen sich die Kanzlerin schlicht stellt und die sie absolut realpolitisch behandelt.

Die Religions-Debatte

Kommen wir zur Frage nach der Religion. Die gute Nachricht: Muslime und Christen haben mehr gemeinsam, als sie unterscheidet, gerade auch in Hinblick auf die Stellung und die Rechte der Frau. Aber das will niemand dieser Tage hören. Dieser Tage will man mit dem Finger auf Muslime zeigen können, also müssen sie päpstlicher sein als der Papst oder sie sollen weg. Wenn man anmerkt, dass die alltagssexistischen Erlebnisse der Frauen noch während der Aufschrei-Debatte 2013 von den gleichen Leuten ausgelacht wurden, die heute als Oberfrauenrechtler auftreten, gilt man als Relativiererin. Wenn man anmerkt, dass es Deutsche waren, die in diesem Jahr alleine in Sachsen und NRW schon über 300 Anschläge auf Flüchtlingsheime verübt haben und dass dies weniger Beachtung in der Debatte findet, als die Taten von Köln zur Silvesternacht, gilt man als Relativiererin. Die hiesige Religion, die ohne Gott auskommt, ist der Nationalismus. Die Heimatfreunde und die Besitzstandswahrer können sich ihr anschließen, die Frauenverächter genauso wie die Altfeministinnen – anstatt über das Leid der Menschen zu reden, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, reden sie über ihr eigenes Dasein als Opfer. Sascha Lobo hat das sehr schön auf den Punkt gebracht, als er in seiner Kolumne schrieb:

„Die meisten hetzerischen Gerüchte, die über soziale Medien verbreitet werden, sollen den vermeintlichen Opferstatus der hiesigen Bevölkerung manifestieren: Supermärkte ausgeräumt, blonde Frauen vergewaltigt, Sozialleistungen erschummelt.

Deswegen sind die stärksten Geschichten dieser Tage vor allem Einzelfall-Geschichten: Leute, die sich nicht mehr trauen, Geld von ihrem Konto abzuheben, weil da fremd aussehende Typen im Eingangsbereich ihrer Bank herumlungern. Erfundene Geschichten von russlanddeutschen Mädchen, die angeblich von Migranten vergewaltigt wurden. Die Geschichte von der um drei Ecken bekannten Bankangestellten, die einen Moslem erlebte, der sich weigerte, von einer Frau bedient zu werden. Die Geschichte von den Freiburger Clubs, die jetzt keine Flüchtlinge mehr reinlassen (Beweise für die Vorwürfe gibt es keine) oder dem Schwimmbad in Bornheim, wo „Asylanten“ auch keinen Zutritt mehr erhalten, weil sie sich nicht benehmen. Es ist immer die gleiche Masche: Einer oder ein Grüppchen verhält sich daneben und die ganze Gruppe wird in Sippenhaft genommen. Dabei begehen Flüchtlinge genauso viele Straftaten, wie Deutsche – oder eher weniger, wie Ulf Küch, der Leiter der Kriminalpolizei Braunschweig und Co-Autor des Buches „Soko Asyl“ im Interview mit dem Berliner Sender „Radioeins“ erklärt. Auch das: will dieser Tage keiner hören. Klicks und Verbreitung finden die anderen Geschichten, die gefühlten Dreiviertelwahrheiten, die aus einer brisanten Mischung von Angst und blühender Phantasie ein Bild vom gefährlichen Flüchtling zimmern, das jede „Selbstverteidigung“ des Deutschen legitimieren soll. Jede fremdenfeindliche Äußerung. Jede Politik, die eigentlich gegen geltendes Recht verstößt.

Es geht nicht um eine ernste Auseinandersetzung mit der Zukunft und auch nicht um das Gestalten einer Politik für diese Zukunft, in der wir sicherlich nicht weniger Flüchtlingsströme auf der Welt zu erwarten haben, sondern – wenn die Klimaforschung mal ihre optimistischsten Schätzungen einbringt und die pessimistischsten zurückhält – dies hier erst der Anfang ist. Es geht Pogida, AfD und den konservativen Einzelfall-Verbreitern, den Protokollanten des Scheiterns nur darum, nicht darüber nachdenken zu müssen, was getan werden muss. Sich abzuschotten gegen Veränderung. Gegen Neues. Gegen Unbekanntes. All das nennt man dann „Lügen“ und badet in seinem kurzen Triumph, wenn man in den sozialen Medien Wellen auslöst und Journalisten angreifen kann.

