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Wir fahren durch die Hauptstadt

Alt-Mariendorf (Endstation)

| 6 Lesermeinungen

Ich wohne an der U6. Die verkehrt in Nord-Süd-Richtung zwischen Alt-Tegel und Alt-Mariendorf.

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Seit ich hier wohne, bin ich schon mehrfach an die nördliche Endstation, nach Tegel, gefahren, denn dort war mein Hautarzt. Gute Hautärzte sind dermaßen schwierig zu finden, dass ich den weiten Weg – immerhin 30 Minuten reine Fahrzeit – gerne auf mich genommen habe. Mittlerweile habe ich eine Hautärztin um die Ecke und damit auch keinen Grund mehr, nach Alt-Tegel zu fahren. Außer dieses Blog vielleicht.

Am südlichen Ende der U6 war ich noch nie. Dabei ist es nur sechs Minuten Fahrzeit entfernt. Aber es liegt außerhalb des S-Bahn-Ringes und das ist, für innenstadtaffine Menschen wie mich, „außerhalb“ – wenn nicht Schlimmeres.

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Wenn man den U-Bahnhof verlässt gelangt man auf einen Platz, der so wenig einladend ist, dass er nicht einmal einen eigenen Namen hat. Hier kreuzen sich der Mariendorfer Damm und die Straße Alt-Mariendorf. Fiese Funktionsbauten stehen auf Flächen, die wie Brachen anmuten, obwohl sie bebaut sind, Ladenzeilen stehen leer, die Sparkasse hat ihre Filiale geschlossen und das Angenehmste, das mir spontan aufgefallen ist, ist der Eisladen, der wenigstens ein „Hennig“ ist. Trotzdem mutet die gesamte Umgebung nicht so an, als würde hier ein Stadtteil sterben. Eher im Gegenteil. Ich bin gespannt, wie es hier in fünf Jahren aussieht.

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Eis-Hennig ist eine legendäre Eisdielenkette aus den goldenen Zeiten West-Berlins (also von vor der Wende, wenn man Westberliner fragt), die auch heute noch sehr gutes Eis herstellt und vertreibt – allerdings eher Vanille und Schoko als Aloe-Kugelfisch und Durian-Salzbutter. Bei Hennig bestellt man keine Kugeln, sondern Becher in verschiedenen Größen, in die das Eis mit einem Spachtel bis zum Rand gefüllt wird. Außerdem stehen die Eismaschinen offen herum und man kann ein wenig beim Eismachen zusehen. Ich mag das. Es hat etwas Aufrichtiges. Die Geschichte der Eisfamilie Hennig lassen Sie sich bitte von jemand anderem kolportieren. Ich finde sie nicht uninteressant, weiß bloß nicht, ob ich öffentlich darüber reden darf.

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Den Blick fest auf das Eis gerichtet – die Umgebung ist wirklich nicht schön – schlendert es sich ein Stückchen weiter stadteinwärts, bis sich rechterhand plötzlich der Volkspark mit einem großen Teich (dem Blümelteich) öffnet, an dessen anderem Ende ein Gebäude silbrig-golden und geheimnisvoll glänzt, das sich bei genauerem Hinsehen als die Rückseite des Volksparkstadions entpuppt. Das ist zwar irgendwie enttäuschend, sieht je nach Sonnenstand aber wirklich spektakulär aus, hat mich zum ersten Mal daran zweifeln lassen, dass es hier ausschließlich schlimm ist (bis auf den Eisladen) und mich dazu bewegt, nochmal voller Wohlwollen in die andere Richtung zu gehen.

Gerade als ich Ecke Alt-Mariendorf die Dorfkirche fotografieren will, spricht mich eine kleine, alte, fröhliche Dame an, die einen Rechen in der Hand hält, und weist mich darauf hin, dass ein Stück weiter ein denkmalgeschütztes Gebäude sei, das sich möglicherweise zu fotografieren lohne. Früher hätte dort so ein alter Zausel gewohnt, den sie nicht wirklich hat leiden können, weshalb sie auch gerne selbst in dem Haus gewohnt hätte, aber der sei längst verstorben und jetzt wohne dort eine Familie, die sich zur Aufgabe gemacht hätte, das Gebäude komplett zu sanieren, jedoch erst von innen und dann von außen und das dauere sicher ein halbes Jahrzehnt. Außerdem müssten Räume „bewohnt werden, sonst verkommen sie! Und wenn sie nur drei Katzen durchjagen und jemanden, der die Katzen füttert, dann reicht das schon.“ Möglicherweise ist das der Grund dafür, dass die Hausbesitzer Teile des Gebäudes als Ferienwohnungen vermieten.

