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Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Das Jungfernheide Rolltreppendebakel

| 28 Lesermeinungen

Wenn man mit dem Flugzeug nach Berlin kommt, auf dem Flughafen Tegel landet und mit dem öffentlichen Verkehr weiterfahren will, steigt man in einen Bus. Der ist gerne mal schmuddelig, denn die hiesigen Verkehrsbetriebe scheinen sich wenig um den Komfort ihrer Passagiere zu scheren, und das Personal bildet sich auch 2015 bisweilen noch ein, die Unfreundlichkeit der 80er Jahre sei irgendwie charmant.

Eine andere Möglichkeit als den Bus kenne ich nicht – höchstens halt ein, oft ebenso schmuddeliges, übelriechendes Taxi, gerne mit ortsunkundigen, unangemessen redseligen, während der Fahrt in fremden Zungen telefonierenden Fahrern (seltsamerweise waren bisher immer nur Männer so katastrophal, aber das kann auch an der Geschlechterverteilung im Berliner Kraftdroschkengewerbe liegen). Oder vielleicht noch Car2go, wenn man Glück und irgendein Depp ein solches Auto falsch abgestellt hat. Ich finde das einer Hauptstadt unangemessen und schäme mich dessen auch immer ein wenig.

jungfernheide_haupt

Mit dem Bus kann man dann zu einer U- oder S-Bahn-Station fahren und in ein etwas termintreueres, meistens noch schmuddeligeres Verkehrsmittel umsteigen, in dem man regelmäßig von aufdringlichen Bettlern oder Musikanten belästigt wird, die dermaßen schlecht sind, dass sie die Menschen zum Zuhören zwingen müssen (falls der gewählte Wagen überhaupt genießbar sein sollte), denn die hiesigen Verkehrsbetriebe scheinen sich wenig um dem Komfort ihrer Passagiere zu scheren.

Der nächstgelegene S-Bahnhof ist Jungfernheide. Hier besteigt man die Ringbahn. In acht von zehn Fällen, in denen ich auf dieser Strecke unterwegs bin, sehe ich frisch eingetroffene Touristen mit großem Gepäck ratlos vor der einzigen Rolltreppe stehen, die auf den Bahnsteig führt, denn diese Rolltreppe ist meistens außer Funktion. Je nach Art und Umfang des Gepäcks helfe ich dann tragen oder verweise auf den Aufzug (von dem man aber auch nie so genau sagen kann, ob er funktioniert).

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, warum die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland ihre Gäste auf derart räudige Weise begrüßen möchte und habe schon mehrfach – und bislang erfolglos –  versucht, Theorien zu entwickeln, die diese Peinlichkeit erklärbar machen, oder wenigstens nur mir und meiner selektiven Wahrnehmung die Schuld an dieser Misere geben. Denn immerhin: als ich das Foto zu diesem Beitrag gemacht habe, funktionierte die Rolltreppe einwandfrei. Aber da war ich auch auf der Abreise.

Na, warte!

[Update, 31.3.2015]

Als ich gestern zurück kam, hat die Rolltreppe schonwieder funktioniert. Das ist doch eine Frechheit!

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28 Lesermeinungen

  1. Berliner Gleichgueltigkeit
    Meine Theoriefindung zur Unfreundlichkeit im Berliner Nahverkehr ist ja, daß jeder im Öffentlichen Dienst Beschäftigte eine Strafgebühr zahlen muß, wenn er versehentlich mal freundlich ist – das schützt den Erhalt des Lokalkolorits.
    Berlin (nebenbei, ich liebe diese Stadt, trotzdem) ist mit der Chuzpe aufgewachsen, daß die Leute/Touris/Fremden (vulgo „Das Pack“) ja auch kommen, wenn sie nicht freundlich empfangen werden – also wozu der Aufwand.

    BTW: unter dem Flughafen Tegel liegt ein noch jungfräulicher U-Bahnhof (U5). Der ist nur nie ans Netz angeschlossen worden, weil in den Siebzigern noch der Traum der autogerechten Stadt geträumt wurde. Und wer sich ansieht, wie lange es schon dauert, um eine Straßenbahn von Nordbahnhof nach Hbf zu verlängern, der kann sich vorstellen, daß Flugzeuge aus der Mode sind, bis die U-Bahn jemals in Tegel ankommt.

