Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Voltastraße: Gebrochenes Herz

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Eigentlich will ich ein wenig vom Radio erzählen, denn an der Voltastraße (U8) gibt es davon gleich mehrere, die aus Gründen interessant sind, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Als ich aber die Brunnenstraße herunterlief, um ein wenig die Gegend zu erkunden, fiel mir ein, dass ich in den Osterferien 1988 schon einmal hier war.

Damals war ich zwei Wochen mit meinem Schulfreund Knut zu Besuch bei seiner Westberliner Verwandtschaft und wir wohnten im Wedding bei seinem Onkel, einem Knastschließer, der in Moabit gearbeitet und schauerliche Geschichten zu erzählen hatte. Jedenfalls klangen sie in den Ohren zweier 18-jähriger Provinzgymnasiasten schauerlich. Großstadt, Moloch, Verbrechen, huiuiui! Als ich elf Jahre später nach Berlin zog, hatte meine Mutter immer noch Angst, ich könnte unter die Räder kommen, so legendär war Berlins Ruf in Westdeutschland.

Abgesehen vom mit Abstand langsamsten Dönermann diesseits des Bosporus, erinnere ich mich nicht mehr an allzuviel, denn das dominierende Ereignis war, dass meine damalige Freundin mich am Telefon verlassen hatte, als wir gerade erst ein paar Tage in Berlin waren. Sie war meine erste Freundin und ich war so schrecklich verliebt, dass ich selbst einige Jahre und Frauen später noch immer einen Stich gespürt habe, wenn ich sie mal traf.

Zu der Wohnung, in der ich heulend saß, würde man heute über den Bahnhof Bernauer Straße fahren, aber der war damals noch nicht zugänglich. Sie lag in einem der oberen Stockwerke und theatralisch wie junge Leute gerne mal sind, erwog ich mehrfach und so ernsthaft es mir möglich war, mich aus dem Fenster auf die Brunnenstraße zu stürzen. Alle Trostversuche halfen nicht und ich brach den Urlaub ab.

Hin waren wir mit dem Zug gefahren und ich kann mich nicht daran erinnern, warum ich nicht auch zurück den Zug genommen, sondern eine Mitfahrzentrale angerufen hatte. Ich hatte Glück und bekam sofort Kontakt zu einem in Berlin lebenden Mann, der am nächsten Tag nach Köln fuhr und bereit war, mich mitzunehmen. Seinen Namen habe ich lange vergessen, erinnere mich aber noch sehr gut daran, wie er sein Auto beschrieben hatte, damit ich ihn am vereinbarten Treffpunkt auch finden würde:

„So’n blauer Opel. Tiefer gelegt, Alufelgen, Spoiler und so Sportspiegel“.

Es waren die 1980er Jahre. Wir erzählten uns Manta-Witze. Einerseits, weil sie witzig waren, andererseits aber auch zur Abgrenzung, denn mit solchen Leuten wollte man nichts zu tun haben. Schließlich hielten wir uns für Aufsteiger (Konnte ja niemand ahnen, dass uns wenige Jahre später der Neoliberalalalismus eines Besseren belehren würde) und der Abgrenzung entsprechend groß war dann auch meine Sorge, mit wem ich einen Tag im Auto verbringen müsste. Mein gebrochenes Herz aber war stärker.

Am vereinbarten Treffpunkt wartete dann auch der beschriebene Opel Ascona auf mich, aber der Fahrer wollte nicht ansatzweise zu jenem Klischeebild passen, auf das mein arrogantes Hirn mich stundenlang vorbereitet hatte. Er war nämlich ein Öko (so hießen die damals) mit Nickelbrille. Ich neige zum Plappern und erzählte ihm darum sofort von meinen Vorurteilen und meiner Erleichterung, einen normalen Menschen vorgefunden zu haben. Er sagte, dass er diesen Effekt kenne und er ihm auch nicht wirklich gefalle, aber er hätte sich diesen Wagen gekauft gehabt, weil er mal gehört gehabt hätte, die Frauen würden auf solcherlei Fahrzeuge stehen, was sich aber – zumindest in seinem Umfeld – als Irrtum herausgestellt habe, und jetzt habe er halt diese Scheißkarre am Hals, könne sich aber auch irgendwie nicht davon trennen, weil das Ding nämlich abginge wie Schmitz Katze. Das hat er während der Fahrt reichlich demonstriert, wir hatten Spaß und ich lernte ein neues Musikgenre namens „Fun-Punk“ kennen. Seitdem höre ich gelegentlich die Toy Dolls.

