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Wir fahren durch die Hauptstadt

Frankfurter-Allee-Rant

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Aus dem U-Bahnhof Frankfurter Allee kann man direkt in das Einkauszentrum „Ring Center“ eintreten, man muss nicht einmal unter der Erde hervorkriechen, der Eingang des Untergeschosses führt direkt in den U-Bahnhofs-Bereich unter der Erde. Von der S-Bahn-Haltstelle kann man ebenso fast nahtlos vom Bahnhofsausgang in den Ring Center-Eingang fallen. Wenn sich vor der laaaaangaaaaamen Drehtür nicht schon wieder eine Schlange gebildet hat, wie es manchmal der Fall ist. In meinen Augen sind diese Drehtüren das erste der drei Verbrechen, die in Einkaufszentren begangen werden. Das zweite Verbrechen ist die Temperatur: Das ganze Jahr über wird im Zentrum dermaßen geheizt, dass alle Verkäufer immer im T-Shirt herumlungern können. Man selbst kommt im Winter aber nicht selten dick verpackt hinein und schlimmer noch: An jeder Hand hängt vielleicht noch ein ebenso dick (oder dicker) verpacktes Kind. Pech gehabt! Eine kostenlose Garderobe, wie man es von einem Service-Orientierten Unternehmen erwarten würde, gibt es natürlich nicht. Um die Berge an Jacken, Mützen und Schals hat sich jede Kundin schön selbst zu kümmern. Jetzt ist Pragmatismus gefragt: Am besten holt man sich in einem der innenliegenden Läden einen Einkaufswagen, den man einfach die ganze Zeit mit sich führt und per Fahrstuhl von Stockwerk zu Stockwerk transportiert. Und wenn man das Einkaufszentrum verlässt, die Jacken draußen erst anziehen und die Wagen vor der Drehtür stehen lassen. Vielleicht würde DM als einziger Anbieter kostenloser Einkaufswagen dann ganz schnell eine Garderobe eröffnen. Oder die Drogeriekette wäre einmal der einzige Anbieter kostenloser Einkaufswagen gewesen.

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Das dritte Verbrechen ist natürlich Geschmackssache. Also mein Geschmack ist ein Ort, an dem ich „Spiele-Max“, „Douglas“ und „Dunkin‘ Donuts“ sowie alle anderen in jedem einzelnen Einkaufszentrum vertretene Kleider- und Drogeriekette vorfinde irgendwie nicht. Einen „Spiele-Max“ haben meine Kinder noch nie von innen gesehen. Aus Gründen! Denn ein übergroßer Teil der hier feilgebotenen Produkte ist richtig schlimmer Schrott. Schlimmer, überteuerter und vermutlich in 50 Prozent der Fälle verdummender Schrott! Oder verdummender Schrott, der zu Hörschäden führt, wie etwa die Hälfte des Sortiments der Marke „Fisher Price“. „Douglas“ ist ein Laden, den ich selbst wirklich noch nie betreten habe, da mich zum einen schon am Eingang die ihn ausfüllende Duftwolke nach Luft schnappen lässt und zum anderen in meiner Stadt nur all jene mit Douglas-Täschchen als Handtaschenersatz herumrennen, gegenüber denen mein Verlangen nach Distinktion sehr hoch ist. So sehr ich rein emanzipatorisch und auch pädagogisch gesehen den Satz „Das macht man nicht.“ verachte – mit Douglas-Täschchen rumlaufen, das macht man wirklich nicht.

Zu Dunkin‘ Donuts nur zwei Worte: Macht fett. Na gut, noch zwei Worte mehr: Schmeckt scheiße.

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Verlässt man das Ring Center und läuft etwas die Frankfurter Allee entlang, die auch als Feinstauballee bekannt dafür ist, eine der drei schlimmsten Feinstauborte Deutschlands zu sein, dann reiht sich ein RTL-2-Geschäft neben das andere. Das sind Geschäfte, deren Kundschaft so aussieht, wie die Leute, die an RTL-2-Reality-Shows teilnehmen. Als erstes kommt das Restaurant Reichardt’s, das sich damit rühmt „Moderne Deutsche Küche“ zu kochen und sonntags ist außerdem Schnitzeltag, da gibt es jedes Schnitzelgericht für 7,70 Euro.

