Berlin ABC

Berlin ABC

Wir fahren durch die Hauptstadt

Atmosphärisch anämisch

| 16 Lesermeinungen

Bellevue. Aha.

Der Gedanke war eigentlich, dass man ja über jede Station etwas schreiben können wird. Dass es überall eine bislang unbekannte Welt zu entdecken gibt und mit frischem, neugierigen Blick zu betrachten und zu erkunden. Menschen, Hunde und Vögel zum Beobachten, Szenen zum Festhalten. Situationskomik, Dramatik, Menschliches und Allzumenschliches.

Nicht hier. Es stellt sich raus: Das Interessanteste was mir nach dem Verlassen der S-Bahn begegnen wird ist eine Schar Tetrapaks.

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Aber der Reihe nach. Da ist zunächst diese Spree, an deren Ufer man im Sommer bestimmt nett sitzen kann und Schwäne fütternd einen Wein trinken, bis man nach Hause torkelt und sich freut, dass man einen Ort jenseits der Touristenkieze gefunden hat, an dessen Spreeufer man Wein trinken kann, nur eben in Ruhe. Das Spreeufer ist das Einzige, was ich schon vorher von Bellevue kannte. Denn hier war ich schon einmal mit meinem Sohn zum Enten füttern gewesen. An einem ähnlich kalten Januar-Tag, vor vielleicht sechs Jahren. An einem dieser Tage, an denen einer Mutter mit Kleinkind leicht die Decke auf den Kopf fallen kann. Deswegen habe ich ihn geschnappt, ihn gefühlte drei Stunden lang gegen seinen Willen angezogen, mich mit ihm wie so oft in die S-Bahn gesetzt, denn damit ist er so gerne gefahren (und er konnte sich auch STUNDENlang die Videos von ein- und ausfahrenden S-Bahnen auf Youtube ansehen), und bin auf gut Glück irgendwo hin gefahren, wo er noch nie war. Bellevue eben, Enten füttern.

Es ist eine reizarme Gegend. Bestimmt ist das für viele Menschen eine feine Sache. Doch genau wie eine komplett weiß gestrichene und mit weißem Mobiliar ausgestattete Wohnung macht mich die Reizärme Bellevues nervös. Bellevue ist atmosphärisch anämisch.

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Menschen mit weißen Haaren und beige-grauen Jacken schluppern ihre Rollatoren durch die Gegend. Es gibt keine gröhlenden Punks (vermisse ich nicht), keine hupenden Autos (vermisse ich nicht), keine Touristen auf Bierbikes (vermisse ich absolut und sowas von gar nicht) und keine Kinderstimmen in der Luft (…!). Etwas ratlos stehe ich rum und versuche, etwas zu erspähen, das irgendwie interessant wäre, irgendetwas muss es doch noch geben, das man später einmal jemandem zu erzählen hat, der noch nie am Bahnhof Bellevue, zwischen Hauptbahnhof und Tiergarten, ausgestiegen ist. Da ist eine Brücke mit ein paar Liebesschlössern. Langweilig. Dahinter gehen verschiedene Straßen ab. Keine von ihnen verspricht ein Abenteuer. Ich erkenne ein Gebäude als Kita, denn es ist bunt. Also gehe ich gucken. Denn es ist ja bunt. Aus dem „Paradies für Kinder“ werden gerade zwei adrette Kinder von ihrem adretten Vater abgeholt. Es ist Januar, aber sie tragen Slimfit-Jeans wie er und jedes eine Baskenmütze. Dazu schlichte Dufflecoats. Stilvoll geht das Kind in sein Bellevuer Kinderparadies. An der Tür klebt ein Schild: Die Kita sucht Erzieherinnen und Erzieher.

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Darüber könnte ich schreiben! Über diesen elendigen Erzieher-Mangel in Berlin, diese riesige Lücke. Allerorten wird gesucht. Die Erzieherinnen konkurrieren auf dem Markt nicht, sondern die Kitas konkurrieren. Das führt dann schnell dazu, dass der Anreiz, auch bei Konflikten in der Kita zu bleiben und sich daran zu beteiligen, die Konflikte zu lösen, für das Personal nicht eben groß ist. Wer die eine Kita verlässt, weil es dort zu laut, zu schlecht bezahlt, zu eng, zu wasauchimmer ist, wird keine Mühe haben, sofort eine neue Anstellung zu finden. Verbindlichkeit ist eine Zier, doch schöner lebt sich’s ohne ihr. Ein großes Problem. Aber stopp: Ich schreibe ja *immer* über solche Dinge, immer über Bildung und Kinder und Pädagogik…! Es *muss* doch etwas anderes geben, als das!

Angestrengt suche ich nach einer Geschichte.

Im S-Bahnbogen gibt es eine Art Geschäft oder vielleicht ist es auch ein Café, an dessen Außenwand eine Schar Tetra-Packs hängt, in die jemand Blumen gepflanzt hat. Ungewöhnlich. Im Sommer bestimmt sogar total schön. Drüber steht „Tetrapax“. Durch ein Fenster kann man in das Innere des Bogens sehen, in Räume, deren Interieur keine weiteren Schlüsse auf Sinn und Zweck der Anlage ziehen lassen, man sieht lediglich einzelne Tetra-Packs auch drinnen herumstehen. Innen wie außen sind die Pflanzen längst welk und tot. „Da sind noch mehr Tetra-Packs!“ rufe ich aufgeregt, meine Nase am Fenster plattdrückend. Inmitten der Ödnis bekommen manchmal die ganz kleinen Dinge einen ungeheuren Zauber.