Da heißt es: nicht aufgeben! Noch sind wir mehr! – das habe ich in Potsdam erfreulicherweise erleben können. Auf 120 armselige Nationalisten (ja, Nationalisten! – Glauben Sie nicht? – dann schauen Sie doch mal, was die da gesungen haben:

)
kamen mehrere Tausend Potsdamer, Jung und Alt, alle Schichten, alle Stile, alle Milieus, die sich an allen Ecken pfeifend hörbar machten. Die Polizisten machten vielleicht ihren Job, erklärten uns aber auch bereitwillig die besten Wege, diese „Personen zu begleiten“. Die Polizei arbeitet hartnäckig gegen die Lügen auf den Portalen im Netz, die für sie zu einem Handfesten Problem geworden sind, wie Küch auch erklärt. Er setzt mit Fakten dagegen. Die Helfer in den Städten und Orten lassen sich deutschlandweit nicht beirren, sie arbeiten weiter. Die AfD mag zweistellig geworden sein, aber das war diese Gesinnung in diesem Land immer schon, nur fand sie da wohl einfach noch hinreichend Unterschlupf in den anderen Parteien. Wir leben in Zeiten, in denen sich alle verhalten müssen und das geschieht auch. Es sind die vielleicht politischsten Zeiten, die ich erlebe, seit ich ein politischer Mensch bin und so sehr mich die aufgeheizte Stimmung momentan auch beunruhigt, so froh war ich am Mittwochabend zu sehen, dass Potsdam – immerhin die Hauptstadt Brandenburgs – das Herz am Rechten Fleck hat. Genau wie immer noch die Mehrheit dieser Republik. Wir schaffen das!

30. Jan. 2016
von Katrin Rönicke
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28. Jan. 2016
von Holger Klein
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Scharnweberstraße

Gelegentlich fährt die Berliner Untergrundbahn oberirdisch. Weithin bekannt ist, dass die U1 das macht. Die Bilder von einer gelben U-Bahn, die bei der Bülowstraße oder der Oberbaumbrücke durch den Hintergrund fährt, haben wir tausendmal im Fernsehen und zigmal im Kino gesehen.

Aber auch die U6 kommt im Norden für ein paar Stationen aus dem Boden heraus. Der Bahnhof Scharnweberstraße in Reinickendorf ist der erste oberirdische Richtung Alt-Tegel.

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Und obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, nicht hässliches mehr ins Blog zu schreiben, weil davon schon genug hier im Internet steht, ist mir in der Gegend um den Bahnhof – und darum geht es hier ja hauptsächlich – nichts wirklich schönes aufgefallen. Das hier ist eine dieser Gegenden, bei denen ich mich immer frage, was wohl, außer niedriger Wohnungspreise, noch andere Gründe dafür sein könnten, dort zu siedeln.

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Der Bahnhof selbst ist eingefasst von zwei dieser komplett ungemütlichen, mehrachsigen Straßen, von denen die eine auch noch der Zubringer zur Stadtautobahn ist. Der Berliner fährt mit seinem Auto auf allem, was mehr als eine Spur pro Richtung hat, als befände er sich auf einer reinen Kraftfahrstraße, auf der niemand außer ihm etwas zu suchen hat. Wenn er gerade die Stadtautobahn verlasse hat, erst recht. Die Gegend ist also sehr laut. Außerdem ist der Flughafen Tegel nicht weit, was – je nachdem, wie der Wind steht – den Umgebungslärm deutlich erhöht. Falls man ihn hinter den Flugzeugen, die hier wirklich sehr tief fliegen, überhaupt noch hört.

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Also ab in die Seitenstraßen. Die sind sehr breit und großteils von hübschen Häusern bestanden, aber hier gibt’s nix, das irgendwie zum flanieren einladen würde. Ich vermute, die Achsen und der Lärm verhindern, dass sich hier eine Infrastruktur ansiedelt, die zum Verweilen einlädt und gleichzeitig niemand sich hier ansiedeln mag, der gerne flanieren würde, so dass die Katze sich hier in den Schwanz beißt. Auf der Straße habe ich auch kaum Menschen gesehen.

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Aus dem Augenwinkel hatte ich in der Nähe des U-Bahnhofs eine „Patisserie“ gesehen und mir gedacht, dass ich nach dem frustrierenden Spaziergang dann ja wohl wenigstens ordentlich Gebäck in mich hineinschaufeln könnte, habe mich reingesetzt, die Menschen im Laden waren sehr freundlich, mir ein Stück Käsetorte bestellt… und einen gefühlten Industriekuchen bekommen, der so oll geschmeckt hat, dass ich ihn nichtmal fotografieren mochte.

