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Wir fahren durch die Hauptstadt

Verdammter Priesterweg

| 32 Lesermeinungen

Ich fahre gerne mit dem Fahrrad. Auch gerne zur Arbeit und ich benutze es auch sonst als alltägliches Fortbewegungsmittel. Wer in Berlin das Rad als Verkehrsmittel nutzt, lernt sehr schnell, dass Abgeordnetenhaus, Senat und Verwaltung von Berlin zwar gerne behaupten, sie würden den Radverkehr in besonderer Weise fördern, ihm tatsächlich aber eher gleichgültig bis ablehnend gegenüber zu stehen scheinen.

priesterweg_attitude

Die Radwege sind, soweit überhaupt nutzbar, in teils groteskem Zustand, so dass man sie nur noch mit dem Mountainbike gefahrlos benutzen kann. Hochstehende Kanaldeckel, aufgeplatzer Asphalt, Baustellen, abruptes Ende im fließenden KfZ-Verkehr… alles, was Fahrbahnen schlecht machen kann, hat Berlin auf seinen Radwegen versammelt. Als Bonus sind dort, wo Radwege nicht auf der Fahrbahn markiert sind (was die ungefährlichere Variante ist), sondern neben Gehwegen herlaufen, die Gehwege meist besser befahrbar als die Radwege, deren viel zu kleinen Steine von Wurzelwerk dezimeterweise hochgedrückt werden, wenn sie nicht gleich ganz fehlen. Zu allem Überfluss werden im Grunde unbenutzbare Radwege auch noch gerne als benutzungspflichtig ausgewiesen, so dass aggressive Autofahrer, die sich ohnehin schon einbilden, andere Verkehrsteilnehmer belehren zu dürfen, indem sie deren Leib und Leben durch zu enges Überholen oder Abdrängen gefährden, sich auch noch vermeintlich im Recht fühlen können. In den Touristenbezirken sieht es zwar etwas besser aus, aber einerseits fährt man dort als Einheimischer seltener rum und andererseits sind die Wege dort oft dermaßen voll, dass an ein entspanntes Fahren gar nicht erst zu denken ist. Wenn Reisegruppen auf Leihrädern unterwegs sind, allemal.

Ich weiß immer gar nicht, wer da eigentlich zuständig ist, Bezirk oder Land (also AGH und Senat), und eigentlich ist mir auch egal, wer da seinen Job nicht ordentlich macht, denn die Zumutungen bleiben am Ende die gleichen und der Fisch stinkt vom Kopfe her, so dass ich letztlich sowieso dem „regierenden“ (haha) Bürgermeister alle Schuld in die Schuhe schieben will.

Es gibt so ein paar Stellen, die in mir sogar Gewaltphantasien hervorrufen, die im wesentlichen daraus bestehen, verantwortliche Politiker und Verwaltungsmitarbeiter auf eine Pappe zu setzen, hinter mein Rad zu binden und sie dann ein paar Kilometer über ihre Verantwortungsbereiche zu ziehen. Geeignete Strecken wären beispielsweise die Stralauer Allee zwischen Oberbaum– und Elsenbrücke, die B1 zwischen Rathaus Steglitz und S-Bahnhof Wannsee, die Attilastraße in Tempelhof oder auch in Neukölln die Sonnenallee, die Hermann- und Karl-Marx-Straße. Dann käm‘ ich zwar in den Knast, aber einerseits lassen sich von dort bestimmt auch ein paar nette Geschichten erzählen und andererseits würde ja vielleicht doch ein wenig Sinneswandel in die Behörden einziehen. Vielleicht würde es ja auch reichen, die Verantwortlichen führen auch regelmäßig Rad erlebten und am eigenen Leib, wie unerträglich die Fahrerei bisweilen schon dann ist, wenn man mal nicht mit hirnlosen Autofahrern interagieren muss. Aber unsere Politiker fliegen halt auch mit Flugzeugen und kriegen den BER nicht gebaut. Von daher würde ich da nicht allzuviel erwarten.

