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Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Warschauer Straße: Erlebnispark RAW (1)

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„Ich bin kein verdammter Scheißtouri, mit dem ihr so’ne verdammte Scheiße abziehen könnt!“ Ich tobte und schrie den Mann an, der mir in einem sehr schwachen Moment mein Handy geklaut hatte. Wir standen auf dem Gelände des RAW, des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerks am Bahnhof Warschauer Straße in Berlin Friedrichshain und mir ging auf, dass diese ganze Aktion eine der beklopptesten Ideen gewesen war, die ich je gehabt hatte.

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Eigentlich hatte alles entspannt angefangen. An einem Donnerstagabend im Jahr 2012 hatte ich mit einer guten Freundin viele Stunden bei Wein und Knabberzeug auf meinem gemütlichen Balkon gesessen, wir hatten einen netten kleinen Schwips und bereits über Gott und die Welt gequatscht: Über die Netzszene und ihre feministisch-radikalen Auswüchse, über sexuelle Vorlieben (woraufhin ein Mann vom Nachbarhaus rüberbrüllte, das sei ja sehr interessant, aber wir „Mädels“ sollten jetzt bald mal die Nachtruhe achten) und über Trennungen. Denn das hatte uns beide gerade am meisten umgetrieben. Irgendwann ging sie und ich war aufgedreht. Außerdem hatte ich „sturmfrei“, die Kinder waren bei ihrem Vater. Es war eine laue Sommernacht Ende Mai und ich wohnte erst ein paar Wochen getrennt von ihm und beschloss, dass ich diese neue Freiheit nun wirklich auskosten musste. Außerdem: Wozu wohnte man denn direkt um die Ecke der vielleicht größten Partymeile Berlins?! Ebend.

Es war nach Mitternacht, vielleicht ein Uhr und ich zog los. Los in Richtung Revaler Straße, los in Richtung RAW. Und ich landete im Suicide Circus, einem der dortigen Clubs. Es lief irgendwie ganz netter Techno, aber die Stimmung war so lala. Man merkte gleich, dass hier vor allem Touristen am Feiern waren, die Sprachen gingen kreuz und quer, Französisch, Englisch, Spanisch, Schwedisch und eine Truppe aus den Niederlanden, die sich gerade die Kante gab. Alle waren in dieser „Oh yeah, this is SO Berlin“-Stimmung und das finde ich persönlich stets etwas anstrengend. Ich ging an die Bar und bestellte einen Wodka Lemon, um mir die Leute, die House-Musik und die Stimmung schön zu trinken. Denn ich war wirklich wild entschlossen, meine Freiheit zu genießen und Spaß zu haben. Danach versuchte ich ein bisschen zu tanzen. Als ich merkte, dass ich einfach nicht „rein kam“, beschloss ich noch einen Wodka Lemon zu bestellen und sagte zu der Dame an der Bar den einen Satz, an dem man jene erkennt, die besser nach Hause gehen und sich in ihr Bett legen sollten (und man erkennt daran auch die wahren Alkoholiker): „Einen Wodka Lemon bitte. Aber diesmal mit mehr Wodka, den hat man gar nicht geschmeckt!“ Oh Dear! Die Tragweite dieses Satzes wurde mir auch erst bewusst, als ich irgendwann am folgenden Tag die Geschehnisse Revue passieren ließ. Und die Dame an der Bar war entweder unerfahren, oder selber schon so durch, dass sie auch nicht checkte, dass sie besser nicht auf mich hören sollte. Sie schenkte den Wodka Lemon mit einer echt großzügigen Portion Wodka ein. Ich schwankte davon.

