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Wir fahren durch die Hauptstadt

Paradestraße

| 12 Lesermeinungen

Die Paradestraße ist mein persönlicher Geisterbahnhof. Sie liegt an der U6, die mich regelmäßig zu meinem Heimatbahnhof bringt, deshalb sehe ich den Bahnhof recht häufig im Vorbeifahren. Hier steigt fast nie jemand ein oder aus.

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Vor ein paar Jahren wurde saniert, so mit hübsch bunten Kacheln, alles schön hell fürs Sicherheitsgefühl, ein Aufzug für die Barrierefreiheit ist eingebaut worden, aber jedes Mal frage ich mich: Für wen überhaupt? Dieser Bahnhof ist dermaßen öd, dass nicht mal die üblichen Drei-Buchstaben-Jungs sich hierhin verirrt und mit ihren „Tags“ die Wände ordentlich versifft hätten.

Die Paradestraße selbst führt in eine sehr hübsche, innerstädtische Einfamilienhaussiedlung aus den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, die „Fliegersiedlung“ genannt wird, was man spontan darauf zurückführen mag, dass gegenüber, auf der anderen Seite des Tempelhofer Damms, der ehemalige Flughafen Tempelhof liegt. Ist aber ganz anders, denn hier ist fast jede  Straße benannt nach irgendeinem „Fliegeroffizier im ersten Weltkriege“, was bei Spaziergängen immer ein wenig gruselig anmutet, aber so haben wenigstens diejenigen ihr Zückerchen, die im Führen von Kriegen irgendwas Heldenhaftes zu erkennen glauben.

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Um die Siedlung herum steht ein Riegel aus drei- bis viergeschossigen Mehrfamilienhäusern, die vermutlich gleichsam als Lärmschutzwand gegen den Tempelhofer Damm im Osten und die Ringbahn dienen sollen, die im Süden an der Siedlung entlang führt. Die Wirksamkeit des Walles zweifle ich aber stark an. Als freier Autor kann man sich nur drittklassige Lagen erlauben, darum wohne ich selbst in ebendieser Wand. Meine Loggia weist nach Norden und wenn ich auf ihr sitze, ist das Geräusch der Ringbahn und der weiter weg gelegenen Stadtautobahn schwächer zu hören, als zwei Parallelstraßen weiter, nachdem der Lärm über den Häuserriegel geschwappt ist. Wenn mir das auffällt, muss ich immer ein wenig feixen, denn eigentlich hätte ich auch gerne ein solches Haus, kann es mir aber nicht leisten und bin darum immer dankbar, wenn ich eine Möglichkeit finde, mir meine elende Situation ein wenig schöner zu reden. Fließend Wasser habe ich auch.

Auf der Flughafenseite der Paradestraße ist quasi nix. Es gibt einen Zugang zum Flughafengelände und -gebäude, in das sich einzelne Firmen eingemietet haben.

Hätte ich eine Firma, die Büroflächen oder Werkhallen braucht, würde ich überlegen, dorthin zu gehen. Der Ort könnte origineller kaum sein und die Verkehrsinfrastruktur ist gut, denn immerhin gibt es eine nagelneue UBahn-Station, die gelangweilt auf Reisende wartet und die Autobahnauffahrt ist auch nur fünf Minuten entfernt. Irgendetwas scheint aber mit dem Standort nicht zu stimmen, denn das Firmenschild lungert trostlos an der Einfahrt herum und bietet viel Raum für Notizen.

Ein Zugang zum ehemaligen Flugfeld, von irgendeinem Marketingspezialexperten „Tempelhofer Freiheit“, von mir und meinesgleichen „THF“ oder „Das Feld“ genannt, ist wiederum so weit vom Bahnhof Paradestraße entfernt, dass man auch – je nachdem, aus welcher Richtung man kommt – eine Station früher oder später, aussteigen kann, um auf das Feld zu gelangen. Der passende Bahnhof heisst „Tempelhof“ und dort hätte man dann auch eine etwas sinnvollere Gastronomie- und Einzelhandelsinfrastruktur.

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Wer sein Geld unmittelbar an der Paradestraße loswerden will, findet nämlich nicht mal einen Kiosk oder einen Eisladen und muss sich mit Thai Massagen oder einem Besuch des – mutmaßlich assoziierten – Kosmetiksalons begnügen. Das ist zwar gelegentlich ganz entspannend, aber auf Dauer wäre mir das ein wenig zu eintönig.