    • Ich habe mal erzählt bekommen, dass die da nie ankäme, weil sie eigentlich im Rahmen des Baus eines zweiten Terminals gebaut werden sollte, das wiederum von den Grünen verhindert worden sein soll, als die mal drei Tage was zu sagen hatten. Aber das ist nur Hörensagen.

    • Wirklich U5?
      Lieber Dirk Moebius, wie ist das zu verstehen, dass der U-Bahnhof unter Tegel der U5 angehören sollte? Die ist ja derzeit noch die einzige rein Ostberliner U-Bahn-Linie.

    • @Tarifkenner
      Der 200-km-Plan des Westberliner Senats von 1977 sah jedenfalls diese Verlängerung der U5 vor – aus irgendwelchen Gründen ignorierte dieser Plan den Mauerbau als unwesentliche Störung…

      http://www.berliner-untergrundbahn.de/rs-pl77.htm

    • @Dirk Moebius
      Vielen Dank, sehr interessant. Da der 200-km-Plan ja schon von 1955 datiert, also älter als die Mauer ist und auch damals schon eine Fortführung der noch Linie E genannten Bahn nach Westen vorsah, ist es gar nicht so verwunderlich, dass nach 1961 das einfach fortgeschrieben wurde. Und die Geschichte hat den Planern ja auch Recht gegeben. Haben Sie auch einen Beleg für den jungfräulichen U-Bahnhof unter dem Flughafen Tegel? Bei Wikipedia habe ich nichts gefunden und die sind bei solchen Curiosa ja in der Regel sehr ausführlich.

  2. Erklärung, 2 Mal Immerhin und Schlimmeres
    Als Grund, warum der zentrumsnahe Flughafen Tegel nicht an die U-Bahn angebunden wurde, obwohl die U-Bahn (U6) geradezu an ihm vorbeiführt, habe ich aus verschiedenen Quellen, die ansonsten nicht zu Verschwörungstheorien neigen, gehört, dass dies der Lobbyarbeit der Berliner Taxifahrer zu verdanken sei. Immerhin: Wenn man mit dem Taxi das Tegeler Terminal A ansteuert oder verlässt, werden die dortigen ohnehin schon kurzen Wege auf eine für Hauptstädte weltrekordverdächtige Länge gekürzt.

    Und noch ein Immerhin. Immerhin verfügt der U+S-Bahnhof Jungfernheide auch noch über Fahrstühle, was für gepäckbeladene Reisende einen Rolltreppendefekt entschärft. Dagegen hat der andere große Übergangspunkt vom Schienen-ÖPNV zu Tegel-Zubringer-Bussen, nämlich der U-Bahnhof Kurt-Schumacher-Platz, KEINEN EINZIGEN Fahrstuhl, was ich im Zeitalter der Barrierefreiheit als echten Skandal empfinde.

    • Die kurzen Wege sind wirklich großartig. Das genaue Gegenteil von großartig ist die Art, wie ich schon mehrfach von Taxifahrern angepöbelt worden bin, weil ich mich bloß bis zur nächsten UBahn (U7 Jakob-Kaiser-Platz) fahren lassen wollte.

      Der Kutschi-Skandal ist mir noch gar nicht aufgefallen. Das geht wirklich nicht.

  3. Normales Bild
    Ich bin eineige Jahre täglich über Jungfernheide gefahren… 2013 gab es ein halbes Jahr folgendes Bild zu sehen: https://plus.google.com/u/0/+AndreasVoetz/posts/R8LgumWrBSn

    • Und das scheint mir auch nur ein Symptom für ein wesentlich größeres Problem zu sein. Und ich fürchte, wir finden es im Umstand, dass das AGH sich selbst praktisch handlungsunfähig hält.

  4. Hauptstadt
    Es war eben doch der größte Fehler nach der Wiedervereinigung, die Hauptstadt von Bonn nach Berlin zu verlegen.

    • Wär sonst trotzdem elend, aber weniger peinlich, ne? 😉

    • @Don Ferrando
      Wenn ich ein bisschen klugscheißen darf: Die Hauptstadt wurde nicht NACH der Wiedervereinigung nach Berlin verlegt. In Artikel 2 des Einigungsvertrags, also MIT der Wiedervereinigung, wurde festgelegt, dass Berlin die Hauptstadt Deutschlands ist.
      Was NACH der Wiedervereinigung von Bonn nach Berlin verlegt wurde, ist der Regierungssitz. Ob das Bonner Provisorium überhaupt je „Hauptstadt“ war, darüber kann man lange streiten.