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Daneben Berlins gröööößte Solarium-Kette. Ja. Hier können sie im 1-€-Takt braun werden bis die Ärztin kommt! Und wenn Sie dann aussehen wie 60, obwohl Sie erst 40 sind, und Ihre Haut ist so richtig schön ledrig und wirft Falten, dann gehen Sie am besten noch nach nebenan zum „Body Star“, hier bekommen Sie in riesigen Kanistern die Nahrung, die Ihren Körper wie aufgeblasen aussehen lässt. Normalerweise ist alles, was mich mit solchen Läden verbindet ebenfalls: Distinktion. Aber dieses Mal wollte ich es doch wissen. Unter dem Vorwand, aufgrund einer Krankheit viel Muskelsubstanz verloren zu haben (was nicht gelogen war) und diese schnell wieder aufbauen zu wollen, wandte ich mich gespielt vertrauensvoll an den netten Verkäufer (er war wirklich sehr nett). Der musterte mich von oben bis unten. Skeptischer Blick. „Naja“, sagte er und bemühte sich sichtlich um verschiedene Erklärungen, warum er nichts für mich hätte. Er hat nicht versucht, mir, die offensichtlich überhaupt nicht zum Kundenkreis eines solchen Ladens gehören kann, irgendeinen Scheiß anzudrehen. Er empfahl mir schlicht, nach dem Training sehr eiweißreich zu Essen (entsprechende Drinks gibt es auch bei DM nebenan, wo man sich ja ohnehin den Garderobenwagen holt) und abends keratinreich und kaseinrein zu essen, also viel Quark (oder so ähnlich, es kann sein, dass ich das jetzt auch nicht mehr so ganz zusammen bringe). Jedenfalls bedankte ich mich für die netten Tipps (wirklich nett! Hier wird man nicht übern Tisch gezogen!), war ob des Zustands seiner Haut auch ein bisschen erleichtert, nicht in die Verlegenheit gebracht worden zu sein, irgendetwas in Kanistern kaufen zu müssen und ging wieder.

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Die echten Kunden von Solarent und Body Star sind natürlich im Gegensatz zu mir nach dem Besuch gerüstet für das Jeton! Nein, Moment, wie heißt das jetzt? Ach „Levels“ ist der neue Name. Und jetzt gehört es zwei Türken, was ich angesichts der Geschichte des Clubs nur gerecht finde. Und ein Namenswechsel war sicher nicht die schlechteste Idee, oder wer will schon einen Laden, das als Neonazi-Treffpunkt stadtbekannt ist und wo Linke früher einmal fast totgetreten wurden? Also das ist eh so eine Sache an der Frankfurter Allee: Nachts würde ich als entweder eindeutig linke oder nicht-deutsche Person hier immer noch ein wenig aufpassen. Früher habe ich einmal in der Finowstraße gewohnt, eine Seitenstraße der Allee und wenn ich des Nachts mit der Ringbahn nach Hause wollte, bin ich stets am Ostkreuz ausgestiegen und einen längeren Weg gegangen, der sich aber um Längen sicherer anfühlte.

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(Ehrlich gesagt: Es gibt auch ein paar brauchbare Läden im Ring Center, aber darum geht es hier nicht. Außerdem hätte man auch in eine der Seitenstraßen der Frankfurter Allee einbiegen können und einen völlig anderen Bericht schreiben, denn jenseits dieser sechsspurigen Feinstaubhölle liegt Friedrichshains uriges Kiezleben mit netten Kneipen, Bars, Restaurants und Eisdielen. Wenn Sie also am Sonntag ein Schnitzel mögen und aus Versehen am Bahnhof Frankfurter Allee ausgestiegen sein sollten, dann gehen sie in die Jungstraße und kehren Sie im „Leander“ ein. Auch dort ist sonntags Schnitzeltag, sehr viel teurer ist es nicht (20 Cent mehr), aber ganz bestimmt gemütlicher und leckerer, vor allem an sonnigen Tagen, wenn man draußen sitzen kann.)

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11 Lesermeinungen

  1. Leander
    ist wirklich nett, auch im Winter ein kuschliger Laden – ich hoffe, das bleibt noch so, frißt sich doch von Norden her auch auf dieser Seite der Frankfurter die Gentrifizierungsraupe langsam durch…

  2. Schmidts
    Was das Leander betrifft: Mir ist der gute Ruf der Küche ein Rätsel. Wirklich gut gegessen habe ich dort noch nicht, das Schnitzel ist völlig geschmacksneutral. Das „Schmitt’s“ 100 Meter weiter bietet bessere Küche an, wird aber seltsamerweise schlechter besucht. Seit Jahren frage ich mich, wie das sein kann.

