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Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Warschauer Straße: Erlebnispark RAW (2)

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Es ist so: Berlinerinnen und Berliner haben eine gewisse Starrköpfigkeit. Diese zeigte sich im vergangenen Jahr, als das Stadtvolk darüber abstimmte, was mit seinem ehemaligen Flughafen in Tempelhof zu geschehen habe. Das Ergebnis: bitte erst mal gar nichts. So sind wir – es geht uns auf den Keks, dass immer alles verscherbelt und mit Luxuswohnungen bebaut werden soll, was gefühlt uns gehört. Ja: UNS. Finden wir zumindest. Das ist unsere Starrköpfigkeit, es ist immer ein bisschen Volk gegen Senat und beim RAW-Gelände sieht das ganz ähnlich aus: Wir wollen nicht, dass es verkauft wird, wir haben keine Lust auf Luxus-Appartements für schwäbische Neureiche und wir wünschen nicht, dass sich ein geldgeiler Investor unter den Nagel reißt und plattmacht, was WIR * in den vergangenen Jahrzehnten seit der Wende hier aufgebaut haben. Das ist nämlich mehr, sehr viel mehr, als eine Aneinanderreihung von Clubs, in denen nachts Handyklauer unterwegs sind. Und deswegen kriegt der Berliner auch die Wut, wenn da einer ran will, aber im Moment scheint die Situation beruhigt und der Bezirk hat wohl auch eine schützende Hand darüber gelegt.

Das Gelände liegt nicht weit von meiner Wohnung entfernt und ich wohne seit beinahe zwölf Jahren im Friedrichshain und dennoch war mir vor meinem Rundgang nicht klar, was auf dem großen Gelände neben den Schienen der Stadtbahn, das zwischen Warschauer und Modersohnstraße liegt, alles geboten wird und wie viele unterschiedliche Attraktionen sich vorfinden.

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Klar, den Suicide Circus kannte ich und ich kannte auch den RAW-Tempel. Mein Sohn war außerdem schon einige Mal in der Boulderhalle klettern. Er klettert unheimlich gern und überall, wo es nur geht. Bäume rauf und runter, Türrahmen in der Wohnung rauf und runter. Einmal im Jahr in den Alpen an einer echten Felswand rauf und runter. Schon so manches Mal in einem Kletterwald und eben immer wieder einmal in einer der berliner Boulderhallen. Als er das erste Mal in der Boulderhalle im RAW kletterte, da jagte er seinem Vater einen so gehörigen Schrecken ein, dass dieser es sich sehr gründlich überlegen musste, ob er da wieder hingehen wollte: Sein Sohn war plötzlich fünf Meter in der Höhe, so schnell, dass man gar nicht wusste, wie einem geschah und das völlig ungesichert und ohne doppelten Boden! „Wie ein Äffchen war er plötzlich – zack! – da oben!“ Schwindelfreiheit ist super, außer für die Eltern.

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So ähnlich ist das auch mit dem Skaten. Auf dem Gelände befindet sich eine große und beliebte Skatehalle. Dort geht es manchmal recht zackig zu: Auf Quar­ter­corner, Rail, Pier 7 und London-GapDou­ble­set (um nur einige der Rampen und Hindernisse genamedroppt zu haben, von denen ich bislang nie gehört habe, die aber in echt alle ziemlich gefährlich aussehen) toben sich Skater aus, deren Kunststücke teilweise atemberaubend sind, manches Mal schlägt man sich auch die Hände vor die Augen, da man einen schlimmen Stunt in der halsbrecherischen Manier von Jackass befürchtet, aber meistens landen wenn es schief geht die Skater schlicht neben ihren Brettern, die dann einfach ohne sie weiterrollen oder wie hilflose Käfer auf dem Rücken liegen bleiben, die rollenden Beinchen in die Höh. Meistens passiert ja nichts, es sei denn mein guter Freund S. kommt nach 15 Jahren Skate-Abstinenz auf die Idee, mit seinen „Leipziger Jungens“ mal wieder auf die Rollen zu steigen und die „Big Bank & Wallride“ entlang zu brettern (oder wie auch immer das Ding heißt), dann kann es mit Mitte 30 und alten Knochen schonmal schiefgehen und man humpelt monatelang in die Kanzlei, die ersten Wochen auf Krücken gestützt.