Ich kenne nicht alle Gegenden in Berlin, aber von allen, die ich kenne, ist die Gegend um den Bahnhof Scharnweberstraße diejenige, in die ich freiwillig als letztes ziehen würde. Gleichwohl finde ich die Vorstellung interessant, der Flughafen Tegel könnte irgendwann mal geschlossen werden. Dann wird es hier – zumindest in den Seitenstraßen – schlagartig leise, aber die breiten Straßen und hübschen Häuser bleiben stehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich dann zwar freiwillig hierher ziehen wollen würde, es mir dann aber nicht mehr leisten kann. Hochmut -> Fall… man kennt das ja…

28. Jan. 2016
von Holger Klein
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24. Jan. 2016
von Holger Klein
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Life is life

S5 Richtung Osten. Wir steigen gegen 01:30 Uhr am Hauptbahnhof zu. Plötzlich über die Lautsprecheranlage des Zuges erst die, sehr laute, Durchsage eines Betrunkenen: „Die Fahrausweise bitte… nicht wegwerfen, sondern an den Automaten für die Mitreisenden liegenlassen. Lasst euch nicht ärgern. Wollter bisschen Musik?“, dann sehr laute Musik, der Telefonnummer-Scherz von Studio Braun und weiter laute Musik im Stil „süßes Mädchen singt über das Leben“, ein wenig wie Chansons von Meret Becker – bloß halt in irgendwie billig.

Ich bin sehr müde und entsprechend genervt, alleine schon, weil man sich nichtmal mehr in Zimmerlautstärke unterhalten konnte. Die Genervtheit scheint man mir angesehen zu haben. 

Gegenüber ein Mann, zwischen 30 und 40 Jahre alt, mit einer seltsamen Fellmütze auf dem Kopf. Irgendwann greift er in seine Tasche, holt ein Holzbrettchen raus, ein Blatt Papier in derselben Größe, einen Zeichenstift und beginnt, die rauhe Oberfläche des Brettchens aufs Papier durchzupausen.

Am Ostkreuz steigt er zusammen mit uns aus und drückt mir grinsend das Papier in die Hand.
  
Da habe ich mal wieder gemerkt, dass ich langsam oll werde. Aber wenigstens müffel ich noch nicht 😀

24. Jan. 2016
von Holger Klein
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20. Jan. 2016
von Katrin Rönicke
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Das Freiburg Berlins (Waidmannslust)

Der S-Bahnhof Waidmannslust liegt im Norden Berlins und ist mit zwei verschiedenen S-Bahnen erreichbar: Mit der S85, die vom Ostkreuz hochfährt und mit der S1, die unter anderem über die Friedrichstraße und Steglitz verkehrt. Also gar nicht schlecht angebunden, aber zugegeben: Eine Weile muss man schon fahren. In Waidmannslust war ich in meinem Leben bislang nur ein einziges Mal gewesen, als ich nämlich eine bestimmte Ärztin besucht habe, die in der Artemisstraße wohnte und praktizierte. Das ist allerdings schon recht lange her und als ich diesmal die Artemisstraße entlang lief, da fand ich ihr Haus nicht wieder.

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Was ich allerdings fand, das waren Unmengen an Kindern und vor allem Jugendlichen, die gerade aus den Waidmannsluster Schulen geströmt kamen. Ich liebe Jugendliche! Sie zu beobachten, ihnen zuzuhören und dabei einen Eindruck von ihren Sorgen, Konflikten, Vorlieben und Ansichten zu bekommen, ist mir stets eine wahre Freude! Hier kommen sie mir also zu Hunderten entgegen, während ich in der Gegend herumstehe und fotografiere, klatschen, tratschen, frotzeln und lachen sie – oder starren in ihr Smartphone. Das tun aber nur die Loner, die alleine nach Hause oder wohin auch immer gehen, die meisten treten in Gruppen auf und sie haben viele verschiedene Themen, die wie ein Wasserfall an einem Felsen, also an mir, vorbeiplätschern: Filme, Whatsapp-Nachrichten, F**ken, andere Leute, viel andere Leute, noch mehr andere Leute und wie diese sich lieber mal anders benehmen sollten, Streit mit anderen Leuten, Noten und Lehrer_innen, Computerspiele…

In Waidmannslust bemalt man die Stromkästen (oder sind es Postkästen?)In Waidmannslust bemalt man die Stromkästen (oder sind es Postkästen?)