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Irgendwann ging das Tanzen wirklich besser, gefühlt zumindest. Dummerweise musste ich mal. An den Mädchentoiletten war eine lange Schlange. Mist – ich musste wirklich dringend. Zu dringend und das ging hier zu langsam. Also wankte ich in Richtung Ausgang und suchte mir unweit des Clubs ein nettes kleines Gebüsch um mich hinzuhocken. Im Nachhinein schäme ich mich total dafür. Sowas Ekliges! Ich will ja auch nicht, dass jemand in meinen Innenhof pullert! Als letzten Sommer zwei Mädels, die sich im Rahmen der durch die Straßen ziehenden „Fuck Parade“ ordentlich die Kante gegeben hatten in meinen Hof … da habe ich, nachdem mehrfaches Auffordern, dies zu unterlassen nicht gefruchtet hat, meine Kamera gezückt und die beiden damit in die Flucht geschlagen. Und auch meine Strafe kam umgehend und zwar in Form des Kerls, den ich später anbrüllen würde. Ich hockte im Gebüsch und er steuerte direkt auf mich zu. Fassungslos beendete ich so gut es ging was ich tat und zog schnell die Hose hoch, da stand er schon direkt vor mir und sprach mich unverwunden an (ich habe keine Ahnung mehr, was er sagte). Bestimmt habe ich gestammelt und ich war so froh, als er endlich weiterging. Ich griff in die Tasche nach meinem Handy, da ich meinem Freund schreiben wollte, was mir gerade Unglaubliches passiert war und dass ich jetzt wohl besser nach Hause gehen würde, als ich bemerkte: Mein Handy war weg! Blankes Entsetzen! Es war kein billiges Gerät, es war ein Geschenk meines Freundes und da wir eine Fernbeziehung führten war es DAS GERÄT, mit dem ich mich ständig mit ihm austauschte. Sofort war ich nüchtern und sofort war mir klar, wer dieses Gerät hatte. Also machte ich mich auf die Suche nach dem mysteriösen Kerl, der so mir-nichts-dir-nichts mein Pullern gestört hatte. Und ich fand ihn.

Natürlich stritt er alles ab. Er zückte eine Taschenlampe und tat so, als wolle er mir suchen helfen. Er zog mich über das Gelände und leuchtete wahllos in irgendwelche Ecken. Bis ich platzte. Ich glaube ich bin noch nie so geplatzt. Ich riss ihn um, blickte ihm fest in die Augen und schrie ihn an, dass er sofort aufhören solle mich zu verarschen. „Ich bin kein verdammter Scheißtouri, mit dem ihr so’ne verdammte Scheiße abziehen könnt!“ Und ich machte ihm klar, dass ich seit zehn Jahren in Berlin wohnte und wüsste, wie der Hase laufe (jaja… ich weiß!). Ich stellte ihn vor die Wahl: Gib das Handy zurück und ich belasse es dabei, oder ich hole sofort die Polizei! Er stellte sich weiterhin dumm. „Gut, du Arschloch! Ich kriege dich!“ blaffte ich, ließ ihn stehen und steuerte den Ausgang an. Direkt vor dem Tor stand ein Polizei-Auto. Lässig daran gelehnt eine Polizistin, die ich entschlossen ansprach. Ich erklärte ihr, was passiert war. „Der Typ ist noch da drin, kommen Sie bitte schnell mit, wir kriegen den noch!“ sagte ich. In meiner Vorstellung lief das dann so, wie in einem Film: Die Frau würde ihren Kollegen mitnehmen, würde vielleicht sogar Verstärkung herbeifunken – wer weiß?! – und dann würden wir den Typen jagen und stellen und dann würde Gerechtigkeit geübt! Jawohl! So würde es laufen!

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Pustekuchen. Wir reden hier leider von der Berliner Polzei. Da mögen mit Sicherheit auch Leute sein, die wirklich noch engagiert und hilfsbereit sind. Ganz bestimmt. Aber viele haben einfach keinen Bock auf Stress. Als ich einmal wegen nächtlicher Ruhestörung eine Anzeige aufgeben wollte, ist einfach keiner gekommen um die Anzeige aufzunehmen. ¯\_(ツ)_/¯ Analog dazu lief die Sache mit dem Dieb und der Berliner Polzei folgendermaßen ab: Die Dame schaute mich irritiert an und zückte einen Block. Sie gab mir einen Stift und ich sollte nun: Name und Adresse, Modell des Geräts das geklaut worden war und den Hergang, Uhrzeit – Tralala – alles schön aufschreiben, dann würde das aufgenommen und naja… was soll ich sagen: Ich war fassungslos. Sie hatte jedenfalls nicht vor sich auch nur einen Schritt von der Stelle zu bewegen und als sie mir so Stift und Papier hinhielt und mir klarwurde, dass sie sich einen Scheiß für mein geklautes Handy interessierte, da brach ich in Tränen aus, so enttäuscht war ich. Der Typ konnte derweil entspannt fliehen. Danke, liebe Freundin und Helferin. Danke für nichts.

