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Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Neues altes Spielzeug

| 5 Lesermeinungen

U7, Eisenacher Straße. Friseure (von denen es hier bemerkenswert viele gibt) heißen hier sowas wie „Kopfkultur“, Bäckereien „Frau Bäckerin“ und Gaststätten haben entweder keck-wortspielige oder neo-bodenständige Namen. Alles ist aus Dinkel und selbst das alteingesessene Fotostudio (das mit den seltsamen Familienbildern und ansonsten eher kläglichen Auslagen im Schaufenster) bietet Lomo-Kameras feil. Wenn das nicht Anlass genug ist, sich über Gentrifizierungsgebiete lustig zu machen, weiß ich auch nicht und fasse den sinistren Plan, eine gute Freundin per Artikel zu rächen. Die wurde vor einem guten Jahrzehnt hier weggentrifiziert und das bringt sie noch heute so sehr auf die Palme, dass ihr nichts anderes übrig bleibt, als in einem hiesigen fancyshmancy Schokolade-Geschäft gelegentlich einzelne Tafeln zu klauen – obwohl sie mittlerweile zu den Besserverdienenden gehört, die gerade dabei sind, einen anderen Kiez zu gentrifizieren, was dort ja vielleicht auch zu Ladendiebstählen führt, worüber man durchaus mal Forschung betreiben könnte, wenn man Soziologe oder sowas wäre, aber ich schweife ab und beschließe, mir lieber noch ein wenig die Gegend anzusehen.

Eisenacher_Bahnhof

Vor dem Amtsgericht lungert selbstverständlich ein Mann herum, der exakt das Klischee bedient, vor dem die Provinzbevölkerung ängstlich schreiend weglaufen oder wenigstens heldenhaft die Straßenseite wechseln würde: Fragwürdig gekleidet, fragwürdig den Hals hinauf tätowiert, rauchend und nicht gerade zufrieden dreinblickend. Rund ums Gericht, am Rande des Bayerischen Viertels erinnert politische Kunst an unseren Umgang mit Juden und anderen als minderwertig deklarierten Bevölkerungsgruppen vor nicht mal 80 Jahren, indem an 80 Laternenpfählen Ausschnitte aus entsprechenden Gesetzen und Verordnungen plakatiert werden. Warum diese Dinge dort geschrieben stehen, wird nicht groß eingeordnet. Das sorgt bei jedem auch nur halbwegs mit gesunder Herzensbildung ausgestatteten Menschen für Irritation – und das ist wiederum so ungefähr das, was ich von Kunst erwarte.

Orte_des_Erinnerns

Eigentlich wollte ich mich – wie gesagt – über ein Gentrifizierungsgebiet lustig machen. Stellt sich raus: Das ist gar nicht so einfach. Dort, wo die Gentrifizierungskarawane durchgeritten ist, ist es zwar recht hübsch und kaum noch so versifft, wie in den restlichen Teilen der Stadt, aber dummerweise auch dermaßen langweilig, dass man hier zwar ganz prima und ruhig wohnen, sich die Haare schneiden und Dinkelkaffee servieren lassen kann, aber umso weniger darüber zu schreiben weiß, denn auch bunte Fassaden können eine Gegend grau werden lassen. Und wie ich so trüben Geistes darüber nachdenke, die Gegend zu wechseln, fällt mein Blick auf ein kleines, buntes Schaufenster eines Ladens namens „Flying Colors“. Ich denke mir: „och, kuckste mal…“ und sehe Spielzeug zum Aufziehen und Spielzeug aus Holz im Fenster liegen. Finde ich beides toll, also rein da!

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Von innen sieht der Laden ein wenig anders aus. Die Wände entlang ist viel Spielzeug aus Holz ausgestellt, aus Blech, aus Kunststoff, mit Physik drin und ohne. Hauptsächlich werden hier aber Drachen in allen möglichen Größen, Formen und Farben verkauft, was den weit überwiegenden Teil der Kundschaft allerdings nicht daran hindert, immer wieder Drachen in Regenbogenfarben zu erwerben und sich dann zu wundern, dass man den eigenen Drachen zwischen all den anderen nicht mehr erkennt. Es gibt große Rollbretter fürs Kitesurfing auf Asphalt, eine Sportart, die sich beispielsweise auf dem Tempelhofer Feld großer Beliebtheit erfreut und viele Menschen auf den Tag warten lässt, an dem der erste Radler von Drachenschnüren geköpft wird. Man will ja schließlich was geboten bekommen.

Die andere Hälfte des Ladens ist mit Jonglagezubehör gefüllt. Hier gibt es allerlei Bälle, Schnüre, Batzen, Zeugs und diese Keulen, die zugereiste, mittelmäßige Jongleure seit mindestens zwei Jahrzehnten dazu benutzen, Autofahrer an der Kreuzung Mehringdamm/Tempelhofer Ufer zu langweilen, sobald die Ampel rot ist, was an sich ja schon langweilig genug wäre.

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Der Laden ist über 30 Jahre alt und war einer der ersten Drachenläden Deutschlands. Wie jeder spezialisierte Einzelhändler leidet man auch hier unter der Unsitte, dass potentielle Käufer sich erst  stundenlang beraten lassen, um dann irgendwo im Internet für 3% weniger zu bestellen, sich dann zu wundern, dass das Fachgeschäft irgendwann verschwunden ist und darüber dann im Social Network zu klagen. Ich finde ein solches Verhalten furchtbar.