    • Ich hab um die Ecke gewohnt. Man konnte es nicht so nennen. 😀

      (Hier dürfen übrigens alle klugscheißen, solange der Klugschiss mindestens eine der folgenden Bedingungen erfüllt: Entweder er huldigt mir oder er bringt das Thema weiter oder er ist guter Witz 😉 )

  5. Payne
    Eine Theorie von mir, was die Sauberkeit und Freundlichkeit der BVG und S-Bahn angeht, ist, das auch wie so oft in der Hauptstadt, die ja auch im Ostteil von Deutschland liegt grundsätzlich gespart wird, und zwar an allem. Wenn man wüsste was so eine Reiningungskraft bei BVG oder S-Bahn verdient, denn würde man vielleicht nicht so darüber denken. Dazu kommt, das Bus und Bahn meines Erachtens sauber zum Einsatz kommen aber im Laufe des Tages von Berlinern und! Touristen verdreckt wird. Der Busfahrer zum Beispiel muss Karten kontrollieren und Karten verkaufen und noch darauf achten das keiner hinten einsteigt. Und telefonierende Taxifahrer sind mit Sicherheit nicht die Regel.

    Und an dem Punkt wo immer mehr Leute in auch MEINE Stadt kommen und immer weniger bezahlt von denen, die sich hier eine goldene Nase verdienen, sind die Leute auch unfreundlich. Auf dem Land, vor allem im Westen Deutschlands ist alles immer geleckt und meist auch gut bezahlt, das könnt IHR hier vergessen !!!

    • Ich glaube, wenn BVG und SBahn ihre Hausordnungen mal ordentlich durchsetzen würden und entsprechende Kampagnen führen, würde der Siff mittelfristig merklich weniger werden. Ich wäre dann sogar bereit, die Preiserhöhungen freudig zu schlucken. Aber solange das Management drauf pfeift, wird es nur noch schlimmer.
      Gelegentlich erlebe ich beispielsweise Busfahrer, die Dönerfressern den Eintritt verwehren, aber die waren sehr seltene Ausnahmen. Ich wette, dass die Unternehen ihr Personal auch hier nicht unterstützen.

      Irgendwo gibt es das Zitat eines BVG-Managers, der (sinngenäß, ich bin unterwegs und kann grad schlecht suchen) meinte, der Siff sei halt Berliner Charme. So wird das nie was.

    • Gleiche Lebensbedingungen
      Tja, da kommt mal nach Bayern auf’s platte Land:
      Da fährt Freitag am späten Nachmittag der letzte Bus nach Hause,
      und raus kommt Ihr erst Montag früh wieder……

      ….und in der Woche dürft Ihr 2 Stunden auf den nächsten Bus warten, IM REGEN…..
      wenn Ihr einen verpasst….

      Aber Steuern für Euch dürfen wir kräftig zahlen für Euren Luxus: 30-minütige oder noch luxuriösere Takte des Nahverkehrs …..

      ….und in Regen, Schnee und Wind steht Ihr garantiert nicht bei Euren kurzen Wartezeiten……

    • Ürkwat is ja ümma.

    • @ Landsuse
      30-Minuten-Takt soll Luxus sein? Naja, vielleicht mitten in der Nacht. 😉
      Daran, ob dieser Luxus auf exorbitante öffentliche Zuschüsse zurückzuführen ist, hab ich so meine Zweifel. Der öffentliche Zuschuss für die Berliner Verkehrsgesellschaft ist von 416 Mio € im Jahr 2003 auf 267 Mio € im Jahr 2013 GESUNKEN. Inflationsbereinigt ist das ein Rückgang um fast die Hälfte. Ich vergleiche das mal mit den Zuwendungen an die Münchener Verkehrsgesellschaft. Einen Moment, ich gucke mal nach — Oh: „Die Veröffentlichung der Finanzierungsdaten wird seitens der Gesellschaft aus
      Wettbewerbsgründen nicht gewünscht.“ Das ist normalerweise kein Zeichen für einen besonders niedrigen Zuschuss.

