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Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Die Sonnenallee ist mir ein böhmisches Dorf

| 9 Lesermeinungen

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Ich wollte zum Frisör und wie so oft, wenn ich nach Neukölln will, nahm ich die Ringbahn und stieg an der Sonnenallee aus, um in einen Bus zu steigen, der mir mein Ziel näher bringt. Oder mich dem Ziel. Das ist die Sonnenallee, wie ich sie kenne: Ein Umsteigebahnhof, an dessen Bushaltestelle sehr bunt gemischtes Fußvolk steht, das woanders hin will.

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Dieses Mal beschließe ich, den anderen Ausgang zu nehmen, den ich noch nicht kenne. Ich lande auf einem wunderschönen, mit roten Rosen geschmückten Bahnhofsvorplatz. Es könnte ein Bahnhofsvorplatz in der Kurstadt Bad Mergentheim sein. Da steht ein Schild: „Böhmisches Dorf 800m“ zeigt es an. Und weil irgendjemand aus meiner näheren Verwandtschaft gerne den Spruch sagte: „Das sind alles böhmische Dörfer für mich“, beschließe ich, für diesen jemand einmal nachzugucken und das Rätsel ein für alle Mal zu lüften. Es ist ein bisschen wie auf einer Schnitzeljagd, ich verlasse mich auf die Anzeigen auf den sporadisch wiederkehrenden Schildern und halte auf dem Weg nach diesen aufmerksam Ausschau. Bloß keine Abbiegung verpassen!

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Ich passiere den Laden „Geschwisternothaft“, der in den Farben gelb und pink gehalten ist. Man bekommt „Frozen Strawberry Shakes“ und „vegane Sandwiches“. Man kann aber auf sein veganes Sandwich auch eine Pute legen. Na wie man eben will. Jeder nach seiner Façon. Ich treffe ein lustiges Lastenfahrrad, könnte Hausmeister Paschulke gehören. Das „Hauser – Dramatische Republik“ kommt geheimnisvoll daher. Sicher irgendwas mit Kunst. Die Teupitzer Klause hingegen wirkt bodenständig. Ich muss an ein Interview denken, das ich einmal las. Gesprächspartner war ein älterer Berliner Herr, den der Reporter in so einer Klause irgendwo in Neukölln aufgetan hatte. Der Herr wurde zu den Veränderungen im Kiez befragt, woraufhin er nur sagte: „Die ham heute janz andere Interessen und Pläne. Dit is nich meine Welt“. Ich glaube mich zu erinnern, dass der Reporter über Kulturkampf reden und der Herr nur sein Bier trinken wollte und dass deswegen das Gespräch irgendwie konstruiert war und ins Leere führte.

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Was ich auch nicht sagen kann, ist was ein „bauchhund“ sein soll. Also mir kommen da durchaus Assoziationen. Vielleicht etwas mit Bassets, den Hängebauchschweinen unter den Hunden. Ein bisschen weiter die „Samtpfoten Neukölln“. Es gibt auf jeden Fall viel zu gucken auf dem Weg in mein Böhmisches Dorf und die Gegend ist mir durchaus sympathisch.

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Eine alte Gravierwerkstatt hat leider geschlossen. Sie wäre der Anziehungspunkt für meine Kinder gewesen, die lieben solche Läden. Direkt neben der Schule meines Sohnes ist einer, viel neuer und weniger urig, das Personal ist unmotiviert und die Einrichtung kann ich nur seltsam nennen, jedenfalls könnten die Kinder jeden Tag dort rein schauen und durch Trophäen und Medaillen stöbern. Hier habe ich ihre Tapferkeitsmedaillen besorgt, jedes Kind hat eine bekommen. Denn sie sind Trennungskinder und wechseln jede Woche von einem Elternteil zum anderen, sie haben sich das verdient. Neben der alten Gravierwerkstatt ist eine Schuhmacherei und ich denke an die Kollegin, die neulich fragte, ob es sowas überhaupt noch gäbe, wo doch heute alle ihre Schuhe einfach wegschmissen, wenn diese nicht mehr 100%ig schön seien.