Um meine These vom Geisterbahnhof empirisch zu untermauern, werde ich mich übrigens irgendwann mal einen Tag lang auf den Bahnsteig setzen und Passanten zählen. Eventuell lässt sich daraus ja ein Trinkspiel entwickeln.

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12 Lesermeinungen

  1. In der Frühe
    wenn nicht gerade Ferien sind steigen viele Schulkinder aus. Wo ist denn da eine Schule?!
    Ansonsten hast du Recht: Viel ist da nicht los. Ich steige manchmal dort ein oder aus.

  2. damals...
    Der Bahnhof war schon in den fünfziger und sechziger Jahren so leer.

  3. Station
    Mir hat sich anfänglich der Sinn des Beitrags nicht erschlossen, aber offenbar geht es hier im weitesten Sinne um den haupstädtischen ÖPNV, und da gäbe es tatsächlich eine Menge zu sagen, gerne auch als Blog. An der fraglichen Haltestelle ist übrigens in 800m -genau nach Westen- eine Schule und in 1000m ein Krankenhaus.

    Warum die Gören nicht radfahren ist zunächst kaum zu verstehen. Vermutlich liegt für ‚Schüler‘ die mittlere fünfjährige Preissteigerung für ‚AB-Tickets‘ tatsächlich unter 5.2 Prozent pro Jahr. Noch Fragen ?

  4. Nicht irgendein Gutschein
    Immerhin gibt es hier „elegante Gutscheine“. Wenn das kein Grund ist, hier öfter mal auszusteigen?! Mehr kann man doch wohl kaum verlangen.

  5. Vor ein paar Jahren?
    „Vor ein paar Jahren wurde saniert, so mit hübsch bunten Kacheln, alles schön hell fürs Sicherheitsgefühl“
    Die Kacheln gibt es dort schon seit 1990/91, den Aufzug seit 1993.

    Nur mal so als Anmerkung von jemandem, der in der Gegend gewohnt hat.

    • Ach, echt? Was um Himmels Willen haben die denn da vor ein paar Jahren gebaut? Ich dachte immer, es sei der Bahnsteig etc gewesen. Oo

  6. Schule und Kacheln
    An der Boelckestraße östlich vom Krankenhaus: Schulen.

    Die Kacheln erinnern mich immer an eine gewisse Regenbogenfahne

    • Die Kacheln habe ich neulich auch an einem anderen Bahnhof gesehen. Allerdings nur beim Durchfahren mit der U7, glaube ich.

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      @holgi U Spichernstrasse gibt es die gleichen Kacheln und ja, Paradestrasse sieht seit den 90ern so aus.

      Schulen gibts, zwei Grundschulen und eine Realschule.

      Mittlerweile gibt es doch am Te-Damm, nahe U-Bhf. neben der Tankstelle ein Penny und ein Burger King. Als ich da aufwuchs war es gruseliger, da gab es nichts, auch das grosse Polizeigebäude war noch nicht da. Etwas belebter wurde es erst in der Manfred-von-Richthofen-Strasse.

    • Jau, Penny und BK und Tanke hab ich ausgelassen, weil die mir schon wieder zu weit weg waren – irgendwie in einem anderen Niemandsland 😉

      Die Richthofen wird langsam aber sicher sehr angenehm. Das erzähle ich dann zum Platz der Luftbrücke (allein schon wegen meines Metzgers dort).

  7. Lärmschutz-Häuserwand
    Bei Ingenieuren die Lärmschutzanlagen heute planen, ist dieser Effekt wohl gelitten. Denn irgendwer bekommt die mehrfach reflektierten und gebrochenen Schallwellen dann doch immer ab. Mitunter leiden nach dem Bau einer Wand in absoluten Zahlen dann viel mehr Menschen. Wenn die Kommunen reich sind wir dann lieber der Verkehrsweg eingehaust. Zum Glück wohnts du aber in Berlin und kannst dich weiter besser fühlen als die geplagten Eigenheimer da unten.

    • Och, ich hätte nix dagegen, wenn die Ringbahn eingehaust würde. Aber das wäre ja wieder eine Art Großprojekt – und das ist mit den Schlafmützen im Abgeordnetenhaus ja nicht zu machen 😉

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