Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Storkower Straße (die eine Seite)

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Wenn man am S-Bahnhof Storkower Straße ankommt, dann gibt es zwei Richtungen, in die man gehen kann: Nach Norden raus und nach Süden raus. Heute gehen wir einmal nach Süden raus, das mit dem Norden müssen wir nachholen.

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„Als ich noch klein war, da liefen dort drüben noch die Schweine lang und wir haben denen immer zugesehen, wenn wir hier vorbeikamen.“ D. ist Urberlinerin – Urfriedrichshainerin sogar. Das alte Schlachthofgelände, das zwischen den S-Bahnschinen am Bahnhof Storkower Straße und der Eldenaer Straße liegt, kennt sie noch als genau das: als Schlachthof mit großen Hallen, Ställen und allerlei Getier.

Eine andere Urberlinerin hatte Schauerliches zu erzählen, als sie mit mir ins Gespräch kam. Das war vor Jahren, ich arbeitete als studentische Hilfskraft im Archiv Grünes Gedächtnis und hatte Lesesaalaufsicht, die Frau hatte irgendetwas zu recherchieren, was vielleicht mit der grünen Geschichte zu tun hatte. Jedenfalls kannte sie den Ort noch von früher, wie sie sagte und da habe man die Schreie der Tiere deutlich gehört und zugleich habe über dem gesamten Gelände eine Duftwolke gelegen, die ihr den Atem geraubt habe: Blut, Gedärm und auch ein bisschen Verwesung. Damals war ich noch Vegetarierin und wollte von solcherlei Details lieber nichts wissen, weswegen ich fest schluckte und versuchte, die Bilder, Töne und Gerüche aus dem Kopf zu kriegen, die durch die Erzählung aufkamen.

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Ich kenne das nämlich ein bisschen. Im kleinen Maßstab. Als ich ein kleines Kind war hat mein Opa auch immer wieder in seinem Hof geschlachtet. Sie haben das Schwein getötet, gehäutet und ausgenommen. Es standen viele Werkzeuge und Maschinen auf dem Hof rum und es liefen große, dicke Männer umher, sie hatten Schlachterschürzen um, auf denen das Blut der Tiere klebte und nie, nie, niemals wollte ich dabei sein, wenn das alles dort geschah. Dort auf dem Hof, auf dem ich auch immer so gerne spielte. Hinterher gab es Wurstsuppe und die Würste hingen in der Räucherkammer herum und man konnte frische, grobe Leberwurst haben – die Leberwurst vom Fleischer Genz erinnert mich frappierend an die von meinen Großeltern! – und Blutwurst – aber wer will schon Blutwurst?! Und auch wenn ich es tunlichst vermied jemals zu sehen, was die da mit dem armen Schwein anstellten, so werde ich niemals den Geruch vergessen, der an solchen Tagen über dem Hof meiner Großeltern lag. Und das von nur einem Schwein! Wie muss es da erst auf dem Schlachthofgelände gerochen haben, wenn Dutzende, Hunderte gar geschlachtet, gehäutet und ausgenommen wurden?

Der Opa meiner Kindheit schlachtete also Schweine. Mittlerweile haben die Kinder aber Opas, die oben auf dem alten Schlachthofgelände ihren Lebensabend verbringen. Denn dort findet man jetzt links und rechts neben der Rinderauktionshalle, in der sich ein riesiges Fahrradgeschäft, angeblich das größte in ganz Deutschland, eingenistet hat, Neubauanlagen mit Niedrigenergiehäusern, die in Reih und Glied daherkommen und einige meiner Freunde zum Davonlaufen anregen, weil es so nach der Kleinstadt aussieht, vor der sie eigentlich mal geflüchtet sind, als sie nach Berlin kamen.