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Holger will zum Hansa-Viertel auf der anderen Seite gehen. Er hat mir zufälligerweise erst vor ein paar Tagen genau davon erzählt. Von den tollen Architekten und dass er selbst mal in einem Denkmal dieser Art gewohnt hat. Er ist freudig, also laufe ich mit. Für mich reiht sich hier jedoch nur ein Hochhaus neben das andere, wie ich sie rein vom Äußerlichen betrachtet niemals gebaut hätte. Eckig, hoch, kalt und karg. Reizarmes Bauen hat bestimmt auch irgendeinen Charme, der mir einfach aus Gründen der Ignoranz unzugänglich ist. Hier wohnen?! Nein danke.

Das Essen im Balkangrill kann nichts retten. Es ist okay. Nein, ganz ehrlich: Es ist langweilig. Genauso langweilig und genauso karg und reizarm, wie alles hier.

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16 Lesermeinungen

  1. Schon besser!
    Die Qualitätsleserschaft der Qualitätspresse möchte, daß Sie Berlin in die Pfanne hauen, genüßlich über den Reichshauptstadt-Slum schreiben, den Tagesablauf des Berliner Schmarotzers an sich schildern. Sonst wird das nichts mit den Klicks und Kommentaren.

  2. Hallo, Fr. Rönicke.
    Vielleicht kennen Sie den Satz…Wer eine Nadel im Heuhaufen sucht,
    der braucht einen Magneten…
    Wenn Sie jetzt, ausgehend von diesem Satz, das ganze negieren…
    Städte sind entsprechen ihrer Größe dementsprechende Magnete
    die Menschen aller Art, mit allen möglichen Vernunftleveldifferenzen,
    bezogen auf Humanitäthandeln, anziehen und an sich binden, dann
    ist die ungesunde, unreife, stinkige…Atmosphäre eine Resultierende aus zig magn. Faktoren. Der Mensch ist zu solch einer „Riesenwechselbeziehung“ auf engstem Raum gar nicht fähig.
    Nur Dezentralisierung schafft Abhilfe. Die geistigen Wechselwirkungen
    auf immer enger zusammen lebende Menschen werden unterschätzt.
    Der Einzelne kann sich gegen all die verschiedenen „Geist-Kraft-Wirkungen“ nicht wehren…denken Sie an gelenkte Gruppentherapie zur
    Gesundung und drehen Sie wieder um…ungelenkte „Riesengruppe“
    ohne gleiches Gesundheitziel, sondern gegenseitig krank machende Lebensweisen….weil es zu eng und zu viel ist.

  3. Titel eingeben
    Ihr wart zur falschen Jahreszeit da.
    Wie vermutet ist es im Sommer wunderschön dort an der Spree. Dann zeigen sich auch Menschen, sogar junge Menschen.

  4. Linie 1 statt S-Bahn
    Schade, dass Ihr nicht bis zum GRIPS Theater gekommen seit. Das hat eine spannende Geschichte („kommunistische Kinderverderber“) und ist seit 1974 auch dort. Wobei, eigentlich liegt es genau auf der U-9-Station Hansaplatz. Also könnt Ihr da noch mal extra vorbei fahren.

  5. Eine Frage der Perspektive...
    Ich bin mir recht sicher, liebe Katrin Roenicke, dass wenigstens der hochverehrte Ko-Autor Holger, in der Nähe der Station etwas Interessantes gefunden hätte. Jedenfalls, wenn „einmal-über-die-Brücke-und-dann-noch-so-150-Meter“ als „in der Nähe“ durchgeht. Einen der, wenn nicht gar den bestsortierten Berliner Bier-Läden nämlich. Insofern: eine gewisse Tristesse – ja, allemal. „Alles reizarm“? Nein, hinter dieser einen Tür alles andere als das…

  6. Architekten, ein traurige Thema
    „Eckig, kalt und karg.“
    Max Goldt hat vor Jahren von seiner Berliner Wohnungssuche berichtet (er war endlich zu Ruhm & Geld gekommen). In einer der modischen Kudamm-Nebenstraßen war gerade so ein schicker Neubau entstanden (der erinnert mich allerdings an die Stalinallee) und da wollte er sich eine Wohnung anschauen. Doch bereits die Türklinke der Eingangstür unten an der Straße war so eckig, kalt und abweisend, dass er stracks kehrt machte und auf DIESE Wohnung verzichtete.
    Gibt’s hier eigentlich auch ein Architekten-Blog, das launig einige (alle geht schon nicht mehr aus Platzgründen) der Sünden dieser Möchtegern-Künstler aufzeigt?

  7. Bellevue
    da bin ichmal überfallen worden..Die Tristesse war mir dabei gar nicht so aufgefallen 😉

  8. Schöne Idee
    Bin gespannt, was noch kommt. Die ersten Artikel gefallen sehr. Berlin abseits des Mainstreams. Gefällt mir, weiter so!

  9. Schönheit der Großstadt
    Das Licht und die Form der Laternen auf der Brücke zum S-Bahnhof Bellevue z.B. schaffen eine angenehme poetische, zeitlose „Filmstimmung“.
    Das Hansaviertel wird vielleicht Unesco-Weltkulturerbe. .
    Sie, Frau Rönicke, machen immer gern mit beim Berlin-Bashing (vgl. rainer Meyer). Ist eine der Lebensentscheidungen, ob man in der Großstadt wohnen kann. Freue mich schon auf Ihre Beschreibung der Müllerstr. in Wedding.

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