Das Problem für Eltern (ein bisschen wie beim Bouldern): Da heißt es immer so schön „und für die Kleinen eine Kids-Area“ und das ist ja auch nett gemeint und lieb gedacht. Bloß: Die meisten Kinder finden, dass diese Kids-Area für Zweijährige geeignet sein mag, finden sie aber selbst viel zu langweilig und wollen gern bei den Großen mitmachen. Und dann wird es kompliziert, es fließen Tränen und ach … besser man geht gleich zum ZirkusZack, der ist nämlich für Kinder ganz alleine. Da sind die Großen endlich mal nur Zuschauer und können glotzen, was in „den Kleinen“ so alles steckt.

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Natürlich gibt es auf dem RAW-Gelände für zwischendurch auch

  • einen ordentlichen Biergarten
  • veganes, vegetarisches und sonstwie politisch korrektes Essen
  • Strudel in der Strudelmanufaktur
  • Craftbier!

Und es gibt Leute, die mit ihrer Hände Arbeit Dinge entwerfen. Schöne Dinge, nützliche Dinge, hörbare Dinge und Dinge, die zum Schießen sind. Es gibt nämlich eine Glaswerkstatt von Aleksandra Szaffiejew; die Keramikwerkstatt Schnörkelei; Möbel-Unikate (total toll! könnte ich mir doch sowas leisten!) und den Bogenbauer Holger Berty dessen Langbogen und Recurve aussehen wie aus einem Tolkien-Buch herausmaterialisiert, man möchte sich Elfenohren ankleben und in den Wald ziehen!

Was auf einem solchen Gelände nicht fehlen darf: Streetart vom Feinsten. Ich habe nur eine kleine Auswahl an Kunstwerken mitgebracht, die hier von Menschen aus aller Welt an Wänden und Brettern hinterlassen wurden (bitte auf eines der Bilder klicken, um die Galerie zu öffnen):

Und dann die ganze Akustik-Breitseite: Samba-Percussion-Kurse; eine freie Musikschule mit dem esoterisch klingenden Namen „Traumstation“ (und die Webseite sieht auch … interessant aus) und was Hörkunstwerke sind konnte ich leider nicht ganz herausfinden, aber bestimmt ist es was pädagogisch Wertvolles. Die meisten Leute kennen vom RAW ja nur die Bässe, es könnte sich aber lohnen, auch die feineren Klänge einmal zu erkunden und man munkelt ja, dass in fortgeschrittenen Berufsjahren die entspannende Wirkung einer Percussion-Gruppe nicht zu unterschätzen sei.

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Ach und: „Wollen Möbel kaufen?“ prangt es überall auf Schildern und Wänden. Ja, wollen? Wenn ja, dann müssen Sie etwas in Richtung Modersohnstraße marschieren und dann werden Sie einen der komischsten Möbelläden ihres Lebens sehen, vielleicht sogar den Komischsten! Ein Tor, dahinter der Eingang zu einem Wohnwagen und wenn man einmal von der Seite schaut, was hinter und neben diesem Wohnwagen eigentlich ist, dann findet man: Noch einen Wohnwagen. Und noch einen. Und noch einen. Irgendjemand ist nach Holland gefahren und hat dort in einem Heim für ausgesonderte Wohnwagen den Großzügigen gespielt: Er hat sie alle befreit und aneinandergekoppelt und ist mit einem 50 Meter langem Wohnwagenzug nach Berlin zurückgekehrt, um sich dieses Möbelhaus auf das RAW-Gelände zu bauen. (Glauben Sie nicht? Meine Kinder finden die Geschichte toll. ich auch). Vergessen Sie also Ikea, hier gibt es alles, was man beim sonntäglichen Flanieren durch den Friedrichshain in den netten kleinen Cafés, die „Tussilounge“ und „Kaufbar“ heißen lieben gelernt hat: Olle 70er-Jahre Möbel und anderes Zeug, das vor 15 niemand niemals nicht von seiner Oma haben wollte und das jetzt alle unter dem Schlagwort „Nostalgie“ irre hip finden.