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Für die ganz noblen unter diesen Neubauten hat man von den ehemaligen Rinderställen die Vorderfronten stehen gelassen und sie in die moderne Architektur integriert. Auch der riesige Fahrradladen hat die alten Skelette der Rinderauktionshalle in sein Gebäude integriert. So sieht das alles irgendwie immer noch ganz hübsch aus, erinnert zumindest an die alte Architektur, die noch nicht bloß aus Rechtecken und Quadern bestand und ich finde das eigentlich rein äußerlich auch schöner, als diese neuen Häuserfronten. Von vorne besehen denkt man spontan vielleicht: „schlimm“. Aber wenn man weiß, wie es innen und vor allem hinten aussieht, dann überdenkt man seine Meinung vielleicht noch einmal: Da sind richtige Gärten, mitten in der Stadt, zu jedem Haus gehört ein eigener Garten. Da fast überall Familien wohnen und alle ungefähr zeitgleich eingezogen sind, als es noch keine Rasen und keine Zäune gab, lernten sich erst die Kinder kennen, tobten dann ungehindert durch die Grundstücke, wobei die Grenzen total egal waren, hauptsache viel Platz und hauptsache toben, und so kommt es, dass heute fast alle mindestens einen kleinen Durchgang gelassen oder gleich gar keinen Zaun oder sonstige Begrenzung zum Nachbargarten errichtet haben. Das grenzenlose Toben kann also weitergehen und das ist ziemlich toll. Und falls es den Kindern in den Gärten zu klein werden sollte, dann können sie in den Park nebenan gehen, da steht noch das Gerippe einer alten Schlachthofshalle und wenn das nicht zu so manch Abenteuern einlädt, weiß ich auch nicht!

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All das wurde geplant, verkauft und gebaut, als man sich sowas in Berlin noch leisten konnte. Also im letzten Jahrzehnt. Holger weint immer ein bisschen, wenn er den Preis hört, den man damals für das Haus mit Garten bezahlte, mit bester Infrastruktur (Supermärkte, Apotheken, Drogerien, Baumarkt und sogar das Frische-Paradies[1] in Reichweite!) und der Samariter-Kiez ist ebenso wieder der Forcki zu Fuß zu erreichen. Außerdem wohnt man direkt an der Ringbahn. Man wohnt in der Mitte der Stadt! Das alles ist also eigentlich ein bisschen unverschämt.

Aber nun bekommt man dort natürlich nichts mehr. Die Preise sind derzeit so dermaßen explodiert, dass jeder sich an seine Wohnung klammert, wenn er irgendwie kann. Meine Freundin K. nimmt dafür auch in Kauf, dass sie jetzt wochenlang Bauarbeiter in der Wohnung hat, wegen denen sie alles abdecken muss und die ganze Zeit fürchten, dass sie etwas kaputt machen, während sie tagsüber arbeitet und studiert. In Berlin wurde ja gerade sogar der Mietspiegel gekippt. Damit Vermieter noch mehr Geld von ihren Mietern bekommen können und was nun mit der Mietpreisbremse ist, weiß auch keiner. Da gleichzeitig die Zinsen fürs Bauen weiterhin sehr niedrig sind, ist der Run auf Eigenheime und Neubauten derzeit so groß, dass auch hier die kleinen Leute von der Straße einpacken können. Aber das ist eine andere Geschichte. Genau wie der Blick auf die andere Seite der S-Bahnschienen. Ich habe gehört, dass es im Norden ein Bastelkaufhaus geben soll!

###So sieht sie vom Bahnhof aus, die andere Seite. Was dort wo alles ist?

[1] Im Frische-Paradies kann man Dinge für den Gaumen kaufen, die ernsthaft hochwertig sind und unglaublich köstlich. Entsprechend sind die Preise – hier kann man arm werden. Deswegen habe ich da noch nie eingekauft. Aber: Wenn ich jemals eine finale Diagnose bekommen sollte, dann werde ich ein Monatsgehalt nehmen und mich im Frische-Paradies austoben.

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2 Lesermeinungen

  1. Literarisierung
    Der „Zentralvieh- und Schlachthof“ Berlins wird beklemmend eindrucksvoll in Berlin Alexanderplatz beschrieben. Für den heutigen Leser ergeben sich fast zwangsläufig Assoziationen zum maschinellen Töten in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern. So wird geschildert, dass die Kälber aufgrund der Dampfschwaden auf dem Gelände vermuten, dass es nur zu einer gründlichen Reinigung gehe. Und das Kapitel unmittelbar davor heißt auch noch: „Franz bläst den Juden den Abschiedsmarsch“.

    • oh ja! Herr Döblin steht auf dem Lesestapel – vorher wird Berlin Alexanderplatz nicht besucht. 🙂

      ist lange her, das ich das las. dass der Schlachthof auch drin vorkam ist mir nicht mehr präsent.

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