Als ich in einer Ecke Yo-Yos liegen sah, fühlte ich mich bemüßigt, mich in Fachsimpeleien mit dem Verkäufer zu verstricken. Das wurde schnell ein wenig unangenehm, weil ich nämlich eigentlich gar keine Ahnung von der Sache habe, außer damals irgendwie konsumierend dabei gewesen zu sein. In den 80er Jahren, als ich noch einigermaßen jung war, waren Yo-Yos nämlich schon einmal modern bei uns Jugendlichen. Die coolen Kinder hatten ein „Wheels“ von Duncan, die Loser hatten Yo-Yos von Fanta und es gab im Grunde auch nur eine Sorte Nike-Turnschuhe, die man tragen konnte, ohne für Fanta gehalten zu werden.

Die Zeiten waren also übersichtlicher und die Auslagen der Yo-Yo-Geschäfte entsprechend kleiner. Heutzutage finden junge Menschen das Yo-Yo immer noch (und nicht schon wieder, wie mir erklärt wurde) attraktiv. Die Auswahl ist größer geworden, ein ordentliches Durchschnitts-Yo-Yo mit Freilauf kostet um die 50,- Euro, eines aus Titan das Zehnfache und die Kunden sind Schüler aus umliegenden Schulen. Hier wohnen halt Leute, die sich sowas auch dann noch leisten können, wenn die Dinkelprodukte bezahlt und die Haare geschnitten sind. Mein Versuch, zu Fachsimpeln endete nicht nur inhaltlich recht zügig in einer Demütigung, sondern auch strukturell, weil der gut gelaunte Verkäufer auch noch besser mit einem Yo-Yo umzugehen wusste, als es irgendwer von den Leuten jemals gewusst hatte, mit denen ich weiland Yo-Yo spielte.

YoYos

Es ist Mittagszeit, im Laden ist wenig los, ich streife herum und lasse mir Dinge erklären. Ich schwelge immer noch leicht in Yo-Yos, als der Verkäufer mich auf ein anderes Spielzeug aufmerksam macht. Es heißt Kendama und ist sehr alt. Ziel des Spiels ist, eine Holzkugel, die an einem Faden hängt, auf verschiedene Weisen auf einem Handgriff landen zu lassen.

„Was ein Quatsch…“, denke ich mir, da führt der Verkäufer mir vor, was man alles mit dem Spielzeug anstellen kann, und ich fühle mich noch kleiner, als ich mich kurz vorher beim Yo-Yo schon gefühlt habe. Er hat einen der tollsten Berufe der Welt: Verkäufer in einem Spielzeugladen, in dem es Dinge gibt, mit denen er selbst gerne spielt. Das führt dann fast zwangsläufig dazu, dass man größere Geschicklichkeit im Umgang mit der Ware entwickelt. Im Ausland sei Kendama schon sehr weit verbreitet, die Verkäufe im Inland zögen an und er rechne damit, dass dieses Spiel der nächste heiße Scheiß unter Jugendlichen werden würde.Wie auch immer, man sei herzlich eingeladen, sich am jeweils ersten Samstag des Monats zu Ladenschluss im Geschäft einzufinden, denn da sei „KenJam“ und man würde manchmal so lange spielen, dass man froh sein kann, dass die U-Bahnen am Wochenende nachts durchfahren.

kendama

Nachdem ich den Verkäufer über eine halbe Stunde in Beschlag genommen hatte, beschloss ich, den Laden nicht zu verlassen, ohne nicht wenigstens auch etwas zu kaufen. Alleine schon weil Spielzeug zu kaufen immer so toll ist der Fairness halber . Das ältere Kind meiner besseren Hälfte schien mir geeignet, ein Kendama geschenkt zu bekommen. Ich also so ein Dingsi gekauft, heimgetragen und erstmal hingelegt, denn ich verschenke eh immer viel zuviel Zeugs. Heute Mittag, kurz bevor ich angefangen habe, diesen Beitrag zu schreiben, habe ich das Kendama ausgepackt, um ein Gefühl für den Gegenstand der Berichterstattung zu bekommen. Ich habe ein Gefühl dafür bekommen. Was ich außerdem bekommen habe, ist nix auf die Reihe. Darum ist dieser Artikel auch so spät am Abend erst fertig geworden.

Und wo wir gerade beim Bekommen sind, fällt mir auf, dass das Kind wohl vorerst kein Geschenk bekommen wird. Wär ja auch irgendwie blöd, so ein gebrauchtes Spielzeug zu verschenken, ne? Was macht das denn für einen Eindruck!

 

Kleiner Tipp noch vom Experten (also nicht von mir): Falls Sie sich ein Kendama kaufen und ungeübt sind, kaufen Sie sich kein kleines, denn die sind wesentlich schwieriger zu spielen. Meins ist etwa 16 Zentimeter hoch, also ungefähr so hoch wie meine Frustrationsschwelle, und ich komme sehr gut damit zurecht.

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5 Lesermeinungen

  1. Skurrile Entdeckungen!
    Skurrile Entdeckungen und Neues aus meiner alten Heimat, jau, so macht das Bloglesen Spaß!

    • Es gab da auch noch einen irgendwie absurd deplaziert wirkenden Kleinsupermarkt. Den hab ich völlig vergessen.

  2. ...
    „Friseure (von denen es hier bemerkenswert viele gibt)“
    Was wunder; wir sind in Schöneberg.

  3. Spielzeug zum Ansehen (und kein "kann ich Ihnen helf...")
    Einen lohnenswerten Spielzeugladen gibt’s auch in der Großen Hamburger Straße (die haben sogar noch diesen kleinen Vogelzwitscherblättchen, die man in den Mund stecken kann und man dann so tut als wüßte man nicht, wo das zwitschern herkommt; früher 5 Pfenning, heute auch nicht sehr viel teurer, dort).
    Leider ist -als Aufhänger für die Serie- keine U-Bahn-Station in der Nähe, …vielleicht mit viel gutem Willen die Weinmeisterstraße?
    (Der Laden ist ist zwischen Sophienkirche und Jüdischer Oberschule)

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