Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Ahrensfelde (Endstation)

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„Wohin fahren wir? Nach Arendelle?!?“

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Die aufflammende Begeisterung lässt die Augen meiner Tochter leuchten, als sie kurz denkt, dass wir mit der S7 in das Königreich ihrer großen Ikone, der Eiskönigin Elsa, fahren.
„Wir fahren nach Ahrensfelde“, entgegne ich trocken.
Ahrensfelde ist die Endstation der S7 im Osten Berlins.
Ja wirklich, hier ist das Ende:

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Das Ende der Zivilisation? Nein – wir befinden uns immer noch in der Metropolregion Berlin/Brandenburg. Wir sind sogar noch in Marzahn, was mich etwas verwirrt, da ich dachte, Ahrensfelde sei ein kleiner Ort in Brandenburg und das stimmt auch irgendwie: Ahrensfelde ist eine Gemeinde im Kreis Barnim, direkt an der Außengrenze von Berlin. Der S-Bahnhof allerdings gehört zu Marzahn. Sehr lange fährt man vom Ostkreuz aus nicht, eine Viertelstunde vielleicht.

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Die Gegend um den S-Bahnhof ist ostig und grau. Ein Grau, das von Grell durchbrochen wird. Grell ist keine Farbe, werden Sie sagen. Man kann mit dem Ausdruck aber sehr schön all jene Akzente zusammenfassen, die auf den üblichen Cocktailbar-, Spielkasino-, Dönerbuden- und Solarium-Leuchtschildern zu finden sind. Grelles Gelb, grelles Rot, grelles Blau… Dieses Grell steht für Trinken, Zocken und Grillfleischverzehr. Vom Drehspieß. Hier, in der Plattenbau-Siedlung neben dem S-Bahnhof, stehen diese Angebote deutlich im Vordergrund. Drängen sich in das Auge und werden von hauptsächlich männlichem Publikum frequentiert.

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Unschön. Ich habe keine Lust, den Sonntagsausflug mit den Kindern in einem dieser Läden zu verbringen. Aus dem einen Laden kommt gerade ein Mann in Trainingshose, in der Hand ein Glas Bier, das er in den nächsten Laden trägt, was mir komisch vorkommt und mich vermuten lässt, dass vielleicht alles demselben Besitzer gehört, wie in so nem Freizeitpark für Arbeitslose. Aber es gibt zwei weitere Etablissements, die aus der Reihe fallen: Ein russisch-deutsches Theater und eine russische Sauna. Und das gucken wir uns genauer an.

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Im russisch-deutschen Theater „Anton Tschechow“ wird es sogar eine Vorstellung geben, allerdings sind wir zwei Stunden zu früh und wollen nicht in der Cocktailbar warten bis es losgeht. Das Ensemble macht sich gerade hinter den Kulissen fertig und die Kulissen selbst werden auch erst fertig gemacht, eine Frau mittleren Alters räumt Tische und Sessel hin und her. Da steht ein kleines Mädchen, es ist nach eigener Auskunft neun Jahre alt und es erzählt gern, was es mit dem Theater auf sich hat. Heute würde nichts für Kinder aufgeführt (heute gibt es „Das Ei ist hart : Ein Loriot-Nachmittag“, eine Inszenierung in deutscher und russischer Sprache von der Regisseurin Natalija Sudnikovic) aber montags, mittwochs und donnerstags könnten Kinder im Kinderstudio „Sonnenschein“ mitmachen. Und Dienstags gibt es eine Märchenwerkstatt. Das Mädchen ist Teil der Märchenwerkstatt seit sie fünf ist, also schon vier Jahre lang und sie würde sich freuen, wenn wir auch einmal vorbeischauten. Ob es auch okay sei, wenn wir kein russisch könnten, frage ich. Eigentlich sei alles immer deutsch und russisch, antwortet sie und nun weiß ich auch nicht so recht, ob das heißt, dass wir mitmachen könnten. Noch weniger aber weiß ich, wie ich auf die Idee komme, wir würden hier mitmachen. Wir sind ja nur zum gucken und dumme Fragen stellen hier.

