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Rehberge: Wo Jugendarbeit privatisiert wird (wie überall)

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Noch ist die „Jugendfreizeiteinrichtung Bezirksamt Mitte“, die unweit des U-Bahnhofes Rehberge, in der Edinburger Straße zu finden ist und das die Leute dort deswegen das „EDI“ nennen, eine staatliche Einrichtung. Doch wie viele andere Einrichtungen der Jugendarbeit wird es privatisiert. Es ist zu teuer. Die Bezirke Berlins haben kaum Geld. Die jetzigen Mitarbeiter sollen als „Leiharbeiter“ mitgehen. Aber haben die darauf Lust?

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Hier sind viele Jugendliche im Alter zwischen zwölf und Anfang zwanzig anzutreffen. Um die 40 bis 50 haben hier ihre Stamm-Anlaufstelle in der Freizeit.

Im Moment schmeißen zwei Leute hauptamtlich den Laden, einer davon ist gerade krank. Früher, als das Jugendzentrum sich noch über die kompletten drei Etagen erstreckte, waren wohl sogar einmal sechs Menschen angestellt. Im Keller gab es ein eigenes Tonstudio. Nach 125 Rohrbrüchen in sieben Jahren war es dann nicht mehr haltbar.

Im oberen Geschoss ist nun das Mädchentreff „Towanda“ des Freien Trägers, der aller Wahrscheinlichkeit nach den gesamten Laden bald übernehmen wird. Der mäßige „Erfolg“ des Mädchentreffs wird von den bald vielleicht überflüssigen Mitarbeitern des EDI als Anhaltspunkt dafür genommen, wie es mit dem Jugendtreff selbst weitergehen könnte: Dort oben seien kaum Mädchen anzutreffen und wenn, dann kämen diese eher nach unten. Die Leiterin des Edi hält die Trennung nach Geschlecht ohnehin für eine mäßig gute Idee. Im „Haus der Jugend“ hätten früher die Mädchen einen Raum gehabt, das sei eine gute Sache gewesen. Aber zwei komplett voneinander getrennte Einrichtungen mit unterschiedlichem Personal?

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Die Jungs im Billiardraum begrüßen mich freundlich. „Es gab früher mal viele Einrichtungen vom Bezirk, richtich coole Einrichtungen. Die wurden alle übertragen und die sind nun alle den Bach runter. Wahnsinn!“ erklärt Stefan, der hier auch noch arbeitet.

Vor gut 15 Jahren hing ich total gerne so ab. So wie mit den beiden Jungs die gerade mehr streiten, als Billiard zu spielen und mit Stefan. Und mit Sinan, der in einer wunderschönen Schrift die Billiard-Regeln aufgeschrieben hat, damit es nicht mehr so viel Streit beim Spielen gibt. „Ick hatte keen Bock mehr, die immer tausend Mal zu erklären. Also hamwer die aufjeschrieben“, sagt Stefan. Hier sind Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund. Es gibt einen Billiardtisch, Tischtennisplatte, Kicker – alles Klassiker, haben wir auch gespielt. Und gepokert haben wir. Mit den Russlanddeutschen Pokern. Na gut. Das haben sie nur einmal mit mir gemacht, ich glaube sie dachten, Mädchen würden nur verlieren. Hab ich aber nicht. Dann haben sie nicht mehr mit mir gespielt.

Andys Vater ist freiberuflicher Journalist. Andy ist 18 und etwas beleidigt, als ich ihn auf 14 schätze. „Mein Vater saß immer zuhause am Rechner und ich konnte nie zocken, alter!“ murrt er. „Nicht ein Mal! Weil der immer am Arbeiten war!“ Wie beiläufig erzählt er: „Gestern hab ich 120 Euro verloren.“ Wie? Alle fragen nach. Ich auch. „Was? Wie? Warum hast du 120 Euro verloren?“ Ein Spiel habe er, ein Computerspiel. Da könne man auf verschiedene Teams wetten, die man irgendwie mit Gold und anderem Krempel ausstatten könne und er hätte eben gewettet und 120 Euro verloren. Kapieren ich immer noch nicht. „Ich hab mir das Spiel für acht Euro gekauft und bisher 2000 Euro reingesteckt, ey!“ Ist der etwa stolz darauf? Er wirkt gleichgültig. „Ey, du musst die *da* rein machen!“ – „Nee scheiße, ich muss die hier rein machen!“ trotz der schön aufgeschriebenen Regeln gibt es wieder Streit. Andy macht grad eine Ausbildung. Fachkraft im Gastgewerbe will er werden. “Machst du dann deine eigene Kneipe auf?“ frage ich. „Nee. Ich mach was mit Youtube. Dann irgendwie. Also. Computer. Codieren. Programme. Schneiden. Videos bearbeiten. Editieren. Introducing machen …“

