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Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Treptower Park

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„Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung“, haben die Erwachsenen früher immer gesagt, wenn sie wollten, dass man seinen Hintern rausbewegte. Bald hing einem der Spruch zum Hals raus, man fühlte sich schlicht verarscht, weil man eben doch fror und doch nasse Füße bekam und außerdem sah alles bei schlechtem Wetter irgendwie Scheiße aus.

Irgendwann machte ich den Fehler, mir einen Hund zu wünschen. Den ich zu meiner Überraschung sogar bekam. Und nun musste ich wirklich bei jedem Wetter raus. Zwanzig Jahre später habe ich einen neuen Hund, der mich bei jedem Wetter raustreibt: Er heißt Berlin ABC und hier kommen die Eindrücke, die ich bei wirklich schlechtem Wetter aus dem Treptower Park mitgebracht habe.

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Die Haltestelle Treptower Park liegt an der Ringbahnlinie zwischen Ostkreuz und Sonnenallee, beziehungsweise an der Linie S8 zwischen Ostkreuz und Plänterwald. Das ist ein klein wenig gefährlich, weil man nämlich gerne mal in die falsche Bahn steigt. Die Haltestelle ist nach dem gleichnamigen ziemlich großen Park benannt. Er ist an sonnigeren Tagen ein sehr beliebtes Ausflugsziel, denn man kann hier chillig an der Hafenpromenade entlangflanieren und sich in einem der zahllosen Büdchen Quarkbällchen, Thai-Fast-Food oder einfach Bier auf die Hand mitnehmen. An sonnigen Tagen. Ich bin an einem verregneten Mittwoch da und alle Büdchen sind zu.

Ab Osterfreitag könnte man wieder das Badeschiff mit Sauna auf der anderen Seite der S-Bahn nutzen. Ein auf der Spree schwimmendes Wasserbecken. Tom Tykwer hat hier für seinen Film „Drei“ eine erotische Szene gedreht. Trotzdem war ich hier noch nie baden, da es immer schlimm überfüllt war, wenn ich einmal auf die Idee gekommen war. Es ist nämlich einer dieser Orte, an denen die besonders hippen meinen ihre Runden drehen zu müssen.

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Auf der anderen Seite der Schienen sind weniger Hippen unterwegs. Hier sind die Familien, die Ü40 und die betagteren Touristen.

Letztere buchen sich gerne eine völlig überteuerte Schifffahrt auf der Spree, bei der sie sich von einer Tonbandstimme Berlin erklären lassen und doch nicht so richtig was sehen. Aber man ist auf dem Wasser, man kann den Leuten am Ufer und auf den Brücken zuwinken und bewegen muss man sich auch nicht. Bei einem meiner ersten Besuche in der Stadt habe ich so eine Fahrt mitgemacht. Damals war das Gelaber noch nicht vom Band (und manche Anbieter lassen bis heute echte Menschen reden). Dennoch denke ich bis heute, dass man mehr von Berlin zu sehen bekommt, wenn man sich am Alex in den 100er Bus oben rein setzt und einfach an den Haltestellen aussteigt, die einen interessieren. Nur das sogenannte Band des Bundes sieht man vom Wasser aus ganz schön.

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Ein älteres Pärchen spaziert im Regen durch den Park. Sie teilen sich einen Regenschirm und sind sich sehr nah. Sie haben keinen Hund und kein Berlin-Blog bei der FAZ. Aber sie haben sich und das finde ich schön.

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In Berlin kann man auch auf dem Wasser wohnen und im Hafen am Treptower Park liegt ein Hausboot an. Auf dem Wasser zu wohnen ist einer meiner alten Träume. Bei Dreharbeiten zu einem Kurzfilm über Schönheit lernte ich erst vor zwei Wochen eine Frau kennen, die seit 25 Jahren in Hamburg in Hausbooten lebt. Sie erzählte, dass man oft unterschätze, dass diese schwimmenden Wohnungen nicht nur von innen, sondern auch sehr arbeitsintensiv äußerlich instandgehalten werden müssten. Das klingt anstrengend, aber glücklich sieht sie dennoch aus und hätte das vermutlich auch nicht 25 Jahre lang gemacht, wenn es nicht großartig wäre, ein schaukelndes Zuhause zu haben.