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Auf dem Weg rund um die Platten finden wir einen Spielplatz. Die Kinder wollen losstürmen, aber da steht ein Pärchen mit großem schwarzen Hund, einer von der Sorte, die so lieb sind, dass sie natürlich keine Leine brauchen, niemals. Er und seine Artgenossen haben sich vielfach auf dem Spielplatz entlastet, es wimmelt nur so von Haufen, selbst im Sand ist einer hingekackt worden. Als Friedrichshainerin ist man ja einiges gewohnt, aber mir verschlägt es ein bisschen die Sprache, denn es scheint keinen kackfreien Quadratmeter auf diesem Spielplatz zu geben, weswegen ich die Kinder wieder davonjagen will. Unnötig. Mein Sohn wendet sich an mich, noch bevor ich den Mund aufmache und fragt: „Können wir hier weg, ich will hier nicht bleiben.“

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So ziehen wir weiter um den Block. Und was ist das? „Sauna“ und „Teremok“ steht auf den Schildern. Mal reinschauen.

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Drinnen laufen halbnackte Männer rum! Um die Hüften Handtücher, manche mit Wodka-Glas in der Hand. Es riecht ganz angenehm frisch nach Natur, ein bisschen warm ist es, aber das ist eben so in einer Sauna. Ein Herr mit Schnauzer kommt auf mich zu und ich beeile mich zu sagen, dass ich nur mal gucken wollte. Die Kinder schaut er gar nicht an. An der Wand hängen zusammengebundene, getrocknete Birkenzweige. Ich lerne, dass man sich mit denen beim Saunieren auf den Rücken haut. Und heißer ist es hier, sagt der Mann! Nur die Harten komm‘ in Garten. Deswegen haut man sich auch die Birkenzweige auf den Rücken, weil das kühlen soll. Denn die Zweige taucht man vorher in kühles Wasser und dieses Wasser ist es auch, was hier so angenehm in der Luft liegt und macht, dass alles nach Natur riecht. Wir haben natürlich weder Handtücher noch irgendwas dabei, können also nicht gerade loslegen mit saunieren. So gerne wir würden. Denn wir frieren etwas und es riecht doch so gut! Aber heute und hier wäre das ohnehin nicht möglich gewesen: Männertag! Die russische Banja wird nach Geschlechtern getrennt betreten, es gibt Tage für Frauen und Tage für Männer und deswegen laufen hier auch nur Kerle mit Handtüchern rum. „Kommen Sie doch Mittwoch wieder!“ ermuntert mich der Schnauzer. Würde ich ja machen, aber Mittwoch diskutiere ich über die Quote.

Zuhause setzt mein Sohn sich hin und schreibt auf, was er an diesem Tag alles erlebt hat. Seine Zusammenfassung lautet:

Ich war heute in Ahrensfelde. Da gibt es ein Theater wo Kinder mitmachen können und einen Spielplatz mit viel Hundekacke und eine russische Sauna. Mir hat es eigentlich sehr gut gefallen, weil die Leute so nett waren. Es war die Endstation. Es gab eine Spielhalle.“

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13 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    Ich finde es schön, dass mir die Worte „ostig“ und „grell“ auch ohne die Bilder etwas gesagt hätten. Gerade „ostig“…

    Was ich mich jetzt frage: ist das nur aus meinen Augen so bizarr, oder kommt man da als Berliner einfacher drauf klar, dass dieser Ort so schräg zu sein scheint.

