Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Die Ufa-Fabrik (Ullsteinstraße)

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Wenn man an einer Station aussteigt, hat man oft die Wahl: man kann es sich dreckig geben, wie an der Frankfurter Allee, oder man geht auf die Suche nach den Kleinoden und biegt in die Seitenstraßen ab. Dieses Mal habe ich mich für die Seitenstraße entschieden, aber auch am Tempelhofer Damm gibt es ein Einkaufszentrum, ein Solarent und noch so manch andere Unschönheit.

Ich verlasse die Ullsteinstraße um in die Viktoriastraße einzubiegen. Man steigt aus der U-Bahn aus, geht durch einen Tunnel unter dem vielbefahrenen Tempelhofer Damm durch und schon ist man dort (der Bahnhof Ullsteinstraße besteht dabei den BerlinABC-Rolltreppenprüftest stets mit Bravour). Ich habe das alles entdeckt, weil ich vor zwei Jahren regelmäßig in der Gegend war um mir dabei helfen zu lassen, mein etwas schief gegangenes Leben zu ordnen (Trennung mit Kindern und finanzielle Not, man kennt das ja in Berlin). So kam es, dass ich alle zwei Wochen die Viktoriastraße entlanglief und jedes Mal kam ich an der Ufa-Bäckerei vorbei, eine der besten Bäckereien der Stadt. Die Dinkelsprosse ist das einzige Brot das ich kenne, das sowohl knackig, als auch weich ist. Es ist diese Art Brot, bei der man das weiche Innere zuerst aufisst, damit man sich aus der Rinde eine Schnecke drehen kann in die man dann genüsslich beißt – so lecker!

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Die Ufa-Fabrik ist ein ziemlich vielseitiger und total uriger Ort. Urig, strauchig und etwas verworren.

Damals (das ist nun schon über zwei Jahre her) hatten sie noch Tiere die ich dieses Mal nicht finden konnte, die man streicheln aber nicht füttern durfte. Für mich, die immer nur im Vorbeigehen kurz in Berührung mit dieser „ökologischen Kulturoase“ kam war das Gelände ein Ort der vielen Möglichkeiten, der Müsstemanmals und doch nie wahrgenommenen Angebote. Zum Beispiel gibt es einen Dojo, also einen Trainingsraum für asiatische Kampfsportarten. Ich habe als Jugendliche eine Weile Karate gemacht und dabei viel über mich gelernt. Ich habe über mich gelernt, dass ich in der Bewegung, etwa beim Laufen einer Kata, total gut abschalten und meine Mitte finden kann. Ich habe gelernt, dass ich es mag, aus der Puste zu kommen, wenn wir zwischen jeder Kata-Technik fünf Liegestütze machen mussten. Dass es sich super anfühlt, wenn man starke Arme und so kräftige Bauchmuskeln hat, dass es nicht weh tut, wenn einer einen boxt und man einfach kräftig anspannt. Schlussendlich war es auch wichtig zu lernen, dass es gut ist sich verteidigen zu können, dass es sehr beruhigend ist zu wissen, dass man jemanden so doll schlagen kann, dass es ihn kurz außer Gefecht setzt. Also zumindest habe ich mir letzteres eingebildet und mich auf so manchem nächtlichen Heimweg sicherer gefühlt. Die sind nämlich auch im lieblichen Taubertal gruselig, nicht nur von der Frankfurter Allee zur Finowstraße.

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Zurück zur Ufa-Fabrik. Es ist im Grunde ein komplettes Gutmenschen-Zentrum. Und seien wir ehrlich: So sehr Gutmenschen nerven können, wenn sie immer nur klug daherreden und anderen erklären, wie sie zu leben hätten und was sie falsch machen – die Sorte Gutmensch, die anpackt und Dinge auf die Beine stellt, Kurse anbietet, berät, vernetzt, Bühnen aufstellt, auf denen sich andere inszenieren können und Menschen zum Tanzen und zum Lachen bringt, diese Sorte ist doch einfach unentbehrlich! Genau das passiert hier. Einerseits gibt es eine Menge Arbeit an der ökologischen Erneuerung des Geländes, aber auch Propaganda, wie man nachhaltig leben kann, so ganz praktisch. Auf dem Gelände gibt es etwa ein Blockheizkraftwerk. Das erste. Ein ausgedienter LKW wurde einfach umgebaut. Grandios!