Den Vogel der Gleichgültigkeit abgeschossen hat der Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Will man vom Südkreuz Richtung Steglitz/Lichterfelde, kann man über einen gut asphaltierten Weg, parallel zur S-Bahn, durchs Südgelände fahren. Um am Südkreuz auf diesen Weg zu gelangen, ist eine komfortable Rampe gebaut worden, die direkt an die einzigen paar hundert Meter ordentlichen Radwegs des Sachsendamms anschließt. Der kilometerlange Rest des Sachsendamms ist für Radler eher weniger angenehm. Wir radeln Richtung Süden, teilen uns den Weg mit Spaziergängern, und Joggern und sind reichlich zufrieden (keine Autos, kein Lärm, entspannte Menschen – ob es da wohl einen Zusammenhang gibt?).

priesterweg_glatt

Am südlichen Ende, gleich am Bahnhof Priesterweg gibt es wieder eine Rampe, um diesen Weg wieder zu verlassen. Die ist etwas rauher asphaltiert, aber problemlos befahrbar. Und dann kommt der Kracher:

priesterweg_kopfstein

Ein Übergang zu kleinem, sehr unebenem Kopfsteinpflaster, das man hinter sich lassen kann, wenn man es schafft, zwischen den zu eng stehenden Pollern auf groberes Kopfsteinpflaster auszuweichen.

priesterweg_gehweg

Am Ende dieser kleinen Stichstraße, die anscheinend sowas wie die Bahnhofsvorfahrt sein soll, biegt man links ab in Richtung Prellerweg und hat auch hier wieder die Wahl zwischen einem eher engen Gehweg, der so halb rumpelt oder einer Kopfsteinpflasterstraße, die heftig rumpelt.

priesterweg_auswahl

Es ist zwar nur ein kurzes Stück, gut 200 Meter, aber es ist für mich die perfekte Metapher für alle Unfähig- und willigkeit, die Berliner Politik und Verwaltung nicht nur bei Radwegen, sondern fast überall an den Tag legen: Schulen, Winterdienst, S-Bahn, Wohnungsbau, Verkehrsüberwachung, Verbrechensbekämpfung und -aufklärung… you name it! Normalerweise kann ich mich ja prima über die hiesige Profiversagerei amüsieren, denn ich kann jederzeit weg, wenn es zu schlimm werden sollte. Wenn ich aber sehe, wie an solcherlei tiefbauerischem Kleinkram gescheitert wird, während dieselben Verantwortlichen sich einbilden, Flughäfen und Opernhäuser bauen zu können, möchte ich Fremdhaar raufen und erscheint mir die Bezeichnung „failed state“ für diese Stadt gar nicht mehr so absurd. Ich wüsste bloß gerne, wen wir um Hilfe bitten könnten.

Achja: Am Bahnhof Priesterweg sind auch bemerkenswerte Sachen, über die man freundlich berichten kann und nicht ranten muss. Das mache ich ein andermal. Außerdem ist mir klar, dass es noch wesentlich schlimmere Ecken für Radler gibt, aber diese hier ist so schön kompakt – und außerdem gibt es hier ja eine Kommentarspalte zum Sammeln 😉

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32 Lesermeinungen

  1. Verdammter Priesterweg...
    ein „Jesus-Jünger“ der Moderne auf dem „Draht-Esel“ 2015?
    Sorry…aber das kam spontan…nix für ungut:=)

    Gruß,
    W.H.

  2. Titel eingeben
    Da Berlin ReichsBundeshauptstadt ist, könnte man ja das Radwegnetz in den Bundeswegeplan mit aufnehmen mit höchster Priorität und dann durch die neue Dobrindt Pkw Maut finanzieren.

  3. Wie wahr!
    Mir fehlt die Anmerkung über das wunderbare Gitter, das mitten im Knick in der Rampe verlegt ist und bei Nässe ar***glatt und gefährlich ist.

    Was tut die Stadt?
    Klebt ein paar Meter vor und nach dem Gitter je ein Schild „Gehweg – Radfahrer absteigen“ ans Mäuerchen, damit ja alle ihre Räder über das Gitter schieben und kein Radfahrer dort stürzt…

    Der Witz dabei: Fährt man die Rampe hoch (Richtung Norden), so steht 2 m hinter dem ersten „Gehweg“-Schild die Erlaubnis „Radfahren erlaubt“.