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Wenn Sie nicht Möbel kaufen wollen aber vielleicht Kleidung oder alte, aber noch gute Geräte, Kameras, Geschirr, Spielzeug … Sonntags ist auf dem RAW-Gelände immer Flohmarkt. Meine Freundin K. wildert dort sehr gern und sagt, „da findet man eigentlich immer wat schicket“ und wenn Sie Lust haben, dann kommen Sie doch am 17. Mai mal dort vorbei, da werden K. und ich nämlich einen eigenen Stand haben und gebrauchte, aber hochwertige Waren feilbieten.

Das RAW-Gelände hat also mindestens zwei Gesichter: Ein Tageslicht-Gesicht und ein Nachtgesicht. Wenn man eine Weile in Berlin gelebt hat, dann kommt man nicht nur wegen Taschendieben und Touristenvolk irgendwann auf den Trichter, dass vor allem das Tageslicht-Gesicht des RAW ganz wunderbar und einen Ausflug wert ist.

* Es handelt sich hier um das sogenannte „Wir-sind-Papst“-Wir: ein Kollektiv-Wir, das nicht zwangläufig voraussetzt, dass alle sich darunter Subsumierenden auch wirklich persönlich an den Errungenschaften beteiligt waren oder sind.

UPDATE: Herr Klein hat natürlich Recht und es handelt sich nicht um aneinandergeschraubte Wohnwagen (schade), sondern um die „transportable Raumerweiterungshalle“ namens „Variant“, ein Produkt der DDR. klingt langweiliger, ist aber doch ein ziemlich cooles Ding!

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13 Lesermeinungen

  1. Wohnwagen-Halle
    Die wohnwagenähnliche Halle dürfte eine „Variant“ sein. Offiziell „Transportable Raumerweiterungshalle“. Eines der coolen Produkte, die die DDR hervorgebracht hat.

  2. die DDR hat ja wohl...
    … ganz schön viele coole Produkte hervorgebracht!! >:-|

  3. WIR
    Daß diese Zugereisten immer so voller Inbrunst „wir Berliner“ von sich geben.
    Wie diese weißen Touristen auf Jamaica, die immer die wildesten Dreadlocks tragen und „schon immer“ Reggae gehört haben.

  4. Ups!
    Asche auf mein Haupt.
    Meine Aufmerksamkeitsspanne verkümmert immer mehr.
    Nichts für Ungut.

    • ich habe befürchtet, dass Sternchen und Fußnote zu weit auseinander liegen. ich versuche mal einen Anker einzubauen.

    • Sternchen als Anker
      ist nun definiert. ich hoffe, dass es so etwas besser zusammen zu bringen ist.

      Liebe Grüße

  5. Zurück zu den Wurzeln
    So gefällt mir ein Blog: ein öffentliches Tagebuch mit Erzählungen und Berichten. Was ich kaum noch ertrage: öde „Besinnungsaufsätze“ oder schräge politische Traktate mit den entsprechenden wichtigtuerischen Kommentaren der Qualitätsleserschaft. Also Katrin und Holgi macht weiter.

  6. kreatives Berlin
    Nach all dem Berlin-Bashing beim Don und Anderen ist das doch mal was Positives über die kreativen Sumpfpflanzen dort 😉
    Lesenswerter Text und gute Fotos, werte Katrin. Kann Schrotsäge nur zustimmen: so machen Blogberichte Lust auf eigene Entdeckungen!

    • Schoener Artikel, wie alles, was Frau Roennicke hier schreibt
      Ex-Berliner, Sie haben Recht, das macht Lust auf mehr.

      Mit dem Berlin-Bashing muss ich Ihnen widersprechen, der Don hat da schon recht – auf einen groben Klotz gehoert ein grober Keil.

      Berliner teilen aus, da muessen sie auch einstecken koennen. Sie als, vermutlich, alter Berliner sollten da doch nicht zimperlich sein. Den echten Berliner haut doch nichts so schnell um.

  7. Wenn das Loben schon kein Ende nimmt...
    … will ich als „Wessi“ bekennen, dass mir dieses und auch andere „Kabinettstückchen“ schon helfen, Berlin und seine (Ur-?)Einwohner ein ganz wenig besser – nein: nicht zu verstehen, sondern zu ertragen.

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