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Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Lecker Leber (Brücke, Julius)

| 8 Lesermeinungen

Wenn man beispielsweise vom Ring aus zum Kino am Potsdamer Platz will (was sollte man dort auch sonst wollen?!) steigt man in Schöneberg in die S1 und die fährt dann über den Bahnhof Julius-Leber-Brücke, der unter der gleichnamigen Brücke liegt, über die man fährt, wenn man über die Kolonnenstraße zwischen Schöneberg und Tempelhof oder Kreuzberg fährt, was ich vor gut einem Jahrzehnt recht häufig gemacht habe, weil nämlich meine damalige Freundin am Ende der Czeminskistraße gewohnt hat und ich es damals kategorisch abgelehnt habe, den versifften Berliner ÖPNV zu nutzen, worüber ich heute immer ein wenig lachen muss, denn der Siff in U- und SBahn ist ein Witz im Vergleich mit der zwangsläufigen Interaktion mit Berliner Autofahrern, von denen ich auch mal einer war und denen ich als Radler immer noch irgendwie ausgesetzt bin, so dass ich mir hier gerade auch irgendwie selbst ans Bein pinkle, worum es aber auch eigentlich gar nicht gehen soll.

leber_gasometer

Alles, was ich mit der Julius-Leber-Brücke verbinde, ist ein Defekt in meinem Hirn, der mich jedes Mal, wenn ich über diese Station fahre, denken lässt: „mmh… lecker Leber…“, denn ich esse für mein Leben gern Dinge, die mein alter Freund Don Alphonso mindestens genauso gern als „Schlachtabfälle“ bezeichnet.

So bin ich also zum ersten Mal in meinem Leben dort ausgestiegen, wohl wissend, dass es sich bei dieser Gegend um eine äußerst räudige handelt, denn schließlich habe ich das damals aus meinem Mercedes heraus tagtäglich sehen können, weigere mich wie alle anderen auch, meine Vorurteile gelegentlich zu überprüfen und habe mich schon diebisch darauf gefreut, einen Eimer feuchte Häme über die Brücke gießen zu können.

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Dummerweise ist die Gegend um die Brücke herum nur oberflächlich räudig – und nichtmal das ist sie so richtig. Längst ist die Gentrifizierungskarawane hier durchgeritten und hat die üblichen Cafés und Läden hinterlassen, die immer irgendwie ganz fancy aussehen, aber Öffnungszeiten haben, wie in der Provinz. Der Schwabe kennt es halt nicht anders. Es gibt außerdem ein kleines Programmkino, immerhin das, laut Eigenauskunft, zweitälteste noch in Betrieb befindliche der Stadt, und wenn man hundert Meter in die Siedlung hineinspaziert, gelangt man an einen gemütlichen Biergarten. Das Bürgerbüro der CDU teilt sich – vorbildlich klischeegerecht – ein Büro mit einem Versicherungsverkäufer und gleichsam als Hommage an die gute, alte Zeit, finden wir auf der Kolonnenstraße einen dieser Elektroläden mit irritierender Auslage im Schaufenster.

Leber_Auslage

Neben Schlachtabfällen esse ich gerne Süßes, bevorzugt Kuchen und Torte. Darum bin ich einfach mal in einen dieser feschen Läden (nicht alle hatten zu) reingegangen, um zu sehen, was es denn dort gäbe.

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Es war schrecklich! Die Kuchenauswahl war so groß und interessant, dass ich mehrere Minuten brauchte, um eine Entscheidung zu treffen, die ich dann auch noch erweiterten musste. Ich habe ein Stück „Schwedentorte“ bestellt, von der ich jetzt dummerweise gar nicht erzählen kann, woraus sie im einzelnen besteht, irgendwas mit Äpfeln, aber Sie dürfen mir glauben, dass sie entsetzlich gut geschmeckt hat. Auf dem Teller war noch ein wenig Platz, den ich mit einem Rugelach, einem Gebäck jüdischer Herkunft, gefüllt habe. Auch das war ziemlich lecker und buttrig. Butter ist gut!

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Ich finde es immer ein wenig albern, Kuchen essen zu gehen und dann nach einem Stück aufzuhören. Meine küchenphilosophische Begründung geht so: Wenn das erste Stück lecker war, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass auch die anderen Kuchen und Torten lecker sind. Aber wie kann ich wissen, dass es wirklich so ist, wenn ich nicht mindestens ein zweites Stück von einem anderen Kuchen probiert habe? Gar nicht! Einmal ist Zufall, zweimal ist ein Trend, also bin ich nochmal vor zur Theke und habe zur lautstark geäußerten Verblüffung des Personals („Was?!? Noch eins? Echtjetz?“) ein weiteres Stück bestellt. Diesmal gab es Schoko-Guiness-Kuchen.

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Ja, Guiness! Wie dieses, in Deutschland eher langweilige, obergärige Schwarzbier der Sorte Stout, das in mancher Kneipe serviert wird, die sich einen irischen Anstrich zu geben versucht. Ich trinke es nicht gern. Aber jetzt weiß ich, in welcher Form ich es in Zukunft konsumieren werde. Der Kuchen war nämlich ein unglaublicher Wahnsinn an Geschmacksintensität und Üppigkeit. Vor allem Üppigkeit.  Viel Üppigkeit. Überüppigkeit sozusagen. Als ich mit dem Essen fertig war, hatte ich jedenfalls leichte Schwierigkeiten mit der Atmung, die durch hinreichend Kaffee aber schnell wieder abgebaut wurden. Sobald ich kann, mache ich das nochmal. Dann werde ich aber ein Bier dazu trinken. Ernsthaft! Ich habe noch nie zuvor einen Kuchen gegessen, bei dem ich davon überzeugt war, dass Bier das einzig angemessene Begleitgetränk ist. „Linds“ heisst der Laden – und ich bin mit dem Fahrrad in zehn Minuten dort, muss für geilen Kuchen also nichtmal fonsen* gehen.