    • vielleicht ist es einfach die Atmo? Das Schmitt’s ist auch sehr lecker, das stimmt. Aber man kann dort nicht ganz so schön draußen sitzen, finde ich. Und die Atmosphäre in einem Laden bestimmt ja manchmal auch mit, wie sehr es einem schmeckt. nicht? das Kuchen-plus-Kaffee-Angebot im Schmitt’s ist ziemlich prima. und mit Kindern kann man dort auch gut sein, denn die haben selbst oft welche einfach dort rumspringen, was ich auch ziemlich symopathisch finde.

      Dennoch: Das Schnitzel, das ein Freund von mir im Leander hatte, fand er wirklich gut. Ich esse ja kein Fleisch in Restaurants, deswegen kann ich das nicht so ganz beurteilen. Aber ich aß bislang auch immer gut im Leander.

  3. Nazi´s an der Frankfurter?
    Also ich wohne jetzt seit 1,5 Jahren an der Frankfurter Allee (Jessnerstraße). Die einzigen Personen die mich dort belästigen sind Leute vom WWF oder die Zeugen Jehovas. Obwohl ich oft für einen Inder gehalten werde, wurde ich noch nie von Nazi´s oder ähnlichem Pack belästigt. Wo sind die Nazi´s an der Frankfurter? Im BK wo niemand hingeht?

  4. Hach, meine alte Heimat!
    Die FF Allee ist wirklich an der Ecke kein Hort der Gemütlichkeit, aber die Nebenstraßen reißen es heraus.

    an Alex: Dann hast Du bisher wohl Glück gehabt. Mir (als Biodeutschem) sind schon oft Rechte aufgefallen. Das Jessnereck war zumindest bis vor ein paar Jahren ein beliebter Treffpunkt. Den ganz schlimmen Ruf hat die Gegend aber aus der Zeit vor ca. zehn Jahren, als Ring- und S-Bahn zu unfreiwilligen Aufeinandertreffen von Linken und Rechten führten (letztere oft aus Marzahn und Lichtenberg), was in dem oben verlinkten Krankenhausaufenthalt und vielen weiteren Vorfällen endete. Der Legende nach galt es bei Rechten auch eine Zeit lang als Sport in F’hain auf Prügeltour zu gehen. Diese Zeiten sind wohl vorbei.

  5. Unvollständig?
    Als jemand der ebenfalls bis vor kurzem in der Finowstraße wohnte und gern ins Leander geht fühlt sich der Rant etwas unvollständig an ohne die regelmäßige „Mega-Riesenschlange“ vor der Post die manchmal gefühlte 100 Meter ist.

    • oh ja! das ist ziemlich schlimm dort. es gibt aber jetzt einen extra Paketschalter und gefühlt ist es dadurch etwas schneller.

      aber ich habe bald ohnehin eine Packstation. die hat berufskompatiblere Öffnungszeiten.

  6. Titel eingeben
    Wir wohnen im gleichen Kiez, und weder bin ich fett, noch dumm, noch gucke ich den ganzen Tag RTL2. Aber aus Ihrem Artikel spricht soviel Arroganz, dass es mir den Atem verschlägt. Um es mit Ihren Worten zu sagen: Da kommt bei mir ja ein echtes Bedürfnis nach Distinktion auf… Haben Sie mal überlegt, dass in den Billigläden auf der Frankfurter Allee viele Leute einkaufen, die wenig Geld haben? Und müssen Sie die kollektiv beleidigen?

    • keiner der von mir angesprochenen Läden ist ein Billigladen. im Gegenteil: Spiele Max, Douglas und Dunkin Donuts, das Solarium und der Anabolika-Supply – all das kann kann man sich doch im wahrsten Sinn des Wortes sparen.

      ich habe selbst kaum Geld und gehe nicht in Bio-Läden einkaufen, weil ich es mir nicht leisten kann, sondern oft zu Discoutern. das ist hier alles nicht der Punkt.

      mfg

  7. Die Geschichte von freundlichen Verkäufer
    ist wirklich rührend, zumal er Ihnen ja genau die richtige Empfehlung gegeben hat. Wenn Ihr Ratsuchen in dem Laden nicht gespielt gewesen wäre, hätten Sie ja eigentlich fragen müssen: „Wenn es sogar nach krankheitsbedingtem Muskelabbau so einfach ist, wieder zu Kräften zu kommen, warum kaufen dann kerngesunde Leute bei Ihnen diese Spezialmittel?“

    All dem Gemeckere über die Ruppigkeit der Berliner Servicekräfte möchte ich entgegenhalten: Nirgendwo sonst habe ich soviele Verkäufer erlebt, die den Kunden ehrlicher beraten als es ihrem Arbeitgeber vermutlich Recht ist.

    • ja. der war wirklich sehr nett und ehrlich. tatsächlich wäre das dann eine sehr interessante Frage gewesen: wozu?? 🙂

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