    Ach ja, die Gehweg-Schilder sind inzwischen übersprüht worden, so dass keiner sie mehr lesen kann…

    • Ich bin bisher immer nur dort langgefahren, wenn es trocken war 🙂

    • Geschicklichkeitsparcour am Priesterweg
      Ich fahre diese Strecke (oder besser diesen Geschicklichkeitsparcour) am Priesterweg täglich, mit dem Mountainbike. Auch mich würde interessieren wer diese Planungen so macht? Leidenschaftliche Autofahrer die nie im Leben mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren würden, und diesen Job als Strafe aufgebrummt bekommen haben.?

    • Ich hab am Freitag den ehemaligen Berliner Fahrradbeauftragten (mittlerweile hat der Senat diesen Posten wieder abgeschafft) gefragt und der meinte, es seien vier Behörden dafür zuständig. Politikverweigerung kann das Abgeordnetenhaus ganz gut… 😀

  4. Die Maut kommt...
    und dann wird Brüssel die Steuersenkung kassieren und dann zahlen die Autofahrer Steuer + Maut und Berlin wird die Schuld auf Brüssel schieben.

  5. Fehlkonstruktionen
    Hier was für die Sammlung: Meine persönliche Lieblings-Fehlkonstruktion ist die Art, Radwege auf Gehwegen an viel benutzten Bushaltestellen vorbeizuführen.

    Einfach einen Radstreifen zwischen Bordstein, Haltestellenschild und Rest-Gehweg aufpinseln, blaues Radwegschild aufstellen und das Ein- und Aussteigen in den Bus wird für Fahrgäste und Radfahrer zum spannenden Abenteuer. Besonders schön zu Beobachten am Bahnhof Zoo unter der S-Bahn-Brücke.

    Apropos „aufgeschobene Berichte“: Wann gibt’s denn den Bericht zu den Radios in der Voltastraße?

    • Den schreibe ich im Herbst, wenn die Stimmung wieder etwas gedrückter ist, um die werte Leserschaft mal ordentlich runterzuziehen 😉

  6. Kronprinzessinenweg
    Ich glaube du hattest es mal bei Wrint erwähnt, nutzt du den Kronprinzessinenweg durch den Grunewald? Wenn man von der Schloßstraße–>Breitenbachplatz–>Wilder Eber–>Roseneck–>Grunewald fährt hat man eine überschaubare Ampelanzahl und bis zum S-Bhf Wannsee geht es dann gut.
    Hilft am Priesterweg natürlich trotzdem nicht 🙂

    • Das ist, bis auf das Eichkamp-Stück, die schönste Strecke, die ich in Berlin kenne. Dummerweise wohne ich nicht im Südwesten, sondern im Südosten, so dass es ein ordentlicher Umweg wäre.

    • Süd-Osten?
      Seit wann ist Tempelhof Südosten? *wunder*

    • Hm. Stimmt. Ist schon ziemlich Süden. Irgendwie fühle ich mich immer südöstlich, wenn ich zuhause bin 😀

  7. Du hast vergessen zu erwähnen,
    dass es sich bei der Strecke, die Du da befahren hast, auch noch um die zentrale Nord-Süd-Verbindung für Berliner Radfahrer handelt: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/verkehr/mobil/fahrrad/radrouten/download/routen_beschildert.pdf . In der entgegen gesetzten Richtung mündet derselbe Radweg direkt in die Schalterhalle des Bahnhofs Südkreuz (der erst ein paar Jahre alt ist), um danach als fünf Meter breite Spur in Richtung Potsdamer Platz weiter geführt zu werden. Fahrradfahrer werden bei der Planung halt vergessen und dann nachträglich in das Verkehrsgeschehen eingeflickt – sowas ist nur möglich, wenn die Planverfahren größtenteils ohne Mitwirkung der Betroffenen ablaufen. Bei der Neuplanung der von Dir genannten Karl-Marx-Straße, die ja gerade umgebaut wird, scheint das allerdings ausnahmsweise mal richtig gelaufen zu sein – die neuen Abschnitte, die bereits befahrbar sind, machen – für Neuköllner Verhältnisse – richtiggehend Spaß.

    • Stimmt! Da bin ich neulich mit meinem Hipster-Rad langgefahren, habe mich gewundert, dass es so vernünftig aussieht und es dann gleich abgelegt unter „Ist bestimmt nur ein Provisiorium, dass von den Berliner Spazialexperten in üblicher Weise endverkackt wird“. Meinst Du, das bleibt so?