    • Für mich wäre eine auf 30 Minuten getaktete Ringbahn Luxus. Dann wär’s hier ruhiger 😀

  6. Titel eingeben
    Also ich empfinde den ÖPNV in Berlin als sehr gut, genauso wie die Sauberkeit (thx BSR)! Im Vergleich zu vielen (Haupt-)Städten weltweit, ist dies schon Gemecker auf sehr hohem Niveau.
    Das Problem sind ja wohl die Bürger, die sich nicht an die Regeln halten und Dreck/Gestank/etc verursachen, da zu wenig Rücksicht genommen wird!

    Und zu den Taxen, die nutze ich schon gar nicht mehr. Oftmals zu aggressive Fahrweise, Sprachprobleme, Umwege, einfach keine Option mehr für mich 🙂

    • Ich bin häufiger in London und erlebe den öffentlichen Verkehr in der britischen Hauptstadt als das komplette Gegenteil des hiesigen. In Paris kam es mir auch besser vor – da habe ich aber nicht genug Zeit verbracht, um mir wirklich ein Urteil erlauben zu können. Ich habe den Verdacht, dass es an effizienten Zugangskontrollen liegt.

    • Es mag daran liegen,
      dass mir Schmutz nicht so schrecklich viel ausmacht, aber mir wäre das Erreichen des Londoner Reinlichkeitsniveau NICHT WERT, dass sich die Berliner ÖPNV-Preise den Londonern annähern.

    • Die Frage ist, ob die Tarife das müssten, wenn gleichzitiger weniger Vandalismus im laufenden Betrieb wäre.

    • Klar,
      wenn alle Vandalen plötzlich rechtstreu würden, wäre eine Menge Geld übrig. Dann könnte man die Frage stellen, was man damit macht:

      – mehr und besser sauber
      – Fahrpreise senken
      – Netz erweitern
      – Fuhrpark modernisieren etc.

      Auch so herum gerechnet wäre mir persönlich ein Mehr an Sauberkeit jedenfalls nicht das Wichtigste.

      (OT: Ich hätte noch was Erheiterndes zum Artikel Wurstnachtrag zu kommentieren, aber dort scheint die Kommentarfunktion deaktiviert. Könnten Sie das vielleicht noch einmal ändern?)

    • Hmm, nee, kann ich leider nicht. Das scheint irgendeine Automatik zu sein. Schmeiß einfach hier rein! 😀

  7. Wurstnachtragkommentarnachschlag
    In den Kommentaren zum Artikel „Wurstnachtrag (Ostkreuz)“ erwähnte GAST einen Ort namens „Pyhrn-Eisenwursten“. Googelt man diesen, erhält man zwei Nachweise: einmal die entsprechende Seite dieses Blogs (bald vermutlich: zwei) und einmal einen niederländischen Blog-Eintrag aus dem Jahr 2013, in dem jemand berichtet, in einem „Pyhrn-Eisenwursten“ benannten Airbus in die frühere jugoslawische Republik Makedonien geflogen zu sein.

    Dass ein Ort, nach dem immerhin ein Flugzeug benannt wurde, nur zwei Mal (bald: drei Mal) im Internet zu finden sei, erschien mir wenig plausibel. Des Rätsels Lösung: er heißt Pyhrn-EisenwurZen, was ja noch perfekter zwischen „Wurst-“ und „Mürz-“ liegt.

  8. ÖPNV
    Tatsächlich musste auch ich feststellen, dass die wie auch immer gearteten Belästigungen im Berliner ÖPNV in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Dass es nicht so ordentlich und gemütlich wie zu Hause ist, ist verständlich. Wenn es jedoch schon soweit ist, dass man (ich) sich nicht mehr traut hinzusetzen, aus Angst, mit einem nassen und stinkenden Hinterteil wieder aufzustehen, dann reichts wohl auch (Hab mich mal in der S-Bahn auf einen Platz gesetzt, der einem anderen Mitbürger wohl als Erleichterungsanstalt gedient haben muss.). Tschuldigung, musste ich jetzt mal loswerden…

    • Ich frage mich immer, ob es schlimmer geworden ist, oder ob es mir nur schlimmer vorkommt, weil ich älter werde.

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