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Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Innsbrucker Platz

| 8 Lesermeinungen

Ich musste nach Schöneberg zum Zoll. Wenn man aus meiner Richtung kommt, nimmt man die Ringbahn S41/42 (oder was sonst noch alles auf dieser Strecke fährt) zum Innsbrucker Platz.

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Dort kreuzt außerdem die U4. Beim Verlassen der U-Bahn kommt man an einem unterirdischen Lebensmitteldiscounter vorbei, dessen Mitarbeiter ihre Arbeit unter Tageslichtabschluss leisten. Ich habe die größtmögliche Hochachtung vor solchen Menschen, denn ich selbst würde das vermutlich keine zwei Stunden aushalten, ohne durchzudrehen und mit einer Axt durch den Bahnhof zu marodieren.

Der Platz selbst ist – wie so viele Plätze in Berlin – hässlich, langweilig und ungemütlich, so dass man froh ist, ihn schnell hinter sich zu lassen. Der einzige mir ersichtliche Grund, auf ihm länger zu verweilen, ist das Warten auf die Mitfahrgelegenheit aus der Stadt hinaus, denn kurz vor der gleichnamigen Auffahrt auf die Stadtautobahn gibt es reichlich Haltemöglichkeiten, die selbstverständlich auch reichlich genutzt werden, um vergammelte Wohnwagen und sowas abzustellen.

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Gleich hinter dem Zoll steht das alte RIAS-Gebäude, in dem heute das Deutschlandradio Kultur produziert wird. Dort habe ich gelegentlich in einem Studio gesessen und eine Schalte (unsereins sagt „Schalte“ statt „Schaltung“ und „Verlose“ statt „Verlosung“) zu anderen Rundfunkanstalten gehabt. Man fühlt sich dann gleich ein wenig spezieller.

Ich weiß nicht, ob es anderen Radioleuten auch so geht, aber jedesmal, wenn ich das Gebäude betreten habe, hatte ich ein spontanes Gefühl der Ehrfurcht, wegen RIAS, West-Berlin, Kalter Krieg, cooles Radio und so. Das Gefühl verschwindet zwar immer recht schnell wieder, wenn ich mir das Programm des Senders anhöre und feststelle, dass und wie die alle auch bloß mit Wasser kochen, aber es stellt sich trotzdem zuverlässig immer wieder aufs neue ein, wenn ich dort im Treppenhaus stehe.

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Läuft man die Hauptstraße stadtauswärts Richtung Steglitz, kommt man an den unvermeidlichen Bahnhofsanrainergeschäften vorbei: Nagelstudio, Dönerbude, Friseur, Dönerbude, Physiotherapie, Asia-Imbiss, Dönerbude, Ärztehaus, Teigbatzenaufwärmstation und dergleichen mehr. Einsam steht ein wenig Kunst herum, die sich im Wind bewegt, und kurz bevor man aufgeben und irgendwohin fahren möchte, wo es etwas weniger trist ist oder wenigstens einen ordentlichen Kaffee gibt, steht man vor einer Ladenspezies, die es in dieser Größenordnung nur noch sehr selten gibt: dem kleinen Plattenladen.

Früher gab es sogar in dem 10.000-Einwohner-Kaff, in dem ich aufgewachsen bin, einen Plattenladen. Im Nachbarort gab es auch einen und im übernächsten Ort auch. Ich vermute, es gab in jedem Ort einen Plattenladen oder eine Plattenladen-Ecke im HiFi-TV-Geschäft, in der wenigstens die aktuellen Charts vorrätig waren, ein wenig Jazz und Klassik – für die Älteren und die gernegroßen Gymnasiasten – und der Möglichkeit, jede Platte auch zu bestellen. Damals war Musik nicht immer und überall verfügbar, also begnügte man sich damit, ein Album einen Monat lang oder länger zu hören. Und zwar täglich mehrfach, bis man es auswendig konnte. Wir Landbevölkerung hatten ja nix. Darum mussten die Plattenläden auch kein so großes Sortiment vorhalten, wie es später dann nötig wurde, als die Menschen angefangen hatten, alles immer überalll sofort haben zu wollen.

Die Mitarbeiter in reinen Plattenläden waren schon immer sehr maulfaul. Je mehr Ahnung vom globalen Popmusik-Sortiment diese Leute hatten, desto wortkarger und ungastlicher waren sie. Am eindrucksvollsten in Erinnerung geblieben ist mir ein Mann mit englischen Akzent, der in Köln im Saturn gearbeitet hatte (damals war das ein einzelnes Geschäft und nicht die Kistenschieber-Kette, die es heute ist). Egal, was man ihn gefragt hatte, er wusste eine Antwort. Er kannte nicht nur das eigene Sortiment bis in die letzte Ecke, sondern konnte in wenigen, schräg gesungenen Takten erkennen, welches, in kleinster Auflage gepresste, aus Japan importierte, Elektro-Rock-Bootleg-Album man kaufen wollte und wusste auch zuverlässig, wo man es bekam. Problematisch wurde es immer, wenn man ihn nach etwas fragte, was nicht seinem – ohnehin schon verblüffend breiten – Musikgeschmack entsprach. Dann wurde er rabiat und verweigerte auch gerne mal jedwede Zusammenarbeit, manchmal sogar jegliche Kommunikation. Als ich einmal nach David Byrne fragte, passierte mir genau das und ich bin nicht der Einzige, der eine solche Anekdote zu berichten weiß.