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20. Jan. 2016
von Katrin Rönicke
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16. Jan. 2016
von Holger Klein
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Kaiserin-Augusta-Straße

Ich halte Tempelhof schon länger für den südlichen Geheimtipp Berlins. Dummerweise bezieht sich das weniger auf den Teil Tempelhofs, in dem ich lebe, sondern auf den Teil, der außerhalb des sogenannten Hundekopfes, also des S-Bahnringes liegt.
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Verlässt man an der Kaiserin-Augusta-Straße die U6, findet man nicht nur eine gute Einzelhandelsinfrastruktur und schöne, kopfsteingepflasterte Alleen voller Altbauten, sondern auch das Wenckebach-Klinikum (die Nähe zu einem Krankenhaus gewinnt mit zunehmendem Alter auch zunehmend an Wichtigkeit und ich werde nicht jünger) und einen weiteren Park, der sich östlich des Tempelhofer Damms zum Park-Enseble gesellt, von dem ich neulich schonmal erzählt hatte.
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Der Franckepark macht den Eindruck, als sei hier ein Gletscher durchgewandert (das ist genau die Art Landschaft, in der ich mich – abgesehen von der Küste – am wohlsten fühle). In seiner Mitte befindet sich eine große Senke, ein sogenannter Toteiskessel. Toteiskessel entstehen, wenn ein einzelner, vom Gletscher abgekoppelter Eisblock verschüttet wird und dann irgendwann abtaut. Solche Kessel füllen sich gerne mal mit Grundwasser, so dass man hinterher einen hübschen, kleinen Badesee vorfindet.
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Einen solchen See gab es Ende des 19. Jahrhunderts auch im Franckepark, er hieß „Krummer Pfuhl“, man konnte gegen Eintritt darin baden, aber dann wurde irgendwann der Teltowkanal gegraben, der Grundwasserspiegel sank ab – und jetzt liegt am Boden der Senke nur noch ein kleiner Teich, aus dem das Damwild trinkt, das 20-köpfig im Tiergehege rumlungert und demnächst teilweise umgesetzt werden soll, denn im Gehege ist zu wenig Platz für so viele Tiere.
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Ich bin schon reichlich davon begeistert, ein – mehr oder weniger – eigenes Wildgehege im Bezirk zu haben, muss es mir aber leider mit Idioten teilen, die dafür verantwortlich sind, dass der Hirsch des Geheges im Herbst 2015 verstarb, weil die einen ihn (falsch) gefüttert und die anderen ihren Müll über den Zaun geworfen haben, den er auch gefressen hatte, so dass er schließlich verendete.
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Aber auch ohne Hirsch kann ich den ganzen Tag auf der Bank im Park sitzen und den verbliebenen Weibchen beim Chillen zusehen (oder was Hirsche halt den ganzen Tag so machen). Momentan tragen sie ihr Winterfell. Das ist nicht ganz so hübsch. Aber ich hab gehört, es soll auch wieder ein Sommer kommen.

16. Jan. 2016
von Holger Klein
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13. Jan. 2016
von Katrin Rönicke
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Vorsicht: Handyklau

Meine Arbeitskollegin L. kam neulich völlig aufgelöst im Büro an: Man hatte ihr das Handy geklaut, auf dem Weg zur Arbeit! Wie geschätzt 70 Prozent aller Insassen einer morgendlichen berliner S-Bahn, hatte sie nur dagesessen, das Smartphone in der Hand und gechattet, gedaddelt, ein E-Paper gelesen oder Tinder durchgeswiped.

  
L. passierte dann etwas, was ich selbst nur ein paar Wochen vorher live miterlebte, bei mir sah es so aus: Zwei mittelalte Mitfahrer, die eine Weile im Gang herumgestanden hatten, die mir noch bevor irgendwas geschah etwas komisch vorgekommen waren, liefen bei der nächsten Haltestelle zügig zu einer Tür, vorbei an einer Frau, und begannen plötzlich wie irre zu rennen. Die Frau schrie und rannte hinterher – die beiden hatten im Vorbeigehen ihr Smartphone geklaut! 

So geschah es L.: neben ihr saß einer, der ihr auch irgendwie komisch vorkam, aber sie konnte nicht sagen, wieso. An der nächsten Haltestelle stand er kurz vor dem Halt der Bahn auf, stellte sich in den Gang und als die Türen aufgingen schnappte er ihr Smartphone und rannte wie ein Irrer! Sie schrie und rannte hinterher, hatte aber keine Chance, ihn zu erwischen.

