Berlin ABC

Berlin ABC

Wir fahren durch die Hauptstadt

Stilles Stinken

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Dieser Mensch hat Tatsachen geschaffen. Er kauert auf einem einzelnen Platz, ein kleiner Sitz in der S7 von Potsdam nach Ahrensfelde, wir steigen an der Haltestelle Griebnitzsee ein. Doch obwohl er sich wirklich nicht breit macht, ist alles um ihn herum leer. Niemand sitzt in Riechreichweite. Es geht einfach nicht. Die Menschen, die eingestiegen sind, haben sich einen ganz kurzen Moment über die freien Sitzplätze gefreut, die Augen waren schneller als die Nase. Dann gehen sie pekiert schauend weiter. Weiter weg, auch wir. An der nächsten Station wechseln wir in einen anderen Wagen, da selbst zwei Sitzabschnitte weiter die Luft so voll Gestank ist, dass man sich nicht traut, bis in den Bauch zu atmen. Und ich atme nach der Arbeit gern bis in den Bauch.

Ein Mensch und so viel Gestank! Viele Menschen und so viel Hilflosigkeit drum herum. Und Ignoranz. Alle sind angewidert. Aber was soll man schon machen? Menschen wie dieser sind Teil der berliner S-Bahn-Realität geworden. Sie sind Teil der berliner Realität und manchmal setzt sich diese arme, ungeduschte, dreckige Realität in die S-Bahn, wo es warm ist und wo die Menschen anzutreffen sind, die pendeln und ein Leben führen, das man „normal“ nennt.

Die Bahn ist schon recht voll. Die freien Sitzplätze könnten gebraucht werden. Eine Schwangere bekommt einen Platz von einem jungen Studenten angeboten, der nun auch nicht weiß, wohin mit sich. Gerade hatte er noch gelesen. Neben ihm steht einer, der sauer ist. Bestimmt denkt er, dass er jawohl nicht dafür bezahlt hat – dass er auf gar keinen Fall dafür bezahlt hat – dass so ein Penner daherkommt und alle Plätze eines ganzen Sitzabschnittes für sich in Anspruch nimmt. Und es stinkt ihm und er will jemanden finden, der Schuld daran ist. Angestrengt denkt er darüber nach, wer daran Schuld ist. Es muss ja immer jemand Schuld sein. Vielleicht wird er sich bei der S-Bahn Berlin beschweren. Müssten die nicht eigentlich dafür sorgen, dass solche Typen sich nicht in ihren Zügen aufhalten? Jemand muss doch verantwortlich sein! Aber wer? Wo sind Leute von der „DB Sicherheit“, wenn man sie einmal braucht? Immer stehen sie nur gelangweilt in den Bahnen rum und gestern schaute einer dabei die ganze Zeit auf sein Smartphone.

Vielleicht ist das auch eine Art Sitzblockade. Ein stiller Protest.

Kann ja sein. Auf den Gedanken brachte mich ein Mann, der vor zwei Wochen in der S7 Richtung Potsdam mitfuhr. Ich hatte meinen Wagen verlassen, in dem ein Mensch so sehr stank, dass es unerträglich war und im nächsten saß: der Nächste. Aber dieser war anders. Er schlief nicht, er versteckte sich nicht. Er fuhr mit einer ganzen Menge Tüten und Krempel mit und machte es sich richtig gemütlich und heimisch in der Bahn. Platz hatte er ja genug, also bereitete er sich eine Art Frühstück (Essensreste aus Mülleimern, so schien es, aber das war egal, seine Hände waren so schmutzig, dass er automatisch alles, was er anfasste, schmutzig machte). Er aß und irgendwann kam Musik aus seiner Richtung. Ein Radio! Er hatte wirklich ein kleines Antennenradio mitgebracht, das nun dudelte und er saß gemütlich da. Demonstrativ, so kam es mir vor, saß er da, als wäre all das völlig normal. Als sei er wirklich zuhause und vielleicht war er das ja auch, denn wo ist man schon zuhause, wenn man vielleicht zuletzt vor zehn oder 20 Jahren ein Zuhause hatte? Vielleicht ist das Wellness für Penner: Sich in S-Bahnen setzen, in denen es warm ist und einfach auch einmal frühstücken, Radio hören und dann so richtig den Rotz hochhusten. Denn das tat er dann auch. Ich hatte einmal einen Nachbarn, der hat jeden Morgen bei offenem Badfenster über seinem Waschbecken den Schleim und Rotz aus den tieferen Tiefen seiner Atemwege hochgehustet und hochgezogen, jeden Morgen. Husten. Würgen. Hochziehen. Rausrotzen. Ab ins Waschbecken damit. Bestimmt war es erleichternd für ihn. Aber es klang schlimm. Es gehörte zu seiner Normalität und seine Normalität drängte sich lautstark in meine, weil der Innenhof so hellhörig war, dass man nicht weghören konnte, dass man alles haarklein hörte. Wenn sich die Normalität der anderen in unseren Alltag drängt, ist das ja immer unangenehm und hier in der S-Bahn ist das natürlich keine Ausnahme. Der Penner hustete kräftig und was dabei hochkam spuckte er hörbar aus, es klatschte richtig auf den Boden.

