Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Im Bunker am Anhalter Bahnhof

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Der Anhalter Bahnhof wird momentan nicht bespielt. Angeblich, weil der Nord-Süd-SBahn-Tunnel saniert wird. Normalerweise halten hier die S1, S2 und S25 die im Stadtgebiet streckenweise unterirdisch fahren.

Anhalter_Aussen

Der Bahnhof war nicht immer nur ein schnöder S-Bahnhof, sondern verband Berlin mit dem Süden und Südosten des Europäischen Kontinents. Von dem einstmals glanzvollen und im zweiten Weltkrieg zerstörten Bahnhof ist nur noch ein Stück Fassade stehengeblieben – und wer heutzutage nach Nizza will, nimmt für 60,- Euro den Billigflieger ab Schönefeld.

berlin-story-bunker

Das Gerücht sagt, man könne ab dem 4. Mai 2015 wieder dort aussteigen, hätte dann also Gelegenheit, statt mit dem Bus mit der S-Bahn zum Anhalter Hochbunker zu fahren. Der stammt aus dem Dritten Reich und ich finde seine Aufschrift plausibel. Während des Kalten Krieges war der Bunker ein Lagerhaus für Lebensmittel der Senatsreserve. Man wusste ja nie so genau, ob die Russen nicht einfach mal wieder die Grenzen dicht machen. Er liegt direkt gegenüber der Pizzeria „Italia 90“, von der ich nicht weiß, was sie taugt, und heute finden wir in ihm eine Ausstellung zu Medizin in alten Zeiten, ein Gruselkabinett und ein Museum.

berlin-story-bunker-unterschenkelamputation

Mit Gruselkabinetten habe ich es jetzt nicht wirklich so, den Reaktionen der Menschen nach zu urteilen, die darin herumgelaufen sind, gibt es aber durchaus ein Publikum für sowas. In der Medizin-Ausstellung stehen, sitzen und liegen gruselig gemeinte, lebensgroße Puppen herum, die teilweise mittelalterliche Szenen (Amputation, Pest etcpp.) darstellen. Am Wochenende sitzt zwischen ihnen eine echte Wahrsagerin, die die Besucher alleine dadurch fürchterlich erschreckt, dass sie einfach nur ein lebendiger Mensch zwischen lauter Puppen ist (worauf sich auch das „echt“ bezieht, denn echte Wahrsagerei gibt es nur auf Scheibenwelten).

Stadtwerdung

Im Stockwerk darunter befindet sich ein Museum, das mich sehr begeistert und dem Bunker auch den Namen „Berlin Story Bunker“ gegeben hat. Ich hatte nicht damit gerechnet, dort so etwas zu finden. Es ist nicht sonderlich groß und hat nicht sonderlich viele Exponate, aber es wächst noch, ist auch jetzt schon sehr liebevoll und angenehm unaufdringlich gestaltet und einen kurzen Besuch wert. Wer sich am Eingang einen Audioguide leiht, verbringt nämlich gerade mal eine gute Stunde im Museum, denn es erzählt ausschließlich die Geschichte Berlins in sehr komprimierter und ablenkungsfreier Form.

Anhalter_Stasiakten

Insbesondere die jüngere Geschichte Berlins – die, aus der es viele Artefakte und Fotos gibt – ist stark geprägt vom Krieg, sei es als Hauptstadt eines aggressiven Landes oder als sogenannte Frontstadt im Kalten Krieg, so dass der Ort der Ausstellung mit all seiner Bunkerdeckenbedrückung besser kaum gewählt sein könnte. In den Räumen, die sich dem Dritten Reich widmen, konnte man gelegentlich die Schreie aus dem darüber liegenden Gruselkabinett hören. Das macht es – vermutlich ungeplant – besonders eindrucksvoll.

Anhalter_Naziflagge

Montags ist geschlossen. Warum das bei unseren Museen so ist, habe ich bisher genauso wenig verstanden, wie dass ich in staatlichen Museen Eintritt zahlen muss.

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6 Lesermeinungen

  1. ...
    Ja, seltsam, dieses: Montags geschlossen. Bei Friseuren und Ärzten gibt’s doch ähnliches? Oder ist das inzwischen auch Historie?
    Vielleicht ist der Berliner-Geschichte-Bunker nur am heutigen Montag geschlossen, wegen des Datums?

  2. Warum zu
    Nun, der Bunker hat Montags zu, weil alle Museen Montags zu haben. Klingt trivial, ist aber ganz einfach: Montags hatten wir fast keine Besucher, weil Museen ja Montags zu sind. Da ich den Bunker privatwirtschaftlich Betreibe war der Montag einfach nicht lohnenswert. Warum die ganzen anderen Museen das mal angefangen haben, habe ich auch nie verstanden.

    Gruß, Enno Lenze

  3. Warum die Museen
    damit angefangen haben. Mir ist das immer so erklärt worden, dass die Museen ja am Wochenende Hochbetrieb haben und den Montag schließen, damit ihre Mitarbeiter auch einen allgemeinen Ruhetag haben. Der Montag bietet sich an, da viele Museumsgänger ihre kulturellen Vorlieben gerade schon am Wochenende ausgetobt haben und daher an diesem Tag eher nicht schon wieder ins Museum gehen.

    Für Touristen gilt das natürlich nicht in gleicher Weise. Darum haben touristisch hochfrequentierte Museen wie etwa das Neue Museum auf der Museumsinsel an sieben Tagen in der Woche geöffnet.

  4. Zerstörung durch den Berliner Senat
    Das Gebäude des Anhalter Bahnhofs wurde im zweiten Weltkrieg stark beschädigt, die größten Zerstörungen erfolgten allerdings erst in den 50er Jahren durch die Aufhebung des Denkmalschutzes und den darauf folgenden Abriß der Bahnhofshalle und des Empfangsgebäudes. Die Fassaden beider Gebäudeteile waren bis zum Abriß nahezu vollständig erhalten.

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