Berlin ABC

Berlin ABC

Wir fahren durch die Hauptstadt

Kinderbeine – kurz und knapp

| 13 Lesermeinungen

Große Leute in S-Bahnen sind oft genervt von kleinen Leuten, die ihnen gegenüber sitzen. Diese kleinen Leute kriegen es nämlich voll oft nicht gebacken, den großen Leuten nicht gegen deren Schienbeine zu treten. Warum? Sind die eigentlich doof? – Ja! Und Schuld sind die Eltern. Diese Mütter, die ihre Söhne verhätscheln und die Töchter zu kleinen Divas erziehen, die sind am schuldesten! So empfand es zumindest wohl ein junger Mann, der neulich einem kleinen Mädchen gegenüber saß, welches mit dem Fuß immer wieder gegen sein Schienbein kam. Die Mutter sah das und versuchte, das Kind darauf hinzuweisen. Und das war so:

Mutter: Passt du bitte auf, dass du den Mann nicht trittst.

Mann: Echt mal! Es ist unglaublich! Pass gefälligst auf, ey! Das gibt es doch gar nicht!

Die Mutter nahm daraufhin das Kind auf den Schoß. Dieses war jetzt ziemlich eingeschüchtert. Die Beine wurden von der Mutter so gelegt, dass sie weder den Mann, noch mich (ich saß neben dem Mann, kannte ihn aber nicht) treffen konnten und sie hielt die Beine fest. Als der Mann ausstieg musste er noch einmal einen verächtlichen Blick in Richtung Mutter und Kind werfen, ein „Pfff“ loswerden und dann waren alle erleichtert. Ich setzte mich an die Stelle des Mannes und sagte zu dem Kind, dass es ruhig wieder dort sitzen könne, ich sei nicht so. Aber es wollte nicht mehr.

###© Katrin Rönicke 

Solche Situationen dürften viele Eltern kennen und ich finde, es wird Zeit, einmal zu erklären, warum Kinder einem so oft gegen das Schienbein treten, wenn sie einem gegenüber sitzen. Sie machen das nämlich nicht, weil sie fiese, gemeine und hinterhältige Bösewichte sind. Sie machen das, weil sie einerseits manchmal Schwierigkeiten haben, lange still zu sitzen und andererseits, weil ihre Beine so kurz sind. Die Beine sind so kurz, dass sie ihre Knie nicht beugen können, wenn sie sich ganz hinten anlehnen. Ich habe das einmal versucht aufzumalen, bitte nicht lachen, es geht nur um das grundlegende Verständnis:

### 
### 

Und weil sie ihre Knie nicht beugen können, gerät der Fuß leicht nach oben und so nimmt das Kind, das eigentlich kürzere Beine hat als ein Erwachsener, mehr Raum mit diesem kurzen Bein ein, also nicht nur bis zur Mittellinie zwischen zwei Sitzen. Und wenn sie dann noch etwas zappelig werden, dann ist es eben leider schnell passiert. Und das merken sie meistens nicht einmal. Deswegen ist es unsere Sysiphos-Aufgabe, immer wieder darauf hinzuweisen. Das ist okay – aber es muss nicht sein, dass gleich so geblafft wird, wie der Mann es tat.

Wenn die Oberschenkel der Kinder schon etwas länger sind, wird das Problem übrigens nicht unbedingt sofort verschwinden, im Gegenteil! Denn wenn das Knie gerade so gebeugt werden kann, heißt das noch lange nicht, dass die Füße auf den Boden kommen. Meistens eher nicht. Und da kommt nun etwas ganz Allzumenschliches an die Oberfläche – das habe ich nämlich auch schon sehr oft bei Erwachsenen beobachtet, die brauchen gar nicht so tun, als hätten sie das vollkommen unter Kontrolle! – Wenn man irgendwo sitzt und die Füße berühren den Boden nicht, auf einer Stange, auf einem Steg oder auf einem Tisch, dann baumelt man automatisch und völlig unbewusst mit den Beinen! Wirklich! Ich würde behaupten, dass dies mindestens 80 Prozent aller Menschen betreffen muss!

Also: Kinder sind kleine Monster – keine Frage. Aber manchmal wünschte ich mir etwas mehr Empathie von den großen Leuten, etwas mehr Verständnis und weniger Geblaffe.