Sie ging zur Polizei und erfuhr, dass diese Masche derzeit zumindest in Berlin ziemlich häufig vorkäme. Die Chancen, den Täter zu schnappen erwartungsgemäß gering seien und sie besser aufpassen solle.

Und wissen Sie was: Seitdem lese ich wieder mehr Bücher! Na gut – dieser Text hier wurde auf dem Smartphone auf der Fahrt zur Arbeit geschrieben. ABER: an jeder Haltestelle legen sich meine Finger besonders fest und sicher um mein liebes Gerät – wenn ich nicht sogar beide Hände benutze! 

Also: passen Sie gut auf! 

13. Jan. 2016
von Katrin Rönicke
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08. Jan. 2016
von Katrin Rönicke
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Wuhletal

Ist das zu glauben: Kurz, nachdem meine Freundin K. und ich einen kleinen, gemütlichen und wunderschönen Winterwunderlandausflug zum Bahnhof Wuhletal gemacht hatten, fing dort ein ganzer Zug an zu brennen! Ich versichere hiermit und hoch und heilig, dass wir nichts mit der Sache zu tun haben!

Wuhletal

Als wir am Mittwoch gegen kurz vor zwölf am Bahnhof ankommen, haben wir schon unterschiedliche Zufallsmechanismen hinter uns gelassen, die uns genau hier her führten:

  1. Wir wollten spazieren gehen, um ein wenig zu plaudern und unsere Neuigkeiten auszutauschen.
  2. Der Spaziergang sollte nicht in der Stadt, sondern möglichst etwas draußen, im Grünen stattfinden.
  3. Es sollte an einer S- oder U-Bahn-Station sein, da ich diese den geneigten Blogleserinnen und -lesern ja so gerne vorstelle.
  4. S-Bahn fiel flach, da diese an jenem Schneetag leider eine wirklich große Zahl an Ausfällen zu verzeichnen hatte. Wir dachten, dass die U-Bahn wohl zuverlässiger fahren würde. Und so stiegen wir in die U 5, die auf halbem Wege zwischen K. und mir verkehrt und wir beschlossen, einfach da auszusteigen, wo es nett aussah. Das war Wuhletal.

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08. Jan. 2016
von Katrin Rönicke
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05. Jan. 2016
von Holger Klein
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Haltepunkt Wilhelmsruher Damm

In diesen Tagen, in denen das Netz vor gehässigen Beiträgen bald zu platzen scheint, will ich von etwas Angenehmem erzählen. Wir sind nämlich mit der Dampflok gefahren!

Es war Nikolaus, wir haben die Kinder eingepackt und sind rausgefahren ins Märkische Viertel. Das war mal ein sogenannter sozialer Brennpunkt, eine überwiegend von, aus der Innenstadt verdrängten, sozial Schwachen bewohnte Hochhaussiedlung, die zu betreten jedem schlecht informierten Provinzler noch heute die nackte Angst in Flanellhöschen treibt.

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05. Jan. 2016
von Holger Klein
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02. Jan. 2016
von Holger Klein
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Grenzallee

Mitte der 1990er Jahre beschloss ich, nicht wirklich nüchtern, nach Berlin umzuziehen. Um nachzusehen, ob ich dieselbe Entscheidung auch mit klarem Kopf getroffen hätte, flog ich nochmal hin und konnte in der, selten genutzten, Wohnung eines Bekannten übernachten. Diese Wohnung lag am U-Bahnhof Grenzallee, dessen Wände gerade saniert werden, so dass der Bahnhof einen guten Vorgeschmack auf das gibt, was ich oben vorfinde.

grenzallee_ubahn

Dass ich mich hier mit etwas offeneren Augen umgesehen habe, ist 20 Jahre her, und nicht nur war mein mein Blick auf die Welt ein anderer, sondern auch der Anlass, auf sie blicken. Damals suchte ich die U-Bahn, um schnell dorthin zu kommen, wohin ich eigentlich wollte, und ignorierte die totale Abgefucktheit dieser Gegend – heute sehe ich die totale Abgefucktheit dieser Gegend und versuche, so schnell wie möglich zur U-Bahn zu kommen, um dorthin zu gelangen, wo ich lieber sein wollen würde, was in etwa 90% aller anderen Orte in Berlin entsprechen dürfte.