Sinan sieht aus wie ein Elf. Finden die anderen. Fehlten nur noch die Spitzen Ohren. Er ist wirklich ein sehr hübscher Junge. Er sitzt die ganze Zeit ruhig daneben und lauscht. Zwischen den Großen geht es hin und her. „Wer baut der haut!“ ruft Andy und vollführt einen Königsstoß. Kannte ich noch nicht, steht aber ganz unten bei den Regeln.

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Es gibt einen Musikraum, der zwei Mal pro Woche pädagogisch betreut wird und ansonsten dazu da ist, dass die Kids sich austoben. Was sie auch gerade tun. „Der einzige in janz Berlin, kannste sagen“, behauptet Stefan. Er ist stolz auf seinen Laden. „Jugendliche aus janz anderen Bezirken kommen extra den janzen Weg hierher. Dis is schon krass. Da waren sogar mal welche aus Spandau! Und wir hatten echt mal eenen aus Brandenburg, der kam mit seinen Kumpels immer hier her. Weil se sich hier wohljefühlt ham. Hier konnten se Billard spielen und so.“ Willkommen sind alle. Egal woher. Im Fachjargon werden viele von ihnen „Brennpunktjugendliche“ genannt. Aber Stefan und seine Chefin nehmen das mehr als locker.

„Die Brennpunktjugendlichen machen mir keene Angst,“ befindet sie. „Mir machen eher die Leute Angst, die über solche Jugendhilfeeinrichtungen befinden. Die machen mir Angst. Die das einfach, sagen wir mal *verhökern*. Hier steckt ja sehr viel Beziehungsarbeit drin. Das darf man ja nicht vergessen.“

„Et jibt Bereiche, da sollte sich die öffentliche Hand nich rausziehen.“ Tut sie aber. In die Zukunft blickend: Was passiert wohl, wenn Jugendlichen keine Orte mehr haben, an denen sie sich treffen können? Wo Freunde abhängen und Leute zum Reden. „Ist kein Wunder, wenn die anfällig für Salafisten sind.“

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„Während die sich da oben um die Mädchen kümmern, die angeblich durch das Kopftuch so schlimm unterdrückt werden, kümmert sich keiner um die Jungs, die eigentlich dafür verantwortlich sind.“ Oder eben einmal sein werden. „Naja. So sieht’s aus. Ansonsten – wie jesacht: Offene Einrichtung…“

„Spätestens, wenn der freie Träger kommt, wird bestimmt als erstes der Musikraum dicht gemacht.“ Im Haus seien alle von dem „Lärm“ genervt. „Dann werden die sich alle jut arrangieren. Dann wird es irgendwann höchstwahrscheinlich hier unten genauso ruhig sein, wie immer da oben.“ Sie zeigt nach oben und meint das Mädchentreff.

Stefan weiß, warum es da so ruhig ist.„Jeht ja keener hoch. Die sind ja alle hier.“ – „Die interessieren sich für die Jugendlichen halt einfach null!“ erklärt Andy. „Towanda. Pffft“. In den acht Jahren, die es den Mädchentreff gebe, seien insgesamt vielleicht 50 Mädchen dort oben gewesen, sagt Stefan. Eine magere Quote. Die machten den Jugendlichen aber auch kein Angebot. „Die Mädchen kommen gern runter. Hier hamse Spaß. Und die wollen ja auch was mit den Jungs machen.“

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1 Lesermeinung

  1. Übrigens ganz in der Nähe:
    Die Siedlung Schillerpark von Bruno Taut. Vielleicht das am leichtesten zu übersehende Stück UNESCO-Weltkulturerbe in Deutschland.

    Und weil wir gerade bei so fragwürdigen Superlativen sind: Spontan fällt mir kein Bahnhof in Berlin ein, dessen Umfeld sich so sehr von den Bildern unterscheidet, die sein Name evoziert, wie „Rehberge“.

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