    • Titel eingeben
      Schau Dir mal den laufenden Neubau des Ostkreuzes an. Mit dem Rad (verboten) über die Rolltreppe oder über den Aufzug, den oberen Bahnsteig und in gleicher weisse wieder runter. Eine Fahrradbrücke kann doch nicht so viel kosten. Die Autobahnuntertunnellung des Ostkreuzes ist mit unzähligen Millionen schon vorbereitet, also in den Sand gesetzt. Aber ein Fahrrad wurde in keiner Weise eingeplant. Wo gibt’s denn so was.

  8. Es geht auch anders
    @holgi
    Ich höre Dich ja schon immer in Deinen Podcasts über Berlin und seine Radwege ranten, aber das jetzt noch lesen zu dürfen? Traumhaft.
    Dennoch: Sei froh, dass ihr überhaupt so etwas wie Radwege habt. Wiesbaden hat keine, an Hauptverkehrsstraßen kann man nicht mal auf den Fußgängerweg (sofern vorhanden) ausweichen und kann nur hoffen, nicht vom Außenspiegel eines Busses erschlagen zu werden. Und die Rechts-vor-Links-Regel gilt hier auch nur für motorisierte Verkehrsteilnehmer.

    Ganz anders meine Geburtsstadt Oldenburg. Da gibt es Fahrradstraßen, da haben Radler Vorrang und die motorisierten Verkehrsteilnehmer müssen Rücksicht nehmen. Und das klappt hervorragend (übrigens auch außerhalb dieser Fahrradstraßen).

    • Klar klappt das. Man muss bei Autofahrern bloß Bewusstsein schaffen (und immer wieder auffrischen).

  9. Der unerreichte Gipfel der Fahrradfahrerfeindlichkeit
    ist für mich die Kreuzung aus Radwegvernachlässigung und dem schon erwähnten Winterdienst. Oft schieben die Räumfahrzeuge den Schnee sowohl von der Fahrbahn als auch vom Fußgängerweg auf den Radweg. Wenn es in Kopenhagen schneit, werden erst alle Radwege geräumt und dann die Straßen. Darüber freuen sich auch die Autofahrer. Denn wäre es anders, würden noch viel mehr Radfahrer bei Schnee aufs Auto umsteigen und die Straßen wären verstopft. Diese Regel auch flächendeckend in Deutschland einzuführen, wäre meine Antwort auf die Frage, was ich an einem Tag als absoluter Herrscher hier ändern würde.

    • Am nächsten Tag, wenn ich dann absoluter Herrscher bin, verbiete ich Außenwerbung, die nicht unmittelbar zum werbenden, lokalen Einzelhandelsbetrieb gehört 🙂

    • Also auch
      Wahlwerbung?

    • Hmm… das wäre in der Tat mal ein interessantes Experiment, weil die Parteien dann nicht mehr so Quatsch wie „Keine Experimente“ oder „Für mehr Bladiblubb“ verbreiten könnten, sondern sich mehr einfallen lassen müssten.

  10. Alle Macht den politisch Interessierten
    Ich dachte an ein radikales Verbot. Es wird ja einerseits oft beklagt, dass die Wahlbeteiligung sinkt, dann wieder, wenn auch seltener, ärgert man sich, dass jeder noch so politisch Ungebildete und Uninteressierte dasselbe Stimmrecht hat wie wir, die wir jeden Tag den Politikteil unserer Qualitätszeitung auswendig lernen. Letzterem Übel könnte man abhelfen, indem man jegliche Wahlwerbung – vor allem natürlich die im Fernsehen – verbietet. (Wahrscheinlich würde die Streichung der Wahlkampfkostenerstattung schon ähnliche Effekte haben.) Jeder kriegt natürlich seine Wahlbenachrichtigung und in redaktionellen Beiträgen darf auf das bevorstehende Ereignis ebenfalls hingewiesen werden.

    • Würde mich nicht wundern, wenn die Zeitungen mit den großen Buchstaben dann die Parolen oberhalb des Bruchs drucken würden. Hach, fänd ich das spannend 🙂

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