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02. Jan. 2016
von Holger Klein
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28. Dez. 2015
von Katrin Rönicke
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Hauptbahnhof

Am Hauptbahnhof sollte ein Weihnachtsmarkt sein, so behauptete es zumindest das Portal Weihnachten in Berlin und etliche andere schrieben davon ab. So entstand eine Karte, die ebenfalls diesen Weihnachtsmarkt abbildete. Und ich hatte mir so ein kleines bisschen vorgenommen, wenigstens ein paar davon zu besuchen. Als ich am Gendarmenmarkt war, hielt das Wetter nicht gerade dazu an, einen Glühwein zu trinken. Am Alexanderplatz war es trotz der horrenden Preise immerhin ein Spaß. Aber am Hauptbahnhof, beziehungsweise Kanzleramt? – Kein Weihnachtsmarkt in Sicht.

dafür...dafür…

Dafür allerdings einiges an Polizei. Vermutlich wegen einer Demo, die an jenem Tage ebenfalls stattfand. Ich lief noch eine Weile spazieren, denn es hätte ja sein können, dass der Weihnachtsmarkt einfach an einer anderen Stelle war, als angegeben.

DSCF7922

Also lief ich über die Brücke in Richtung Kanzleramt, um dort noch einmal zu gucken.

DSCF7925

Hier ist nichts außer einer bemerkenswerten Menge an Raben.

DSCF7930

Hier ist auch nichts. Außer der Weihnachtsbaum, von dem man schon viel in Funk und Fernsehen gehört hat (fragen Sie nicht!).

Ich gehe noch etwas weiter. Aber:

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… außer dem Tipi am Kanzleramt kein Weihnachtsmarkt. Das ist doch seltsam. Dieser Weihnachtsmarkt muss irgendwie verplant worden sein. Oder Leute haben sich eben geirrt und sind fälschlicherweise davon ausgegangen, dass etwas, was es letztes Jahr einmal gab, auch dieses Jahr wieder stattfinden würde. Oder aber: Er wurde wegen der Sicherheitslage abgesagt! Und um keine Panik zu verursachen hat man darüber einfach gar nicht geredet, sondern es schlichtweg unter den Teppich gekehrt. Und wissen Sie was: Offenbar bin ich die Erste, die es merkt! Der gemeine Berliner merkt nämlich so etwas nicht – zumindest konnte ich im Internet keine Quelle dafür finden.

Auch gut. Es wird gerade dämmrig und weil das ein sehr spannendes Licht ist, um Fotos vor Ort zu machen, können Sie diese jetzt und hier einfach so genießen:

Der Reichstag aus der FerneDer Reichstag aus der Ferne
Die SpreeDie Spree
Der HauptbahnhofDer Hauptbahnhof
... und sein eigener monströser Weihnachtsbaum… und sein eigener monströser Weihnachtsbaum

28. Dez. 2015
von Katrin Rönicke
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24. Dez. 2015
von Katrin Rönicke
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Alexanderplatz

Der Alexanderplatz in Berlin ist seine vermutlich bekannteste Station, denn hier wurde Geschichte geschrieben, hier steht das Wahrzeichen der Stadt, der Fernsehturm, hier spielte Döblins gleichnamiger Roman und hier treffen sich täglich die Berlintouristen, um sich von einem der vielen Anbieter für DDR-Devotionalien ein sozialistisches Erinnerungsstück zu kaufen: Eine NVA-Mütze gefällig? Rund ums Jahr finden sich Stände und Büdchen, die darauf spezialisiert sind, Krimskrams zu überteuerten Preisen feilzubieten. Und natürlich gibt es dort einen Weihnachtsmarkt! Jeden Tag eigentlich führt irgendeine Gruppe oder ein Alleinunterhalter seine Kunst auf. Von mittelalterlichem Trommeln, Beatles-Cover, antikapitalistische Percussion-Aktionsgruppe oder Plastikrohr-Didgeridoo-Spielerin ist alles dabei!

DSCF8015Bild mit Telespargel

Im Moment – also heute noch, glaube ich, steht neben dem Monster-Kaufhaus Alexa, in das mich – wie ich immer wieder betone – keine zehn Pferde reinbekommen, ein Rummel. Wir Ostdeutschen sagen Rummel, die Wessis kennen es auch als Kirmes oder Volksfest. Ich liebe Rummel, seit ich denken kann! Auf dem jährlichen Rummel in Oranienbaum habe ich meine Mutter so lange durch Würfelbahn und Kettenkarussell gescheucht, bis sie sich in einer dunklen Ecke diskret übergeben musste – ich aber war immer noch nicht zufrieden, wollte nochmal und nochmal! Beim Rosenfest das gleiche und später dann, im schönen Bad Mergentheim konnte ich das jährliche Volksfest nicht abwarten! Ich LIEBE Fahrgeschäfte aller Art! je wilder, desto besser! Je mehr man durchgewirbelt und durchgeschüttelt und auf den Kopf gestellt wurde, desto mehr lachte und quiekte ich und desto glücklicher war ich. Weiterlesen →