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Ein schaukelndes Zuhause direkt neben der Wiese, die unter Garantie den deutschen Maulwurfshügel-Rekord hält – mit einem Hund der nicht Berlin ABC, sondern „Wutz“ heißt …

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Ich werde jäh aus meinen Träumen gerissen, als ich am Haus Zenner vorbeischlendere. Das Zenner ist ein Gasthaus mit Biergarten, das mit etwa 1500 Sitzplätzen eine der größten Gaststädten Berlins ist. Das Gebäude im Stil der Neorenaissance, das Hermann Henselmann dort 1955 hingestellt hat, wurde vom Klassenfeind okkupiert! Ein Burger King hat sich eingenistet. Unfassbar! Wie das aussieht! Schlimm. Henselmann muss sich im Grabe umdrehen!

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Meine letzte Station am Spreeufer, dann reicht es auch wirklich, ist die Insel der Jugend. Ein typisch ostdeutscher Name, finde ich. Ein Urberliner erklärte mir einmal, dass die älteren Leute sie immer als „Liebesinsel“ bezeichneten. Und das sei so gekommen: Früher stand hier ein Mädchenwohnheim (laut Wikipedia wurde es in den 50er-Jahren errichtet) und das machte die Insel natürlich super interessant. Heimliche Treffen, nächtliche Park-Spaziergänge im Mondenschein und Jungs, die an Schlingpflanzen das Mauerwerk hinaufkletterten, um nachts bei ihrer Liebsten zu sein … „Hier jiibts Jeschichten wie aus Romeo und Julia“, sagte der Urberliner träumerisch dreinblickend.

In den 90ern wurde hier erst mal ordentlich gefeiert. Da gab es noch keine Anwohner, die sich über Lärm beschwerten. Die wohnen nun seit 15 Jahren oder so im Entwicklungsgebiet Rummelsburger Bucht in ihren eckigen Neubauten am Wasser, haben Familien und Jobs die sie morgens früh aus dem Bett werfen und finden Techno-Bässe nicht so witzig. Da war dann halt nix mehr mit „morgens um sieben verschallert auf der Brücke sitzen“. Zumindest nicht mehr an jedem Wochenende. Hin und wieder wummern die Bässe noch. In den Nuller Jahren war ich auch einmal dabei, das Gebäude war eine einzige vibrierende Höhle und nachtaktive Gestalten huschten bis in die Morgenstunden herum und bewegten ihre Körper zur Musik. Hinterher fand man vermehrt benutzte Kondome im Gebüsch des Parks und die „Liebesinsel“ wurde ihrem alten Namen wieder gerecht.

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5 Lesermeinungen

  1. Liebesinsel
    Die Liebesinsel liegt auf der anderen Seite von Stralau, direkt neben einer ebenso kleinen Insel mit dem weniger schönen Namen „Kratzbruch“.

    https://www.google.com/maps/place/Liebesinsel,+10245+Berlin,+Deutschland

    • tatsächlich! aber ich bin mir ganz sicher, dass „Liebesinsel“ einer der vielen Namen war, die man der Insel der Jugend schon so gegeben hat. zumindest erzählte das der Urberliner so (und eine kurze Recherche zeigt, dass es auch in der Wikipedia steht, aber das muss nichts heißen, vielleicht hat der Schelm es ja persönlich da rein geschrieben)

  2. Erinnerung an die damaligen Verwalter der Jugend
    In den letzten Monaten der DDR hat unsere kleine Schweizer Band mal in diesem Haus der Jugend gespielt – und ich vergesse meiner Lebtag nie das Trio älterer Männer in farblosen Anzügen, Pullunder, Krawatte, Mäppchen, die plötzlich durch den Backstage-Bereich marschierten. Die Veranstalter selber waren jung, aber diese drei Herren sorgten wohl durch ihre blosse Anwesenheit dafür, dass die DDR-Jugendlichen die Regeln nicht vergessen. Es war gespenstisch. Das Konzert dann auch. Auf den Fotos sieht man deutlich, wie eingeschüchtert, furchtsam, unsicher die Jugendlichen sind.

  3. Das Wort "Osterfreitag"
    für dem Karfreitag kannte ich noch gar nicht. Ich finde, dass sich in ihm eindrucksvoll ein lässiges Hipstertum mit einer moderat-areligiösen DDR-Reminiszenz verbindet.

    Übrigens ganz in der Nähe: Das größte Ehrenmal für sowjetische Soldaten außerhalb der ehemaligen Sowjetunion.

    • Osterfreitag steht auf der Homepage der Arena und als Atheistin habe ich das gleich übernommen 😉

      das Ehrendenkmal ist auf der anderen Seite der Puschkinallee, richtig. Das war nun etwas zu weit weg von der Haltestelle.

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