Berlin ABC

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Arbeit in Zeiten des Bahnstreiks 

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Bah! – was für eine fiese Arbeitswoche!

Was den Bahnstreik angeht, so denke ich eigentlich nicht, dass ich hinreichend beurteilen kann, ob dieser nun gerechtfertigt war oder nicht. Darüber mögen andere streiten. Die im Netz kursierende Tabelle, die den europäischen Lohnvergleich unter Lokführern auflistet, ist auf den ersten Blick vielleicht wenig schmeichelhaft für die Bahn (auf den zweiten Blick sieht man, dass die Zahlen von 2007 sind und ich weiß nicht, ob das nicht doch etwas lange her ist) und auch die Meldung, dass die Bahnvorstände und Manager sich für das vergangene Jahr besonders viele Boni selbst schenkten ist zumindest zeitlich ungünstig in den Medien erschienen, man erinnert sich leider doch noch daran und man wird zurecht Fragen stellen. Aber wer weiß, worum es der GDL wirklich geht? Wer kann schon sagen, ob da nicht eine seltsam egomane Gewerkschaft ein legitimes Anliegen nutzt, um sich selbst aufzuspielen? Also ich kann das das nicht sagen.

Was ich sagen kann ist, dass es den Berlinern im Großen und Ganzen zur Routine geworden ist, mit Ausfällen ihrer S-Bahn umzugehen und Alternativen zu finden.

Der Bahnstreik führte zu einem Komplettausfall der Ringbahn, andere Linien fuhren im 20-Minuten-Takt und/oder auf verkürzten Strecken. Meine S-Bahn ist normalerweise die S7. Sie verkehrt zwischen Ahrensfelde und Potsdam Hbf, in Griebnitzsee steige ich aus. Während der Streiktage fährt sie aber nur bis zum Alexanderplatz. Die Ausweichstrategie laut BVG-Fahrinfo ging so: bis Ostbahnhof fahren, dort in den Regio steigen, bis Wannsee fahren, dort in die S1 steigen, die nun endlich wieder in Betrieb ist (inklusive Humboldthain). Die Fahrzeit, die mir für diesen Ersatzweg vorhergesagt wurde, betrug zu meiner großen Überraschung genau so lange, wie immer! 8:50 Uhr einsteigen, 9:36 Uhr ankommen. Auf die Minute genau gleich! Theoretisch. Ob das angesichts der massiven Probleme, die andere hatten, wirklich wahr werden konnte?

Noch am Vorabend des Streiks saß ich mit den Mitbewohnern eines Freundes über der BVG-App und wir alle planten unsere Arbeitswege: L. hatte das Auto ihrer Eltern bekommen, sie war fein draußen. Ihr Freund J. überlegte, sein Rad mit in die S-Bahn zu nehmen, falls er irgendwo steckenbleiben sollte. Bei nochmaligem Drübernachdenken jedoch befanden wir einhellig, dass die wenigen fahrenden Bahnen auch ohne sein Fahrrad schon überfüllt sein würden. So entschied er sich, 20 Minuten früher zu fahren, um einfach auf Nummer sicher zu gehen. Ich entschied mich dafür, auszutesten, ob der Notfallfahrplan würde halten können, was er versprach: 8:50 Uhr bis 9:36 Uhr.

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Was dann geschah…

In der S-Bahn zum Ostbahnhof musste ich schon eine Weile warten: Die Leute schienen nicht alle reinzupassen. Nun ist es am Ostkreuz derzeit aber auch so, dass sich am Gleis von dem die Züge in Richtung Mitte fahren recht weit vorne eine Menschentraube bildet und nur wenige die Wanderschaft zum anderen Ende des Gleises aufnehmen. Das ist baubedingt (hoffe ich) und wird vielleicht eines Tages anders gelöst. Jedenfalls waren die vorderen Wagen proppenvoll und der Zugführer konnte nicht losfahren und alles stand minutenlang still. Minuten, in denen die Draußengebliebenen zum hinteren Ende der Bahn pilgerten. Zum Glück war dies eine frühere Bahn, als ich eigentlich geplant hatte, sonst wäre mein Versuch gleich zu Beginn gescheitert. Bemerkenswert jedenfalls, dass nicht einmal an einem Streiktag die Leute in der Lage sind, sich besser über den Bahnsteig zu verteilen um zu warten, dass die Herdenmentalität und die Trägheit siegen. Immer.