24. Dez. 2015
von Katrin Rönicke
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21. Dez. 2015
von Katrin Rönicke
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Messe Nord/ICC

In der Nähe der S-Bahn-Haltestelle Messe Nord/ICC habe ich etwas abzuholen gehabt. Und zwar in der Kuno-Fischer-Straße. Auf dem Weg dahin war ich als typischer Smombie vor allem damit beschäftigt, den Weg via Karten-App zu finden. Aber auf dem Rückweg, den ich nun schon kannte und nach eigenem Bestreben grundsätzlich ohne navigierende Helferlein zurückzufinden gewillt bin, fiel mir folgendes Schild ins Auge:


Dieses Gebäude hat eine lange Geschichte: Wie die Denktafel berichtet, war da zwischen 1950 und 1953 eine Notaufnahmestelle für insgesamt 300.000 Flüchtlinge aus der DDR. Zuvor aber – und sein Name sagt das bis heute – war es das Verwaltungsgebäude der Knappschafts-Berufsgenossenschaft. Es trug sich nämlich Ende des 19. Jahrhunderts zu, dass Kaiser Wilhelm der I. feststellte, dass ihm die Sozialdemokratischen Bewegungen das Wasser abzulaufen drohten, also hielt er nun die Einführung einer Sozialversicherung für Arbeiter, die bei Arbeitsunfällen krank oder verletzt wurden, für unerlässlich. Der Druck von Links kann so manchen eben recht sozial werden lassen. Das zeigt sich auch an der Geschichte der DDR und der BRD: Wie viele Autorinnen schon zu bemerken gaben, darunter Daniela Dahn, war der Konkurrenz-Druck auf die BRD durch die schiere Existenz der DDR recht groß und die sozialen Sicherungen damit wesentlich großzügiger. Und entsprechend nach dem Wegfall des sozialistischen Konkurrenten nicht mehr ganz so wichtig. Doch zurück zur Geschichte:

In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts sind noch viele DDR-Bürgerinnen vor allem über Berlin in die BRD geflüchtet. Die Notaufnahmestelle in der Kuno-Fischer-Straße war bald zu klein, warum man eine neue in Marienfelde baute, wo die Flüchtlinge nicht nur untergebracht wurden, sondern auch alle behördlichen Vorgänge lokalisiert waren, ebenso die sozialen. Man baute Wohnblöcke, um die Flüchtlinge gut unterbringen zu können.

Die Fluchtursachen vor dem Mauerbau hat Hartmut Wendt zusammengetragen: 56 % gaben politische Gründe an, das bezieht sich vor allem auf die „Ablehnung politischer Betätigung“ oder die „Ablehnung von Spitzeldiensten“ sowie „Gewissensnotstände und Einschränkung von Grundrechten“. Da mit der Teilung Deutschlands auch Familien geteilt wurden, gaben 15 % persönliche oder familiäre Gründe an. Immerhin 13 % führten vor allem wirtschaftliche Gründe an, 10 % hatten den Wunsch nach besseren Einkommens- oder Wohnverhältnissen. Die Gründe für die Flucht blieben bis zum Ende der DDR weitestgehend die gleichen.

Mit dem Bau der Mauer 1961 riss der Strom ab und die Gebäude wurden nun nicht mehr dafür gebraucht. Bis 1989 eine neue Welle der Flucht aus der DDR begann.

Wie das 1989 zum Beispiel in Neumünster ablief, hat Dietrich Mohaupt für den Deutschlandfunk aufgeschrieben. 13.000 Leute sind 1989 aus der DDR nach Schleswig-Holstein gekommen. Und haben dort nicht nur Freude geerntet, sondern auch besorgte Bürger erzeugt. Wie Mohaupt protokolliert, gab es Bedenken:

„Es gab mal so die Aussage kurz vor Weihnachten: Kann man die Grenzen ein Stück weit noch mal wieder dichtmachen, damit man da den Zustrom regelt? Das hat eher dazu geführt, dass noch mehr Menschen kurz vor Weihnachten kamen und wir uns überlegt haben: Wo bringen wir die bloß alle unter? Aber auch das wurde organisiert, also es ging alles, in der Krisensituation rückte dieses Land zusammen.“

