Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Kochstraße

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Man steigt an der Kochstraße aus, wenn man zum Checkpoint Charlie will, diesem ehemaligen Grenzübergang nach Ostberlin. Aber der ist ja nichtmal für Touristen interessant. Jedesmal, wenn ich dort vorbeikomme, fühle ich mich ein wenig so verarscht, wie damals am Nordkapp. Da muss man nämlich auch nicht hin, fährt aber trotzdem – und wundert sich dann, was der Quatsch eigentlich soll. Aber vielleicht ist das jeweils anders, wenn man am Nordkapp oder in Berlin lebt. Bisher habe ich mich immer nur dorthin begeben, um einen Hamburger zu essen.

kochstr_bahnsteig

Am Checkpoint gibt es nämlich eine Brachfläche, auf der so ein Stadtstrand aufgeschüttet und mit Buden und Liegestühlen vollgestellt ist. Darunter befand sich bis neulich eine bemerkenswerte Burgerbraterei namens Burger De Ville, zu erkennen am Airstream. Ich mag die Burger dort gerne, weil sie ohne die übliche Handbreit Schnickschnack zwischen Brötchen und Fleisch, dafür aber mit sehr gutem Fleisch gemacht werden. Es gibt ein paar nützliche Einzelhändler auf der Friedrichstraße und das Redaktionsgebäude der taz ist genauso in der Kochstraße, wie der Axel-Springer-Verlag. Dessen Stück der Kochstraße ist allerdings vor ein paar Jahren umbenannt worden in Rudi-Dutschke-Straße. Hui, was war das ein Geheule bei den „Konservativen“… Gerade so, als würde sich an einem Straßennamen das Überleben des Abendlandes entscheiden. Aber Ideologie war ja schon immer reichlich albern. In diesem Fall sogar so albern, dass sie einen bezirksweiten Bürgerentscheid angeschoben hatten, unter anderem mit der, mutmaßlich vorgeschobenen, Begründung, die Umbenennung sei zu teuer. Sie war dann am Ende billiger, als der Entscheid selbst. Zu allem Überfluss hat die taz auch noch ein lustiges Kunstwerk an jenem Teil ihrer Fassade, der in Richtung Springer weist. Darin geht es unter anderem darum, dass der Chef der „Bild“ einen dysfunktionalen Penis haben könnte.

Aber eigentlich wollte ich was ganz anderes erzählen. Wenn man nämlich an der Kochstraße aussteigt und ein paar Meter die Friedrichstraße Richtung Kreuzberg runterläuft, findet man rechterhand, sehr unscheinbar, ein Speiselokal mit einem dieser modernen, immer irgendwie bemüht klingenden Namen, hier „Nobelhart & Schmutzig“, der in diesem Fall von einer Überschrift in dieser Zeitung hier abgeleitet zu sein scheint, was das ganze schonwieder irgendwie lustig macht. Dort waren wir die Tage essen.

kochstr_nobel_aussen

Der Abend war ein solcher Genuss, dass ich dem Lokal jeden beliebigen Namen verzeihen würde, selbst einen, der meine Mutter und meinetwegen auch den Rest meiner Familie in den Schmutz zieht (ich kann ja mal in der Dutschkestraße nachfragen, ob man dort Ideen hat). Der Begriff Speiselokal ist doppeldeutig zu verstehen. Einmal als Lokalität, in der gespeist werden kann, aber auch als Hinweis darauf, dass alle Speisen des umwerfenden, zehngängigen Menus (was anderes gibt’s nicht – ich finde das sehr angenehm) aus lokalen Produkten zubereitet werden. Das geht so weit, dass nicht mit Pfeffer und Zitrone gewürzt wird, weil das halt nicht hier wächst, und einer der Köche sich genötigt fühlte, zu rechtfertigen, warum der Fisch von der Müritz und nicht aus Berlin kommt. Er wird direkt nach dem Fang per Kurier geschickt und ist noch in Totenstarre, wenn er im Lokal ankommt. Ich finde das schrecklich beeindruckend.

kochstr_nobel_blutwurst

Ich bin Kölner und liebe Blutwurst. Ein Problem bei Blutwurst ist, dass sie oft viel zu stark gewürzt ist. Der Koch, der für die Blutwurst verantwortlich war, hat sie deshalb einfach mal von einem Metzger herstellen lassen, der sonst keine Blutwurst herstellt und sie so pur belassen, wie es nur irgend möglich war. Es war die beste Blutwurst meines Lebens – was ich, vor lauter Verzückung, derart laut gesagt hatte, dass sofort eine Köchin mit dem Blutwursttopf bei mir auftauchte und mir einen ordentlichen Nachschlag auf den Teller gab. Hätte ich die Ehe nicht schon anderweitig versprochen, wäre das ein hinreichender Anlass gewesen. Ich habe etwas gegessen, das Luftzwiebel heisst und nur für ungefähr zwei Wochen im Jahr erhältlich sein soll, einen geviertelten Salatkopf, in den Lammsoße eingesickert war und zum Nachtisch gab’s erst Sauerampfer und Dillblüten in einer Mischung aus Traubenkernöl und Chicoréewurzel-Schnaps und dann grünen Hafer mit Rhabarber und Thymian. Vom Schweinenacken mit Holunderblüten fange ich jetzt gar nicht erst an.