Und wir saßen alle da und wussten auch nicht.

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16 Lesermeinungen

  1. Berlin
    Hätte den Blogpost doch nicht auf nüchternen Magen lesen sollen.
    Aber vor der Realität die Augen schließen hilft eben auch nicht.

  2. Mensch und Mitmensch
    An der Wahlurne, in der Kirche und vor unserem Schöpfer sind wir Menschen gleich. Im Alltag wünsche ich, daß diese Menschen sich möglichst unsichtbar machen. Ist Hilfe möglich?
    Wohl nichtmal in beschützenden WErkstätten oder sozialen Arbeitsplätzen.

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      ich werde mal bei der S-Bahn Berlin anfragen, was die raten. ich finde gerade diese Hilflosigkeit auch so hart. man lebt so nebeneinander her und das ist mir fast zu unmenschlich. wobei es natürlich einfach Überforderung ist.

  3. Der Duft der Anderen
    Aber nun kommt der Frühling. Und mit seinem Einzug werden sich wieder die atemberaubenden Duftkompositionen aus den Häusern Rossmann & Co. nicht nur in den Blechkästen des Nahverkehrs, von keinerlei Kleidung mehr gehindert, aufs Schönste entfalten. Es gibt da so Shampoos und Duschgels, für deren Nutzung es eigentlich Paragrafen gibt. Und man kann nicht jedes Mal flüchten. Wohin auch? Zumal ja noch diese Handytelefonierer, Ohrstöpselträger, Döneresser, Biertrinker, Hundeliebhaber,… unterwegs sind. Man freut sich ja schon, trifft man mal, selten genug, einen stillen Papierbuchleser.

    „…und wussten auch nicht.“ Wohl wahr! Und die intensive Lektüre von Hesses Kurgast hilft ja auch nicht wirklich weiter. Er hatte es mit einem einzigen Menschen zu tun, mit dem er sich schließlich im tiefen Einverständnis verbünden konnte.

  4. Der Mensch stinkt...wenn Freiheit nicht die Hygiene der Not wendenden Vernunft besitzt.
    Zum Glück? stinken Geld, Atommüll, Autos, Handys, Tier-Mord-Pelze, Plastik-Tüten, Billiglohnware, Ausbeutung von Geistarmut und Erde…
    die üblichen Wohlstand-Wachstumsüchte mit all ihren Zerstörungsgestänken, also unreifer Geist nicht? Doch…
    Stinkende, ver(nunft)faulende, geruchlose Geist-Bildungen bestimmen das Gegenwartgeschehen…
    und sind als Qualitätspiegel unserer
    humanen Vernunft-Gesellschaften-Bildungen?, als Freiheitqualität
    aller bestehenden Gesellschaftsformen, sowohl politisch als auch
    religiös, zu erleben.

    MfG
    W.H.

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      Ich bin mir sicher, Du wolltest etwas Intelligentes ausdrücken – also schreib es doch bitte nochmal. Und zwar so, dass andere damit auch was anfangen können..

    • Hallo Gast...Du gibst zu schnell auf.
      Manchmal ist es notwendig etwas hundert mal, tausend mal zu lesen, bevor man es wirklich begreift. Mir geht es nicht besser:=)

  5. Seit ich
    irgendwo gelesen habe, dass Gestank vielen Obdachlosen als Abwehrmechanismus nützt (gegen Diebe, Angreifer und ggf. Sicherheitspersonal), vergrößerte sich der Zwiespalt zwischen Ekel und Verständnis.