Der Versuch, mit dem Plattenladenmitarbeiter am Innsbrucker Platz nett ins Plaudern zu kommen, scheiterte selbstverständlich traditionsgemäß. Einzig, dass in Berlin-Neukölln in letzter Zeit einige Plattenläden eröffnet hätten und dass so kleine Plattenläden ja ständig kämen und gingen, konnte ich in Erfahrung bringen.

Schräg gegenüber ist eines dieser Nippesgeschäfte, in denen man Geschenke für Menschen findet, bei denen man nicht weiß, was man ihnen schenken soll. Kühlschrankmagnete, lustige Butterbrotbrettchen, Spiele, Deko, Stopfen, Dichtung, Filter, Schlüsselanhänger, bunte Gläser, wasweißichwasalles.

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Ich habe gefragt: Gut 10.000 verschiedene Dinge haben die dort im Sortiment. Ich verstehe nicht, wie man über so etwas auch nur ansatzweise den Überblick behalten kann. Die Damen, die in dem Laden arbeiten, haben mir aber versichert, dass sie ihn hätten. Eine davon war sogar die Chefin. Hätte ich genug Geld dabei gehabt, hätte ich mir die Herren Müller-Lüdenscheidt und Dr. Klöbner als Buchstützen mitgenommen. Hatte ich aber nicht, also habe ich mich einfach so ein wenig zu lange im Laden verloren und all die Spielzeuge angefasst und ausprobiert, die da rumlagen – bis ich das Gefühl hatte, ich würde mich irgendwie verdächtig verhalten und es könnte besser sein, langsam zu verschwinden, bevor man mich holen kommt.

Beim Zoll ging die Abfertigung (heißt das so?) diesmal besonders schnell und entspannt. Das ist nicht immer so.

Alleine die Benachrichtigungen darüber, dass man etwas abholen soll, reizen meine Frustrationstoleranz meistens bis an ihre Grenze aus. Statt einen plausiblen Absender anzugeben, schreibt der Zoll irgendwelche kryptischen Zeichen auf den Zettel, erwartet aber gleichzeitig, dass man anhand dieser Nichtinformation eine passende Rechnung rauskramt und ausgedruckt mitbringt. Sie auf dem Display des Telefons herzuzeigen, reicht dem Zoll leider nicht, denn dann „kann man die ja nicht an den Bescheid anheften“. Wenn man nicht die leiseste Ahnung hat, was die Lieferung sein könnte, beispielsweise weil man auf mehrere Sachen aus dem Ausland wartet, besteht auch die Möglichkeit, das Paket unter Aufsicht zu öffnen und sich dann an einem quasi-öffentlichen Zoll-Computer in seinen Mailaccount einzuloggen, die entsprechende Rechnung zu suchen, auszudrucken und anheften zu lassen. Der Haken: Der Rechner ist oft kaputt, so dass es passieren kann, dass man eine Stunde vergebens gewartet hat und unverrichteter Dinge wieder heimfahren muss – was man nach der Benutzung dieses Rechners übrigens auch schleunigst machen sollte, um dort seine Passwörter zu ändern.

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Der Heimweg ist übrigens ganz lustig, denn am Bahnhof gibt es einen schrägen Aufzug. Und zwar „schräg“ im Sinne des Wortes. Ich kenne in Berlin keine andere Möglichkeit, dichter an das Gefühl heranzukommen, mit einer Zahnradbahn zu fahren, als am Innsbrucker Platz einen auf barrierefrei zu machen.

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8 Lesermeinungen

  1. Wie haben Sie denn die Tür zum Aufzug aufgemacht?
    Ich geh da gleich mal hin, um zu sehen, ob die noch heil ist ;).

    Eine schönes Motto für einen Feuilletonblog. Ich bin gespannt, was noch kommt :-).

  2. Netter Artikel
    Freue mich schon auf den nächsten Eintrag, jeder Absatz hat auf eine eigene Art und Weise Spaß gemacht.

    Weiter so

  3. Sehr schöne Formulierung
    „einen auf barrierefrei machen“ für – so denke ich – mit Aufzug usw. fahren, ohne dass man darauf angewiesen wäre.

    Laut http://de.wikipedia.org/wiki/Schr%C3%A4gaufzug befindet sich übrigens auch am S-Bahnhof Brandenburger Tor ein Schrägaufzug. Ich habe ihn allerdings noch nicht wahrgenommen.

    Wenn ich an einer Stelle ein bisschen klugscheißen dürfte: Die U4 kreuzt nicht die Ringbahn, vielmehr ist der Bahnhof Innsbrucker Ring neben dem Bahnhof Herrmannplatz der einzige Ringbahnhof, der gleichzeitig Endbahnhof einer U-Bahn-Linie ist.

  4. Plattenladen
    Ich war 10 Jahre nicht mehr am Innsbrucker, aber den Plattenladen gibt’s noch. Gefällt mir.
    Die Eisdiele neben dem Süßwarenspezialitzätengeschäft gibt es die oder das noch ?
    Zum Gesundheitsamt mußten wir als Schöneberger Schüler immer und zum Spielplatz im Park am RIAS wollten wir immer. Da hat es nämlich eine tolle Wasser-Sand-Matsch-Holzkonstruktion.
    Hach, toll.

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