Heulend setzte ich mich, ohne den Scheiß ausgefüllt zu haben – wozu bitte? das bringt doch rein GAR NICHTS! – auf die Treppen am Tor des RAW-Geländes. Da kam ein junger Mann daher, setzte sich neben mich, sah mich verwundert und besorgt an und fragte, was los sei. Es war ein Wasserfall der Worte, der da aus mir rausbrach. „wir kriegen das hin“, sagte er sanft. Nahm mich an die Hand und los ging es. Keine Ahnung, warum ich mitlief, aber irgendwas sagte mir, dass er vielleicht wirklich helfen könnte. Wir gingen zu einem Kerl, der am Rande rumstand und scheinbar nichts tat. Mein Helfer sprach ihn an: „Ihr wurde das Handy geklaut, hast du es?“ Die beiden kannten sich offenbar und der Angesprochene holte aus seinen Taschen eine Menge Handys, in jeder Hand hielt er vier oder fünf Stück! Er hielt sie mir unter die Nase und sah mich fragend an. Doch meines war nicht dabei, also ließ er das Diebesgut schnell wieder verschwinden. Mein Helfer zog mich weiter, weiter zum nächsten scheinbar einfach gelangweilt herumstehenden Kerl. Auf die Sache angesprochen holte auch er neun oder zehn Handys aus seiner Tasche, ich war platt wie ’ne Flunder. Meins war nicht dabei. Es ging weiter zum nächsten – wie viele waren das denn?! – was passiert hier eigentlich gerade?! – wo ist mein Handy?! – *heul*

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Vier Typen hatten mir den Inhalt ihrer Taschen gezeigt, keiner hatte das Meine bei sich. Mein Helfer konnte mir nicht helfen und er war mir unheimlich geworden, denn langsam verstand ich die Tragweite der Geschehnisse hier. Es war ziemlich schwer, ihn abzuwimmeln, er tat unglaublich fürsorglich, zudem ging mir langsam auf, dass er mehr wollte. Er begleitete mich noch bis fast nach Hause (fast, weil ich schon einige Häuser weiter so tat, als würde ich dort wohnen) und ich sagte ihm, dass er jetzt bitte gehen sollte, ich würde jetzt bei meinem Mitbewohner klingeln. Also ging er. Endlich. Und ich ging noch die paar Häuser weiter, in mein wirkliches Zuhause, fiel ins Bett und schlief wie ein Stein, bis mein Telefon klingelte.

Es war der Vater meiner Kinder der mich darauf hinwies, dass er versucht hatte mich auf dem Handy anzurufen und da sei eine andere Frau drangegangen, ich sollte mich mal bei der melden und was eigentlich passiert sei…! To make this ohnehin schon long story short: Ich muss auf den Dieb doch ein bisschen Eindruck gemacht haben, denn er muss das Telefon weggeworfen haben und geflüchtet sein. Die Frau hatte dann beim Spaziergang mit ihrem Hund am nächsten Morgen in der Revaler Straße ein Handy auf dem Boden liegen sehen und es mitgenommen. „Man findet ja so allerhand interessante Dinge morgens am Rande des Geländes“ grinste sie, als sie mir mein Heiligtum überreichte. Siehste, dachte ich, manchmal muss man eben die voll erfahrende Berlinerin raushängen lassen, die sowas nicht mit sich machen lässt.

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8 Lesermeinungen

  1. Schöner Beitrag
    Schade, daß er ein so geringes Interesse findet, besonders wenn man bedenkt, welcher Quark hier in den Blogs zweistellige Kommentarzahlen erreicht. In Zukunft werde ich Ihre Beiträge lesen, anfangs war ich doch ziemlich skeptisch.

  2. Titel eingeben
    Klasse Beitrag. Fand ihn zum Schmunzeln. Macht weiter so.

  3. Damals
    Also bevor die Touristen einfielen gab es dort in einer gemütliche Keramikwerkstatt besinnliche Stunden für die jungen Leute. Und nun, nur noch Alkohol und Lärm! Nee.

    http://home.arcor.de/keramik-werkstatt/anfahrt.html

    • warten Sie mal auf den zweiten Teil! es gibt noch sehr viel Gutes dort, wenn man nicht gerade nachts dort herumstreunt 😉

  4. Pingback: Ich habe da mal eine Frage – Katrin Roenicke

  5. Titel eingeben
    Großartiger Text. <3

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