  6. Die große Belästigung
    Das große enge Miteinander – sei es im ÖPNV oder auch nur im Mehrfamilienhaus – ist immer voller Belästigungen: Sei es nun der Brechreiz erzeugende Geruch von Menschen, die längst aufgegeben sind oder die laut streitenden Nachbarn, deren gegenseitige Beschimpfungen man wirklich nicht hören möchte.
    Aus dem Weg gehen kann man dem letztendlich nur sehr begrenzt. Im Falle des ÖPNV durch zwei oder mehr Räder unter dem eigenen Körper in Form von Fahrrädern oder Autos. Aber auch dort wird man wieder von anderen belästigt und trägt selbst zur Belästigung anderer bei.

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      ein wenig Rücksicht und schon wäre alles erträglicher. aber in Berlin sind so viele Menschen, dass der einzelne offenbar anfängt, die anderen auszublenden und sie werden ihm egal. was soll’s auch? wenn man gleichgültig ist, dann braucht man meist keine Angst zu haben, dass derjenige, der da pekiert ist, einem nochmal begegnet.

      Es gibt auch sehr höfliche Menschen. eine Frau geht gelegentlich durch die S-Bahn, möchte eine Obdachlosenzeitschrift verkaufen und meistens kaufe ich ihr eine ab, denn sie ist sehr unaufdringlich und freundlich. es gibt eben solche uns solche. Und manche haben vermutlich schlichtweg überhaupt gar nichts mehr zu verlieren.

  7. Titel eingeben
    Als bewusster Nichtautofahrer in Berlin, vulgo: Bus und U-/S-Bahn, kenn‘ ich das natürlich. Ekel und Mitleid. Vielleicht ende ich auch mal so, wenn Miete und Krankenversicherung noch höher wird und das Gesparte weg ist…?
    Ich bevorzuge also Busse. Um es nicht zu sehen, um nicht erinnert zu werden.

  8. Ist mir mal in einem Fernzug passiert,
    noch so richtig mit Sechser-Abteilen, die eine eigene Tür haben. Ich sah, wie Fahrgäste extrem genervt und fluchtartig ein Abteil verließen, das vielleicht einen halben Wagen weit entfernt war. Dann hörte man den Schaffner. „Würden Sie sich bitte auf einen anderen Platz setzen?“ Dann wütende Proteste: „Nein! Warum?“ Der Schaffner: „Sie haben einen strengen Geruch. Er belästigt andere Fahrgäste. “ – „Nein, nein! Ich habe doch nichts gemacht!“ – „Sie können ja sitzen, ich bringe Sie nur auf einen anderen Platz.“ – „Nein, nein!“ – „Kommen Sie jetzt, Sie haben einen starken Geruch am Leib.“

    Ich war weit genug entfernt, nichts zu riechen, aber blöd war die Situation trotzdem.

    Das Wort Sitzabschnitt ist übrigens sehr schön fachbegrifflich.

  9. pikiert= von franz. piquer
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  10. arm und reich stinkt nicht gleich
    Das Problem ist nun aber, dass neben diesen armen Männern auch ganz andere Gesellschaftsschichten olfaktorisch auf die Nerven gehen können. Der Knabe, der neben einem sitzt und es etwas zu gut gemeint hat mit seinem „sportlichen“ Activity-Duschgel und -Deodorant. Sein weibliches Pendant gegenüber, in widerlichen penetrant-süßlichen Vanilleduft gehüllt. Die „gepflegte“ Mittvierzigerin mit irgendeinem stechenden Edelduft, von dem man 4m weiter noch Kopfschmerzen bekommt. Oder einfach jemand, der frühmorgens noch ordentlich geduscht hatte, danach aber schwitzend seinen Bahnverbindungen hinterherhetzte. All dies ist sicher nicht vergleichbar mit dem tw. Verwesungsgeruch von „viele Tage ohne Körperhygiene in der selben Kleidung“, oder schlimmerem. Man braucht jetzt aber auch nicht allzu etepetete sein in einer Gesellschaft, deren Leistungsträger-Fetisch und der Ablehnung von „Gleichmachererei“ (auch und gerade in punkto Wohnen/Badezimmer) eben auch solche Phänomene hervorbringt.

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