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Das Heimatmuseum nebenan hatte leider geschlossen. Ich habe den Verdacht, dass es zum Wesen eines Heimatmuseums gehört, geschlossen zu sein. Alle Heimatmuseen, die ich bisher gesehen habe, hatten geschlossen. In seinem Vorgarten steht ein Schild, das geführte Dorfspaziergänge anpreist und ich gewinne den angenhmen Eindruck, mich wenigstens noch teilweise in einer Art Dorfgemeinschaft zu befinden, denn wie ich mit der Dame so plaudernd auf der Straße herumstehe, die damals, als sie vor 30 Jahren hergezogen sei, noch Kopfsteinpflaster gehabt habe und hübsch aussah, jetzt aber asphaltiert und stark befahren sei, besonders von LKW, die alle die Maut nicht zahlen wollten, werden wir immer wieder freundlich von Passanten jeden Alters gegrüßt. Eine andere Dame bleibt sogar stehen, um sich kurz an unserem Gespräch zu beteiligen und sich darüber zu beklagen, dass hier kürzlich eine traditionelle Gaststätte schließen musste, weil der Betreiber krank geworden sei. Es gäbe aber noch Hoffnung, sagt die Rechendame, denn schließlich sei der Laden erst seit kurzem zu, die Einrichtung noch komplett und intakt, es habe noch niemand, wie in dem anderen geschlossenen Restaurant ein paar Meter weiter, einen Puff eröffnet und nicht mal so viel Anstand besessen, das alte Schild wegzumachen, und außerdem sei die Gaststätte eine sehr beliebte gewesen mit einer ordentlichen Küche zu ordentlichen Preisen und da müsse sich ja wohl jemand finden lassen, der den Betrieb auf gleichem Niveau weiterführe.

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Falls Sie also schon immer mal eine Gaststätte am Berliner Stadtrand betreiben wollten: Wiedereröffnen Sie einfach das Landhaus Alt-Mariendorf! Sollten Sie dort anstelle eines Bordells den alten Wirtshausbetrieb weiterführen, würden Sie eine alte Dame noch fröhlicher machen, die ursprünglich aus Kreuzberg kommt, vom Südstern, wo es auch einen U-Bahnhof gibt, so dass ich jetzt schon eine kleine Geschichte von einer alten Dame und „Haumichblau für’n Sechser“ zu erzählen hätte, obwohl ich noch gar nicht dorthin gefahren bin, was auch irgendwie gelogen ist, denn ich habe selbst einige Jahre am Südstern gewohnt. Das allerdings ist eine andere Geschichte. Die vom Südstern nämlich. Möglicherweise.

Und so einen Rechen sieht man heutzutage wirklich nur noch selten, seit alle Welt diese schrecklichen Laubbläser benutzt.

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6 Lesermeinungen

  1. schön
    ein wirklich schöner Text, der mal wieder Lust auf „einfach mal durch die Gegend schlendern“ macht. Ich bin Wochenende in Berlin; vielleicht schau ich da mal vorbei …

  2. Oh!
    Ach, das Landhaus Alt-Mariendorf hat dicht gemacht? War eine nette Kneipe. Und die Gegend ist schon recht zentral. Nur der Rest Berlins ist halt etwas ab vom Schuss.

    • Anscheinend aber wirklich erst vor wenigen Wochen oder Monaten.

      Ich finde ja die alten Häuser, die da so rumstehen, reichlich hübsch 🙂

  3. Hennig
    Den guten Eis-Hennig gab’s schon zu meiner Kindheit. Damals -vor 50 bis 60 Jahren!) – sind wir extra mit der U-Bahn gefahren (kostete ja nur 10 Pfennig für Kinder, 20 für Große), um bei Hennig (z.B: am S-und U-Bahnhof Tempelhof) ein Eis zu kaufen.

  4. Titel eingeben
    Ja, gluecklicherweise gibt es den noch 🙂
    Ist ja sonst nicht auszuhalten, wenn man mal dummerweise im Wenckebach rumliegen muss…

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