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Und dann gibt es den Kinderzirkus – ich liebe Kinderzirken! Dazu gibt es so viel zu sagen, dass es definitiv einmal einen eigenen Beitrag darüber geben muss, denn der Kinderzirkus Cabuwazi hat in der Nähe des S-Bahnhofes Raoul-Wallenberg-Str. in Marzahn auch einen Ableger. Jedenfalls gibt es in der Ufa-Fabrik auch einen, darüber hinaus diverse Tanzkuse und der absolute Highlight für eine Pädagogin ist natürlich: die Freie Schule. Halten Sie mich ruhig für spinnert, aber wenn ich sowas hier lese:

„Jedes Kind lernt anders und wird von verschiedenen Lernsituationen motiviert. Manche begreifen Zusammenhänge besser beim Lesen, andere im Gespräch usw. Dies versucht die Freie Schule zu berücksichtigen. Jedes Kind entscheidet selbst, wie, wann und wo es sich mit etwas beschäftigt. Es entscheidet auch, ob und welche Lehrer/innen es zu Rate zieht, ob und welches Angebot seitens der Erwachsenen es annimmt. So ist es normal, dass in einem Raum Kinder verschiedener Altersstufen mit verschiedenen Aktivitäten beschäftigt sind.“

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dann werde ich wehmütig. Dann entfahren mir sehr viele tiefe Seufzer und ich wünschte, dass so ein Grundgedanke nicht immer nur bei den crazy Freien Schulen zu finden wäre, sondern eben überall. Stattdessen pferchen wir die Kinder immer noch in zu große Klassen, in denen sie alle auf die gleiche Art und Weise ihre Lerninhalte erschließen sollen. Individualität – joa, klingt ja gut, aber wie soll man bei einer Lehrerin auf 27 Kinder denn die Individualität berücksichtigen? Tut mir leid, das hat man leider im Studium nicht gelernt. Ich weiß das, ich habe mit Lehramtsstudenten studiert und sie haben oft keinen Sinn für die Erziehungswissenschaften, die sie nur ein Semester lang belegen müssen und sie haben auch kein Verständnis dafür, wie Unterricht jenseits des frontalen Einheitsbreis funktionieren können soll.

Pardon! Zurück zu den Gutmenschen, zurück zur Ufa-Fabrik: Lesen Sie sich auch mal die Geschichte durch. Weil es so schön ist:

„Zahlreiche Selbsthilfegruppen entstehen aus dem Bedürfnis heraus, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen und gemeinsame Träume und Visionen zu verwirklichen. Es entstehen Aktivitäten, Selbsthilfegruppen, Vereine und die dazugehörigen Räume“

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Ich mag das: Ein paar Leute finden sich zusammen und möchten, dass es anders ist, wollen anders leben – und dann machen sie eben einfach. Keine E-Petition, keine Hashtag-Kampagne und keine Empörie – gutes, altes Zupacken. Räume eröffnen, Austausch ermöglichen, offen sein. Im Nachbarschaftszentrum gibt es ambulante Hilfen zur Erziehung und nebenan Jazzdance-Kurse.

Ach ja: Das Theater- und Bühnenprogramm hier kann sich sehen lassen. Aber dafür konsultieren Sie vielleicht die hiesigen Theaterkritikerinnen. Oder gehen Sie einfach mal hin und bilden sich selbst eine Meinung.

###Wenn ich das nächste Mal an der Ullsteinstraße aussteige, dann wird das Ullsteinhaus erkundet. Es ist so majestätisch und einschüchternd (siehe Bild).
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7 Lesermeinungen

  1. Ufa-Bauernhof
    Die Tiere gibt’s noch, man darf sie streicheln und auch füttern, sofern man das Futter am dortigen Automaten kauft.
    Der Bauernhof ist auf dem Übersichtsplan ganz rechts und hat leider nicht immer geöffnet, die Öffnungszeiten stehen aber am Tor.

    • Freude
      das ist schön, da bin ich beruhigt. dann hoffe ich, dass man sie bald wieder zu sehen bekommt, jetzt wo das Wetter wieder erfreulicher daherkommt.

  2. Ufa-Fabrik
    Es freut mich sehr, dass Ihnen dieses alte Westberliner Ding so gefällt. Möge es noch viel älter werden!

  3. Nicht vergessen...
    ….darf man die 3 Tornados als
    ehemalige „Gründungsunterstützer“ …
    http://de.wikipedia.org/wiki/Die_3_Tornados

  4. plus 2
    Gibt genau dort noch zwei sehr gegensätzliche Highlights: Das Grab von Ulrike Meinhof [http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=bl&dig=2002/05/16/a0182] und den Pralinen-Fabrikverkauf der Schokoladen-Manufaktur Fassbender & Rausch in der Wolframstraße 95-96.

  5. Das mit den Lehrern
    Kleine Korrektur ohne Shitstorm: Lehrer studieren mittlerweile Erziehungswissenschaften als drittes Fach über das ganze Studium. Das sind im Bachelor/Master 5 Jahre und im Staatsexamen 4, 5 Jahre. Auch wenn das ganze (eigene Erfahrung) im Staatsexamen immer noch ausführlicher und sinnvoller stukturiert gelehrt wird.

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