2015, wieder kurz vor Weihnachten: Wieder gibt es Flüchtlingsströme – diesmal von weit weg, Menschen, die nicht unsere Sprache sprechen und die Schlimmstes hinter sich lassen wollen, kommen. Und es ist doch erstaunlich: Gerade dort, im Osten, in der ehemaligen DDR, wo die Flucht noch vor 26 Jahren so alltäglich war, scheint man vergessen zu haben. Gerade dort wird die Forderung am lautesten, sich abzuschotten. Dort und in Bayern, wo die CSU Forderungen stellt, die dem Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages höchst zweifelhaft vorkommen, wie die Kollegen der Tagesschau vermelden. Wieder diese Ironie: Als die Flüchtlinge der DDR wegen der Einschränkung der Grundrechte flüchteten, konnte man sich groß fühlen. Heute will man die Grundrechte lieber selbst einschränken.

Die Flüchtlinge aus Syrien, aus Afghanistan und Irak, erst recht die Schwarzen aus afrikanischen Ländern – sie sind natürlich gänzlich anders, als die deutsch sprechenden Flüchtlinge von damals. Sie haben eine andere Kultur und eine andere Geschichte. Sie bringen neue und größere Herausforderungen mit sich.
Und: Sie gelten dem Westen nicht als ein Indikator für den Triumph des Kapitalismus gegen den Sozialismus – manche würden sagen: Im Gegenteil. Das alles macht es vielen schwer, der „Willkommenskultur“ beizutreten, die politisch immer noch vorgegeben ist. Vielleicht kann es helfen, sich der eigenen Geschichte zu erinnern. Soziales Verhalten ist keine Frage des Systems. Es ist immer noch – wie es schon immer gewesen ist – eine Frage des Zusammenrückens.

21. Dez. 2015
von Katrin Rönicke
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16. Dez. 2015
von Holger Klein
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Lecker essen am Oranienburger Tor

Die Kollegin hatte zwar schonmal vom Oranienburger Tor berichtet, aber ich war halt gerade zufällig dort und habe was Feines gefunden, was sehr gut dazu geeignet ist, die heimliche Foodbloggisierung von BerlinABC voranzutreiben.

risotto_innen

Auf der Friedrichstraße, gleich an der U-Bahn Oraniemnburger Tor gibt es nämlich ein kleines Restaurant mit äußerst überschaubarem Angebot. Nicht ganz so albern beschränkt, wie der Laden, der damals in der Charlottenstraße, während der New Economy, ausschließlich Entrecote angeboten hatte, aber relativ dicht dran. Es gibt nämlich Reis. Sonst nix. Genaugenommen gibt es Risotto, was nicht nur der naheliegende Name der Gaststätte, sondern auch eine prima Essens-Basis ist, die sich mit allerhand Zutaten dergestalt aufhübschen lässt, dass man jeden Tag etwas anderes zu essen bekommt – obwohl es jeden Tag Reis gibt. Verrückt!

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Dabei ist Aufhübscherei eigentlich gar nicht unbedingt nötig. Wenn man nämlich ordentliche Zutaten benutzt, also beispielsweise keinen Billigkäse, schmeckt ein Risotto auch ohne die Zugabe von roter Bete und Meerettich. Allerdings wird es dann ein wenig einseitig. Ich habe das schonmal probiert und war am dritten Tag leicht genervt, 0bwohl ich die Mumpe schon in Pfanne gehauen und angeknuspert hatte.

risotto_karte

Das Risotto hat eine wechselnde Wochenkarte, damit es nicht zu langweilig wird (am Ende ist es halt doch immer Reis), und hält sich schon seit einigen Jahren an dieser Stelle. Das erscheint mir recht ungewöhnlich, denn jedesmal, wenn ich zufälligerweise dort vorbeikomme, habe ich das Gefühl, dass sich alle Läden einmal ausgetauscht haben. Gelegentlich bin ich sogar absichtlich in der Gegend, denn es gibt dort auch eine nette Kneipe und ich kann, ohne Umsteigen zu müssen, zwischen Zuhause und der Kneipe pendeln. Aber um die geht ja gar nicht, sondern um Rundkornreis, der unter ständigem Rühren und kellenweise zugeführter Brühe langsam eine cremige Konsistenz bekommt. Die Konsistenz ist auch der Hauptgrund, warum ich Risotto lieber selbst mache, denn auswärts ist es mir immer noch ein wenig zu körnig. Als geschmackverändernde Zutat empfehle ich übrigens Brat- oder Blutwurst.

16. Dez. 2015
von Holger Klein
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