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Die Bar „Rotbart“ hat noch zu. Sie soll sehr super sein. Aber das kann ich nicht bewerten. Wir müssen bis zum Berlin ABC-Nightlife-Special warten. Da könnten wir mal schauen, was für Bars es so in Berlin überhaupt gibt.

Zwei Trödelläden noch und dann kommt ein schöner grüner Platz und ich erkenne, dass ich beinahe angekommen sein muss: Den Platz überquert man und lässt die letzten vierstöckigen Altbauten hinter sich, in dem einen ist ein Café namens „Zuckerbaby“ drin und in dem anderen eine „Theaterschule für jedermann“ und dann wird alles anders. Ich stehe in einem Dorf. In Rixdorf.

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Ich mach jetzt mal den Holger und schwärme: Was würde ich gerne hier wohnen! Es ist ruhig. Es ist sauber. Es ist grün und mitten in der großen Stadt einen Ort zu finden, an dem so kleine Häuslein stehen, das ist wundervoll! Die Leute radeln die Straßen entlang, zwar säumen Autos diese, aber es fährt keines. Ein paar Schritte weiter entdecke ich den Eingang zu einem grünen Gelände. Es ist ein Garten und hier werden von allen möglichen Menschen Kräuter angebaut, weswegen man nur auf dem Weg entlanggehen darf. Es gibt Sitzbänke zum Verweilen und jede Menge Schilder, die – wie auch im Späth-Arboretum – erklären, was hier wächst. Es ist ein Schulgarten, ein Ort der Erholung und eine Kräuterwiese in einem, es ist der Comenius-Garten, der von den Menschen, die drumherum wohnen, bewirtschaftet wird. Und er ist wunderbar in Schuss. Es geht: Wenn Leute zusammen ein Gut hegen und pflegen, wenn sie sich Regeln geben und achtsam sind, dann erwächst daraus Gutes. Und so findet sich in diesem Garten kein Hundehaufen, die Pflanzen stehen unversehrt da und an allen Ecken kann man ein Projekt oder etwas Lehrreiches entdecken. MITTEN IN BERLIN.

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Wie gesagt: hier ist es schön. Gerne würde ich bleiben und die Kinder nachholen. Aber ich muss weiter. An den Neukölln-Arcaden vorbei, die Fuldastraße hoch und rein zum Frisör. Übrigens der Beste, den ich in dieser Stadt je hatte. Neukölln ist hier wieder dreckig, laut und wirr. Aber der Comenius-Garten im Böhmischen Dorf bleibt in meinem Herzen und wenn ich in Zukunft sage: „Es ist mir ein böhmisches Dorf“, dann wird das einfach umgedeutet: Auf kleine, unberührte Wunder inmitten von Lärm und Wirrnis.

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9 Lesermeinungen

  1. Ähh, räusper, Sie können gut schrieben, man liest Sie gerne. Kein Wunder, dass die FAZ
    Sie aussuchte. Und sind wunderbare Miniaturen, fast schon raodmovies gleich, führen gefühlt in so spiralförmigen Bewgungen und mit wachsender Sicherheit und immer größerer, reifer Neugier immer weiter weg von häuslich-gewohnten Lebensmittelpunkt?

    Sehr symphatisch, bald mehr noch, als andere, welche auch vollkommen wahrheitsgemäß konstatierten „Es sagt mir überhaupt nichts, das sogenannte Draußen“. Auch ein Schicksal und eine angeborne Klugheit.

    Und mal sehen, wieviele noch kommen werden, die spontan zu Youtube schalteten und „Rixdorf“ mit „Musike“ verbänden.

    Und die Berliner Kleinbürgeridylle war immer so, liebenswert, geruhsam, klug, also sozial intelligent und Idylle. Und gerade darum für manche endlich auch der Typus des Blockwarts in bedrängten Zeiten nicht fern. Was eine eher hermetische Form sozialer Intelligenz dann gewesen wäre?

    Viel Spaß beim immer weiteren Entdecken!