 

*Fonsen, das (Verb, nach DonAlphonso): Aufwand treiben, der Außenstehenden ungerechtfertigt hoch erscheint, um Ziele zu erreichen, die Außenstehenden gering erscheinen. (Beispiel: Nur für einen Apfelstrudel vom bayerischen Oberland aus die Alpen nach Südtirol überqueren)

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8 Lesermeinungen

  1. Heimat
    Schnief,

    ich hatte ja schon gehofft, dass irgendwann auch mal meine Heimat hier im Blog erwähnt wird. Auch wenn sie sich in den letzten Jahren erheblich gewandelt hat.
    Das erwähnte Kino kenne ich noch aus meiner Kindheit, da hab ich damals mit einem Freund „Goofy der Film“ oder so geschaut.

  2. Wie soll man sagen ohne die lecker Kuchenbilder und
    Plastehauben anzugriefen – ein Don Alphons, unser „Großfürst vom Tegernsee“, hat keine Freunde? Sicher nicht – höchstens alte Bilder? Und alt wären im Grunde auch die nicht? Und ein Kaffee für die Atmung? Netter Einfall, wir werden es uns merken.

    Immerhin ein Niederschlag unalltäglicher Eindrücke – „der Konditor, der uns begleitete, war ebenfalls ortsansässig“ – das wären dann aber schon drei unterwegs. Und ok, Kleinfürste im Wartestande noch. Aber Kuchenmystik, erweitere Kuchenmystik gar ist immer wunderbar, Symbol alchimistischer Transsubstantion.

    Ja, der Konditorlehrling muß wißbegierig und furchtlos sein: Der zum Geschmackswissen Einlaß begehrende hat unter Schaudern seine Unerschrockenheit zu bewahren, Geschmack, ein Surrogat der Hierarchie, historische Veräußerung handwerklich-ehrsamen Strebens.

    Nicht umsonst lagen früher gleich östlich der genannten Brückenstation die berühmten preussischen Exerziergelände für Manneszucht – und gegen Kuchen?

    Kuc

  3. kdm@posteo.de
    Vielleicht auch erwähnenswert, dass es diesen S-Bahnhof seit Kriegsende und bis vor kurzem gar nicht gab. Aber das kann man ja bei Interesse bei Wiki alles nachlesen.
    .
    A propos Interaktion mir Berliner Autofahrern: Auch ich hab mein Auto seit zig Jahren abgeschafft und fahr‘ Rad. Und neben der Frage, wieso Autofahrer in engen Straßen alle links von der Straßenmitte fahren und entgegenkommende Radler gefährden, fällt mir – denn ich bin auch Flaneur – auch unangenehm auf: wieso halten sich 80% aller Radfahrer nicht mehr an die schlichten Regeln der Straßenverkehrsordnung? …und belästigen und behindern Fußgänger auf Gehwegen, die gar nicht für sie bestimmt sind? Nicht nur die nächste Generation nimmt das schon als quasi gottgegeben hin: so isses nun mal. Als nicht gerade Uniformen-Liebhaber wünsch ich mir manchmal wieder Schupos auf den Straßen. Denn sobald so einer in Sicht ist (& sei’s nur, dass da Tipps gegeben werden, wie man seine Tür einbruchsicher macht), fu

    • Dass es 80% sind, wage ich zu bestreiten. Ich fahre auf dem Gehweg, wenn das Fahren auf der Straße zu gefährlich oder aus anderen Gründen kaum möglich ist, insbesondere bei Kopfsteinpflaster ist das häufig der Fall. Ich fühle mich von Radlern auf dem Gehweg aber auch nicht belästigt oder gefährdet. Außer wenn sie rücksichtslos sind, was ich aber nur sehr selten beobachte. Ich fahre aber auch nicht allzuoft in Mitte oder Friedrichshain herum, wo ich sowas häufiger sehe.

      Witzig: Heute dachte ich noch, dass ich in letzter Zeit beunruhigend wenig Polizei auf der Straße sehe.

    • @ Jürgen Braun: Dass die Anwesenheit
      Dass die Anwesenheit von Polizisten die Radfahrer zu größerer Rechtstreue motiviert, habe ich in Berlin bislang kaum feststellen können. Wenn sich hier die Autos vor einer roten Ampel in einer engen Straße stauen und unter ihnen ist ein Streifenwagen, fahren alle Fahrradfahrer dennoch auf dem Bürgersteig vorbei. In München bräuchte man großes Glück, in einem solchen Fall mit einem gehörigen Anrauzer davonzukommen, ABZUSTEIGEN ABER EIN BISSCHEN PLÖTZLICH, SO GEHTS JA NICHT. Wenn man kein Glückskind ist, zahlt man ein Verwarnungsgeld. In Berlin habe ich (glücklicherweise) noch nie erlebt, dass dies einen Polizisten gestört hätte.

  4. Ich ziehe meinen imaginären Hut vor Ihnen
    Schwedentorte und Schoko-Guiness-Torte hintereinander wegzuessen erfordert viel Disziplin und einen große Magen. Ich als Stammgast von Linds kann das nur bestätigen.

  5. Lecker-Bier zum Lecker-Kuchen
    und das Beste, nicht nur der Kaffee sonder auch das Bier schmeckt bei denen (Potsdamer Stange). Die Kombination Kaffee und Kuchen hatte ich schon, Bier (als Getränk) und Kuchen bin ich gespannt.

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