Jetzt bin ich wieder abgeschweift. Die Geschichte vom Radio erzähle ich demnächst aber auch noch. Das ist nämlich auch so eine Herzensangelegenheit.

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6 Lesermeinungen

  1. Das Blog wird immer besser. Danke.
    Ich trauere ja manchmal dem alten Westberlin nach, das ich Anfang der 1980er kennen lernte.
    Tempi passati.

    • Ich fand Westberlin unattraktiver als das wiedervereinigte. Das mag aber auch am geringen Alter und der geringen Intensität liegen, mit denen ich Westberlin kennengelernt hatte.

  2. Titel eingeben
    Ich trauere ja manchmal dem alten Westberlin nach, das ich Anfang der 1980er kennen lernte.
    .
    Und ich erst: in den fuffziger und sechziger Jahren in Kreuzberg aufgewachsen…
    Mit dem Wedding hatte ich seltsamerweise nie zu tun; nur viel später einmal(!) ein Besuch in den alten taz-Büros.

  3. Zu Ihrem Liebeskummer,
    den Sie sehr anrührend geschildert haben. Hat Ihre Freundin Sie verlassen, während Sie in einer Westberliner Telefonzelle standen oder rief sie gar beim Onkel Ihres Freundes an? Beides stelle ich mir schrecklich vor. Bei allem Intimitätsverlust, den das öffentliche Telefonieren mit Mobiltelefonen gebracht hat, muss man sich immer wieder daran erinnern, dass ganz spezielle Schamsituationen auch vermieden werden. Dazu gehört der in der Telefonzelle verhandelte Trennungsschmerz, wenn draußen schon der nächste Telefonierwillige wartet und betreten seinen Blick senkt, sobald der Telefonierer mit verweintem Gesicht die Zellentür öffnet.

    • Es war eines dieser Telefonate, in deren Verlauf man merkt, dass etwas nicht stimmt. Und weil ich schon immer eher undiplomatisch war, habe ich geradeheraus gefragt und eine entsprechende Antwort bekommen. Telefoniert hatte ich vom Anschluss des Gastgebers aus.

  4. Zu West-Berlin
    Ich bin ungefähr in Ihrem Alter und lernte West-Berlin im Zuge der in Westdeutschland höchst beliebten und subventionierten Berlin-Klassenfahrt (mit einem eintägigen Ausflug nach Ostberlin) kennen. Wir waren völlig überrascht, dass es der 2-Millionen-Stadt West-Berlin an einem Zentrum fehlte, in dem sich diese Bedeutung visualisiert hätte. Das Ensemble Bahnhof Zoo und Kudamm enttäuschte uns sehr. Als Erklärung verwiesen die Berufswestberliner darauf, dass Berlin erst 1920 aus vielen Städten und Dörfern zusammengesetzt worden sei. Dass die größte und wichtigste dieser Städte Berlin hieß und ihr Zentrum ganz eindeutig in der Osthälfte hatte – ja, dass sich Berlin bis 1860 komplett dort abgespielt hatte, wurde schamhaft verschwiegen. Und vermutlich lag es auch außerhalb der Phantasie eines Westdeutschen, dass West-Berlin zwar der bevölkerungsreichere, aber nicht der bessere und wesentlichere Teil Berlins sein könnte. Das ging uns erst beim Ausflug nach Ost-Berlin auf.

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