kochstr_nobel_innen

Man sitzt im Grunde in der Küche. Um sie herum ist ein großzüger, U-Förmiger Tresen gebaut, mit Platz für etwa 30 Personen, locker einen Meter tief, so dass der Großteil der Gäste auf gemütlichen Barhockern (Gemütliche Barhocker! Das muss man erstmal hinkriegen!) sitzt und dem Personal beim entspannten und konzentrierten Arbeiten zusieht. Für größere Gruppen steht im Raum auch eine üppige Tafel. Die Küche fängt um 13.00 Uhr zu arbeiten an, so dass abends nur noch fertig gegart und angerichtet werden muss. Die gesamte Einrichtung ist sehr modern, dabei aber warm und gemütlich und ich habe mich vom ersten Moment an willkommen gefühlt. Die Musik kommt von echten Schallplatten und die Karte fordert einen auf, das Telefon einfach mal in der Tasche zu lassen und Erinnerungen anstelle von Fotos mit nachhause zu nehmen. Außerdem scheint die ganze Geschichte nur auf einen Durchlauf pro Platz pro Abend kalkuliert zu sein, so dass keine Hektik ausbricht, die einen dazu animieren soll, den Platz für den nächsten Schwall Gäste zu räumen. Wir sind jedenfalls so lange sitzen geblieben, bis die Geräte geputzt, das Arbeitslicht aus und die Köche in Straßenkleidung waren, und haben uns mit tollen Getränken vollaufen lassen. Der Betreiber des Ladens ist nämlich der Sommelier Billy Wagner, der dafür gesorgt hat, dass ich die beste Getränkebegleitung bekommen habe, die ich je hatte. Und zwar inklusive passender Biere. Mein Kater am Sonntag dürfte ungefähr so groß gewesen sein, wie meine Begeisterung für die gesamte Inszenierung des Abends. Der Kater ist glücklicherweise weg und die Begeisterung immer noch ungebrochen. Ich will da unbedingt wieder hin – aber ich warte mal noch ein wenig, weil die Karte sehr volatil ist, denn was zubereitet wird, hängt halt davon ab, was gerade in der Gegend zu bekommen ist. Außerdem kann ich mir sowas nicht so oft leisten, obwohl ich den Abend jetzt nicht sonderlich teuer fand.

Übrigens war ich in Begleitung eines alten Freundes dort, der den Abend in seinem Blog auch nochmal etwas ausführlicher und blumiger zusammenfasst.

Und außerdem: Restaurant… Koch… Kochstraße… verstehste?! Hihihi…

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12 Lesermeinungen

  1. Danke für den Laune machenden Tipp
    Ich stolperte allerdings über die Stelle „… das Redaktionsgebäude der taz ist genauso in der Kochstraße, wie der Axel-Springer-Verlag. Dessen Stück der Kochstraße ist allerdings vor ein paar Jahren umbenannt worden in Rudi-Dutschke-Straße.“

    Das hört sich ja so an, als läge der Axel-Springer-Verlag an der Rudi-Dutschke-Str., die taz aber an der Kochstr.

    Tatsächlich ist es so, dass die Adresse der taz „Rudi-Dutschke-Str.“ lautet und die des Springer-Verlags „Axel-Springer-Str.“ Wahr ist aber, dass die Rudi-Dutschke-Str. auch am Springer-Verlag vorbeiführt, nur eben nicht am Adressegebenden Haupteingang.

    Und weil ich gerade beim Korinthenkacken bin: Sie waren am Nordkap in der Gemeinde Norkapp. Wollten Sie wirklich die Gemeinde verlinken?

  2. Kein Wunder
    bei diesem Genussrausch! Ich kann mich übrigens nicht daran erinnern, jemals einen emphatischere Restaurant-Bericht gelesen zu haben.

  3. Burger am Nordkapp
    Der erste Absatz liest sich so, als begäben Sie sich immer dann ans Nordkapp, um einen Burger zu essen 🙂

    • Am Nordkap war ich erst einmal. Witzigerweise haben wir auf dem Weg dorthin auch einen Burger gegessen. Allerdings an einer erweiterten Frittenbude. Zwei Cheeseburger mit Fritten und jeder eine Cola: 30,- Euro. Und dann waren es auch wirklich nur so fiese Frittenbuden-Burger 😀

  4. Titel eingeben
    Nee, dieser Teller fast leer mit dem schicken Klacks Soße, das ist nicht mein Ding. ist sowas tatsächlich noch Mode?
    Bin eher Fan einer guten Küche (ohne jedes alberne Getue), z.B. der von Vincent Klink.
    Aber immerhin: der Teller ist nicht viereckig und auch nicht schwarz. Ist doch schon ein Anfang.

    • Bei zehn Gängen sind so leere Teller eine gar nicht mal so schlechte Idee. Würde ich nur ein oder zwei Gänge essen, würde mich die Leere allerdings auch enttäuschen 😉

  5. Titel eingeben
    Nee, ick vastehe nich!
    Möchten Sie sich nicht etwas mehr Mühe geben, den Namen der Kochstraße herzuleiten?

    Mit fielen Grüßen,
    Bernard del Monaco

  6. Die Welt ist Klein
    Mein Burger Tipp für den nächsten Hamburgbesuch: Der Food Truck „F-Burger“! Da gibt es ein traditionelles Patty Melt Sandwich. Etwas Zeit mitbringen (on demand) und den freundlich-enthusiastischen Ami hinterm Grill einfach erzählen lassen.

  7. Mein Fazit ist ähnlich begeistert
    Vielen Dank für den Bericht! Nach meinem Besuch dort war ich ähnlich begeistert. Was Billy Wagner hier für Getränke auffährt ist ganz großes Kino und paßt kongenial zur „brutal“ lokalen Küche. Ganz zu schweigen von der unprätentiösen Atmosphäre. Solche Restaurants brauchen wir mehr…
    Falls es jemanden interessiert, bei mir im Blog (foodflaneur) gibts meine Eindrücke.
    Schönen Gruß
    Thomas

  8. !
    Ab wann wird’s die wunderbaren Berlin ABC Blogs auch to go geben, zwischen zwei Buchdeckeln? Oder sollte dem bereits so sein?

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