    • auch für mich ist es gewöhnungsbedürftig. aber ich kenne solche Gegenden schon ein wenig etwa aus Dessau oder Magdeburg…

  2. Das Endgültige
    eines Endhaltestellenprellbocks hat mich als Kind ebenso beeindruckt, wie vermutlich Ihren Sohn. Ich wohnte in einem Dorf, das mit einer Vorortbahn an die nächste Großstadt angebunden war. Fuhr man in die entgegengesetzte Richtung, kam man nach 5 km in eine Kleinstadt, wo die Vorortbahn an Prellböcken endete, die in meiner Erinnerung noch sehr viel wuchtiger als die von Ihnen fotografierten waren. Ich hatte damals noch eine eindimensionale Vorstellung von einem Eisenbahnnetz und dachte, dass die Kleinstadt in meiner Nähe eine der beiden Endhaltestellen unseres Kontinents sei. Ich fragte mich und meine Eltern, wo sich denn das andere Ende der Eisenbahn befinde. Jetzt weiß ich es: in Ahrensfelde.
    PS: Nach meiner Erfahrung haben können auch schon Kinder im Vorschulalter der Komik Loriots viel abgewinnen.

    • hätten wir nicht zwei Stunden warten müssen, hätte ich das auch gemacht. Aber was will man zwei Stunden in Ahrensfelde tun? außerdem hätten wir dann eine Verabredung versetzt. ein andernmal 🙂
      die Diskussion über die Quote fand übrigens in Potsdam statt, wo ich mit der S7 hingefahren bin – ans andere Ende. hier waren allerdings leider keine Endhaltestellenprellböcke. und auch keine Zeit, ein Stationsporträt einzufangen.

  3. Zivilisatorischer Notbetrieb
    Ich lerne: Wo Berlin in Sibirien übergeht, wird Loriot von halbnackten Männern im russischen Original aufgeführt. Oder so ähnlich. Märchenwelt Bärstadt.

  4. Zufall
    Toll !
    Ich fuhr heute in der S-Bahn ab Wannsee in Richtung „Ahrensfelde“ und sagte meine Gattin vorhin noch: Seltsam, da war ich (als Uraltberliner) noch nie. Und ich weiß nicht mal, wo das eigentlich ist.
    Nun weiß ich’s. Danke für den Bericht, auch an den (die) „Kleinen“. Es erspart mir eine Erfahrung, die ich irgendwie schon erahnte und nicht will.
    Russen sind nett. Natürlich! Meine Gattin ist aus St. Petersburg.

  5. Ein Missverständnis
    Sie besuchten eine blühende Landschaft Ostdeutschlands! Nur, Kreuzberg ist nicht minder mit Hundekacke zugeballert!

    • wie gesagt: Ich komme aus Friedrichshain, ich bin schon einiges gewohnt. aber das wurde hier wirklich noch übertroffen

  6. Sah schon schlimmer aus
    Es ist halt „noch“ bezahlbar er Plattenviertel.. Vor 20 Jahren sah das noch viel schlimmer aus, da war alles vollgezimmert mit grauen Blöcken, jetzt haben sie teilweise die Häuser runtergebaut bzw. Sind ganz weg,, es wurde viel gemacht da.
    Aber der Beitrag war sehr interessant und gut gut geschrieben..

  7. Wie da wohl
    die Frauen sind – auch voller Liebe?

  8. In anderen Ländern
    Wer einmal in Indiens Großstädten um Mitternacht auf ganzen Straßenzügen die Menschen in Reih und Glied auf einem Stück Pappe oder einem Fetzen hat schlafen sehen, Familien sich zusammenkuschelten und die Polizei mit Donnerrohren aus der Zeit der Elefantenjagd den Schlaf dieser Menschen bewachte, der spottet nicht mehr über sozialistische Plattenbauten!
    Die Scheußlichkeit des “Germanias“ in Montpellier sei nur am Rande erwähnt.
    Dass Sie Ihren Besuch abrupt beendet haben, nahm ich mit Erleichterung zur Kenntnis. Man weiß ja heute nie, ob jeden Augenblick eine Luftlandedivision mit russischen Urlaubern zum Schutz seiner Bürger einschwebt.
    Mit freundlichen Grüßen
    Bernard del Monaco

  9. End-zeitig
    Ihr Sohn hat Talent. Und es lohnt sich über seine Perspektive nachzudenken. Vor allem über die „Endstation“, der immerhin noch eine „Spielhalle“ folgt, und die somit nicht ganz so end-zeitig daherkommt, wie ich das als Erwachsener sogleich imaginiere; und wie Sie es vermutlich auch gemeint haben.

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