  2. Böhmische Dörfer
    Mehrmals im Jahr komme ich durch richtige böhmische Dörfer. Da hat sich viel getan in den letzten 20 Jahren. Ich kann das nur empfehlen.

  3. Lankwitz
    Schuhmacher?
    Vor 10? 15? 20? Jahren war mal in der ZEIT (?) ein Artikel über Schuhmacher in Berlin, mit Interview. Damals gab es noch 60 (sechzig) Schuhmacher, stand da. Ich sprach über den Artikel damals auch mit „meinem“ Schuhmacher, in der kleinen Straße zwischen Post und (ehemals:) Woolworth nähe Lankwitz-Kirche. Ja, er bestätigte das: Die Leute kaufen nur noch Wegwerfware. Brauch‘ ich Schnürsenkel oder Schuhcreme (oder Lederfett), geh‘ ich natürlich zu ihm und nicht in einen Ein-Euro-Laden.

  4. Vielen Dank für Ihre Schwärmerei
    Jede Ihrer Zeilen ist ein Schlag in die Fratze des Klischees vom ach so schröcklichen Neukölln, jedes ihrer Bilder ein Tritt in seine Magengrube!

    Was mich an der brandenburg-preußischen Einwanderungspolitik immer so fasziniert: Dieses Vorgehen, jeder verfolgten religiösen Minderheit ein eigenes Dorf zuzuweisen, wo sie schön unter sich bleiben, weiterhin ihre mitgebrachte Sprache sprechen und in ihrer eigenen Kirche den Gottesdienst ganz nach ihrer ureigensten Facon feiern – Böhmisch-Rixdorf ist ja nur eines von etlichen derartigen Kolonistendörfern auf dem heutigen Stadtgebiet – dieses Vorgehen verstößt ja gegen alle heute empfohlenen Leitlinien der Integrationspolitik (Bloß keine Ghettobildung!). Und trotzdem hat die Integration anscheinend wunderbar funktioniert!

    • ja – ich habe hier schon zwei deutlich fremdenfeindliche Kommentare in den Abfall wandern lassen. anscheinend tritt bei der bloßen Erwähnung von „Neukölln“ in manchen Köpfen ein Automatikprogramm auf den Plan…
      ich mag Neukölln auch jenseits von Rixdorf gern. einige Freunde wohnen dort und sehen wir einmal von Silvester ab (da wird es dort glaube ich schon zwei Wochen vorher etwas ungemütlich), genießen eigentlich alle das bunte Treiben und man kommt ganz prima miteinander klar. in der Paralellgesellschaft lebt es sich also recht gut, denke ich. wenn man eben nicht völlig vernagelt ist und offen für Menschen und deren Kultur.

  5. Tourist
    Ich kenne Berlin nur als Tourist, aber immer wenn ich Deine Artikel lese, möchte ich mich ins Auto setzen und sofort nach Berlin fahren. Das sind wirklich tolle Artikel, danke dafür.

    Und gerade mich als Touri interessiert auch, was Ihr (Holgi und Du) zu den üblichen Touriplätzen zu sagen hättet, aus der Sichtweise eines Einheimischen.

    Gruß
    Karl

    • Ich gebe zu, dass ich die Touri-Brennpunkte aktiv meide 😉

    • An manchen Orte,
      An manchen Orte, die hier beschrieben sind, frage ich mich, warum sich hier eigentlich nicht kundige Besucher aus aller Welt drängeln (um einmal das negativ konnotierte ‚Touri‘ zu vermeiden). Zum Beispiel in der Hufeisensiedlung Britz (siehe Parchimer Allee). Selbst das Label UNESCO-Weltkulturerbe zieht kaum jemanden dorthin.

  6. neue Heimat
    Also – mir tun ihre ABC-Berichte über bemerkenswerte
    und auch seltsame Plätze in den (Rand-)Bezirken gut;
    Ich kenne die meisten vom herumradeln.

    Einst aus Bayern ‚eingewandert‘ stelle ich fest,
    mein latentes Heimweh ist mir irgendwie abhanden gekommen!
    Bin nun tatsächlich hier zuhause! Unglaublich! 🙂

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