Berlin ABC

Scheitern am Leopoldplatz

Ich musste zum Leopoldplatz und hatte noch ein wenig Zeit, mir die Gegend anzusehen. Hier steht ein Karstadt-Kaufhaus, das aussieht, wie in einer dieser langweiligen, westdeutschen Fußgängerzonen der 1970er Jahre. Im Gegensatz zu den Kleinstadtruinen ist dieser Karstadt allerdings noch geöffnet und bietet Waren feil. Da muss ich auch nochmal in Ruhe rein und gucken, was es dort alles gibt – bei mir in Tempelhof ist ja auch einer, der kam mir aber immer ein wenig schäbig vor, so dass ich ihn meide. Um die Ecke ist ein sehr verwirrendes asiatisches Restaurant. Seine Karte ist so entsetzlich lang, wie bei allen anderen auch, aber es stehen ausschließlich Fleischgerichte darauf – bis auf eines und das heißt „Vegetarischer Teller“. Ich finde sowas irritierend.  Aber eigentlich wollte ich was ganz anderes erzählen.

Am Leopoldplatz steht das Rathaus Wedding. Links daneben lungern die Säufer rum und rechts daneben gibt es eine bemerkenswerte Ladenzeile, die schön alt aussieht. Besondern angetan hatte es mir die Auslage des Musikhauses Stehr – vermutlich, weil ich seit vergangenem Herbst eine Ukulele besitze und einige davon als „Kindergitarre“ im Schaufenster hingen. Dazu Maultrommeln, Rasseln, Gitarren, Noten und was sonst noch in solch einem Laden zu finden ist. Ich wurde nostalgisch und trat mit leuchtenden Augen ein.

Es gibt so Arbeitgeber, deren Namen dermaßen renommiert sind, dass alleine die Erwähnung sämtliche Türen und Herzen zu öffnen vermag. Ich bilde mir ein, „FAZ“ sei so ein Name (bisher hat es ja auch prima funktioniert). Ich also rein in den Laden. Hinter der Theke steht eine sehr alte, gebeugte, freundliche Dame, die mir erzählt, der Laden sei schon über 100 Jahre alt und sie betreibe ihn, weil es ihr Freude bereite. Als ich meine Kamera zücke und ihr sage, ich schriebe für die FAZ und würde ger…, sagte sie: „Nee, lassense mal! Wenn Sie was schreiben, kommen hier wieder die ganzen Reporter an und wollen auch mal. Das ist mir zu anstrengend. Das will ich nicht. Schreiben Sie lieber mal was über den Kaffeefritzen nebenan. Der beschwert sich schon immer, dass alle nur über mich, aber nie über ihn schreiben wollen.“ Meine Frage, ob der denn auch schon so lange hier sei, verneinte sie, der sei erst ein paar Jahre alt. „Ja… oeh… nee“, dachte ich, „das reicht mir nicht…“, verabschiedete mich freundlich, bedankte mich, dass sie einen solch schönen Laden betreibt und zog von dannen.

Diese Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität hat mich anscheinend so sehr verwirrt, dass ich mich auf dem Heimweg im U-Bahnhof ein wenig verlaufen habe, weil man den Bahnsteig der U6 wechselt, indem man über den Bahnsteig der U9 laufen muss.

Mit mir kann man’s ja machen!