Am Ostbahnhof war der Regio dann superpünktlich und total leer! Erstaunlich, vertrat er doch immerhin mindestens 6 ausgefallene S-Bahnen in Richtung Potsdam und Babelsberg (und die sind morgens immer ziemlich gut gefüllt). Es sollte sich herausstellen, dass ich mich zu früh gefreut hatte: Am Alexanderplatz, wo die Notfallplan-S7 nun ihre Endstation hatte, stiegen sie alle ein. Und: sie brachten in Dutzenden ihre Fahrräder mit! Die Fahrräder wurden dann in dem Bereich gestellt, der für die Fahrräder vorgesehen ist. So weit, so korrekt – normalerweise! Heute aber wurde eine Bimmelbahn aus diesem Regio: nicht nur, dass er am JEDEM Bahnhof auf dem Weg nach Brandenburg anhielt, er hielt auch jedes Mal ewig lange, da die Aussteigenden kaum an den Rädern vorbeikamen und die Einsteigenden dank der Räder Schwierigkeiten hatten, hineinzupassen. Sie stießen sich an Lenkern, sie lösten Dominoreaktionen der aneinandergelehnten Drahtesel aus, die auf andere Fahrgäste kippten und manche wurden schlicht am Bahnsteig stehen gelassen, da sie bei bestem Willen nicht mehr hineinpassten.

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In Wannsee konnte aufgrund dieser Verzögerungen die Anschluss-S1 natürlich nicht mehr erwischt werden. Ich wartete 15 Minuten auf die nächste, fror, da ich nicht eingeplant hatte, länger an einem Bahnhof herumzustehen und kam dann doch 20 Minuten verspätet auf der Arbeit an. Was ich immer noch für sehr wenig halte, angesichts der Tatsache, dass ein Streik ja eigentlich ein Streik ist. Und wie ernst die Leute den nehmen, wenn sie tatsächlich nur eine Minute später ankommen, als geplant, das ist eine Frage, die auf einem anderen Blatt zu stehen hat.

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5 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    „Wer kann schon sagen, ob da nicht eine seltsam egomane Gewerkschaft ein legitimes Anliegen nutzt, um sich selbst aufzuspielen? Also ich kann das das nicht sagen.“

    Aber wieso schreiben Sie dann…
    … diese beleidigende Vermutung?

    • für mich ist es ganz einfach: ich wünsche den Lokführern bessere Arbeitsbedingungen und auch mehr Lohn. Solidarität mit ihnen ist leicht. mit der GDL ist es für mich sehr schwer: der Satz ist mit einem taz-Artikel verlinkt, den zu lesen es ich empfehle, weil er aufzeigt, welche anderen Interessen noch zum Tragen kommen bei diesem Streik. und da bröckelt dann für mich auch die Legitimität an.

  2. STREIK
    Und bei uns auf dem Land fährt kein Bus, keine Straßenbahn, es gibt kein Geld mehr am Automaten, die Kinder können nicht in die Kita und bald auch nicht mehr in die Schule.
    STREIK.
    Und wer ist Schuld? Die Lokführer!

    • Streik ist ein legitimes Mittel, um in einem Streit mit einem machtvollen Partner, der sonst immer am längeren Hebel sitzt, auch eine Machtposition einnehmen zu können.

  3. Titel eingeben
    Der Streik wurde nicht von Wesselsky befohlen sondern durch einen Mehrheitsbeschluß der Mitglieder (>75%).

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