4

13 Lesermeinungen

  1. Stimmt!
    Japp, so isset. Guter Beitrag. Und sehr gute Zeichnung! Wir bräuchten mehr davon (von solchen Beiträgen, Zeichnungen – und Kindern).

  2. Titel eingeben
    Natürlich könnten die Eltern den Kindern auch beibringen, sich gerade hinzusetzen anstatt sich anzulehnen. Das ist sowohl für die Rückenmuskulatur als auch für das weitere Leben des Kindes recht nützlich!
    Die Zeichnungen gefallen mir auch gut!

    • ja. es ist bis zu einem bestimmten Alter aber nur bedingt erfolgsversprechend. nicht umsonst ist Kindern unter drei Jahren ja vieles verboten – sie kriegen einfach vieles nicht unter Kontrolle. das ist keine Bösartigkeit, sondern echtes Unvermögen. und sitzen ohne Füße auf den Boden und ohne anlehnen soll gesund sein? – die Rückenbroschüre bei mir auf der Arbeit rät explizit zum Anlehnen. also da müsste man nochmal nachhaken, glaube ich

    • es ist sogar gut, wenn sie den Rucksack aufbehalten. dann können sie sich anlehnen UND die Knie beugen – trotz zu kurzer Oberschenkel! 🙂

    • Bitte mal vormachen
      Das möchte ich mal sehen, wie ein erwachsener Don ohne Bodenkontakt und ohne sich mit dem Rücken anzulehnen in einer fahrenden Bahn sitzt, ohne sich und anderen weh zu tun.

    • kenn ich
      „das ist keine Bösartigkeit, sondern echtes Unvermögen.“
      Fein bemerkt.
      Die lernen nämlich noch. Kinder schauen, fragen, probieren aus, alles um zu lernen. So soll es sein. Sollte.
      Denn dann sieht man oft die Mutter dazu, die all dies dem Kind verbietet: Frag nicht! Fass das nicht an! Lass das sein! …usw.
      Ja, Mütter. (Es sei denn, die quatschen gerade innigst mit ihrer Freundin und sehen gar nicht, was ihr Kind da gerade sieht, anfasst, entdeckt und lernt. Es ist also noch Hoffnung).

  3. PS
    Und natürlich auch dem Nachwuchs lehren, die Rucksäcke im Zug abzunehmen.

  4. Titel eingeben
    Kinderphobiker interessieren sich nicht für Erklärungen.

  5. Früher,
    zu den guten Zeiten der Deutschen Bundesbahn, waren in D-Zug-Sechserabteilen unter den Sitzbänken in der Regel jeweils zwei Fußbänke. Sie hatten vier Beine aus Stahlrohr. Seine Füße stellte man auf eine mehrfach gerippte Hartgummileiste, in die das DB-Zeichen (Damals sagte man noch nicht ‚Logo‘) eingeprägt war. Diese Fußbänke lösten zumindest das zweite Problem.
    Als Kind fand ich diese Fußbänke beeindruckend monofuktional. Sie waren eben keine Schemel, auf die sich ein Kind notfalls auch hätte setzen können. Vor allem aber beeindruckte mich mein Vater, der diese Fußbänke bei Zugreisen immer wieder unter den Sitzbänken hervorzauberte. Ich glaube, er gehörte schon damals zu einer krassen Minderheit – oder soll ich sagen: Elite? -, die über dieses Wissen verfügte.

  6. to go
    Wann wird das wirklich wunderbare Berlin ABC auch to go erhältlich sein, zum Mitnehmen / Behalten / Verschenken, also zwischen Buchdeckeln?

  7. Danke um so mehr
    für Ihre liebevolle Erklärung, Frau Roenicke.
    Und wie Sie das mit FAZ-Lesern aushalten, dafür verdienen Sie eine Aushaltemedaille.

  8. Schienbeintreter vereinigt Euch!
    Denn das ist ein echtes Problem.
    Was lernt uns das? Eine Partei, oder doch wenigstens eine Mütterbewegung muss her, damit im Europäischen Parlament das Recht auf wachstumsorientierte gleitende Kindersitze in allen öffentlichen Verkehrsmitteln eingefordert wird.

    Mit fielen Grüßen,

    Bernard del Monaco

Kommentare sind deaktiviert.